Samstag, 25. Juni 2022
Enke, Robert

32 (1977–2009), deutscher Fußballtorhüter. Als sich der Sohn eines sportbegeisterten Psychotherapeuten im November 2009 mitten in einer zwar bewegten, im ganzen jedoch sehr erfolgreichen Karriere als professioneller, 1,86 messender Fußballtorhüter an einem Bahnübergang in Niedersachsen vor einen Zug warf, löste er nahezu eine Staatskrise aus. Für den Augenblick war die Nation vor Entsetzen gelähmt. Natürlich nicht aus Mitgefühl für die Zuginsassen, LokführerIn voran. Vielmehr hatte die Nation nicht nur einen wichtigen Wirtschaftskapitän verloren, wie etwa im Falle des Industriellen Adolf Merckle, der sich ein knappes Jahr vor dem Startorwart auf dieselbe soziale Weise das Leben nahm. Vielmehr hatte sie den publikumswirksamen und einschaltquoten-magnetischen Hüter der häuslichen Heimatfront verloren. Die außerhäusliche lag damals in Afghanistan.

Am nächsten Tag nahmen 35.000 Menschen an einem Trauermarsch, vier Tage später 40.000 an einer Trauerfeier im Stadion des Bundesligisten Hannover 96 teil, für den der Thüringer Enke zuletzt zwischen den Pfosten gestanden hatte. Er war beliebt gewesen. Und wenn er in den zurückliegenden Jahren wiederholt mit »Depressionen« zu kämpfen hatte, wie nun von den Angehörigen eingeräumt wurde, hatte er dies den Fans und Managern, denen er seine gehobene Lebensführung verdankte, verständlicherweise nicht auf die Nase gebunden. Da war dann eher von »Infektionen« die Rede gewesen. Dabei hatte Enke, mit seiner Frau Teresa, nicht nur den Gram um eine schwerkranke und nach zwei Jahren verstorbene Tochter zu tragen; vielmehr fiel es ihm offenbar grundsätzlich schwer, das Hauen und Stechen um Ehre, Geld und das berüchtigte Nummer-1-Podest in der Fußballnationalmannschaft als Deckchensticken zu begreifen. Sein Vater Dirk sagt dem Spiegel*, Gesprächsangebote habe Robert wiederholt ausgeschlagen. Für ihn, den Vater und Seelenfachmann, ist die Angst der wesentliche Nährboden von Roberts Depressionen gewesen. Der Sohn habe bereits als jugendlicher Fußballer immer wieder Angst davor gehabt zu versagen, also den Ansprüchen der Kameraden, Trainer, Bewunderer, die man sich bekanntlich auch selber gern zu eigen macht, nicht zu genügen. Zwar habe Robert in jüngster Zeit einen Klinikaufenthalt erwogen – aber auch davor habe er sich gefürchtet. Zum einen nahm er wohl nicht zu unrecht an, damit wäre der schöne runde Ball, der die Rubel oder Dollars gezielt in wenige Taschen rollen läßt, für ihn garantiert im Aus gewesen. Und zum anderen, deutet der Vater an, dürfte Robert den Blick auf die Wurzeln seiner Angst, seine wunden Stellen, seine »Schwäche« befürchtet haben. Schließlich stehen zwischen den Pfosten ausschließlich Helden.

Dem baumlangen australischen Abwehrspieler Tyler Simpson (1985–2011), zuletzt bei den Blacktown City Demons unter Vertrag, war es nicht gelungen, in der Ersten Liga Fuß zu fassen. Auch ein Versuch, sein Glück in Europa zu machen, scheiterte. Zwar zählte er beim Zweitligameister der Jahre 2007 und 2015 Blacktown (ein Vorort von Sydney) zu den sogenannten Leistungsträgern, aber wie es aussieht, genügte ihm das nicht. Im Mai 2011 brachte sich der 25jährige um. Wie der frühere Erstligastar Chad Gibson, der Simpson kannte und schätzte, in einem Blog-Beitrag** durchblicken ließ, waren es auch in diesem Fall vor allem die »Dämonen« des Ruhmstrebens, die den oft fröhlichen Hünen in den Tod geritten hatten – nicht etwa Liebeskummer oder Krebs. Die Krankheit heißt mindestens Karrierismus.

Enkes Frau Teresa setzt sich inzwischen in der neugegründeten Robert-Enke-Stiftung unermüdlich gegen »Depressionen im Spitzensport« ein. Gegen den Spitzensport, wäre vielleicht zuviel verlangt. Aber sie könnte bei ihren Beratungen selbstmordgefährdeter SchwerverdienerInnen immerhin Bahnübergänge, Autobahnbrücken und dergleichen Tummelplätze zu »Tabuzonen« erklären. Eine entsprechende Aufklärung läßt nebenbei auch der Psychotherapeut Dirk Enke vermissen, falls ich sie nicht übersehen habe. Zudem könnte Schwiegertochter Teresa vielleicht empfehlen, einmal über Javi Poves' Schritt nachzudenken. Der damals 24jährige Nachwuchsstar des spanischen Erstligisten Sporting de Gijon reichte 2011, wenige Wochen nach Simpsons Selbstmord, seinen Abschied ein. Er soll schon immer ein kritisch gestimmter Kopf und Gegner des Kapitalismus gewesen sein. Jetzt gedenke er zu studieren und die Realitäten solcher Konfliktherde wie dem Nahen Osten mit eigenen Augen zu erkunden. Da hat er freilich ebenfalls gute Chancen umzukommen. Laut dpa-Meldung vom August 2011 nannte Poves den Fußballbetrieb einen nicht unerheblichen Bestandteil der »Welt der Täuschung«, in der wir lebten. Von der Habgier und der Korruption einmal abgesehen, sei der ganze Zirkus darauf angelegt, die Menschen von ihren eigentlichen Sorgen und Bedürfnissen abzulenken. Brot & Spiele eben, wie seit altersher. Obwohl man neuerdings eher sagen müßte, Brot & Viren.

* »Er war in den eigenen Ansprüchen gefangen«, 14. November 2009: https://www.spiegel.de/sport/fussball/robert-enkes-vater-er-war-in-den-eigenen-anspruechen-gefangen-a-661239.html
** »The Superman Effect«, Football Federation Australia, 11. April 2012: http://www.footballaustralia.com.au/gibson-opinion-display/The-Superman-Effect/46818

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