Sonntag, 26. Juni 2022
Chatterton, Thomas

17 (1752–70). Nach gängiger Meinung brachte sich der heutzutage recht bekannte englische »Dichter« und Fälscher, mittels Gift, schon mit 17 Jahren aus Gram über seine Verkennung um. Sicherlich sei auch Geldnot hinzugekommen, hatte sich doch sein Lehrvertrag mit dem Bristoler Rechtsanwalt John Lambert erübrigt, nachdem dessen Lehrbub von Philologen als literarischer Betrüger entlarvt worden war. Ferner habe sich Chattertons Vorstellung, dafür in London einen »Durchbruch« als Literat oder wenigstens Journalist zu erzwingen, im bekannten dortigen Nebel aufgelöst.

Die Vorgeschichte: Rund zwei Jahre vor seinem »Freitod« hatte Chatterton mit angeblichen Funden aufhorchen lassen. Er wollte in Bristol Gedichte und Trauerspiel-Fragmente entdeckt haben, die ein Mönch namens Rowley im 15. Jahrhundert verfaßt hatte. Auch in diesem Fall von Hochstapelei ließen sich zunächst etliche Fachleute täuschen, darunter der berühmte Erfinder der gothic novel (des Schauerromans) Horace Walpole. Mehr noch, der blutjunge Advokatengehilfe soll den Geist der betreffenden verflossenen Zeiten derart gekonnt nachempfunden und außerdem schöpferisch bereichert haben, daß mancher sogar an überragende Wiedergeburts-Fähigkeiten Chattertons zu glauben begann. Allerdings entsprach dessen gothic revival auch dem Zeitgeist des englischen Frühkapitalismus. Dieser Mode folgend, hatte Chatterton, der ohnehin ein Träumer gewesen sein soll, wahre Berge der entsprechenden Literatur verschlungen. Nebenbei bemerkt, hatte er seinen Vater, einen Küster mit starken musikalischen und okkulten Neigungen, schon vor der Geburt verloren, da klammert man sich vielleicht an überlieferte großartige Gestalten, sofern kein Ersatz in Sicht ist.

Immerhin gingen die Geniestreiche des Jünglings nach und nach in zahlreiche Kunstwerke ein, darunter die 1956 in Hamburg uraufgeführte Tragödie Thomas Chatterton von Hans Henny Jahnn. Vermutlich hatten es Jahnn, neben der Genie-Frage, auch die engelshaften Züge des Knaben angetan, wie sie auf zeitgenössischen Bildnissen zu bewundern sind. Andere Quellen geben Chatterton als bedauernswerten, im Elend lebenden Sohn einer Näherin aus, während aus wieder anderen eher auf einen zynischen und hochnäsigen Jüngling geschlossen werden kann.

Jedenfalls soll er sich zuletzt als überflüssig empfunden haben. Der 11. Ausgabe der Encyclopædia Britannica von 1911 zufolge hatte er sich in seiner Dachkammer einen Trank mit Arsenik bereitet. Vorher habe er, was von seinen Manuskripten eben greifbar war, in kleinste Stücke gerissen. Möglicherweise hatte das der Autor des betreffenden Artikels auf einem 1856 von Henry Wallis geschaffenen Gemälde* gesehen. Wie man vielleicht bestätigen wird, hat sich Chatterton bei Wallis derart wohlgefällig auf der schäbigen Liege hingestreckt, daß sich alle lebensmüden Kunstfreunde eigentlich nur nach einem Tütchen Arsenik sehnen können. In Wahrheit dürfte er über Stunden hinweg an Übelkeit, Krämpfen, Durchfall, inneren Blutungen, schweren Koliken gelitten haben. Meist stirbt der Vergiftete an Nieren- und Kreislaufver-sagen – unter Umständen erst nach Tagen. Ein sachgemäßes möglichst schonendes Vergiften ist eine Kunst für sich, mindestens so schwer wie das Fälschen von Altertümern, und es steht zu befürchten, diese Kunst habe Chatterton nun nicht auch noch beherrscht.

Freilich gibt es auch in diesem Fall wieder ein paar wissenschaftlich angestrichene Legenden-AnkratzerInnen. So habe ein Team der University of Bristol aufgrund umfangreicher Durchforstung der vorhandenen Quellen den starken Verdacht, maßgebliche romantische Interpreten hätten Chattertons Situation und Ableben verzerrt dargestellt, meldet neulich ein britisches Blatt.** Zum einen habe sich der junge Literat in London durchaus gut von Veröffentlichungen ernähren können; zum anderen sei sein angeblicher Selbstmord sehr wahrscheinlich ein Unfall gewesen. Fälscher Chatterton, ohnehin Opiumesser, habe wohl versehentlich eine falsche Dosis Arsen als Medizin gegen eine Geschlechtskrankheit eingenommen. Wie er sich letztere zugezogen habe, verrät Dr. Nick Groom, der Teamchef, natürlich nicht.

* https://en.wikipedia.org/wiki/File:Henry_Wallis_-_Chatterton_-_Google_Art_Project.jpg
** Danielle Demetriou, »Reports of 18th century Romantic icon's suicide were 'greatly exaggerated'«, Independent, 26. August 2004: https://www.independent.co.uk/arts-entertainment/books/news/reports-of-18th-century-romantic-icons-suicide-were-greatly-exaggerated-53318.html

°
°