Samstag, 25. Juni 2022
Bott mistet aus II
Um 2000 (Auszug)


Heute gab es grüne Soße und Bratkartoffeln zum Fleisch. Jule war die einzige, die das Fleisch nicht anrührte. Dafür stand noch Käse auf dem Tisch. Obwohl das gekochte, fasrige Fleisch vom Rind stammte, kam Bott wiederholt der pralle Leib des gestorbenen Schweines in den Sinn. Freilich verdankten sich die Braten und Würste der gutdeutschen Küche nicht jenen Leichen, die im Container enden. »Schlachtvieh muß ausbluten«, hatte der Metzger in Besse Bott ziemlich erschöpfend erklärt. Man kennt ja die Bilder. Schlächter in weißen Gummistiefeln waten vor weißgekachelten Wänden durch das Blutbad, das sie Tag für Tag ungerührt anrichten. Trotzdem wurde Bott auch beim heutigen Mittagessen nicht schlecht.

Wie zur Buße, tauchte er gegen Ende der Mittagspause in den Stall der Sauen. In diesen Herbstwochen, da Bott dem invaliden Lothar für rund fünf Stunden täglich unter die Arme griff, warf auch fast jeden Tag irgendeine Sau Ferkel – ob 7, 11 oder 15, sie waren in allen Stadien vorhanden. Manche existierten allerdings gar nicht mehr, weil sie von ihrer Mutter versehentlich plattgedrückt worden waren. Wer das Ausmisten versah, klaubte diese vierbeinigen Pechvögelchen auf, um sie auf die Miste zu schmeißen. Gegen die Ratten legte Lothars Vater regelmäßig Gift. Bott gingen dabei immer griffige Zahlen der UNO durch den Kopf; zum Beispiel sterben jährlich weltweit 10 Millionen Kinder aufgrund von Krankheit, Hunger oder Gewalt, bevor sie fünf Jahre alt werden. Anderen zu kurz gekommenen Ferkeln – an den Zitzen immer wieder abgedrängt – wurde Lothar zum Verhängnis. In solchen Fällen stellte Lothar nach kurzer Musterung der Lage fest: »Dieses da hat keine Chance.« Schon griff er sich das schmächtige Ferkel aus der Bucht, nahm es an den Hinterläufen und schlug es einmal kurz und kräftig gegen die Stallwand. Dann landete es ebenfalls auf der Miste.

Im Augenblick gab sich Bott der Komik hin, die unter Ferkeln herrscht. Die älteren stöberten im Stroh, flitzten ruckartig hin und her, balgten sich wie Möpse. Die jüngeren setzten den Zitzen der sich grunzend räkelnden Sau zu als gelte es, ihre Mutter im ganzen zu verschlingen. Waren sie alle vollgesogen, bildeten sie in der Ecke, wo die Rotlichtlampe hing, den berüchtigten Ferkelhaufen. Sie drängelten und keilten sich ineinander, wobei die Ecke für ihre zunehmende Aufgipfelung sorgte. Wären sie 50 statt nur 15 Ferkel gewesen, hätten sie auf diese Art die Buchtwände überwinden können, um sozusagen über Bord zu gehen. Die lustigen Winzlinge ahnten nicht, wie bald sie von eben diesem Schicksal ereilt werden würden – in acht oder zehn Monaten vielleicht. Ungefähr 100 Kilogramm »Lebendgewicht« sollten sie dem Schlachter präsentieren.

Bott wurde ein wenig weh ums Herz. Er griff sich ein geflecktes Ferkelchen aus der Bucht, das ihm besonders zerbrechlich und schutzbedürftig vorkam. Auf einer Hand in Brusthöhe gehalten, ragte es kaum über seine Fingerkuppen hinaus. Da es weder quiekte noch Bott das Flanellhemd näßte, schloß er auf ein furchtloses Gemüt. Bott strich ihm bewundernd und dankbar den Kopf, zupfte an seinen verstülpten Ohren und rühmte seinen unterentwickelten Schwanz, der einem verkohlten Streichholz ähnelte. Das Ferkel schien sich tatsächlich wohlzufühlen, denn es begleitete Botts Liebkosungen mit dünnem Grunzen. Vermißte es weder den Ferkelhaufen noch seine Mutter? Kannte es keinen Trennungsschmerz?

Wenn ja, war das sogenannte Geburtstrauma an ihm vorübergegangen. Darwins Großvater Erasmus hatte es erstmals in Band I seiner Zoonomia beschrieben. Danach lassen sich die bekannten Symptome der Angst bereits unmittelbar nach der Geburt beobachten: Erblassen, Zittern, Atemnot, Entleerung von Blase oder Darm. Nur der Schweißausbruch fehlte in Darwins Liste. Möglicherweise stellte das Schwitzen eine spezifisch menschliche Domäne dar, während Darwin ausschließlich von Tierjungen sprach. Weder die Ziegen der Kommune Emsmühle noch die Schweine und Kühe der Wilhelmis zeigten verschwitzte Züge. Am Gutsbach hatte Bott kürzlich ein braunes Wiesel mit weißer Kehle ertappt, das erschrocken Männchen machte; aber nach Schweißaus-bruch hatte es auch nicht ausgesehen.

Aus dem Erleben jener Symptome entstehe im Neugeborenen der Angstaffekt, der nichts anderes als »die Erwartung unlustvoller Sensationen« sei, hatte der Urdarwin erläutert. Doch nach Forschern wie Freud, Erich Fromm, H. E. Richter stellte sich die Sache inzwischen unerbittlicher dar. Immerhin war mit dem Enkeldarwin Gott gestorben, der doch vielen Menschen ein erheblicher Trost gewesen war. Um es mit einer fast paradoxen Wendung zu sagen, die Bott bei Wolfgang Schmidbauer belustigt hatte: in der Trennungsangst haben wir »die Mutter aller Ängste« zu sehen. Was aber bedeutete es für einen Säugling, radikal von Mutter oder Amme getrennt zu werden? Er ging jämmerlich zugrunde. So lauerte in aller Angst durchaus mehr als die eine oder andere »unlustvolle Sensation« – nämlich der eisige Anhauch des Nichts. Da hat so mancher zartbesaitete Zeitgenosse die Wahrheit des Sprichworts zu erfahren, der Ängstliche sterbe tausend Tode.

Bott schüttelte sich und warf das gefleckte Schweinchen auf den Ferkelhaufen zurück. Dann erklomm er den großen Fendt-Schlepper, um zur Gerätehalle hinüber zu fahren.
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