Dienstag, 28. Juni 2022
Yozgat, Halit

21 (1985–2006), Opfer des Rassismus aus Kassel. Der in Deutschland geborene Sohn eines Türken hatte in der Kasseler Holländischen Straße gerade ein Internetcafe eröffnet. Halit Yozgat war 21 Jahre alt. Am 6. April 2006 wurde er in diesem Cafe am hellichten Tage durch zwei Pistolenschüsse niedergestreckt. Er verblutete in den Armen seines herbeigeeilten Vaters Ismail.

Zuvor hatte sich ein Stammgast des Cafes dünne gemacht, Andreas Temme aus Hofgeismar bei Kassel – ein offiziell angestellter V-Mann-Führer des Wiesbadener soge-nannten Verfassungsschutzes, wie sich später heraus-stellte. Im Gegensatz zu fünf anderen Cafegästen meldete er sich nicht als Zeuge, wurde aber namhaft gemacht. Der damalige hessische Innenminister Volker Bouffier bewahrte ihn zunächst vor polizeilicher Vernehmung – aus den bekannten Gründen des »Quellenschutzes«. Ein später eingeleitetes Ermittlungsverfahren gegen den rechtsradikal gestimmten Mann, der in Hofgeismar seit Jahren als »Klein-Adolf« bekannt war, wurde 2007 genauso eingestellt wie ein Disziplinarverfahren gegen ihn. Nur für den Besitz illegaler Munition erlegte man ihm, wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, eine Geldstrafe von 800 Euro auf. Dann wurde er ins Regierungsprä-sidium Kassel versetzt.

Temme meinte nach seiner Enttarnung, er habe sich rein zufällig und privat in dem Cafe aufgehalten und von der Tat nichts mitbekommen. Mordmotive im Bekanntenkreis Yozgats kamen freilich kaum in Betracht. Vor allem aber reihte sich die Tat ganz offensichtlich in eine Mordserie ein, der seit 2000 bis dahin bundesweit acht überwiegend türkischstämmige Kleinunternehmer zum Opfer gefallen waren. Der junge Kasseler blieb das neunte und letzte Opfer dieser auch als Ceska-Morde, nämlich nach der immerselben Tatwaffe bezeichneten Serie. In der Folgezeit war eine riesige Sonderkommission der Kripo, im Verein mit den Geheimdiensten, nach Kräften bemüht, die Ermittlungen auf »südländisch« wirkende Täter zu beschränken und ansonsten möglichst lange zu verschleppen. Erst nach fünf Jahren kam den wenigen Skeptikern der Zufall zur Hilfe, daß die (angeblich) seit langem gesuchten Neonazis Uwe Mundlos (38) und Uwe Böhnhardt (34) am 4. November 2011, nach einem nicht ganz reibungslos verlaufenen Überfall auf eine Sparkasse in Eisenach, (angeblich) Selbstmord begingen. Daraufhin stellte sich am 8. November auch ihre Mitstreiterin Beate Zschäpe, geboren 1975, der Polizei. Die drei hatten den Kern des vor allem in Thüringen wurzelnden NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) gebildet. Da sich in ihrem Umfeld auch jene Ceska-Pistole fand, stellen sie inzwischen die Hauptverdächtigen der entsprechenden Mordserie dar. Zudem dürften, neben Raubüberfällen, ein Sprengstoffanschlag in Köln vom Juni 2004, ein Nagelbombenattentat in Köln vom April 2007 und die Ermordung der 22jährigen Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter auf ihr Konto gehen, die am 25. April 2007 in Heilbronn erschossen worden war.

Allerdings steht auch die Mitwisser- und Mittäterschaft unserer lieben VerfassungsschützerInnen im Raum, die ihre Finger offensichtlich seit Jahren ganz tief in jenem Nationalsozialistischen Untergrund haben, ohne auf die schädliche Idee zu kommen, ihn vielleicht trocken zu legen und sich damit die eigene Existenzgrundlage zu entziehen. Darauf verweisen einige Enthüllungen vor 2012 einge-setzten parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, mehrere erzwungene Rücktritte von Verfassungsschutz-chefs – und mehrere erfolgreiche, bekanntlich schon von Altkanzler Helmut Kohl geschätzte Aktenbeseitigungs-unternehmungen, diesmal freilich in Verfassungsschutz-gebäuden, nicht im Bundeskanzleramt.

