Sonntag, 26. Juni 2022
Mellmann, Johann W. L.

31 (1764–95), Klassischer Philologe und schnöder Hungerstreikler. Nach einer Kindheit im Klützer Winkel (Mecklenburg), wo sein Vater »Prediger« ist, geht er in Lübeck aufs Gymnasium und studiert anschließend in Kiel und Göttingen. Nekrologist Friedrich von Schlichtegroll* behauptet kühn, neben der frühen Unterrichtung habe Mellmann sicherlich auch seinen »moralischen Charakter« der »vortrefflichen Erziehung« durch seine »ganz exem-plarisch lebenden Aeltern« verdankt. Ein Jugendfreund spricht schon ein wenig skeptischer von der »patriar-chalischen Welt der Hebräer« und dem »goldenen Zeitalter der Griechen und Römer«, in die man damals, als Gast, in Mellmanns Elternhaus eingetaucht sei.

Bald nach dem Studium erhält Mellmann eine vermutlich ehrenvolle Berufung zum Rektor der griechischen und lateinischen Klassen des Gymnasiums der Universität in Moskau. Das war 1786. Sechs Jahre darauf, 1792, wird er, möglicherweise zusätzlich, Professor an der Universität selber. Von einer Familiengründung Mellmanns ist nichts zu lesen. 1793 muß der junge Professor griechisch/la-teinische Gedichte auf die Vermählung des Großfürsten Alexanders machen. Der zukünftige russische Kaiser ist damals 15. Seine Braut, Louise von Baden, 14. Laut Schlichtegroll hatte Mellmann bereits als Student poetische Versuche unternommen, daneben erkennbar eine Neigung zum Eigenbröteln und »Speculieren« gezeigt. Außerdem dürfte er schüchtern gewesen sein. Er übt sich in Moskau auch im Zeichnen und Malen. Von Geselligkeit hält er sich unter anderem deshalb fern, weil überall dem Spiel gefrönt wird. Mellmann begreift sich jetzt hauptsächlich als Schulmann, nicht Schriftsteller. Nach einem Fieber beklagt er Augenschwäche. In seinem letzten Lebensjahr arbeitet er zielstrebig an einer Griechischen Grammatik. Aber gleichzeitig studiert er Kants Schriften und versucht sich sogar an lateinischen Übersetzungen des kritischen Philosophen. Offenbar ist Mellmann eher Grübler als Gelehrter. Das bescheinigt er sich wohl auch selber in einem Brief an Freunde, wenn er bekennt, ihm klebe »ein hinderlicher Hang zur Speculation« an.

1794/95 gerät er erstaunlicherweise in Konflikt mit Vorgesetzten. Wahrscheinlich kreiden sie ihm vornehmlich an, den liberalen Auffassungen Imanuel Kants anzuhängen. Zuletzt lädt der oberste Moskauer Bischof den Professor zu einem Gespräch – das zu seiner Entlassung und Ausweisung führt. Nach Schlichtegroll berichten seine Moskauer Freunde, Mellmann habe sich beim Prälaten erhitzt, verrannt und ihn gar beleidigt. Nun wird er von Militär zur Grenze mit Ostpreußen begleitet. Das geschah bei grimmiger Kälte und anscheinend überdies auf ruppige Art. Mellmann sei völlig insichgekehrt und melancholisch gewesen. Ein preußischer Leutnant Von Derschau nimmt sich seiner »vortrefflich« an, doch vergebens: Mellmann will nichts essen. Die »Besinnung« sei ihm weggewesen, schreibt Schlichtegroll. Der Leutnant läßt ihn von Soldaten, die er dringend zu schonendster Behandlung ermahnt, per Kutsche nach Königsberg bringen. Aber dort kommt Mellmann nie an. Da er weiter unbeirrt jede Nahrungsaufnahme verweigert, sei der 31jährige am 12. April 1795 in Georgenburg (bei Insterburg) vor Entkräftung gestorben.

Ein enger Freund des Verhungerten spricht Schlichtegroll gegenüber von Überspannung; speculativer, abstrakter Moral; Schwärmerei. Verbünde sich ein solches Naturell mit schwachen, leicht reizbaren Nerven oder Hypochon-drie, sei der Betreffende »für das wirkliche Leben« verloren. Zeitgenosse Schlichtegroll selber enthält sich eines Kommentars. Seine Eingangs-Hymne über die »reine, wohlwollende Seele« Mellmann darf man nicht zu ernst nehmen; sie ist Unfug oder Tarnung. Er spricht also weder vom Hungerstreik eines, wahlweise, tief Beschämten oder tief Gekränkten noch gar von den Quellen jenes angeblichen Naturells. Sie dürften ja jede Wette vor allem im Elternhaus zu suchen sein.

* Nekrolog auf das Jahr 1795, Band 2, Verlag Perthes, Gotha 1798,
S. 59–110

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