Sonntag, 26. Juni 2022
Tost, Gita

34 (1965–2000), bayerische lesbische Autorin und Künstlerin, Streiterin für Gleichstellung alternativer Beziehungsformen, Selbstmörderin. Neben seiner Angst vor dem Tod – die ist natürlich die höchste – hat der verantwortungsbewußte Selbstmörder mindestens drei Hürden zu nehmen. Sie betreffen den Zeitpunkt, den Tatort und das Mittel. Zum ersten kann er sich seinen Selbstmord abschminken, wenn er damit wartet, bis er das große Zittern hat, blind ist oder vom Kopf her nichts mehr auf die Reihe bringt. Zumindest sollte er beizeiten seine Vorbereitungen treffen. Zweitens hat er einen Tatort auszuwählen, der seinen Freunden und seinen Mitbürgern möglichst wenig Ungelegenheiten bereitet. Sich um Mittag vom Kirchturm auf den Marktplatz zu stürzen, scheidet also genauso aus wie der bereits wiederholt gegeißelte grobe Unfug, sich vor ein Auto oder eine Lokomotive zu werfen. Nummer Drei betrifft das Mittel, das der Selbstmörder wählt. Es sollte auch ohne Bemühung moderner Verkehrsmittel möglichst verläßlich greifen. Von den Hinrichtungen mit der Giftspritze ist zum Beispiel bekannt, daß es dabei auch deshalb immer wieder zu ausgefallenen Grausamkeiten kommt, weil die Betäubung vor oder bei der Hinrichtung versagt. Das liegt mal an schlampiger Verabreichung, häufiger aber daran, daß die für den subjektiven Fall angemessene Auswahl und Dosierung der Betäubungsmittel sehr schwierig, im Grunde sogar unwägbar ist. Aber den Deliquenten kurzerhand zu erschießen, und zwar noch im Gerichtssaal unmittelbar nach Verlesung des Todesurteils, kommt zumindest in den Staaten nicht in die Tüte. Es würde den US-Präsidenten und seine WählerInnen zu sehr an die täglichen außenpolitischen Aktivitäten der Yankees erinnern.

Aus diesen Ausführungen folgt: ein schlecht erwogener und ausgeführter Selbstmord kann leidvoller sein als das Übel, das ihn veranlaßt hat. Das schließt natürlich auch das drohende Scheitern des Versuchs ein sich umzu-bringen. Neben den ungefähr 800.000 Suiziden jährlich weltweit kommt es nach verschiedenen Schätzungen auch Jahr für Jahr zu mehreren oder gar vielen Millionen Selbstmordversuchen, also zu Fehlschlägen. Und nicht selten haben diese für den Gescheiterten äußerst unangenehme gesundheitliche und soziale Folgen, von Gewissensqualen einmal abgesehen. Konnte er beispielsweise vorher noch durchs Zimmer schlurfen, hockt er nun im Rollstuhl. Und so weiter. Kann er aber doch noch laufen, wird der Gescheiterte, soweit ich weiß, zumindest in Deutschland wegen »erheblicher Selbstgefährdung« sofort in die Psychatrie gesteckt. Aufgrund seines Suizidversuches wird ihm nämlich eine psychische Erkrankung unterstellt, die zu diagnostizieren, zu bekämpfen und möglicherweise zu heilen ist – wahrscheinlich mit Medikamenten und Methoden, von denen der Gescheiterte bei seinem Suizidversuch nur träumen konnte.

Warum sich Gita Tost in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 2000, wahrscheinlich in oder bei Regensburg, eine Mahlzeit aus Knollenblätterpilzen kochte, bleibt in den vorhandenen Quellen verschwommen wie ein Wald im Nebel. Den Wald scheint sie dann nach der Mahlzeit auch aufgesucht zu haben. Dort habe sie die giftigen Pilze »eigenhändig« gesammelt, schreibt Gitta Schürck.* Tost war wohl auch sonst von der »Magie des Waldes« umsponnen. Für Schürck war sie »eine krätzgurkige, herzensgute Seele«. Sie muß eine harte, leidvolle Kindheit und Jugend gehabt haben, teils in einer »miefigen« niederbayerischen Kleinstadt, stets mit viel ihr angetaner Gewalttätigkeit. Schließlich floh sie aus einer Ehe und versuchte es mit der kämpferischen Kunst.

Als sie, vermutlich nicht mehr bei Sinnen, im Wald lag, kam ein fremder Mann und brachte sie ins Krankenhaus. Eine Woche lang wurde um das Leben der 34jährigen »gerungen«, wie es ja immer heißt. Dann war sie tot. Sie selber hatte womöglich mit einigen Qualen zu büßen; der Steuerzahler dagegen mit vielen Euros für den Medizinisch-Industriellen Komplex.

* »Eine Welt ohne Gita Tost …«, GWR April 2000: https://www.graswurzel.net/gwr/2000/04/eine-welt-ohne-gita-tost-in-eine-anderswelt-mit-gita/
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