Mittwoch, 29. Juni 2022
Dömmersbach über Engels
aus Konräteslust, 2010


Der Saal war mäßig geheizt. Vorsichtshalber erbat er sich im Büro erneut die Spielerlaubnis. Natürlich bekam er sie. Er konzentrierte sich heute auf die Prokofiev-Sonate, die selbst für Virtuosen schwer zu spielen war. Als er seine Flöte putzte und wieder einpackte, zeigte die Wanduhr bereits halb neun.

Aber was hieß schon »schwer zu spielen«, sagte er sich auf dem Weg zum Walnußhaus. Das galt ja im Falle des Virtuosen nur, weil er die Sonate besonders gut, makellos, göttlich vorzutragen wünschte. Er hatte schon öfter gedacht, 90 Prozent der ZuhörerInnen einer CD würden gar nicht merken, wenn statt Dömmersbach ein Schüler von Dömmersbach in das Metallrohr mit den vielen Röhrchen und Klappen blies. Den Unterschied hörten nur die überzüchteten Ohren der maßgeblichen Musikkritiker-Innen, die dem Publikum dann die Bedeutung des Virtuosen einzubläuen hatten. Ja, es war im Grunde krankhaft. Es war viel sinnvoller, die Laienmusik zu fördern und selber noch anderes zu machen als nur Musik – beispielsweise ein Bügeleisen reparieren oder einen Zug fahren wie Gaston. Birgit konnte sogar schießen und ein Feuerwehrauto bedienen!

Aus irgendeinem Grund hatte er neulich wieder in Friedrich Engels Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates geblättert, das er mit manchen anderen kackroten und kotzblauen Bänden von seinem Vater geerbt hatte. Sie waren wirklich in diesen Farben gebunden! Aber jetzt ahnte er jenen Grund. Es ging um den Mythos vom Fortschritt, dem er als Flötist nicht anders aufsaß wie der Fabrikantensohn aus Wuppertal. Mochte Engels auch kühn am Staat rütteln: er sei nicht von Ewigkeit her; Dutzende Gesellschaften vor uns seien prima ohne ihn ausgekommen; sie hätten gar nicht gewußt, was das sein solle, ein Staat. Aber da mußte man durch. Für Engels war der Staat irgendwann notwendig geworden. Und erst auf wieder einer anderen »Stufe der Produktivkräfte« könne er wieder überflüssig werden – der Kinderglaube von Lenin. Das Denken von Nieder nach Höher zieht sich bei Engels durch jeden Absatz, einerlei, was er beleuchtet. Sein Stufen-Schematismus schmerzt geradezu. Mochten die Irokesen die herrlichste egalitäre Gentilverfassung gehabt haben – ihre Zentralisierung im Rahmen des Irokesenbundes war ein Fortschritt. Dieser Stufen-Schematismus ist natürlich in allen ideologischen Lagern sehr bequem, weil es sich immer gut anhört, wenn etwas »notwendig« oder »zielstrebig« oder »fortschritt-lich« ist. Damit läßt sich alles rechtfertigen. Nicht mehr Gott will die »Erhöhung der Produktivkraft« – der Fortschritt will es. »Wachstum« möchte der Fortschritt. Nicht etwa der Kinder und unserer Anlagen und unserer Einsichten, vielmehr der Profitrate. Und genau auf dieser wurde auch der Spitzenflötist emporgetragen. Sein Profit war der Jubel, der ihn umbrandete, einerlei, ob er ihn in klingende Münze verwandelte oder nicht.

→ Zum Fortschritt siehe auch Heft 3, bes. Präriegeschichten; Heft 8 Mahmud (konservativ); Heft 9 Keine Zeit, Heft 11 Weiße Rappen (Kunst)
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