Sonntag, 26. Juni 2022
Schock laß nach
2022


Kaum war die Eisenbahn erfunden, wurde sie auch von Lebensmüden als Beförderungsmittel entdeckt. In Tolstois berühmtem Roman Anna Karenina, geschrieben um 1875, wirft sich sogar die Titelheldin vor einen Zug. Damit war sie so bequem und fortschrittlich wie möglich im Jenseits gelandet. Ihre NachahmerInnen sind bis zur Stunde Legion. Statistisch betrachtet, können Sie sicher sein, daß sich an dem Tag, an dem Sie diese Zeilen lesen, wieder ein bis zwei MitbürgerInnen auf die Schienen geworfen haben, denn allein Deutschland verzeichnet jährlich rund 700 (erfolgreiche) Selbstmorde dieser Art. Wie schon früher gestreift, hatten 2008 und 2009 sogar zwei ganz promi-nente Mitbürger keine Bedenken, dem Personal und den Fahrgästen des erwählten Zuges mindestens Traumata, höchstens den Mittod zuzumuten. Der 74jährige Industrielle und Spekulant Adolf Merckle warf sich in Blaubeuren (bei Ulm), der 32jährige Fußballtorhüter Robert Enke nahe Hannover vor einen Zug. Die Trauer war riesig, der Tadel verschwindend gering. Eine Autobahn wäre vielleicht eine gleichwertige Alternative zum Bahndamm gewesen – Irrtum! Schließlich kann der Lebensmüde am Bahndamm oder in einem U-Bahnhof auf einen Schlag viel mehr MitbürgerInnen in Mitleidenschaft ziehen. Zeitungen oder Blogs, die an der Zurechnungs-fähigkeit der betreffenden SelbstmörderInnen zweifeln, kann man wirklich mit der Lupe suchen, wie ich aufgrund meiner ausgedehnten Nachforschungen zu Frühverstor-benen versichern möchte. Insofern stellen die unkritischen Journalisten, Angehörigen und Fans noch das größte Ärgernis dar. Schließlich neigt der Lebensmüde selber gleichsam von Natur aus zu extremen, unverantwortlichen Handlungen, wie man vielleicht sagen darf.

Ich trage eine schillernde Geschichte aus dem Jahr 1865 nach, die ich einem erstaunlich gediegen ausgestatteten Werk des Stuttgarter Theatergeschichtlers Adolf Palm verdanke.* Im betreffenden Abschnitt geht es um das Ende des Schauspielers Carl Birnbaum, geboren 1803. Der hatte vornehmlich, zuletzt in Kassel und Stuttgart, in komischen Rollen geglänzt. Aber er war vom Pech verfolgt. Zunächst ließ sich seine 1837 geborene Tochter Auguste, selbstverständlich ebenfalls Bühnenkünstlerin, auf den ältesten Sohn des Kasseler Kurfürsten ein. Der Sprößling hieß Friedrich Wilhelm, wohl schon damals Prinz oder Fürst von Hanau. Er versprach seiner Angebeteten das Blaue vom Himmel und machte sie schon einmal zur »Gräfin« – nur hatte er kaum noch einen Taler in der Tasche, weil sein Alter wegen der unstandesgemäßen, in England geschlossenen Ehe die Geldzufuhr gesperrt hatte. Vater Birnbaum, ohne Zweifel geschmeichelt, half zunächst aus der Klemme. Er steckte den Frischver-mählten Summen zu, die ihn um ein Haar ruiniert hätten, wie uns Palm versichert. Aber nach wenigen Ehejahren war die Adelsspuk zuende: der Prinz kroch beim Alten in Kassel zu Kreuze, die »Gräfin« durfte sehen, wo sie blieb. Natürlich schlich sie nach Hause, zu Vater Birnbaum in Stuttgart also. Dort kam sie »gebrochen, zerschlagen an Körper und Seele« an, offensichtlich sterbenskrank. Als ihr Vater sie in Cannstatt begraben mußte, war sie noch keine 25 Jahre alt. Das war im Sommer 1862. Doch Gram und Schmach machten auch vor dem Vater nicht halt. Noch im selben Jahr starb Birnbaums eigene Gattin Maria. Vom Intendanten der Stuttgarter Hofbühne Ferdinand von Gall fühlte sich der Komiker zunehmend geschnitten und gekränkt. Er biß die Zähne zusammen. Dann kam es zur Stuttgarter Erstaufführung der Karlsschüler von Heinrich Laube. Das war Anfang 1865. Birnbaum war erst kürzlich 61 geworden. Für diese Produktion hatte man ihm die Rolle des schwäbischen Serganten Bleistift zugeteilt, »jener armen gehudelten Unterthanenseele, in welcher er ein Stück seines eigenen Duldens, seines eigenen verpfuschten Daseins ausgeprägt fand«. Entsprechend sorgfältig habe sich Birnbaum mit der Rolle vertraut gemacht. Ihren Glanzpunkt hat sie in Bleistifts Erzählung aus seinem traurigen Vorleben, plaziert im zweiten Akt. Über diesen Akt kam die Erstaufführung des 10. Februars nicht hinaus.

Birnbaum hatte seine Erzählung durchaus eindrucksvoll über die Bühne gebracht; »stürmischer Beifall«. Er ließ sich bereits auf der Hinterbühne erschöpft auf irgendeiner Kiste nieder. Plötzlich vernahm der Inspizient Birnbaums Aufschrei. Er sprang hinzu und fing den Taumelnden in seinen Armen auf. Dann lag der blauberockte »Sergant Bleistift«, jäh vom »Schlagfluß« getroffen, auch schon als geschminkte Leiche lang auf den Brettern, die ihm die Welt bedeutet hatten, während auf der Vorderbühne die Tabak rauchenden und Punsch trinkenden Karlsschüler lärmten. Palm zufolge wurde der zweite Akt noch zu Ende gespielt, das Stück im ganzen jedoch nicht. Birnbaums Mitspieler Grunert, »Herzog Karl«, setzte das Publikum ins Bild und schickte es nach Hause.

Keine Panik bitte, die Pointe kommt noch. Dafür sorgte das Gericht, als es die Papiere des Verstorben durchsah. Es zog einen Zettel hervor, den Birnbaum erst kürzlich handschriftlich bekritzelt hatte: »Morgen, am Tage nach der ersten Aufführung der Karlsschüler wird man meinen hoffentlich rasch und tödtlich zerrissenen Leichnam auf den Eisenbahnschienen zwischen Feuerbach und Kornwestheim finden. Ich bitte um freundliches Angedenken und um ein stilles, einfaches Grab an der Seite meines geliebten Kindes. Es bedarf keiner Inschrift.« Für Palm ist damit klar, Birnbaum hatte bereits mit dem Leben abgeschlossen, als er sich in der Garderobe zum Serganten Bleistift schminkte. Nur habe ihm »ein letzter Strahl von Schicksalsgunst« das Los erspart, »im fröstelnden Grauen eines Februarmorgens auf dem harten Lager der Eisenbahnschienen« zu liegen. Das verhinderte Grauen verschiedener Bediensteter und Fahrgäste der Eisenbahn dagegen liegt jenseits des Palmschen Horizonts.

* Briefe aus der Bretterwelt, Stuttgart 1881 (Verlag Adolf Bonz und Comp.), S. 182–87
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