Samstag, 25. Juni 2022
Sacco und Vanzetti

36 und 39, angeblich Raubmörder, beide hingerichtet USA 1927. Im Juli 1977 gab der amtierende Gouverneur von Massachusetts Michael S. Dukakis eine »Ehrenerklärung« für die beiden aus Italien eingewanderten, anarchistisch gesinnten Arbeiter ab. Das Verfahren gegen sie sei eindeutig unfair gewesen und habe in einem Klima der Ausländerfeindlichkeit und der Intoleranz stattgefunden, deshalb müsse das Gedenken an sie hochgehalten werden. Ein Freispruch war das selbstverständlich nicht. Wahrscheinlich wird die Frage, ob Ferdinando »Nicola« Sacco (36) und Bartolomeo Vanzetti (39) im August 1927 in Charlestown, Massachusetts, schuldbeladen oder unschuldig auf dem Elektrischen Stuhl saßen, der sie ins Jenseits beförderte, auch nie zu klären sein. Die Meinungen sind geteilt, wobei die Zweifel an ihrer Schuld, wie es aussieht, überwiegen. Die Ungereimtheiten und Widersprüche etwa zwischen Zeugenaussagen sind zahlreich, Fälschungen von Beweismitteln wahrscheinlich. Etliche beteiligte Juristen gestanden später ihre eigenen, rassistischen oder antikommunistischen, Motive mehr oder weniger deutlich ein.

Der Fall schlug schon in den 1920er Jahren Wellen der Kragenweite Dreyfus-Affäre und Reichstagsbrand. Mit den Büchern über ihn könnte man ein 50-Meter-Schwimmbecken zumauern. Der US-Komponist Marc Blitzstein wollte ihnen um 1960 noch ein Opern-Libretto hinzufügen, doch dieses Vorhaben scheiterte an seiner eigenen Ermordung. Blitzstein war übrigens von der Unschuld der angeblichen anarchistischen Raubmörder überzeugt. Den beiden war damals im wesentlichen ein bewaffneter Überfall vom April 1920 in South Braintree, Massachusetts, vorgeworfen worden, bei dem ein Lohnbuchhalter und ein Wächter der Schuhfabrik Slater & Morrill Shoe Company erschossen worden waren. Beute: rund 15.000 Dollar. Der Prozeß, die Hetze gegen »Staatsfeinde« und die Bücher haben schätzungsweise 150 Millionen Dollar verschlungen.

Diesseits der Schuldfrage müssen sich fühlende und denkende Wesen wie Blitzstein selbstverständlich gegen die Todesstrafe verwahren. Im Gegensatz zu einem Gerichtsverfahren läßt sich, bei neuer Beweislage, ein hingerichtetes Leben nicht wiederaufnehmen. Eindeutige Beweislagen sind ohnehin seltener als Schmerztabletten ohne Nebenwirkungen. »Abschreckung« verfing noch nie. Im übrigen kommt jedes Todesurteil der verbotenen Folter gleich, sofern der Richter nicht sofort nach dem Verkünden zum Revolver greift, um sein Urteil auf der Stelle im Gerichtssaal zu vollstrecken. Wie Friederike Freiburg 2007 feststellt, sind in den USA allein seit 1973, also in rund 30 Jahren, 124 Todeskandidaten begnadigt worden, nachdem sich, meist auf Betreiben von Angehörigen und Menschenrechtlern, ihre Unschuld herausgestellt habe. Für einige andere kam die Einsicht der Behörden zu spät.* Wenn jeder von diesen 124 lediglich drei Jahre in der Todeszelle geschmort haben sollte, hätten wir schon 372 Jahre ununterbrochener Folter beisammen, sogar für nichts und wieder nichts. Man braucht die Nächte dabei keineswegs ausnehmen. Mit dem Schuß des Richters wären die Verurteilten besser bedient gewesen. Schließlich hat damals beim Überfall auch der Lohnbuchhalter nur drei oder 30 Sekunden um sein Leben gezittert.

* »Sacco und Vanzetti / Die Macht des Zweifels«, Spiegel Online, 22. August 2007: http://www.spiegel.de/einestages/sacco-und-vanzetti-a-946780.html
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