Dienstag, 28. Juni 2022
Das Offensichtliche
2022


Zu den übelsten und hartnäckigsten Überzeugungen auf Erden zählt der Mythos, in der Regel siedele sich die Wahrheit auf Seiten der Mehrheit an. Tatsächlich verhält es sich genau umgekehrt. In dieser Überzeugung erfährt man Gottseidank sogar Schützenhilfe von einem prominenten US-Naturforscher, Stephen Jay Gould. In seinem bedeutenden Buch Illusion Fortschritt, deutsche Ausgabe Ffm 1998, merkt er zur Auffassung eines Kollegen eher beiläufig an: »Eine solche Bekräftigung des 'Offen-sichtlichen' legt das Denken lahm; nur allzuoft stimmt das Nichtoffensichtliche …«

Sie erinnern sich vielleicht: Über viele Jahrhunderte hinweg war es »offensichtlich« Gepflogenheit der Sonne, von Osten nach Westen – und somit um die ganze Erde zu wandern. Sie drehte sich um uns, glaubte die Erdbe-völkerung zu mindestens 90 Prozent mit Stolz und Inbrunst. Immerhin stellte das ein Kunststück der Sonne dar, war die Erde doch bekanntlich eine Scheibe. Genau deshalb durften sich Seefahrer nicht zu weit Richtung Horizont vorwagen, sonst fielen sie herunter. Taten sie es doch, steckte sicherlich die Verwünschung einer zahnlosen alten Kräuterfrau dahinter: Hexenwahn.

2001 legte der Arzt Gerd Reuther mit Heilung Nebensache eine empfehlenswerte kritische Medizingeschichte vor. Den durch Jahrhunderte erbarmungslos angewandten Aderlaß nennt er kurzerhand einen »therapeutischen Unfug«. Dieser weithin angebetete Unfug sorgte für gewaltige Schäden, spülte aber auch eine Menge Geld in Ärztetaschen. Ähnliches gilt für die Impfung, die bei uns 1874 mit dem Reichsimpfgesetz sozusagen amtlich wurde. Hinter dem Impfwahn steht bis zur Stunde der preußisch-militaristische Irrglaube, Erreger gehörten ausgerottet. Laut Reuther wurden Impfschäden viele Jahrzehnte lang von der Schulmedizin gar nicht erst in Betracht gezogen. Heute werden sie nur mangelhaft erfaßt und notfalls verharmlost oder vertuscht. Die Haftung wälzen die Pharmariesen eiskalt auf die Politik ab – die sie mit Vergnügen trägt. Die Steuerschafe zahlen ja.

Warum glauben die das alles? Weil es auf Seiten der Mehrheit viel gemütlicher ist als am Rand der Gesellschaft. Wagt ein Kind zu bezweifeln, nach drei Hornissen-Stichen oder einem Häppchen vom lustigen, rotweiß bemützten Fliegenpilz fiele es tot um, hat es sich schon mit seinen eigenen und Millionen anderen Großeltern überworfen. Wagt es ein erwachsener Handwerker, den sogenannten menschengemachten Klimawandel zu bestreiten, ziehen ihm gewisse »linke« Öko-EinpeitscherInnen sogar in der kommunistischen Tageszeitung Junge Welt eins über, so etwa am 18. Februar 2010. Wie abwegig das Gerede von einem Streit unter den Wissenschaftlern über die Bedeutung der Treibhausgase sei, zeige sich bereits an der Tatsache, »daß Fachpublikationen, die den drohenden Klimawandel grundsätzlich in Frage stellen, mit der Lupe zu suchen sind.«

Leider gilt das auch für Fachpublikationen, die den Segen der Privatisierung von Eisenbahnen und Wasserwerken oder gar den ganzen Kapitalismus »grundsätzlich in Frage stellen«. Man kann sie mit der Lupe suchen. Der salonfähige Autor ist daher klug genug, lieber auf die Mehrheit zu setzen, weil er auf diese Weise – als der Stärkere – stets im Recht bleibt. Die AnführerInnen der Mehrheiten wiederum wären schön blöd, wenn sie die Demokratie verböten. Schließlich verschaffen ihnen die Mehrheiten Ansehen und Legitimation. Somit stinkt das Mehrheitsprinzip hinten und vorne nach Macht. In anarchistischen Lebensgemeinschaften werden Entscheidungen nur im Konsens getroffen. Statt sich wie ein Eisbrecher »durchsetzen« zu wollen, möchte man einander verstehen und helfen. Kommt kein Konsens zustande, bleibt es einstweilen beim Status quo. Dieses Verfahren setzt allerdings die Abwesenheit von unüberbrückbaren Interessensgegensätzen, ferner von Dummheit und Bequemlichkeit voraus.

Der französische Gutsbesitzer Michel de Montaigne war eher staatsfromm als anarchistisch gestimmt. Gleichwohl beklagte er in seinem vor gut 400 Jahren veröffentlichten Essay Von den Hinkenden die unselige Sitte, als den »besten Prüfstein der Wahrheit die Menge der Gläubigen« zu erachten – »in einem Gewimmel, in dem die Zahl der Narren die der Weisen um ein so Vielfaches übertrifft.«
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