Dienstag, 28. Juni 2022
Werner III.

(† 1066). Der bei seinem frühzeitigen Ableben wahrschein-lich höchstens 25 Jahre alte Graf von Maden, ein erstaunlich mächtiger, einflußreicher Germane, war auch Reichssturmfähnrich, nämlich ein ausgezeichneter Lehns-mann des Reiches und in der Tat ein enger Vertrauter des noch jüngeren Königs Heinrich IV. Das war der Tropf, dem noch der »Gang nach Canossa« bevorstand, 1077. Übrigens steckte Heinrich dem lieben Werner 1064 Gut und Dorf Kirchberg (bei Fritzlar) zu, was nicht nur den Mönch, Geschichtsschreiber und späteren Abt Lambert von Hersfeld mit den Zähnen knirschen ließ, hatte der Flecken doch just dem Hersfelder Kloster »gehört«. In diesem Stammland der Chatten, heute Nordhessen, damals Grafschaft Maden-Gudensberg, trieben sich fast 1.000 Jahre später die Anarchisten der »Kommune Emsmühle« und der aus Erfurt geflüchtete Ex-Polsterer Bott herum, wie einigen Erzählungen von mir zu entnehmen ist.

Während Bott in einer Dachstube auf halber Höhe des Gudensberger Schloßbergs haust, hatte Graf Werner zumindest zeitweilig gerade über Botts Kopf auf der Obernburg gesessen. Doch der Graf, häufig (vor allem von Lambert*) als Wüterich geschildert, besaß auch verschiedene Immobilien im süddeutschen Raum, wohl überdies Gelüste sie zu mehren. Am 24. Februar 1066 soll er in Ingelheim (bei Mainz) im Rahmen einer Schlacht zwischen seinen plünderlustig gestimmten Gefolgsleuten und ortsansässigen Mönchen oder Bauern durch einen Keulenhieb in das Reich der Nibelungen eingegangen sein.** Möglicherweise fiel er »unglücklich«, nämlich beim Versuch zu schlichten. Chronist Lambert war ja voreinge-nommen. Heute gelten sogar Werners genaue Lebensdaten als ungesichert.

Worauf man dagegen bis heute schwören kann, das ist die ungebrochene weltgeschichtliche Rolle des Clandenkens, wie ich es zuweilen nenne. Ob Graf oder Tagelöhner, der typische Werner pflegt seinen Sprößlingen und sonstigen »Angehörigen« jeden Wunsch von den Augen abzulesen, für die Interessen Dritter dagegen eher blind zu sein. Das Glück »der Seinen« ist der höchste aller Werte. Was ihnen gut tut, tut auch dem Selbstwertgefühl ihres Erzeugers, Ernährers oder Knechters gut. Nach einer bündigen Feststellung aus Alains Betrachtungen Über die Erziehung ist der Familiengeist zutiefst barbarisch. Er ist eben Clandenken. Indem es Zufälle wie Geburt (»Blutsver-wandtschaft«), Sympathie, Nation über das Menschenrecht stellt, geht das Clandenken weit über Vetternwirtschaft hinaus. Es betrifft vor allem die seelische Existenz. Liebe, Besitzerstolz, Leidenschaft entscheiden hier alles. Das Kind lernt das Buhlen um Gunst von der Pike auf. Wer gefällt, hat Erfolg. Wer meinen Clan mit Schmutz bewirft, bekommt die Pike ins Gesäß. Das gilt leider auch für Kommunen oder Basisgruppen – und sei es, sie müßten sich zu diesem Zwecke erst einmal selber spalten. In diesen Fällen werden die Fraktionen zu neuen Clans.

Franz Schandl spricht hier vortrefflich vom kollektiven Wahn der An- und Zugehörigkeit, die stets Hörigkeit einschließe. Jeder Clan ist der beste Clan der Welt. Damit alle anderen Clane daran glauben, herrscht Krieg. Vor den Schwertern werden die Keulenworte geschwungen, heute beispielsweise Corona-Leugner, Impfverweigerer, Populisten. Die gleiche Waffe ist in den Händen des eigenen Clans eine Ananas oder ein Schoßhündchen, in den Händen des fremden dagegen eine Granate oder ein Kampfhund. Somit bilden Clandenken und Doppelmoral siamesische Zwillinge.

Eigentlich sind freiwillige Zusammenschlüsse von Menschen unterschiedlichster Abstammung, etwa in anarchistisch gestimmten Kommunen, gerade deshalb erfunden worden, um das Clandenken auszuhebeln. Aber man kämpft hier mit einer Fleischgabel gegen einen Felsbrocken. Zur Puppenfabrikkommune zählte zu meiner Zeit Dieter, wie ich ihn einmal nennen will. Da er von Kind auf Angst vor Hunden hatte, verbat er sich jeden Hund auf dem Hof. Immer wieder biß die Hundelobby der Kommune bei ihm auf Granit. Es galt ja das Konsens-prinzip: sobald auch nur einer sein Veto einlegt, ist der betreffende Vorstoß abgeschmettert. Eines Tages verliebte sich jedoch Dieters 15jährige Tochter in Hündin Lucy. Und da sie unbedingt mit dieser zusammenleben wollte, wurde Dieter binnen weniger Tage ein anderer. Plötzlich beherrschte Lucy Dieters Wohngemeinschaft und lief frei in Treppenhaus und Hof umher. Aß die Kommune im Hof, strich Lucy ungerührt und unbehelligt um die Beine der Tische oder meine. Dies alles wäre vorher undenkbar gewesen. Eine öffentliche Erklärung, etwa auf dem Plenum, gab es nicht. So kamen meine lieben Mitstreiter-Innen um einen Vortrag von mir über jenen Alainschen »Familiengeist« herum. Aber ich zog mich dann sowieso bald zurück.

* Ludwig Friedrich Hesse / Wilhelm Wattenbach, Die Jahrbücher des Lambert von Hersfeld, Ausgabe Leipzig 1893, Jahrbuch von 1064, S. 65: https://archive.org/stream/diejahrbcherdes00wattgoog#page/n104/mode/2up
** Jahrbuch von 1066, S. 76: https://archive.org/stream/diejahrbcherdes00wattgoog#page/n116/mode/2up

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