Dienstag, 28. Juni 2022
Ludwig, Oliver

8 († 1976), Junge aus Hamburg-Eidelstedt, wo er selber, sein 13jähriger Bruder Thomas und der 10jährige Stephan Behrmann wohnten.* Am 6. September 1976 gingen die Drei zum verwilderten Betriebsgelände der ehemaligen Chemischen Fabrik Dr. Hugo Stoltzenberg. Sie streunten umher, sammelten einige Dinge oder Stoffe ein und kehrten in den häuslichen Keller zurück, um damit zu experimentieren. Was sie allenfalls verschwommen wußten: auf dem Gelände lagerten illegal und höchst fahrlässig rund 80 Tonnen lebensgefährlicher Chemikalien und Sprengstoffe, darunter Gasgranaten. Prompt kam es im Keller der drei Jungen zu einer Explosion. Oliver wurde getötet, die beiden anderen zogen sich schwere Verletzungen zu. Ferner löste die Explosion den üblichen Skandal, die bekannten Lügen und solche Reformen aus, die weder den Kapitalismus noch die Kriegslüsternheit antasten.

Schon 1928 hatte es bei Stoltzenberg Hamburg eine mittlere Katastrophe gegeben. Der Vorfall wurde auch von Carl Ossietzky in der Weltbühne aufgriffen: »Gasangriff auf Hamburg«, 29. Mai. Damals waren große Mengen Phosgen entwichen, die eine Giftgaswolke über der Großstadt bildeten. Nur günstige Winde verhinderten das Schlimmste. So sorgte das Unglück »lediglich« für mindestens 10 Tote und rund 300 Verletzte. Hugo Stoltzenberg selber, gestorben 1974 mit 90, ist dafür, so weit ich weiß, nie belangt worden.

Noch früher, im April 1915, stand Stoltzenberg Schulter an Schulter mit dem berühmten und noch heute hochgeehrten Chemiker Fritz Haber, damals sein Chef, bei Ypern an der Westfront. Und was hatten sie da zu suchen? Sie hatten die Chlorgashähne zu öffnen, um den Franzmännern einmal zu zeigen, was eine Harke ist. Sie hatten das erste deutsche Giftgas für Kriegszwecke gemeinsam entwickelt. Der Einsatz war »erfolgreich«; Haber wurde gleich zum Hauptmann befördert. Seine Ehefrau Clara Immerwahr, gleichfalls Chemikerin, fand dies alles, den Charakter ihres Gatten eingeschlossen, gar nicht erhebend. Am 2. Mai erschoß sich die 44jährige mit Habers Dienstwaffe im Park der gemeinsamen Berliner Villa.

Ich komme noch einmal auf das Phänomen der Skandale und Katastrophen zurück. Womöglich haben einige LeserInnen eine gar zu weitgefaßte Vorstellung von ihm. Daß weltweit Jahr für Jahr Millionen von Menschen an Hunger, verseuchtem Wasser, Arzneimangel verrecken, während fast zwei Billionen Dollar für Militärisches verpulvert werden, ist kein Skandal. Dazu ist es zu allgemein, zu üblich, zu normal und zu günstig=unauffällig gestreut. Das gleiche gilt für jährlich grantiert 3.000 Straßenverkehrstote und 500 tödliche Badeunfälle allein in Deutschland. Sie stellen keine Katastrophen dar. Etwas anders sähe die Sache aus, wenn der Badeunfall beispielsweise einer prominenten deutschen »Kuratorin« auf den Kanarischen Inseln widerführe. Dann könnte man prüfen, ob es auf Fuerteventura StrandwächterInnen gibt, und wenn ja, ob die rund um die Uhr schlafen. Dieser Skandal wäre womöglich ein zureichender Grund, den spanischen Botschafter einzubestellen oder ihm gleich die Kriegserklärung zuzustellen.

Damit dürfte schon einiges klargeworden sein. Nur vergleichsweise ungewöhnliche und vergleichsweise brandneue Vorfälle sind skandal- und katastrophenfähig. Ferner müssen bestimmte, wichtige Personen vorhanden sein, an die das Schlimme geheftet werden kann. Schüttelte Rudi Dutschke die Faust, genügte es bereits. Der Skandal war da. Benno Ohnesorg dagegen mußte erst erschossen werden. Dadurch kam etwas in Bewegung. US-Präsident Carter sah sich erst dann genötigt, der Geierbande, die Nicaragua 40 Jahre lang ausgeweidet und in Blut gebadet hatte, seine Unterstützung zu entziehen, als ein Nationalgardist Somozas im Juni 1979 in Managua den US-Fernsehreporter Bill Stewart (37) abgeknallt hatte. Wäre Queen Elizabeth vom Rinderwahnsinn befallen worden, hätten Blair und Bush sofort die Viehweiden und Regenwälder der ganzen Welt besprühen lassen. Aber sie hatte ihn nicht nötig.

Hier drängt sich ein weiterer Gesichtspunkt auf, der vielleicht sogar der wichtigste ist. Vergangenes ist nie skandal- und katastrophenfähig. Schließlich liegt der Sinn der Vergangenheit gerade darin, uns Gegenwärtige zu entlasten. Deshalb haben wir nichts mit den Kanzleramts-akten zu tun, die Helmut Kohl beziehungsweise böse Bedienstete verschwinden ließen, bevor sie 1998 den Sessel im Bundeskanzleramt mit neuem Kalbsleder für den nächsten Fürstenarsch bezogen. Kohl selber, der Abgedankte, ging dann wieder seinem ursprünglichen Beruf als promovierter Historiker nach. Und schon gar nicht kann man uns für die »robusten« Maßnahmen haftbar machen, die einst der US-hörige General Suharto in Indonesien ergriff. Der Mann ließ ungefähr 500.000 »Kommunisten« umbringen, ferne jede Menge Chinesen. Nebenbei zweigte er in seiner »Regierungszeit« 15 bis 30 Milliarden Dollar für sich und seine Getreuen ab. Keinen geringen Teil davon verdankte er der CIA, wie bei Tim Weiner zu lesen ist. 1998 zum Rücktritt gezwungen, läßt sich Suharto im Jakartaer Nobelviertel Menteng nieder, wo er sich noch für 10 Jahre unbehelligt seiner unglaublichen Schandtaten erinnern kann. Er stirbt mit 86 im Januar 2008. Wen interessiert das schon? Seine Schandtaten sind vorbei.

Hexenverbrennungen und Conterganaffären; Sklaven-handel, Raketenabstürze und alle »Kollateralschäden« unseres sogenannten Gesundheitswesens, Impfmaßnah-men eingeschlossen, werden bestenfalls zu ein paar Worten in Lexika und Fachbüchern. Die Toten und Einbeinigen und seelisch Zerrütteten leiden nicht mehr. Das sind alles eingebildete Kranke, denn die Zeit heilt Wunden. Wer weiß, ob es diese Leute und diese Verluste überhaupt gegeben hat. Wir merken nichts von ihnen. Ernst Kreuder sprach von unserem unausrottbaren Gegenwartsstolz. Real ist, was wir auf unseren hängeschrankgroßen Bildschirmen anzappen können. Und erfreulicherweise sind es stets die anderen, die vor unseren Augen mit Schweißbrennern oder Trennscheiben aus ihren zusammengestauchten Blechkisten geschält werden. Unser Auto steht vor der Tür.

* Uwe Bahnsen, »Die Giftfabrik des Dr. Stoltzenberg«, Welt, 6. September 2009: https://www.welt.de/welt_print/vermischtes/hamburg/article4472392/Die-Giftfabrik-des-Dr-Stoltzenberg.html
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