Im Herbst 2012 wurde in Kassel der Halitplatz eingeweiht. Auch die dortige Straßenbahnhaltestelle (am Hauptfried-hof) wurde um den Namen des buchstäblich für nichts ermordeten jungen Mitbürgers ergänzt. Sein silberhaariger Vater Ismail Yozgat, der streckenweise auf eigene Faust und Kosten Nachforschungen anstellte, schilderte nach der Einweihung des Platzes im Gespräch mit dem Wochenblatt Die Zeit seine bisherige Leidenszeit.* Bis zum November 2011 hätte sich seiner Familie gegenüber niemand um Nachrichten oder Erklärungen zur Tat und zu den Ermittlungen herbeigelassen. Dafür seien sie und der ermordete Sohn über Jahre hinweg mit Verdächtigungen und Verleumdungen (etwa: Drogenhandel) überzogen worden, in deutschen oder türkischen Medien, aber auch im Bekanntenkreis. »Es gab Zeiten, da haben wir uns nicht auf die Straße getraut. Meine Familie hatte Angst. Arbeitskollegen, irgendwelche Leute auf der Straße haben mich im Vorbeigehen gefragt: 'Ismail, wie sieht's aus, haben sie endlich mal den Mörder deines Sohnes gefunden?' Als ob es eine Nichtigkeit wäre. Als ob sie nicht glaubten, daß es ein Mord war. Ohne Distanz, ohne Respekt.«

Was den einheimischen V-Mann Temme angeht, steht dem hessischen Journalisten und Buchautor Wolf Wetzel zufolge** inzwischen fest, daß er am Tattag sowohl vor wie nach seinem Besuch im Internet-Cafe mit Neonazis telefonierte, darunter der nordhessische V-Mann Benjamin Gärtner, dessen »Führungsoffizier«, nach Zeugenaussagen sogar Kumpel Temme war. Aber auch Gärtner werde, wie lange Zeit Temme, bis heute vom Verfassungsschutz gegen die Kripo abgeschirmt, die ihn nicht vernehmen darf. Zu dieser Taktik des Mauerns führt Wetzel einen netten Dialog an: Im Sommer 2012 habe sich selbst ein Untersuchungsausschuß des Bundestages, der sich mit dem NSU befaßte, über die konsequente, auch den Ausschuß selber betreffende Blockadepolitik der zuständigen Behörden befremdet gezeigt. Offenbar müsse man erst eine Leiche neben einem Verfassungsschützer finden, um eine Auskunft zu bekommen. Darauf Kriminal-direktor Gerhard Hoffmann, ehemals Leiter der SOKO Café: »Selbst dann nicht …« – »Bitte ..?« – »Es heißt, selbst wenn man eine Leiche neben einem Verfassungs-schützer findet, bekommt man keine Auskunft.«

Wetzel hält die Wahrscheinlichkeit einer Beteiligung Gärtners an dem nach wie vor unaufgeklärten Mord für hoch. Von dem in München veranstalteten Prozeß gegen NSU-Aktivistin Zschäpe verspricht er sich alles andere als Aufklärung, vielmehr weitere Verschleierung des staat-lichen Tatbeitrags am zeitgenössischen neonazistischen Wirken. In einem bereits Anfang 2013 geführten Gespräch mit der Webseite Muslim-Markt begründet er diese schlechte Erwartung unter anderem mit den erwähnten Phänomenen der systematischen Akten- und Spuren-vernichtung und der schier undurchdringlichen Verfilzung zwischen den rechten Angriffs- und den staatlichen Abwehrkräften. Dazu gibt er drastische Beispiele.***

* Özlem Topçu, »Er starb in meinen Armen«, 11. Oktober 2012: http://www.zeit.de/2012/42/Interview-Yozgat-Opfer-NSU
** »Zweifelhaftes Teamwork«, Junge Welt, 3. Dezember 2013
*** http://www.muslim-markt.de/interview/2013/wetzel.htm,
26. April 2013

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