Montag, 27. Juni 2022
Bratt, Alfred

um 27 (1891–1918), Berliner Theatermann und Erzähler. Das vielberedete und vielgeforderte Bedingungslose Grundeinkommen wurde 1916 von Bratt eingeführt. Es bewährte sich allerdings nicht so richtig. Es endete in blutigem Aufruhr und im Wiederaufblühen der bekannten kapitalistischen, wölfischen Weltwirtschaft.

Damit möchte ich nicht den Eindruck erwecken, mit seinem »utopischen« Roman Die Welt ohne Hunger, erschienen 1916, sei Bratt ein überragender Wurf gelungen. Er hat seine Schwächen. Vor allem ergeht er sich, besonders im ersten Teil, in etlichen Längen, weil Bratt das Poetisieren, In-Rätseln-sprechen, Mystifizieren liebt. Die Knappheit hat Bratt nicht erfunden. Die Indirekte Rede auch nicht, sonst wären uns manche Konjunktionen der Sorte daß erspart geblieben. Aber in dramaturgischer Hinsicht hat er gleichwohl einiges drauf; man wird das Buch nicht aus der Hand legen, bevor man nicht erfahren hat, wie die Angelegenheit endet. Ich habe es bereits angedeutet. Und sie hat Witz, obwohl der Autor nie scherzt. Man könnte auch am Ende noch nicht beschwören, es habe sich entweder um einen Beitrag zur Theorie des Klassenkampfes und des Totalitarismus (heute »Globalisierung« oder »Großer Neustart« genannt) oder aber um eine Schnulzen- und Schauerparodie gehandelt – etwa auf Dr. Mabuse, der 1916 noch gar nicht geschrieben war.

Bratts Held heißt Bell. Der Chemiker und »Weltbeglücker« (S. 86, 107, 158)* glaubt eine in die Form eines kleinen Würfels preßbare nahrhafte Substanz gefunden zu haben, die den Planeten schlagartig vom Hunger und von der Spaltung in Arm und Reich befreien würde – sofern es ihm nur gelänge, die erforderlichen Geldgeber für eine großangelegte Produktion dieser Art Maggi-Würfel zu gewinnen. Man tut ihn jedoch als Phantasten ab. Erst in London – das er von Dover aus per blitzender Einschie-nenbahn erreicht – gerät er an einen geheimnisvollen, häßlichen Sonderling, der die rechtlosen und verelendeten Vorstadtmassen, denen es schließlich auch zugute kommen soll, für das »Präparat« zu erwecken verspricht. Doch Bell fühlt sich bald mißbraucht. Er überwirft sich mit Schebekoff, sorgt bei seiner Flucht per Flugzeug für den Tod einer niedlichen blonden Tochter des Fleischtrust-bosses Graham, an die er sowieso nicht herangekommen wäre – und landet im Weißen Haus, Washington. Und der Präsident erkennt das gewaltige, stimmenfördernde Kaliber von Bells Projekt. Er setzt den Erfinder als Chef des neuen Bundesernährungsprogrammes ein und läßt damit die Produktion anrollen. Binnen weniger Wochen ist Bell weltberühmt.

Interessanter-, für manche vielleicht auch ärgerlicherweise erfährt man auf den 380 Seiten nie, worin die Nahrhaftig-keit des Wunder-»Präparates« eigentlich bestehe. Selbst eine angebliche Erprobung seines Nährwertes durch unabhängige Fachleute täuscht Bratt (248) im Grunde nur vor. Aber dann behauptet er kurzerhand, es mache die arbeitslosen Yankees tatsächlich rundum satt – denn für die ist die Pille gedacht. Sogar die unzufriedenen Stahlarbeiter halten wegen ihr zunächst ihren Streik durch. Denn die Pille ist kostenlos. Sie ist Streikgeld in Natura. Ob sie vielleicht ungut schmeckt und dem Körper so manchen sinnvollen Betätigungsdrang sperrt, steht bei Bratt nicht zur Debatte. Hauptsache, umsonst. Was den Generalstreik und die ihm antwortende Aussperrung schließlich trotz des Wunder-Präparates durchkreuzt, sind die erwachenden Frauen der Arbeiter. Das hat mir gefallen, obwohl es in den betrüblichen alten Trott zurückführt – nur diesmal ohne den fingerhutgroßen braunen Wunderwürfel. Aber Volksgemeinschaft hat man ja so oder so.

