Samstag, 25. Juni 2022
Weininger, Otto

23 (1880–1903), Wiener Kultbuchautor. Als Sohn eines Goldschmiedes und als Kulturphilosoph mit Doktortitel konnte er sich »seiner Leiblichkeit«, so die Grabinschrift, schlecht in irgendeinem Dickicht des Wiener Waldes oder in einem Wiener Bordell entledigen, zumal der österreichische Jude bereits für seine Sinnes-, Frauen- und Judenfeindlichkeit bekannt war. So nahm er sich am 3. Oktober 1903 ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus in der Wiener Schwarzspanierstraße 15, um sich am folgenden Morgen ebendort zu erschießen. Erst im Juni war ein dickes Buch des 23jährigen »Genies«, wie manche noch heute meinen, erschienen: Geschlecht und Charakter. Weil es die angedeuteten feindlichen Positionen vertrat, hatte man eigentlich erhebliches Aufsehen erwartet. Tatsächlich schlugen die Wogen des öffentlichen Diskurses aber keineswegs so hoch, daß Weiningers Doktorhut europaweit unübersehbar gewesen wäre. Doch welcher Tumult und welche Umstrittenheit nach jenem tödlichen Schuß ins Herz! Bis 1909 erlebte Weiningers Werk schon 11, bis 1932 noch einmal 17 Auflagen.* Ob man es nun gut oder schlecht fand, man mußte es gelesen haben. Man mußte es nach jeder Lektüre entweder andächtig zwischen Kant, Nietzsche und all die anderen schieben oder über den verbissenen Fleiß staunen, mit der ein solch junger Mann die eigene hybride Verklemmtheit zum philosophischen Weltgebäude erhoben hatte. »An den Nachweis der Alogizität des absoluten Weibes hat sich der Nachweis seiner Amoralität im einzelnen zu schließen.« Hier sprach wahrlich ein Zu-kurz-gekommener, ein Ordnungs-fanatiker, ein Schubladenwüterich, wenn auch immerhin nicht ganz so hölzern wie Georg Simmel.

Wird Weininger gern angerechnet, er habe ja »das Weibliche« oder »das Jüdische« nur als Chiffren für Anteile benutzt, die grundsätzlich in jedem Menschen vertreten seien, rüttelt es selbstverständlich an Weiningers Verachtung der (eigenen) Schwäche und an seiner Verherrlichung von Kraft, der Idee des Staates, der Riesenopern Richard Wagners und dergleichen mehr um keinen Zentimeter. Der 20 mal bessere Schriftsteller Friedrich Georg Jünger hält ihm zudem (1972 in den Scheidewegen) zugute, immerhin sei er kein gewalttätiger Mensch gewesen, der etwa auf der Straße mit einem Knüppel auf die Juden, die Frauen oder die Politik- und Staatsverdrossenen eingeschlagen hätte. »Das Massive seiner Angriffe entspricht dem Zugriff, dem er sich ausgesetzt fühlt. Seine Polemik ist ein Akt der Selbstverteidigung und Notwehr. Ohne Angst ist der durchdringende Scharfsinn seiner Kombination nicht zu denken, und diese Angst wächst, bis sie Verzweiflung wird.« Wie sich versteht, konnte Weininger nichts für diese Angst und nichts für seinen Selbsthaß. Aber bei seiner Klugheit hätte er vielleicht wissen müssen, daß sie beide sowohl für die Wahrheitssuche wie für die Literatur stets der schlechteste Ratgeber sind.

Wie mich bereits weiter oben Philipp >Mainländer an Weininger erinnerte, drängt sich nun noch der venetische »Philosoph« Carlo Michelstaedter auf (1887–1910), der sich, wie Weininger erst 23, im Oktober 1910 in seiner Heimatstadt Görz/Gorizia (bei Triest) erschoß. Kurz zuvor hatte er seinen »Kulturpessimismus« in seiner Doktor-arbeit Überzeugung und Rhetorik dargelegt. Zum Selbst-mord trieb ihn wahrscheinlich auch das sehr gespannte Verhältnis zu seinen wohlhabenden, bildungsbürgerlich geprägten Eltern, dabei insbesondere zu seiner übermächtigen Mutter.

Vielleicht fehlte den Weiningers und den Michelstaedtern vor allem ein echter Freund? Das Verlangen zumindest des typischen Mannes nach einem solchen dürfte bekannt sein. Der echte Freund ist der uns vorbehaltlos Anerkennende. Damit wäre der erste Kandidat für diese Rolle eigentlich stets der eigene Vater, aber mit dem läuft es meistens schief. Ignoriert er den Sprößling nicht gerade kaltblütig, tyrannisiert er ihn. Seit Sigmund Freud prügelt er nicht mehr so oft, droht jedoch umso hartnäckiger mit »Liebesentzug«. Das Heimtückische an den väterlichen Freunden liegt in der Paarung des Liebenswerten an ihnen mit ihrer Machtstellung. Deshalb hat der Sprößling später, falls er dem Alten in die »Freiheit« entkommen ist, erhebliche Schwierigkeiten, Anerkennung woanders als bei »Autoritäten« zu suchen. Ich spreche natürlich aus eigener Erfahrung. An mir vorüberziehen zu lassen, wievielen namhaften Leuten ich bereits hinterhergerannt bin, bereitet mir immer mal wieder einige Röte im Gesicht, die nicht von der Sonne stammt. Selbstverständlich begehrte man da auch stets rasch auf, sofern es gelegentlich zu einer näheren Beziehung kam. Diese Autoritäten haben es ohne Zweifel nicht leicht. Sie werden von dem, der ihre Freundschaft sucht, gleich doppelt berannt: von einem Bettler um Liebe und von einem Mörder.

* Joachim Riedl, »Weib, Jude, Ich – weg mit allem!«, Zeit, 6. Dezem-ber 1985: https://www.zeit.de/1985/50/weib-jude-ich-weg-mit-allem
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