Samstag, 25. Juni 2022
Gladow, Werner

19 (1931–50), Berliner Gangsterboß. Der Sohn eines Fleischers war mit Sicherheit kein Antikapitalist – nur zu kurz gekommen. Obwohl stämmig und eher untersetzt gebaut, fehlte es ihm nicht an Beweglichkeit. Zudem fand er in dem unübersichtlichen, auch zweigeteilten Berlin der Nachkriegszeit ein für räuberische Umtriebe durchaus günstiges Betätigungsfeld vor. Man überfiel im Westen ein Leihaus oder eine Bank, teilte die Beute im Osten; erleichterte dort eine Vopo-Streife um ihre Pistolen, schlupfte wieder zurück, um ein Schmuckgeschäft am Kurfürstendamm oder wenigstens einen Hehler in Zehlendorf aufzusuchen. Mit unliebsamen Zwischenfällen ist zu rechnen. Hier kracht ein als Leiter benutzter Stapel aus Tonnen zusammen, dort springt die Fahrradkette vom Fluchtfahrzeug ab. Beim Pläneschmieden in den einschlägigen Eckkneipen tritt der minderjährige Bandenboß, wegen einer Stippvisite auf einem Gymnasium Doktorchen genannt, gern im schwarzen Anzug mit weißer Krawatte auf. Da er seinem Vorbild Al Capone zunehmend auch im Schußwaffengebrauch nacheifert, häufen sich die Schwerverletzten – und dann gibt es zwei Tote, womit sich die Gladow-Bande viele Sympathien seitens der Gesamtberliner Bevölkerung verscherzt. Mit Hilfe eines »Singvogels« kommt die Ost-Kripo dem 18jährigen Bandenchef auf die Spur. Er hält sich in der elterlichen Wohnung in Friedrichshain auf. Nach ordnungsgemäßem Klingeln an der Wohnungstür und einem nachfolgenden einstündigen Feuergefecht – beides könnte erhebliche Zweifel an der Befähigung der FahnderInnen wecken – wird Gladow verhaftet und im März 1950 verurteilt. Wie Mitstreiter Sohni (11 Jahre Gefängnis) berichtet, kommentiert sein junger Boß das gegen ihn verhängte dreifache Todesurteil auf eine Art, die den Richter leichenblaß werden läßt.* »Wissen Sie, Herr Richter, hat Doktorchen gesagt, einmal laß ich mir das ja gefallen, die Birne abhauen, aber det andere beede Mal, würde ich sagen, det is Leichenschändung.«

Gladows Wirken wurde bis heute schon wiederholt verfilmt oder auf die Bühne gebracht. Freilich sind die wenigsten so hartgesotten, wie sie vor Gericht abgekocht werden. Nun, nach der Verurteilung, bleiben ja Doktorchen in seiner Gefängniszelle in Frankfurt an der Oder noch immerhin rund acht Monate Zeit, um sich seine bevorstehende Enthauptung auszumalen – während die beiden Menschen, die er auf dem Gewissen hat, bestenfalls für Sekunden ahnten, jetzt gehe es ihnen an den Kragen. Somit liegt im ersten Fall eindeutig Folter vor. Mit schönen Grüßen an China und die USA.

* Jens Brüning, »Vom Metzgersohn zum Gangsterboss«, Deutschlandfunk Kultur, 8. April 2005: https://www.deutschlandfunkkultur.de/vom-metzgersoh-zum-gangsterboss.932.de.html?dram:article_id=128939
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