Mittwoch, 29. Juni 2022
Tuchscheerer, Walter

38 (1929–67), DDR-Ökonom. Der Sohn eines KPD-Funktionärs in Oelsnitz, Sachsen, studiert zum Teil in Moskau, wird anschließend in einem Ostberliner Institut angestellt und leistet angeblich pionierhafte und wichtige Forschung zur Frühgeschichte der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie. Leider kann er sein Hauptwerk nicht vollenden, weil er bereits mit 38 stirbt, und zwar »nach kurzer Krankheit«, wie es bestenfalls hier und dort heißt. Das Werk wird aber, als Fragment, ein Jahr darauf, 1968, von seiner Ehefrau Gerda veröffentlicht, damit auch wirklich nichts umkommt.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an den professionellen Go-Spieler >Hon'inbō Shūsaku. Dort drückte ich bereits mein Erstaunen über die Tatsache aus, daß es auf diesem Planeten offenbar nichts gibt, das nicht in Berufung und Einkommen verwandelt werden könnte, sofern sich der Betreffende nur schlau genug anstellt. Jetzt sehe ich diese unzähligen WissenschaftlerInnenrücken, die sich über Tonnen an Büchern, Schnipsel und Notizen bücken, um die Welt mit Belanglosigkeiten oder jedenfalls ihrer persönlichen Variante der Variante der Variante zu beglücken. Biochemiker Erwin Chargaff verhöhnte bereits vor Jahrzehnten das unaufhaltsame Streben der Naturwissenschaften zur Spezialisierung, etwa um noch die Gliedmaßen eines Tausendfüßlers zu spalten und dadurch wieder 2.000 neue Arbeitsplätze und Doktoranden zu schaffen. Ähnlich grotesk geht es bekanntlich im Sport zu, wo kein Monat vergeht, in dem nicht eine neue »Disziplin« erfunden wird, die nur um Haaresbreite von der Mutterdisziplin abweicht. Aber was sage ich, es geht überall so zu, Sie können nehmen, was sie wollen. Das Stichwort »neu« verweist nebenbei auf die kapitalistische Warenproduktion, in die der Zwang zur »Innovation« geradeso eingebaut ist wie der Motor ins Auto und die Inflation ins Kreditwesen. Allerdings verweist es auch auf den gleichsam natürlichen Zug der Neugier, der wahrscheinlich schon in Neandertalhöhlen keimte. Mit den ersten Zeitungen wurde der Neuigkeitswahn daraus.

Vielleicht kommt uns die Gier nicht zufällig unter. Das Wesen des Menschen läßt sich ohne Zweifel unter etliche verschiedene Hüte packen – und einer davon heißt Vergeudungssucht. Der Mensch will nicht genügsam sein; er will nicht maßhalten – er will verschwenden. Da ist etwas Überquellendes in ihm, das sich an keinem Tier beobachten läßt. Er muß in einem fort opfern. Er opfert Zeit, seine Kinder, seine Gesundheit, sein Leben, um nur nicht auf der Stelle treten zu müssen. Niemals würde es einem Fuchs einfallen, einen Artikel über die Hutmode oder die Münchener Räterepublik zu verfassen, wo es doch schon viele tausend Artikel über die Hutmode und die Münchener Räterepublik gibt. Viele davon sind gut geschrieben, nur von einer geringfügig anderen Warte aus. Neu ist an ihnen nichts. Der Redakteur könnte einfach den Mutter-Artikel von 1922 ins Blatt rücken und das Honorar für den jüngsten Wichtigtuer einsparen. Aber dann bräche das Zeitungswesen oder das ganze Internet zusammen. Das will natürlich keiner.

