Samstag, 25. Juni 2022
Quakenbrücker Segelflugschülerin

17 († 2012). Für den Autoführerschein war diese vermut-lich deutsche junge Frau noch zu jung. Als sie am 4. August 2012 im niedersächsischen Quakenbrück mit ihrem unmotorisierten Flugzeug gegen eine Zeile von Reihen-wohnhäusern krachte, war sie 17 und tot. Man könnte das mit dem Hinweis übergehen, kein Fortschritt sei ohne Lehrgeld zu haben. Knapp zwei Jahre darauf legte freilich eine schon 56jährige Segelflugschülerin aus dem nordhessischen Baunatal auf dem nahen Dörnberg einen zu steilen und damit letztlich »harten« Landeanflug hin, weshalb sie, wegen Verdachts auf schwere Rücken-verletzungen, gleich weiter ins Kasseler Rote-Kreuz-Krankenhaus – geflogen wurde.* Eine Alternative wäre der auch nicht ganz ungefährliche Weg über die Autobahn Dortmund–Kassel gewesen. Jetzt fährt die gute Frau vielleicht Rollstuhl. Der Dörnberg bietet schon seit 1924 einen Segelflugplatz. Seit 2015 beherbergt er außerdem, im ehemaligen Landesjugendhof, eine Kommune: befremdlicherweise, wie ich finde.

Jene 17jährige starb noch am Unfallort. Was die beteiligten BodenbewohnerInnen angeht, kamen sie anscheinend mit dem Schrecken davon. Das Mädchen war auf dem Quakenbrücker Flugplatz per Seilwinde gestartet. Zuletzt war es, nach Augenzeugenberichten, sehr tief geflogen. Laut Untersuchungsbericht der BFU lagen bei der jungen Pilotin weder Anfälle noch Drogenkonsum vor; vielmehr: Überforderung beim ersten Alleinflug. 2009, am 5. Juli, hatte es ein 19jähriger Sportkamerad besser getroffen. Er rettete sich durch Fallschirmabsprung, ehe sein Segelflugzeug bei Quakenbrück in einem Getreidefeld zerschellte.** Auch die brütenden Wachteln waren rechtzeitig davongestoben. Wie ich im Internet lese, lieben es die SegelfliegerInnen, ihren »Sport« als Poesie oder Mentaltraining, somit als gesundheitsdienlich, anonsten harmlos auszugeben. Ertüchtigung und Beherrschung des Luftraums sind nicht im Spiel.

Soweit ich weiß, waren in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst alle nichtstaatlichen Flugaktivitäten verboten. Der Segelflug wurde 1951 wieder erlaubt. Der deutsche Faschismus hatte dem Segelflug großes (vormilitärisches und ideologisches) Gewicht beigemessen; schon in der HJ gab es recht begehrte »Luftsportscharen«, die vor allem Gleit- und Segelflug pflogen. Heutzutage haben wir im schönen Deutschland ungefähr 50 Segelflugunfälle jährlich. 2009 sollen diese sogar den Löwenanteil aller Flugunfälle gestellt haben. 2010 teilt ein FAZ-Sportredakteur*** beiläufig mit, der gesamte europäische Segelflug fordere jährlich zwischen 16 und 20 Todesopfer. Alle anderen Schäden, die »mentalen« einge-schlossen, wollen wir wieder mit Schweigen bedecken.

* »Segelflugschülerin bei harter Landung schwer verletzt«, 112-magazin.de (Korbach), 17. April 2014: https://112-magazin.de/aus-der-region/item/11716-segelflugsch%C3%BClerin-bei-harter-landungschwer-verletzt
** »Segelflugzeug stürzt in Quakenbrück in Wohnhaus: 17-jährige Pilotin tot«, Bersenbrücker Kreisblatt, 4./6. August 2012 (am Artikelende): https://www.noz.de/artikel/243148/segelflugzeug-sturzt-in-quakenbruck-in-wohnhaus-17-jahrige-pilotin-tot#gallery&0&0&243148
*** Leonhard Kazda, »Weltmeister der Lüfte …«, FAZ, 18. Juli 2010: https://www.faz.net/aktuell/sport/randsportarten/segelfliegen-weltmeister-der-luefte-mit-der-nummer-007-11012274.html

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