Montag, 27. Juni 2022
Klaunig, Karl

37 (1824–62), sächsischer Pädagoge und Orthograph. Der langjährige Lehrer an der Leipziger »Städtischen Real-schule«, verheiratet mit der 10 Jahre jüngeren Thecla geb. Berndt und Vater von mindestens einem Sohn namens Carl Kurt, war federführend an der Erarbeitung einheit-licher Rechtschreibregeln zunächst für die Schulen Sachsens, bald auch vieler anderer deutscher Staaten, darunter Preußen, beteiligt. Er starb auch in Leipzig – aber woran? Nach freundlicher Auskunft eines Leipziger Stadtarchivars (für 28 Euro) weiß man's wieder einmal nicht genau. Aufgrund der Personalaktennotiz »wegen gänzlicher Untüchtigkeit aus dem Militärdienst freigelassen« könne man jedoch eine schwache Gesundheit vermuten. Und in der Tat, im Leipziger Tageblatt vom 22. Februar 1862 finde sich die private Todesanzeige der Witwe, wonach ihr »guter Mann … nach langer Krankheit gestern Mittag« entschlafen sei.

Worin Klaunigs »Güte« bestand, wissen wir also auch nicht genau. Gewiß könnte einer auf Klaunigs Verdienste als Grammatiker pochen, aber mit denen will ich mich ungern beschäftigen, weil ich das in gewisser Weise schon früher tat. Hier nur das folgende. Neulich zeigte sich ein Kunstwissenschaftler, den ich um einige Auskünfte gebeten hatte, von meiner altmodischen Rechtschreibung erstaunt. Die würde doch vermutlich einige LeserInnen vor den Kopf stoßen, mir also schaden. Aber »erstaunt« ist noch höflich ausgedrückt. In Wahrheit dürfte er mich für einen greisen Kauz und Kindskopf halten, der unbelehrbar seine Grillen pflegt. So ganz falsch ist das freilich nicht. Zwar meine ich, den übergroben und nebenbei sündhaft teuren Unfug der jüngsten »Rechtschreibreform« ziemlich unwiderleglich in meinem 2016 veröffentlichten Aufsatz »Ihr tut mir Leid« dargestellt zu haben [siehe Heft 11], aber selbstverständlich ist die Sache längst gelaufen. Das ist ja gerade das Schlimme. Der Mensch gewöhnt sich an alles; das »Skandalöse« einer genauso fruchtlosen wie überflüssigen Rechtschreibreform oder einer sogenannten Schweinegrippe (2009) hat er nach wenigen Jahren, ja Monaten vergessen; er paßt sich jedem Sprung von ß zu ss oder umgekehrt wie ein Chamäleon an den wechselnden Sonnen- und Baumbestand an.

Es ist also nicht so, daß ich mir einbildete, durch meine winzigen Widersetzlichkeiten der Menschheit zu dienen. Ich diene mit ihnen vor allem mir selber, nämlich meinem Gewissen und meiner Selbstachtung. Auf die Sache kommt es dabei noch nicht einmal in erster Linie an. Ich könnte auch auf den Gebieten des Gartenbaus oder der Haartracht rebellieren. Nur auf allen zusammen nicht. Man muß sich, je nach persönlicher Beschaffenheit, kurzerhand ein paar bestimmte Dinge herauspicken, und in denen hat man dann konsequent zu sein. Wenn es hochkommt, hat es sogar doch eine gewisse Signalwirkung. Zum Beispiel fahre ich seit dem Ende meiner Kommunezeit (2006) kein Auto mehr – und eine etwas jüngere Freundin hält es inzwischen genauso, obwohl sie keineswegs so arm ist wie ich. Kinder kann sie ja sowieso nicht mehr kriegen – sie weiß, ich bin Gründer des BAM, des Bundes für die Abdankung der Menschheit. Sie weiß auch, daß ich mich des Fernsehens sogar schon seit inzwischen fast 40 Jahren enthalte. »Und was machst du, wenn die Zwangsimpfung kommt ..?« ? »Ich hoffe, sie wird mich in meiner unauffälligen Kleinstadtrandexistenz nicht erreichen.« ? »Und wenn doch ..?«

Hoffen wir, ich bleibe prinzipienfest. Die Impfschäden könnte ich wohl verkraften, denn in wenigen Jahren liege ich, soeben 71 geworden, sowieso in der Kiste. Aber diese Form der staatsterroristischen Abstempelung, die so offensichtlich an gewisse Todesstrafenpraktiken und an gewisse mit Gaskammern bestückte Barackenlager erinnert, ist zuviel. Da werde ich notfalls toben. Zuerst werden sie mich vielleicht nur schneiden und erpressen, wie jene freundlichen Email-DienstleisterInnen, die mich mit immer neuen Drohungen und Schikanen zum Genuß von Werbung zwingen wollen. Sie werden mir den Besuch meines Zahnarztes unmöglich machen, weil ich diesem keinen »Impfpaß« vorlegen kann. Rücken sie aber mit Handschellen an, werde ich mich unter Umständen an das Muster erinnern, daß Alfred Andersch (1957) in Sansibar mit seinem Pfarrer Helander gab. Ich kann das Buch getrost anführen, weil die Leute, die uns regieren und zensieren, sowieso Analphabeten sind.

Vielleicht wird sich mancher fragen, ob ich keine anderen Sorgen als orthographische oder Zahnprobleme hätte. Meine Antwort: Habe ich durchaus. Am Abend des 3. März 2021 verschwand die 33jährige Sarah Everard in Südlondon, als sie von der Wohnung einer Freundin nach Hause ging. Auf diesem Weg hatte sie sogar noch mit ihrem Freund telefoniert. Einige Tage später wurde ihre Leiche in einem Wald in Kent gefunden. Vermutlich war sie von einem 48 Jahre alten Elite-Polizisten nach Schichtende entführt und getötet worden; der Mann sitzt in Untersuchungshaft. Als es in London zu einer »ungenehmigten« Mahnwache von Frauen kam, schritt die Polizei, wegen der »Corona-Ansteckungsgefahr«, so brutal gegen verschiedene Teilnehmerinnen ein, daß sogar der Londoner Bürgermeister Sadiq Kahn und noch höhere Tiere schimpften. Jetzt wird die Londoner Polizeichefin Cressida Dick, die wir bereits beim Mordfall >De Menezes (2005) kennenlernten, zum Rücktritt aufgefordert. Sie will aber nicht. Laut Christian Bunke* sind schon wieder gesetzliche Verschärfungen=Beschneidungen des Demonstrationsrechtes auf dem Weg ins Unterhaus, und selbstverständlich würden daran auch 50 NachfolgerInnen von Dick nicht mit vereinten Kräften rütteln. Nebenbei umfaßt der betreffende Polizeigesetzentwurf, der unter anderem auch Kindern und Frauen mehr Beistand verschaffen soll, rund 300 Seiten. Glaubt einer wirklich, die Ärsche im Unterhaus würden das lesen? Jener Elite-Polizist gehörte übrigens einer Einheit zum Schutz von Parlamentariern und Diplomaten an. Ja prima, ringsum wird der Bürger nur »geschützt«, General von Trotha (»Deutsch-Südwestafrika«) und Heinrich Himmler hätten ihre Freude daran.

* »Mit Corona-Regeln gegen Proteste nach Polizeimord«, Telepolis, 16. März 2021: https://www.heise.de/tp/features/Mit-Corona-Regeln-gegen-Proteste-nach-Polizeimord-5988582.html
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