Warum ist der Mensch so ungenügsam und rastlos? Warum opfert er so viel? Manche Autoren vermuten eine Quelle im Schuldbewußtsein des Menschen. Schließlich habe er sich durch irgendetwas die Vertreibung aus dem Paradies zugezogen, das bedrückt ihn, zumal er nicht weiß, durch was. Da ist sicherlich einiges daran. Es wäre mir freilich zu wenig, lediglich einen Gesichtspunkt anzubieten … Alain betont (in seinem Buch Die Götter) den Stolz des Menschen. Weit entfernt von Beschaulichkeit, handle es sich beim Stolz um einen gereizten, unbändigen Drang, der durch Maßlosigkeit zu herrschen suche. Wahrscheinlich wird er von dem Übermaß angegriffen, das die Natur uns zeigt – und als Zorn ist er die Antwort darauf. Denken Sie nur an tosende Stürme und Flüsse, endlose Sandwüsten, Gebirgsmassive, Urwälder und das Gewimmel im Tierreich. Diese Üppigkeit demütigt uns und stachelt uns auf. »Sie entzündet in uns den Wunsch nach noch steileren Gipfeln, noch höheren Wogen, noch drückenderer Einsamkeit. Versuch es, All, ob du mich zwingst! Wir stürzen uns ins Wagnis der Besteigung, des Fluges, des Krieges, der gefahrvollen Forschung.« Das im Ansatz rein geistige Phänomen des Stolzes – dessen Gegenspieler für Alain das Mitleid darstellt, also eine Sache des Herzens – erkläre auch ein wenig »die Hölle des alten Mexiko, wo man das Hinschlachten von Tausenden von Gefangenen zum Fest erhob. Man gefiel sich wohl in Verschwendung, die den Menschen der Sonne oder dem Vulkan gleichstellen sollte, also eine Rache aus Schwäche, aber auch aus Stärke gegenüber der Natur, und ganz etwas anderes, als wenn das Tier tötet um zu fressen und sich dann einfach aus dem Staub macht.«

Vielleicht gibt es für unsere Neigung zur Verschwendung sogar eine Quelle, die vor aller Nahrungszufuhr liegt. In seinem wahrlich fetten Hauptwerk Masse und Macht – von dem Sie 4/5 getrost vergessen können – kreist Elias Canetti um den Willen zum Überleben. Einmal streut er den verblüffenden Hinweis ein, die Erbitterung, mit dem ein jeder diesen Kampf zu führen pflege, gehe bereits aus dem Umstand unserer Zeugung hervor. Während bei diesem Vorgang bekanntlich lediglich eine Samenzelle bis in die Eizelle dringt, bleiben ungefähr 200 Millionen andere Samenzellen auf der Strecke. Jedes neue Ich verdankt sich einem wahren Massaker. Vielleicht haben wir darin sogar die Quelle des allgemeinen Selbstbe-hauptungsdrangs. Das hieße, selbst im geringfügigsten Streit darum, wer in der politökonomischen Frage X recht habe, drücke sich der Wunsch aus, von den 199,99 Millionen anderen nicht untergebuttert zu werden. Genauso könnte man hier »natürlich« auch die Quelle der Kriege vermuten, die die Menschheit nie für auch nur eine Woche zu führen unterläßt; das jeweilige »Vaterland« ist die eine Zelle, die den Sieg davontragen muß.

Wenn wir schon dabei sind, dem »Selbst« oder »Ich« nachzuspüren, können wir möglicherweise auch noch begreifen, warum uns das eigene Hemd immer näher ist als das Hemd unseres Nachbarn. Die Antwort liegt auf der Hand – beziehungsweise der Haut. Der Nachbar steckt nicht in meiner Haut. Sticht die Mücke mich, hat der Nachbar die Sorge mit der Schwellung und dem Malariavirus nicht. Im Gegensatz zum Fuchs und zum Schmetterling ist der Mensch ungewöhnlich schmerz- und krankheitsanfällig. Er ist ungleich wehleidiger und schutzbedürftiger als jedes Tier. Und das Tier kennt »natürlich« auch den Tod nicht. Der Tod ist der Hauptstachel in unserem Fleisch.
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