Montag, 27. Juni 2022
Marx, Caroline

23 (1824–47), Prominentenschwester. Es geht hier nicht um den weltberühmten, meist vollbärtigen Denker Karl Marx, Sohn eines Trierer Justizrates. Marx junior wurde vergleichsweise alt. Mit seiner Ehefrau Jenny hatte er sieben Kinder, von denen allerdings fünf früh starben, vorwiegend sogar als Kleinkinder. Das war damals leider nicht ungewöhnlich. Aber für dieses Werk ist es zuviel. Ich will mich deshalb in der namentlichen Nennung auf die frühverstorbenen Geschwister des Denkers beschränken. Das sind immer noch genug, nämlich gleichfalls fünf. Im ganzen hatte Frau Justizrat Henriette neun Kinder geboren.

Caroline Marx wurde mit 23 von der Tuberkulose weggerafft. Sie war immer schwächer und müder geworden. Über ihre Schulbildung sei nichts bekannt, heißt es in einem anscheinend gut belegten Wikipedia-Artikel über die Geschwister. Die gescheiterte deutsche Revolution von 1848 verpaßte sie um ein Jahr. Ihr Temperament? Ihre Sehnsüchte? Die Sekundärliteratur zum berühmten Bruder ist länger als die Mosel; kraulen Sie tapfer hindurch; vielleicht finden Sie ein Bröckchen.

Henriette Marx (1820–45) war nur geringfügig älter geworden, 24. Auch sie fiel der Schwindsucht zum Fraß. Trotz ihrer Erkrankung hatte sie im September 1844 einen künftigen Eisenbahndirektor geheiratet. Wenige Monate später war sie tot. Das ersparte ihr immerhin die fünf Schwangerschaften, die der Witwer dann der Nachfolgerin gemacht haben soll.

Mauritz David Marx (1815–19), der Älteste, wurde keine vier. Bei ihm ist noch nicht einmal die Todesursache bekannt.

Hermann Marx (1819–42) erlag, laut Kirchenbuch, mit knapp 23 der »Lungensucht«. Er hatte Kaufmann gelernt und war zeitweise sogar in Brüssel angestellt. Sein genaues Verhältnis zum Geld ist vermutlich unbekannt. Aber er hätte wohl kaum dicke Bücher über dieses Phänomen verfaßt.

Eduard 11 (1826–37), Gymnasiast in Trier, Schwindsucht.

Man sieht also, in der Familie Marx senior saß der berüchtigte Tuberkulose-Wurm. Sohn Karl wurde offensichtlich von ihm verschont – warum, dürfen Sie mich nicht fragen. Ein Spitzfinder wird Ihnen allerdings versichern: »Einer mußte doch den Marxismus erfinden! Das wußte der Wurm.« Die anderen Geschwister hatten eben das Los der Pechvögel gezogen. Nebenbei höre ich gerade, ein paar SchülerInnen meines Landes Thüringen hätten Glück. Das Familiengericht Weimar habe zwei Schulen der Goethestadt zahlreiche Corona-Maßnahmen, voran die Masken- und die Testpflicht, mit der Begründung untersagt, sie stellten eine erhebliche Gefährdung des Kindeswohls dar, ohne daß dafür ihr Nutzen erkennbar und belegt sei. Die Beweislast liege auf Seite der Regierenden. Die Aussagekraft der Tests wird in dem Urteil ausdrücklich bezweifelt. Freilich stoße es bei den Mainstreammedien, wenn nicht auf Desinteresse, auf Ablehnung, heißt es im Portal* des Altsozialdemokraten Albrecht Müller, der neuerdings revolutionäre Töne angeschlagen hat. Vermutlich werde das Urteil aber sowieso gekippt. Das Bildungsministerium des von mir überaus geliebten Landesvaters Bodo Ramelow habe bereits seine Entschlossenheit bekundet, das Urteil weitgehend zu ignorieren. Die warten jetzt schön die Kippung durch eine sogenannte Höhere Instanz ab. Spurt die aber auch nicht, wird uns Gottvater Ramelow einmal zeigen, wer den Schlüssel zum Geräteschuppen mit den Karrierehürden und den Zugang zu den Geldhähnen im Keller hat.

Man wird vielleicht seufzen: »Die haben den eben gewählt – was wollen Sie machen?« Ich will einmal nachdenken, erwidere ich. Gerade so wie Karl Marx, der studierte Jurist und Philosoph, allerdings über das Phänomen der Vertretung, das er möglicherweise nie behandelt hat. Er hat mit seinem Marxismus nur dafür gesorgt, daß sich viele Millionen von Kleinen Leuten nach ihm von Führern wie August Bebel oder Walter Ulbricht vertreten – und verarscht sahen.

