Mittwoch, 29. Juni 2022
Matzeliger, Jan Ernst

36 (1852–89), surinamischer Erfinder. Der freigekaufte Sklave, Kind gemischter Eltern, zeigte sich früh in mechanischen Dingen geschickt und erlernte zusätzlich das Handwerk des Schuhmachens. Dadurch stieg er sogar noch weiter auf. Das ergab sich ab 1877 in Lynn, Massachusetts, USA. In dieser Küstenstadt, damals um 35.000 EinwohnerInnen, hatte sich die Schuhfabrikation geballt. Zunächst Assistent eines kleineren Fabrikanten, entwickelte Matzeliger eine spezielle Nähmaschine, die Schuhschäfte und Sohlen miteinander verband. Um mit der deutschen Wikipedia zu sprechen: »Durch diese Zwickmaschine wurde die Herstellung von Schuhen mechanisiert und sie konnten dadurch wesentlich kosten-günstiger und schneller produziert werden. Am 20. März 1883 ließ sich Matzeliger diese Maschine patentieren.« Seither galt er als Erfinder dieser bedeutenden Innovation, wie man heute fremdworteln würde. Allzuviel hatte Matzeliger, mit einem zeitgenössischen Schimpfwort auch der »Dutch nigger« gerufen, allerdings nicht mehr davon: sechs Jahre darauf erlag er, mit knapp 37, der Tuberkulose.

Leider bindet uns Wikipedia hier einen Schuh auf, der, ich will nicht sagen, falsch ist, aber zumindest sehr schief. Die Mammut-Enzyklopädie befördert eine ungemein beliebte Verengung des Blickwinkels auf betriebswirtschaftlichen Nutzen. Diese Verengung ging mir bereits vor Jahren auf, als ich im Berliner Technikmuseum am Gleisdreieck ehr-fürchtig vor einer gewaltigen, blitzenden Dampfmaschine stand, die einmal in England eine Kornmühle angetrieben hatte. Hier nun war sie über etliche Treibräder und -riemen mit allerlei Zahnradmaschinen verbunden, so mit einer Drehbank gleichen Baujahrs (1860), die aus der Drechselbank hervorging. Ein Schild klärte mich auf: »Nun konnten Metallteile für Maschinen, Lokomotiven und andere Zwecke genauer, schneller und billiger als zuvor bearbeitet werden.«

Da dämmerte mir, manche Leute begreifen ihre eigenen Verknüpfungen nicht. Denn: genauer und schneller gewiß – aber niemals billiger. Bereits die Dampfmaschine besteht aus zahlreichen Metallteilen, die erst einmal hergestellt sein wollen. Welcher Aufwand, solche Schwungräder, Zylinder, Flansche haargenau zu gießen, schmieden, fräsen, feilen! Und diese Metallteile finden sich nun in den benachbarten Dreh-, Bohr- oder Stanzmaschinen, von denen sie hergestellt werden können, wieder. Angesichts eines derart komplexen Verzehrwerks wird die naheliegende Frage, ob das Huhn oder das Ei eher da war, ziemlich unerheblich. Dabei habe ich noch nicht von dem Aufwand gesprochen, mit dem der Rohstoff all dieser Maschinenteile gewonnen wird. Ein Erzbergwerk ist weder ein Sandkasten noch ein vergilbtes Kalenderblatt. In jeder automatischen Tür, die sich heute wie Sesam vor uns öffnet, stecken die Verluste, die in den Bergwerken des 18. Jahrhunderts gemacht wurden. Neben viel Energie und einigen beträchtlichen Laubwäldern zählen dazu die Schinderei, das Hungern und eine Menge Tote. Diese fallen bis heute an: in China etwa kamen allein 2008 bei Unfällen 3.200 Bergleute ums Leben. Das wären bereits 10 Prozent der Einwohnerschaft von Lynn zu Matzeligers Zeit.

Ziehen Sie einmal lediglich die Verbrennungen zusammen, die Menschen bei der Stahlgewinnung erlitten, und Sie kommen bereits auf die Wüste Sahara. Sämtliche Opfer unserer »Mobilität« Fuß an Kopf gereiht, könnten wir sämtliche Verkehrsadern dieses Planeten nachzeichnen – rot. Ich schlage auch vor, die Schlachtfelder aller Zeiten abzuwandern, denn nach Lewis Mumford (Der Mythos der Maschine) verdanken wir den Löwenanteil unserer technischen Errungenschaften dem Krieg. Zur Stunde, Mitte April 2021, trommelt die Nato zum Krieg in der Ukraine.

Das Gegenteil jenes verengten betriebswirtschaftlichen Blickwinkels ist die volkswirtschaftliche, historische und moralische Sicht.
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