Freitag, 24. Juni 2022
Etwas Kreudertee
2007/2012 (Auszug)


Nach einer bissigen Bemerkung von Anatol France hat in kapitalistisch verfaßten Demokratien jeder das Recht, unter einer Brücke zu schlafen. Kreuder hat in einer hübschen Kurzgeschichte Tunnel zu vermieten. Die Krone gebührt jedoch Waldemar, der auf dem Dachboden in einem mit rotweiß gestreiften Matratzen versteiften alten Kleiderschrank haust, dem Türen und Rückwand fehlen. Kreuder kam aus ärmlichen Verhältnissen. Das Improvisieren lag ihm im Blut. Da sich die 20er Jahre eher kalt als gülden anließen, verbringt sein Vater im schäbigen Häuschen am Offenbacher Stadtrand viele Stunden auf dem Küchenherd, wobei ihm das wortkarge und fastenreiche Überleben wahrscheinlich nur gelingt, weil er auf einem alten Gartenstuhl mit eisernem Gestell sitzt. Angeblich war er einst »als Erfinder im Maschinenbau anerkannt und bei seinen Chefs, die ihn ausnutzten, beliebt« gewesen, berichtet der Sohn. Schon mit 35 erleidet Ludwig Kreuder einen Schlaganfall. Das kleine Vermögen der Eltern fällt der Inflation zum Opfer. Die Mutter bezieht Sozialhilfe, geht außerdem nähen und putzen. Ernst selber unterzieht sich einer Lehre als Bankkaufmann – bis er sie abbricht, um in Frankfurt Kriminalistik zu studieren. Allerdings landet er weder bei der Kripo noch im Knast. Sofern er nicht in Kiesgruben oder Ziegeleien schafft, hört er nebenbei Philosophie und büffelt fleißig Gedichte von George, Rilke, Trakl. Später kommt ihm zu Ohren, Adorno habe Schulter an Schulter mit ihm studiert. Das färbte leider zu wenig ab.

Hätte sich Vater Kreuder vom Küchenherd gestürzt, wäre ich auch nicht verblüfft. In den Erinnerungen von Stefan Zweig und Sebastian Haffner werden die Begleiterschei-nungen der Inflation, die Deutschland nach der nicht stattgefundenen Revolution in ihren Strudel riß, gut ausgemalt. Während der Zynismus steigt, hagelt es Selbstmorde. Einer bringt sich aus purer Not um; ein anderer, weil er sich um ein paar Milliarden verspekulierte. Im bürgerlichen Berliner Hause Haffner war die Not allerdings nicht groß genug, um auch noch das Dienstmädchen zu entlassen. Reformisten und Heilsarmisten wenden natürlich sofort ein: Ja, weil sie das arme Ding nicht ins Unglück stoßen wollten; sie retteten einen Arbeitsplatz; fast hätten sie sogar ihren Bechstein-Flügel verkauft! Vom Kapital – das die Grafiker der Roten Fahne gern als dicken Mann mit Zigarre und Zylinderhut gaben – ist bei Sebastian Haffner nicht die Rede. Hugo Stinnes? Wer beherrscht die Produktionsmittel? Superrüstungsgewinne? Nie von gehört. Dafür kennen wir die gängige Münze »super«. Ihr spärlicher Gebrauch ist nicht verwerflich. Während Sprößling Arthur zunächst in Gotha die Schule besucht, empfiehlt ihm Johanna Schopenhauer einmal brieflich, sich nicht immer superklüger als seine Lehrer aufzuspielen. Sogar zu Lichtenbergs Zeiten (um 1775) wanderte der Suppenlativ bereits durch die Küchen, Wirtshäuser, Schlafzimmer. Übertreibung ist ja keineswegs nur der SchriftstellerInnen Geschäft.

»Bis an den Grabesrand werde ich schreiben müssen«, seufzte Kreuder in einem Gespräch mit Angelika Mechtel, das sich in deren Sammelband Alte Schriftsteller von 1972 findet. Das war lediglich insofern aufgebauscht, als Kreuder nur noch wenige Monate zu leben hatte. Während er den Kaffee für seinen niedrigen Blutdruck von Satiren, Kurzgeschichten, Rezensionen in der Presse bezahlt, schreibt er an seinem nächsten Roman, den er ahnungsvoll »Diesseits des Todes« genannt haben möchte. Darüber setzt sich sein Verleger allerdings jenseits (1973) hinweg. Das Buch erscheint als Der Mann im Bahnwärterhaus, bleibt aber trotzdem ein Ladenhüter.
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