Montag, 27. Juni 2022
Dohrn, Wolf

35 (1878–1914), Reformprojekt-Chef in Dresden, beim Skilaufen in der Gegend von Chamonix (Walliser Alpen) verunglückt. Die berühmte »Gartenstadt« Hellerau, damals vor den Toren Dresdens, wurde 1909 vom lebens-reformerisch gestimmten Möbelfabrikanten Karl Schmidt gegründet. Wichtiger Bestandteil waren Werkstätten und eine »Bildungsanstalt für Rhythmische Gymnastik«, später nur noch »Festspielhaus« genannt. Man wollte im Grünen arbeiten, wohnen und feiern – kurz, man wünschte sich einen jugendstiligen Winkel, in dem der Kapitalismus gesünder und schöner auszuhalten sei. Dazu bedurfte es natürlich der Unterstützung durch zahlreiche lebensfroh und neuartig gesinnte KünstlerInnen, und wer sie alle anwarb oder koordinierte, war Schmidts »rechte Hand« Wolf Dohrn.

Der Berliner Kunstkritiker Karl Scheffler war mit Dohrn befreundet. In seinem Lebensrückblick* schildert er Dohrn, der in einem gelehrten Hause Neapels aufgewachsen war, als großzügig und draufgängerisch gestimmten Humanisten, dem offenbar ein »neues Griechentum« vorschwebte. Einen besonderen Narren hatte Dohrn an dem französisch-schweizerischen Komponisten und Musikerzieher Jacques Dalcroze gefressen. Für ihn gab er beim Architekten Heinrich Tessenow die erwähnte »Bildungsanstalt« in Auftrag. Sucht man sich ein eher unvorteilhaftes Foto** dieses mit wuchtigem Säulenportal versehenen Gebäudes heraus, weiß jeder gleich: hier findet ein Unterricht hinter Gittern statt. Die zeitgenössischen Sachsen hätten es problemlos zu einer Besserungsanstalt für Corona-LeugnerInnen erklären können, doch es heißt, sie nutzten es wieder als Kunsttempel. Das ist womöglich im Sinne Schefflers, der merkwürdigerweise von einem »schlicht tempelartigen« Gebäude, andererseits jedoch von einem gewissen Hochmut der SchülerInnen, Lehrkräfte und bevorzugt Werkenden und Wohnenden spricht. Laut Scheffler gab es in Hellerau trotz aller lebensfrohen Kundgebungen zunehmend Unstimmigkeiten, Cliquenwirtschaft und einen Machtkampf zwischen Dohrn und seinem Gönner, dem Möbelbaron. Den eigentlichen Niedergang des Projekts habe Freund Dohrn »zum Glück« nicht mehr erlebt. Nachdem es in der Weimarer Republik unaufhalt-sam verwässert worden war, erkannten die Faschisten 1939 immerhin die Potenz des »Festspielhauses« und nutzten es als Polizeischule. Später zog die rote SU-BeschützerInnenarmee dort ein.

Für Scheffler lag Dohrns Skiunfall in den Alpen sozusagen auf der Linie der Verwegenheit des Freundes. Dohrn habe stets alles aufs Spiel gesetzt, nebenbei für Dalcroze auch sein ganzes Vermögen. Nach Thomas Nitschke*** war Dohrn am 4. Februar 1914 mit der Berliner Schauspielerin Mary Dietrich unterwegs. Unweit des Dörfchens Trient sei er einen 400 Meter langen, steilen Hang »bergab gerutscht und kopfüber gegen einen Stein gestürzt, wo er leblos liegen blieb.« Zuvor habe Dietrich, soweit Nitschke wisse, Dohrns Ehe »erschüttert«. Der Organisator hatte sich 1907 mit Johanna Sattler verheiratet, wohl eine Bildhauerin. Sie ging nach dem Bergunfall an seinen jüngeren Bruder Harald Dohrn. Von Dietrich, geboren 1896, heißt es, sie habe häufig für Theaterguro Max Reinhardt gearbeitet, auf den Scheffler übrigens nicht so gut zu sprechen war. Ihr Antifaschismus hielt sich anscheinend in Grenzen. Sie starb 1951 in den USA. Da der Bergunfall bereits Anfang 1914 stattfand, blieb Dohrn auf diese Weise nicht nur die Entscheidung zwischen den Damen sondern auch der Frage erspart, ob es sich beim Ersten Weltkrieg um eine gymnastische oder doch eher dynastische Übung handele, nämlich der Krupps und Stinnes' und deren Arbeitnehmer-Innen. Jedenfalls führte die Übung zum Faschismus.

* Die fetten und die mageren Jahre, Leipzig 1946, S. 43–46
** https://de.wikipedia.org/wiki/Wolf_Dohrn#/media/Datei:Tessenow_lores.jpg
*** Grundlegende Untersuchungen zur Geschichte der Gartenstadt Hellerau / Band 1 »Die Gründerjahre«, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2005, bes. S. 153 und 170–72

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