Mittwoch, 29. Juni 2022
Kandlbauer, Christian

22 (1987–2010), österreichischer Mutprobler. Wie ich schon wiederholt angedeutet habe, geht mir der beliebte Glaube an »Willensfreiheit« seit langem ab. Mit den völlig undurchsichtigen Umständen unserer Geburt wählen wir nämlich auch unser Gehirn und unseren Willen nicht, sei er stark oder schwach oder elastisch wie ein Autoreifen. Auch die angeblichen »Spielräume«, die er uns gewährt, sind somit aufgezwungen. Wer diese Absage widerlegen kann, den möchte ich einmal sehen. Allerdings wäre sie in ihren praktischen Folgen recht problematisch, vielleicht sogar verhängnisvoll. Zunächst läuft sie ja offenkundig sowohl in moralischer wie in juristischer Hinsicht darauf hinaus, niemanden mehr wirklich zu verurteilen. Denn »er kann ja nichts dazu«. Ich glaube beinahe, einen solchen Verzicht könnte die Gesellschaft als Gewinn verbuchen. Gewiß muß sie sich vor Gewalttaten schützen – aber sie muß die sogenannten TäterInnen keineswegs strafen. Weder Verbote noch Strafen haben jemals die Welt verbessert, ganz im Gegenteil. Sperrt man in einem Dorf der anarchistisch verfaßten Mollowina randalierende Jugendliche in einen Weingutskeller, dann nur aus den erwähnten Schutzgründen. Solche Gesellschaften sind »trocken« – ohne Rachedurst. Zeigen die festgesetzten Jugendlichen keine Einsicht in ihre Verfehlung und verweigern auch jede Wiedergutmachung, kann man sie nur zum Teufel jagen. Schickt sie nach Deutschland.

In einer gespaltenen und »flächendeckend« verdummten Gesellschaft wäre mit meiner Absage an »Willensfreiheit« zahlreichen Bösewichten, Faulpelzen und Windbeuteln in der Tat ein Freibrief ausgestellt. Sie könnten sich bei allen Schandtaten oder auch nur Fahrlässigkeiten darauf zurückziehen, sie seien lediglich ihrem Naturell gefolgt. Ich beschränke mich jetzt auf die Fahrlässigkeit. Kfz-Mechaniker-Lehrling Kandlbauer aus der Steiermark fühlte sich 2005 zu einer »Mutprobe« gedrängt, erklomm einen Strommasten und verbrannte sich in luftiger Höhe beide Arme. In der Folge versah ihn die Gesundheits-industrie unter beträchtlichem volkswirtschaftlichem Aufwand mit zwei Armprothesen. Die eine Prothese war per Muskelkraft durch den Armstummel steuerbar, die andere wurde, über Nervenbahnen, unmittelbar von Kandlbauers Gehirn gesteuert. Der Passiv ist hier keineswegs unangebracht; schließlich hatte sich auch Kandlbauer schon sein Gehirn nicht ausgesucht. Er war bereits eine halbe Maschine gewesen – und jetzt war er fast eine ganze. Durch die Kunstarme konnte er als Lagerist arbeiten und sich auch einer anderen weltweit beliebten Prothese wieder bedienen, nämlich mit dem eigenen Auto zur Arbeit fahren. Nur glücklich war er offenbar nicht. 2010 fuhr sich der knapp 23jährige bei Leitersdorf (Bezirk Hartberg) mit seinem Subaro an einem Landstraßenbaum tot.* ZynikerInnen hielten Kandlbauers Gehirn den Verzicht darauf zugute, den Subaro in einen anderen Wagen oder in ein Benzinlager zu steuern. Oder hatte womöglich schon jemand oder etwas von außerhalb die Befehle gegeben?

Mit meiner Wende zur Technik dürfte sich die Ahnung erhärten, Verantwortungslosigkeit zeichne durchaus nicht anarchistische, vielmehr gerade kapitalistische Gesellschaften aus. Bekanntlich arbeitet unsere neuartige »Bewußtseinsindustrie« schon sehr zielstrebig und selbstverständlich auch sehr gewinnbringend an der Überwindung der berüchtigten »Schnittstelle« zwischen Mensch und Computer. Das Schlachtvieh in den USA wird längst geklont. In Berlin oder Frankfurt am Main dürften bereits Dutzende von Zweibeinern mit soundso vielen unsichtbaren, nämlich implantierten, sende- wie empfangsfähigen Geistesarbeiterwerkzeugen durch die Gegend laufen, von ihren Kunststoffkniescheiben und ihrer Spenderniere einmal abgesehen. Es wird bald schwierig werden, für einen lügenden oder amoklaufenden Bundestagsabgeordneten irgend jemanden haftbar zu machen. Jeder wird sich darauf zurückziehen können, er sei lediglich eine Marionette gewesen – aber niemand wird mehr sagen können, von dem und dem. Die Menschheit trägt zunächst Gott zu Grabe, hebt dann das Gehirn aufs Schild – und vollendet sich in der »vernetzten« Verantwortungslosigkeit.

* »Prothesen-Träger Kandlbauer: Alles deutet auf Selbstmord hin«, Standard (Wien), 13. Dezember 2010: https://www.derstandard.at/story/1291454997204/ermittlungen-eingestellt-prothesen-traeger-kandlbauer-alles-deutet-auf-selbstmord-hin
°
°