Samstag, 25. Juni 2022
Rogers, Stan

33 (1949–83), kanadischer Folk-Music-Sänger. Am 2. Juni 1983 brach in einer Douglas-Linienmaschine von Dallas, Texas, nach Montreal, Québec, ein Brand aus, der sie zur Notlandung auf dem Flughafen Cincinnati im nördlichen Kentucky zwang. Am Boden brannte sie weiter. Todesopfer und Überlebende hielten sich genau die Waage, je 23. Rogers zählte zu den Toten. Das kurbelte immerhin seine (posthume) Platten-Produktion an, denn der 33jährige Gitarrist und Liedermacher mit der gleißenden Stirnglatze war kein Star gewesen. Aber verheiratet: die Witwe und Nachlaßverwalterin heißt Ariel. Seit 1997 gibt es in Canso, Nova Scotia, sogar ein jährliches Stan Rogers Folk Festival. 2014 wurde es allerdings wegen einer Hurrikan-Warnung abgesagt. 2020 kam ein noch verheerenderes Ereignis dazwischen, Sie wissen schon. Mal sehen, wie es weitergeht.

Die Burg-Waldeck-Festivals im Hunsrück, veranstaltet 1964–69, waren angeblich die ersten Freiluftkonzerte in Deutschland. In Fachkreisen gelten sie jedenfalls als Meilenstein des deutschsprachigen Liedermachertums. Dort weiß auch jeder, daß der antiautoritär gestimmte schwäbische Liederausgräber und -macher Peter Rohland (1933–66), kräftig in Gestalt und Bariton, zu ihren Mitgründern gehörte. In Westberlin hatte er sogar zeitweise Musik studiert. Eigentlich wollte sich der breitmundige Barde ohne Bart fest in Süddeutschland niederlassen, aber das ging dann leider nur im Sarg. Warum? Das dürfen Sie die Webseite der Peter Rohland Stiftung nicht fragen. Sie erklärt uns mit einem Aufsatz Helmut Königs von 1999: Im Januar 1966 erkrankte Rohland plötzlich, im April war er tot … In anderen Quellen herrscht die Formel vor, der 33jährige sei in der Freiburger Universitätsklinik »den Folgen einer akuten Gehirnblutung« erlegen. Aber wie kommt man zu so einer Gehirnblutung, bitteschön? Oder zu jener verschwom-menen »Erkrankung«? Eckard Holler meint 2007 in seiner Waldecker Rede zur Stiftungsgründung*, bei Rohland sei die Gehirnblutung »vermutlich durch Überarbeitung ausgelöst« worden. Jetzt wissen wir es ganz genau.

Wäre es möglicherweise denkbar, auch die Angst hätte eine Rolle gespielt? 1976 startete ich meine eigene Laufbahn als Liedermacher in einer Kreuzberger Pizzeria. Wie ich dieses »Debüt« überleben konnte, ist mir noch heute ein Rätsel. Meine Finger zitterten wie Espenlaub; mein schlackernder Gitarrenhals verpaßte den am Podest Stehenden beinahe Ohrfeigen; in meinen Roots-Gesundheitsschuhen standen Lachen der Schweißperlen, die mir am Körper hinabrollten; mein Atem flog erheblich schneller, als ich die Worte meiner selbstgefertigten Texte stammeln konnte – und so weiter. SchauspielerInnen oder Prüflinge kennen auch weiche Knie und Herzklopfen. Doch wer all diesen Aufgeregten »Angst« bescheinigen würde, zöge sich ihr empörtes Fauchen zu. Es ist höchstens Lampenfieber.

Auch die »Nervosität« und der wahrlich inflationär gehandelte »Streß« verharmlosen die Angst, wie ich glaube. Einen Menschen, der sich bewähren soll, plagt zumindest die Angst vorm Versagen. Da auch Nieren oder das Herz versagen können, liegt die Vermutung nahe, Kern jeder Angst sei Todesangst. Seelenärzte wie Freud und sein abtrünniger Zögling Jung, wie Wolfgang Schmidbauer oder H. E. Richter stimmen darin tatsächlich überein. Angst bewirkt das Gefühl, in die Enge getrieben zu werden, und an deren Ende winkt das Nichts.

Sollte sich Rohland tatsächlich »überarbeitet« haben, wäre zumindest die Frage berechtigt: warum tat er dies? – »Aus Geldnot«, ist die bequemste Lösung. Eher saß ihm doch irgendetwas im Nacken, das ihm Unruhe, Schuldgefühl, Getriebensein, bohrenden Ehrgeiz bescherte. Niemand wird Liedermacher oder sonst ein Künstler wie ein Freund der Bäume und Hölzer Schreiner wird. Alle KünstlerInnen sind eigentlich schon vom ersten frühen Probestück an Kandidaten für dieses Lexikon. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie immer.

* http://archiv.folker.de/200704/11rohland.htm
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