Mittwoch, 29. Juni 2022
Hon'inbō Shūsaku

33 (1829–62), japanischer Berufs-Go-Spieler, Opfer einer Cholera-Epidemie. Der Kaufmannssohn galt früh als Wunderkind in diesem Brettspiel für zwei Personen, das zwar ähnlich wie Schach weiße und schwarze Steine hat, aber ungleich komplexer sein soll.* Später zählte Shūsaku zu den zeitgenössischen Spitzenspielern und stand einer Go-Schule vor. Ohne die Epidemie wäre er sicherlich steinreich geworden. Gegenwärtig leistet sich Japan rund 500 Profis, die von Preisgeldern, Unterrichtshonoraren und vermutlich, wie überall, Werbeeinnahmen leben.

Denkt man einmal unhonoriert darüber nach, hat dieser Planet einen Zweibeiner hervorgebracht, der seit der Einläutung von Zivilisation und Geldwirtschaft unter 1.000 möglichen Betätigungen garantiert 990 findet, in denen er es zu ungeahnter Vervollkommnung und Vermarktung bringen kann. Die Betätigung mag aberwitzig sein wie sie will, Hauptsache optimierungsfähig und einträglich. Ob Geigenbogen, Marderhaarpinsel oder Billardstöcke im Spiel sind oder einer lediglich in 30 Sekunden des Kopfrechnens sämtliche ungeraden Haus-nummern des Erfurter Juri-Gagarin-Rings zusammenzählt – der Rubel rollt. So wird Unterhaltungswert zum Unterhalt, artistisches Vermögen zu statistischem Vermögen. Man wende nicht ein, auf meiner Schweinsblaseninsel, die keine Warenproduktion kennt, freue man sich doch auch, wenn eine aufgrund ihrer Geschicklichkeit bei einem Jagdausflug mit Pfeil und Bogen statt zwei drei Hasen erlege oder wenn die Kartoffeln im Acker einmal besonders dick geraten seien. Die Steigerung führt dort nicht zu mehr Verdienst. Wachsen die Kartoffeln nur mäßig, ist die Insel groß genug, um einen zweiten Acker anzulegen. Gewiß dauert dann die Ernte länger – aber eins hat man dort im Übermaß: Zeit. Allerdings pflegt man diese kaum für ausgesprochen fruchtlose Vervollkommnungen zu verplempern. Man ist sich dort darüber im Klaren: weder Gosteine noch Billardstöcke lassen sich notfalls essen.

1988 gewann der gebürtige Bremer Hans Pietsch (1968–2003) die deutschen Go-Meisterschaften. Zwei Jahre darauf brach er sein Sinologiestudium ab und ging nach Japan, um sich unter Shūsakus NachfolgerInnen einzureihen. Er brachte es zum einzigen deutschen Mitglied des japanischen Go-Berufsverbandes, wurde freilich nur ein Jahr älter als der Altmeister. Anfang 2003 auf »Promotion«-Tour in Mittelamerika unterwegs, tauchten auf einem Parkplatz am Amatitlán-See bei Guatemala-City zwei bewaffnete Räuber auf. Offenbar erschossen sie den 34jährigen, obwohl er keinen Widerstand geleistet hatte, wie zwei Kameraden berichteten, die bei dem Raubüberfall nur ihr Geld und andere Wertsachen verloren.**

Nach Krautscheid ist Go kein Kriegsspiel. Man trachte nach einem (siegreichen) Übergewicht, ohne dabei den Gegner zu vernichten und das grundsätzliche Gleichge-wicht der Kräfte zu zerstören. Go trainiere Tugenden wie Geduld, Fairneß, Vorstellungsvermögen und Scharfsinn. Für die Räuber kam wahrscheinlich nur das letzte in Betracht. Ob sie gefaßt wurden, kann ich nicht feststellen.

* Christiane Krautscheid, »Go ist nicht einfach ein Spiel ...«, Berliner Zeitung, 1. April 2000: https://www.berliner-zeitung.de/go-ist-nicht-einfach-ein-spiel-es-ist-eine-uralte-asiatische-kulturtechnik-doch-es-droht-eine-beschaeftigung-der-alten-maenner-zu-werden-das-gleichgewicht-der-kraefte-li.22911
** »Hans Pietsch«, Sensei's Library, Stand Februar 2021: https://senseis.xmp.net/?HansPietsch

°
°