Montag, 27. Juni 2022
Siller, Franz

30 (1893–1924), als gelernter Gärtner und städtischer Beamter in Wien der Pionier der dortigen Kleingarten-bewegung. Jetzt wurde jedes brach liegende Fleckchen zwischen den Miets- und anderen Kasernen von einbeinigen, hungernden Kriegsversehrten mit Rosenkohl bepflanzt oder mit Kaninchen bevölkert. Leider soll Aktivist Siller selber herzkrank gewesen sein. Wahrscheinlich starb er, bereits mit 30, in einem Wiener Krankenhaus. Man hat ihn mit etlichen Denkmälern geehrt, dafür jedoch mit Einzelheiten seines Lebenswandels ausgesprochen gegeizt. Über meinen ungefähr gleichaltrigen Großvater Heinrich weiß ich zum Beispiel beträchtlich mehr. Auch er, im Brotberuf Naturkunde- und Werklehrer an der Bettenhäuser Volksschule (in Kassel-Ost), war leidenschaftlicher Schrebergärtner, allerdings weder Karnickelmäster noch Imker. Ich aß sein Gemüse durchaus gern. Ich schmökerte auch gern im Grase liegend unter seinem Pflaumenbaum, falls er mich nicht zum Unkrautjäten abkommandierte. Auf dem Balkan um 1943 hatte er, als Hauptmann, eine Kolonne der »Brückenbaupioniere« unter sich. Ja, ich glaube, so hieß die Schar, die ihm treu ergeben war. In der Kirchen-, Kapital-, Staats- und Reformfrömmigkeit bin ich ihm aber nie gefolgt. Das sollte ich vielleicht kurz erläutern.

Was soll das, eine riesige unwirtliche Stadt auch noch mit Kleingärten zu pflastern, damit man es nur umso länger in ihr aushält? So ein aufgeblähter Unfug gehört sofort aufgelöst: unübersichtlich, ungesund, unwirtschaftlich, unmenschlich, wie er doch zweifellos ist. Man merkt es schon, hier scheint die uralte Streitfrage Reform oder Revolution? auf. Radikale wie ich verdammen »Sozial-klempnerei«, weil diese die Errichtung freiheitlicher, gerechter und friedlicher gesellschaftlicher Verhältnisse garantiert verhindert. Das haben uns zahlreiche USPDs jeglicher Sorte oder Farbe seit Sillers Geburtszeit tausende von Malen bewiesen. Stets versichern sie, eine ganze Stadt aufzulösen oder das Geld oder den Krieg abzuschaffen, lasse sich leider nicht über nacht bewerkstelligen. Fangen wir also klein an, mein Freund – irgendwann schlägt die Quantität in Qualität um, das haben schon Marx und Engels gewußt. Einige Dutzend Kleingärten nebeneinander drängen mit Macht zum Paradies. Bis dahin reibt sich das Kabinett von Kapitals Gnaden bei jeder Eröffnung einer neuen Kleingartenkolonie, Suppenküche oder »Tafel«, an der unsere Hartz-IV-EmpfängerInnen abgespeist werden, die Hände, weil es auf diese Weise Millionen »sparen« kann, die es umgehend europäischen oder nordameri-kanischen Agrarkonzernen in den Rachen schmeißt, als »Subventionen«, wegen der Bedürftigkeit dieser Unternehmen. Und siehe da, der Kleine Mann dankt es dem Kabinett auch noch, preist die Wohlfahrt im Lande und spart für das nächstschnellere Auto.

Das Gegenteil der absolut raren Radikalen sind also die Reformisten. Aber auch von denen gibt es zwei Sorten. Die Profis unter ihnen, Leute wie Joschka Fischer, Bodo Ramelow, Sahra Wagenknecht, sind viel zu gebildet und scharfsinnig, um nicht zu wissen, wie sehr ihr Reformwerk am gegebenen Herrschaftssystem der Sanierung des gegebenen Herrschaftssystems gleichkommt. Das finden sie freilich gerade gut so. Nur wir finden es nicht so gut, und deshalb bequasseln und betrügen sie uns nach Strich und Faden. Dagegen meinen es die Amateure unter den Reformisten wirklich ehrlich. Sie habe ich in vielen Familien und leider auch in etlichen anarchistischen Kommunen angetroffen. Bei ihnen handelt es sich um herzenswarme Menschen, die sich meiner Argumentation verschließen müssen. Sie erreicht sie nicht. Diese MitbürgerInnen können nicht anders, als zu lieben, zu helfen, Not zu lindern, sobald sie sich blicken läßt. Für sie ist nicht das herrschende System zynisch, vielmehr meine Argumentation.

→ Zum Reformismus siehe auch Heft 1 Skiunfall
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