Sonntag, 26. Juni 2022
Marjoribanks, Edward

32 (1900–32), britischer Politiker und Autor mit Stil. Man weiß nicht viel über ihn, doch als echter Engländer muß er Stil besessen haben. Und in der Tat, wie ich lese, spielte er Billard, vielleicht sogar Snooker, oder sein Stiefvater tat es jedenfalls. Eine Gattin oder ein Liebhaber von Marjoribanks wird nirgends erwähnt. In Eton und Oxford erzogen, hatte es der hochgewachsene und gutaussehende Mann zum Rechtsanwalt, Politiker und sogar Schriftsteller gebracht. 1929 zog er für die Konservativen als Abgeordneter des Wahlkreises Eastbourne, Grafschaft East Sussex (Südengland), ins britische Unterhaus ein. Ob er auch als Autor Stil besaß, könnte ich allerdings nicht beschwören. Neben angeblich formvollendeten Gedichten schrieb Marjoribanks Biografien – über Geistesverwandte, wie ich einmal vermute. So legte er im selben Jahr 1929 mit The life of Sir Edward Marshall Hall ein Werk über einen Landsmann und Kollegen vor, einen erfolgreichen Rechtsanwalt und weniger erfolgreichen konservativen Politiker, der erst seit zwei Jahren unter der Erde lag. 1931 erschien ein schmaler Gedichtband von Marjoribanks. Kaum hatte er 1932 den ersten Band seiner nächsten Biografie über The Life of Lord Carson abgeschlossen, flüchtete er sich selber ebenfalls in den Schutz des Sarges. Wovor, scheint niemand so genau zu wissen. Der 32jährige Jurist und Autor hatte sich am 2. April 1932, wahrschein-lich spätabends oder frühmorgens, im Billardzimmer der in Hailsham, Sussex, gelegenen Villa seines offenbar gleichnamigen Stiefvaters Lord Hailsham mit einem Gewehr in die Brust geschossen.

Ich nehme an, Marjoribanks wohnte bei dem Lord. Falls dieser zugegen gewesen war, ob mit oder ohne Billardstock, dürfte er diesen Stil seines Stiefsohnes doch eher getadelt haben. Ich sage mir hier nicht zum ersten Mal, zu den größten Hürden, die vor einer Entscheidung zum Selbstmord genommen werden müßten, zähle die Wahl des Tatortes. Irgendwem bereitet man an nahezu jedem Tatort Ungemach. Vielleicht hatte Marjoribanks gute Gründe, eben seinem Stiefvater zu schaden, oder seiner Mutter Elizabeth, Witwe des Hon. Archibald Marjoribanks, die vermutlich dem Haushalt der Villa vorstand. Ihr neuer Gatte, der Lord, hieß eigentlich Douglas Hogg (1872–1950). Wie sich versteht, war er gleichfalls Jurist und Politiker, dabei aber zweimal auch »Lordkanzler« im Londoner Regierungsapparat und damit ein sehr hohes Tier.

Möglicherweise könnte einer die »Hürde Tatort« mit der Behauptung entkräften und wegfegen, das genannte Dilemma bestünde grundsätzlich bei jedem Tod. Selbst wenn ich mich zwecks meines »natürlichen« Ablebens als Greis in hinterste Wälder schleppte und meine Leiche nie gefunden werde, habe doch irgendjemand den Ärger mit der Vermißtenanzeige, der Fahndung, ja vielleicht sogar mit der Presse und der Rufschädigung durch diesen klammheimlichen Abgang ohne Genehmigung durch die Bürokratie. Aber gerade dann werden wieder welche raunen: Der hat sich umgebracht. Verdacht auf Selbstmord wiegt noch heute ungleich schwerer als Verdacht auf natürlichen Tod – obwohl es sich doch bei diesem um das skandalöse Übel handelt, von sogenannten Höheren Mächten so willkürlich wie kaltblütig, nämlich mit ausgeklügelter Berechnung brutal aus dem Verkehr gezogen zu werden. Verdacht auf Selbstmord unterstellt stets Charakterzüge, die auf diesem Planeten als verwerflich gelten. Entweder Schwäche im Daseins- und Konkurrenzkampf, oder Stolz, der die Anerkennung des »natürlichen«, satanischen Systems verweigert, also das Zukreuzekriechen vor diesem. So oder so ist der Selbstmörder der Gescheiterte.

Marjoribanks' Fall bleibt undurchsichtig. Man darf aber wohl vermuten, der umtriebige und anscheinend auch ehrgeizige Mann habe sich übernommen. Nach einer zeitgenössischen Meldung aus Kanada*, die ich zur Stunde nicht mehr finde, war er krank gewesen und litt an Schlaflosigkeit. Mehr nicht. Ein bedeutendes US-Blatt dagegen** ging anscheinend auf Einzelheiten ein. Es titelte: EDW. MARJORIBANKS, ILL, COMMITS SUICIDE; Brilliant Young British Politician and Biographer Had Been Working at High Pressure. Mehr nicht. Wer den vollständigen Artikel lesen will, muß blechen.

* Montreal Gazette, 4. April 1932: »He had been ill and suffering from insomnia.«
** New York Times, 3. April 1932: https://www.nytimes.com/1932/04/03/archives/edw-marjoribanks-ill-commits-suicide-brilliant-young-british.html

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