Aufgrund seines frühen Todes war Bratt lediglich ein Roman vergönnt, doch der erwies sich in der Lotterie des hauptstädtischen Literaturbetriebes auf Anhieb als Haupttreffer. Laut einem jüngsten Neuaufleger erzielte Die Welt ohne Hunger »rasch 11 Auflagen und wurde in 12 Sprachen übersetzt«. Zwei Jahre nach dem Einschlag soll der 27jährige Romancier einer schweren Lungenent-zündung erlegen sein. Das mag zur gesunden Auflage gerade noch beigetragen haben. Gleichwohl liegt das größte Rätsel in diesem Fall nicht in dem Roman, vielmehr in seiner verblüffenden Wirkungsgeschichte. Man bedenke, es war mitten im Krieg. Da hungerten die Leute wohl kaum nach Utopien, die bei strenger Prüfung wie ein Küchentisch mit vier unterschiedlich langen Beinen wackeln. Andererseits genoß Verleger Erich Reiß einen hohen Ruf – und das, die Reiß'sche Gunst, war vielleicht schon die halbe Miete für den schrägen, streckenweise ausufernden Suppenwürfelroman. Oder sollte Reiß, zum Beispiel, in Bratt einen günstigen Schwiegersohn gewittert haben, wenn Bell schon nicht Vivian Graham kriegt? Nach den bedauerlich dürren biografischen Notizen des Internets stammte Bratt aus Wiener Juristemhause, faßte um 1910 in Berliner linken Literatenkreisen Fuß, verdiente seine Brötchen als Schauspieler, Dramaturg und just Verlagslektor im Reiß-Verlag und verfaßte und veröffent-lichte seit 1912 auch eigene Geschichten. Ihn selber scheint das Damoklesschwert der Kriegsteilnahme verschont zu haben – warum, wissen wir so wenig wie den Grund seiner Lungenentzündung beziehungsweise seines Sterbens daran. In diesem Fall ist eben vieles rätselhaft.

Vielleicht darf ich noch einmal kurz auf das Bedingungslose Grundeinkommen zurückkommen. Obwohl wir nicht wissen, was Bells Würfel eigentlich enthält und ob er auch irgendeinen Geschmack hat, scheint ihm doch eine gewisse Sinnlichkeit zu eignen. Man kann ihn anfassen, man kann ihn sogar essen! Versuchen Sie das zweite einmal mit Geldscheinen … Aber was schallt mir neuerdings aus dem Magazin Rubikon entgegen? Es ist ein Hohn: da bemüht sich unsereins seit Jahren auf reichlich verlorenem Posten, die Notwendigkeit der Abschaffung des Geldes möglichst gut zu begründen und in Ehren zu halten – und jetzt werden wir, nicht ganz zu unrecht, vom Reformisten vom Dienst** aufgefordert, die Abschaffung des Bargeldes zu verhindern! Ich soll das Bargeld retten! Der Mann denkt ersichtlich ausschließlich im Banne des »Kleineren Übels«; er trauert der Sinnlichkeit des Bargeldes nach, als hätte sich Marx nie über die Leere des Tauschwertes ausgelassen; er führt den würdelosen, peinlich defensiven Abwehrkampf, den alle Reformisten predigen. Sollten sie noch irgendetwas von der Aufklärung übriglassen, werden es am Ende die Impfpäpste mit ihren Robotern und ihren milliarden telefonierenden Meßdienern oder Chorknaben wegfegen. Man sollte Alfred Bratt beglückwünschen: diesen Ekel muß er nicht mehr erleben.

* antiquarisch: Erich Reiß Verlag, Berlin, 7. Auflage 1916, hergestellt vom Hofbuchdrucker Julius Sittenfeld, Berlin W 8, sogar faden-geheftet
** Hansjörg Stützle, »Das unhygienische Bargeld« am 22. Oktober 2020: https://www.rubikon.news/artikel/das-unhygienische-bargeld

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