Montag, 27. Juni 2022
Opportunismus
Um 2007


Bei unklarer Wetterlage sah sich Onkel Emil auf der Straße immer erst beflissen um, ehe er seinen Regenschirm entweder aufspannte oder zuklappte. Er wollte nicht das Falsche machen. Die Mehrheit hat recht.

Wer aus der Reihe tanzt, droht sich zumindest lächerlich zu machen; oft kann es den Posten, mitunter auch den Kopf kosten. Opportunisten ziehen deshalb Wendehälse vor. Nach 1989/90 zeigten sich diese auch an Schwärmen von Umfallern im April 1999, als Kriegführen plötzlich wieder erlaubt, ja sogar geboten war, weil »wir« – die 68er Veteranen – inzwischen die Regierungssessel erobert hatten. Auf die Stärksten zu setzen ist stets am erfolgversprechendsten.

Gioconda Belli war aus anderem Holz geschnitzt. Zwar ruht 1978 in Havanna Fidels patriarchales Auge voll bohrenden Wohlgefallens auf der feschen Sandinistin, doch sie widerspricht ihm. Die Taktik der Gebrüder Ortega – die Castro vornehmlich unterstützt – werde den Bedin-gungen in Nicaragua nicht gerecht. Die sandinistische Revolution siegt ein Jahr darauf trotzdem, aber Belli wird zukünftig von Castro geschnitten, wie sie in ihren Erinnerungen schreibt (deutsche Ausgabe 2001). Nebenbei hat sich der Ortegaclan bald als korrupter Haufen erwiesen. Dabei lieferte er ein bemerkenswertes Beispiel für Doppelmoral, das zahlreiche arme Bürgerinnen in Leid stürzte und noch stürzt. Um sich die Kirche und die entsprechenden WählerInnenmassen gewogen zu machen, schafften die Sandinisten (2006) die therapeutische Abtreibung ab, die seit vielen Jahrzehnten, sogar unter Somoza, gesetzlich erlaubt war. Dieses Generalverbot hindert freilich die schwangeren Geliebten von verhei-rateten Generälen der ehemaligen »Befreiungsfront« nicht daran, zwecks Abtreibung just nach Kuba zu fliegen.

Auch die Erinnerungen Victor Serges wimmeln von Feiglingen und Lumpen. Eindrucksvoll seine Begegnung mit der »menschgewordenen Heuchelei« 1927 in Moskau: Henri Barbusse. Selbst sein Freund Boris A. Pilnjak, von einer Amerikareise mit einem »kleinen Auto« heimge-kehrt, läßt sich blenden und bestechen. Stalin zieht Pilnjak 1937 dennoch aus dem Verkehr.

Opportunismus schützt nicht wirklich, weil die Verhältnisse oft noch wendehälsiger und charakterloser sind. Sie sind unberechenbar, während ein Mensch mit konsequenter Haltung doch zumindest weiß, was er hat. Hier scheint eine zu wenig bekannte Riesenklemme auf. Rechthaber Castro ließ nur die eigene Meinung gelten; Belli und Serge dagegen bemühten sich um Toleranz. In diesem Fall achtet man Meinungen, Wege, Zustände auch dann, wenn man sie für falsch oder verderblich hält. Damit ist selbstverständlich dem Opportunismus Tür und Tor geöffnet. Denn was man achtet, darf man nicht bekämpfen. Und weil das Serge nicht schmeckt, windet er sich mit der Formel »Krieg ohne Haß« aus der Klemme – wahrlich ein Akrobatenstück.
°
°