Dienstag, 28. Juni 2022
Gröger, Walter

22 (1922–45). Zahlreiche Opfer des deutschen Faschismus hatten das Pech, nicht auf Betreiben eines Marinestabs-richters zum Tode verurteilt und erschossen zu werden, der Jahrzehnte später, in der Demokratie, Ministerpräsi-dent des Landes Baden-Württemberg wurde. Deshalb blieben sie bis heute mehr oder weniger namenlos. Anders Walter Gröger. Der junge Matrose der Kriegsmarine war 1943 in Oslo zunächst wegen Fahnenflucht zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nachdem Generaladmiral Otto Schniewind dieses Urteil ein Jahr darauf aufgehoben hatte, weil er die Todesstrafe für angebracht hielt, war der damals rund 30jährige Marinestabsrichter Hans Filbinger, im Verfahren gegen Gröger nun Vertreter der Anklage, beflissen genug, dieselbe auch zu beantragen. Zur Begründung führte er auf Basis einer Führer-Richtlinie aus dem Jahr 1940, neben »charakterlichen Schwächen« Grögers, dessen militärischen Vorstrafen ins Feld. Marineoberstabsrichter Adolf Harms machte sich diese Sicht zu eigen und verurteilte Gröger am 22. Januar 1945 zum Tode als »einzig angemessene Sühne«. Nach der Bestätigung des Urteils durch das Berliner Oberkom-mando der Marine verfügte Filbinger am 15. März, also wenige Wochen vor Kriegsende, das Todesurteil und ließ den 22jährigen Matrosen noch am selben Tag in der Festung Akershus erschießen, wobei Filbinger persönlich anwesend war. In der »Niederschrift« über die Vollstreckung heißt es abschließend: »Die Leiche wurde durch das Wachpersonal gesargt und zum Zwecke der Bestattung abtransportiert.« Unterschrift: Dr. Filbinger.

Dummerweise hatte der Doktor diesen Schwabenstreich längst vergessen, als er sich 1966 in Stuttgart zum Ministerpräsidenten wählen ließ. 12 Jahre später beging er den Fehler, gegen den Schriftsteller Rolf Hochhuth, der ihn in einem vom Wochenblatt Die Zeit vorabgedruckten Text als »furchtbaren Juristen« bezeichnet hatte, auf Unterlassung zu klagen. Schon wenige Monate nach dieser Veröffentlichung, im August 1978, sah sich Filbinger genötigt, von seinem Amt zurückzutreten. Zu allem Unglück wurden im Verlauf der Filbinger-Affäre vier weitere Todesurteile ausgegraben, die der Christdemokrat zwischen 1943 und 1945 als Marinerichter beantragt oder gefällt hatte. In die Enge getrieben, räumte er ihre zuvor von ihm bestrittene Existenz ein, hielt jedoch an ihrer Rechtmäßigkeit fest. Wie sich versteht, wurde Filbinger, gestorben 2007, nie seinerseits juristisch belangt. Das gilt gleichermaßen für den 1900 geborenen Adolf Harms, zur Zeit der Affäre Landgerichtsdirektor im Ruhestand in Oldenburg, wie für Hunderte andere »furchtbare Juristen«. Es gab einfach zu viele einflußreiche Deutsche, die Filbingers Sicht der Rechtmäßigkeit teilten – allerdings nicht mehr ab ungefähr 1990, als zahlreichen ostdeutschen Juristen der Prozeß gemacht wurde, weil sie sich unverschämterweise darauf berufen hatten, sie hätten in ihren Urteilen lediglich geltendes DDR-Recht umgesetzt. Nun galt die weltweit beliebte Doppelmoral. Das DDR-Recht sei »unmenschlich« gewesen. Leider fallen auch viele angebliche Linke auf die Argumentation mit der Rechtmäßigkeit oder der Unrechtmäßigkeit herein. In Wahrheit verläuft die entscheidende Frontlinie nicht zwischen unterschiedlichen System-Rechtsprechungen, vielmehr zwischen Menschlichkeit und Buchstaben-gläubigkeit. Das Herz des »Deserteurs« Gröger hatte völlig recht gehabt.

Allerdings kann Gröger, der 1940 unmittelbar nach einer Schlosserlehre zur Marine ging, schwerlich zum »Widerstandskämpfer« erhoben werden. Er setzte sich ab, nachdem er wiederholt vergeblich um Heimaturlaub eingekommen war. In einer Kneipe traf er die 34jährige Putzfrau im Osloer deutschen Krankenhaus Marie Severinsen-Lindgren, die ihn bei sich aufnahm. Rund 35 Jahre später beschreibt die im Städtchen Nosst am Oslofjord lebende 69jährige Gröger (in der Zeit vom 12. Mai 1978) als höflichen, wenn auch niedergeschlagenen jungen Mann. »Ich wohnte in einem kleinen Zimmer im Zentrum. Walter blieb fast immer zu Hause. Wenn ich vom Putzen zurückkam, brachte ich immer was zu Essen mit. Wir unterhielten uns meistens mit der Fingersprache. Ich verstand kaum Deutsch. Walter war schwermütig. Er hatte furchtbares Heimweh. Manchmal sprach er vom Krieg. Er haßte ihn. Er wollte nicht mehr kämpfen. Alles war verrückt. Er wollte nach Hause. Ich dachte wie er. Allerdings dachte ich nie, daß er abgehauen sei. Hätte ich das gewußt, hätte ich ihn dennoch aufgenommen. Nach ungefähr einer Woche war die Gestapo da.«

Severinsen-Lindgren bekam zwei Jahre Zuchthaus. Abzüglich der Untersuchungshaft in Oslo, saß sie diese Strafe im Gefängnis Dreibergen-Bützow bei Schwerin bis kurz vor Kriegsende ab. Das Schlimmste müssen für sie die Beschimpfungen seitens der Polizisten, Richter und WärterInnen gewesen sein. Sie sei eine nichtsnutzige Nutte, eine Drecksau, eine Spionin und so weiter. »Ich wache oft nachts auf und sehe den Ankläger vor mir: Du bist ein Tier, schlimmer als eine Ratte. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.« Dafür steht in ihrem Fall fest, sie blieb so arm und machtlos, wie sie schon damals war.

→ Zur Doppelmoral siehe auch Heft 2 Meuchelst du, Heft 8 Gaidzik, Heft 10 Bananen
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