Soweit ich sehe, wird die Reich- und Kragenweite des Systems der Vertretung von Laien oft unterschätzt. Das gilt selbst für »alternative« Laien. Fordert der Vegetarier, wer Fleisch wolle, müsse auch bereit sein, dessen Träger zu töten, etwa ein niedliches Kalb, verlangt er viel. Dann müßten wir neben dem Metzger auf die halbe Menschenwelt verzichten. Nur Tiere vertreten einander nie. Weder schickt das Kalb den behelmten Bullen noch der Igel Rennmeister Lampe vor. Das Vertreten eröffnet uns ungeheure Spielräume. Da der alte Sumerer im Tempel seine Beterstatuette wußte, konnte er sich wichtigen Markt- oder Waffengängen widmen, statt im Tempel auf den Knieen zu liegen. Opfert Abel ein Lamm oder Gott Jesus, brauchen wir uns nicht zu opfern. Fehlt einem Knaben das Zeug zum Till Eulenspiegel, kann er sich gegen Glasmurmeln oder Gummibärchen eine Art mittelalterlichen Lohnkämpen mieten, der seinen Hänslern tüchtig eins auf die Fresse gibt. Eben nach diesem Muster bedienen wir uns des Metzgers, der das Kalb für uns absticht. Schmierende Komödianten wie Peter Hartz bemühen Betriebsräte oder Rechtsanwälte, bevor sie vielleicht einen Mörder dingen. Alle Arbeitsteilungen, alle Ablösungen wie Geld, Symbole, Sprache sind Vertre-tungen, die unseren Verkehr erleichtern, unsere Spielräume vergrößern, unsere VolksvertreterInnen bereichern.

Die Nachteile liegen ja auf der Hand. Der Lohnkämpe erpreßt, der Abgeordnete betrügt mich. Vorgefundene Arbeitsteilung erstickt Begabung, verhindert Entdek-kungen, vergrößert Abhängigkeit. Zunehmende Verästelung läßt uns immer häufiger straucheln; wir verfangen uns; wir fallen herein. Kurz und schlecht: Fortschritt bedeutet, Entfremdung und Entmündigung nehmen unaufhaltsam zu. Dagegen behalten die Füchse und Dachse ihre Nahrungssuche, Interessen, Perspektiven lieber in der eigenen Pfote.

Allerdings kennen sie keine Gerechtigkeit. Bei ihnen hat der Magere Pech und gerät unter die Räder. Sie sind dem Zufall unterworfen – den die Vertretung auszuhebeln versucht. Das gereicht ihr aber trotzdem nicht zur Rechtfertigung. Das System der Vertretung setzt immer schon das ungerechte System voraus; gerade so wie die Rechtfertiger des Geldes stets den Tausch voraussetzen. Dabei ließen sich Ausgleich und Solidarität auch in einem runden System gewährleisten, etwa einer 30köpfigen Kommune. Hier beruht alles auf Absprache und Teilhabe. Aber schon für ein Residenzstädtchen wie Weimar (das heute 65.000 EinwohnerInnen hat) sehe ich in dieser Hinsicht schwarz. Wahrscheinlich werden alle Weltverbesserungsprogramme an der Unmöglichkeit zerschellen, die Menschenwelt und ihre Einrichtungen wieder zu verkleinern, statt sie unbeirrbar aufzublähen. Es ist ja klar wie Kloßbrüh: Absprache, Teilhabe, Rechenschaftslegung bedürfen der Überschaubarkeit. Ist diese aufgrund schierer Größe und der interessegeleiteten Wühlarbeit mächtiger Nachbarn nicht mehr gegeben, schleicht sich bald die Verderbnis ins republikanische Gebilde ein.

Vor knapp 50 Jahren erschien (zunächst auf englisch) das Buch Small is Beautiful des Volkswirtschaftlers und Katholiken Ernst Friedrich Schumacher und löste sofort breite Erörterungen aus. Davon will heute keiner mehr etwas wissen. Offenbar haben selbst in allen system-kritischen Kreisen ganz überwiegend Duckmäuser oder Großmäuler das Sagen, die der Wahrheit ungern ins Auge sehen. Ihr Geschäft ist der Zweckoptimismus. Sie werden uns noch mit ihren basisdemokratischen Ammenmärchen und Durchhalteparolen in den Ohren liegen, wenn die Kanzlerin (Wagenknecht?) die 163. Pandemie-Welle verkündet hat oder in Karatschi Pest und Pocken wieder ausgebrochen sind.

* Tobias Riegel, »Gericht in Weimar verbietet Schulen Maskenzwang und Testpflicht«, NachDenkSeiten, 12. April 2021: https://www.nachdenkseiten.de/?p=71509
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