Freitag, 24. Juni 2022
Kivi, Aleksis

38 (1834–72), südfinnischer Schriftsteller, verkannt. Ein Spezial-Lexikon über die Spezies der Verkannten dürfte umfangreicher als mein 24bändiger Brockhaus ausfallen. Kivi steht immerhin schon drin. Vielleicht ist mir zunächst die Frage gestattet, durch was sie alle, die Verkannten, eigentlich verbunden werden. Die Antwort liegt auf der Hand: durch Zufall. Das Alphabet täuscht nur. Man wird nicht einen Fall der Verkennung oder aber der Anerkennung vorbringen können, der nach so etwas wie zwingender Notwendigkeit verlaufen wäre. Das schließt Namen von etlichen Berühmtheiten ein, die ich für Windbeutel halte, wobei ich mich allerdings hüten werde, sie an dieser Stelle zu nennen. Erfolg und Mißerfolg hängen immer von Dutzenden von Faktoren ab, die der Betreffende nicht oder kaum zu beeinflussen vermag, die kulturpolitischen Umstände, seinen Gesundheitszustand und selbst das Wetter eingeschlossen. Dieser schwankenden Lage, bei der ein Künstler wie auf einem Fluß zu turnen hat, der genauso viele Eisschollen wie Strudel bietet, entspricht natürlich der Umstand, daß noch niemand den Meßpegel für künstlerische, insbesondere literarische Qualität erfunden hat. Auch deren Beurteilung hängt von vielen zufälligen Bedingungen ab, unter denen die Voreingenommenheit oder die Faulheit des Kritikers nicht die seltenste darstellt.

Das einzige, worauf in diesem Bereich Verlaß ist, sind die betroffenen KünstlerInnen selber. Sie fühlen sich immer verkannt. Woran liegt das? Selbstverständlich an jener befangenen Selbstliebe, die vom Automobil bis zur Vaterlands- und Kindesliebe vor nichts Halt macht. Was uns gehört, unser Eigenes, ist immer das Schönste und Wichtigste. Das beliebte Argument zur Rechtfertigung dieser Selbstüberschätzung, nämlich man wünsche die Anerkennung billigerweise als Entschädigung für die große Mühe, das viele Wissen und die lange Zeit, die man in das betreffende Kunstwerk gesteckt habe, darf getrost in der Pfeife geraucht werden. In die Stadt X. zum Beispiel habe ich nicht einen Backstein gesteckt. Aber ich wurde in ihr geboren, ich wuchs in ihr auf, ich verliebte mich in ihr zum ersten Male, ich kenne alle ihre lauschigen Winkel wie meine Westentaschen, ich durfte in ihr die Uraufführung meines ersten Theaterstückes erleben und so weiter – und deshalb ist sie immer die schönste und wichtigste Stadt auf der Welt.

Nehmen wir Weimar. Im September 1987 war dort eine Ausstellung über Aleksis Kivi zu sehen. Ich will mich darauf beschränken, den berühmten Mann mit einigen Worten des zu unrecht wenig bekannten DDR-Schriftstellers Armin Müller vorzustellen, gestorben 2005. Müller lebte in Weimar. Er schreibt* über den Schneidersohn, der sich schon früh auf Bücher geworfen hatte: »Als Kivi, Anfang Dreißig, seine Sieben Brüder zum Druck geben wollte, winkten die Verlage ab, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Roman im Selbstverlag herauszubringen. Doch das sollte ihm nichts helfen. Der berühmteste Kritiker des Landes verriß das Buch, und Kivi, ein sensibler, kränklicher Mann, zerbrach daran. Er war erst achtunddreißig, als er 1872 in einer Nervenheil-anstalt starb. / Zehn Jahre später fand sein Buch die verdiente Anerkennung. Seitdem gilt Kivi als der bedeutendste Dichter Finnlands, der Roman ist in zwanzig Sprachen übersetzt, und der Geburtstag seines Autors wird als Nationalfeiertag begangen. / W. H. erzählt diese Geschichte auf der Wahlversammlung des Schriftsteller-verbandes in Weimar, und mancher der Anwesenden hört sie sichtlich gern. Die potentiellen Kivis unter uns scheinen in der Mehrzahl zu sein.« – Laut Petri Liukkonen** hatte man bei dem verschuldeten und zunehmend verwirrten Schriftsteller Kivi »Schizophrenie« diagnostiziert. Sein Bruder Albert habe ihn aus der erwähnten Nervenheil-anstalt losgeeist und ihn für sein letztes Lebensjahr in ein gemietetes oder gekauftes Häuschen in Tuusula am Tuusulanjärvi-See (bei Helsinki) verfrachtet, wohl dem Heimatort ihrer Mutter. Kivis selbstbewußte letzten Worte gibt Liukkonen mit »minä elän!« wieder: Ich lebe!

Einmal abgeschweift, führe ich auch noch Wien an. Niemand kennt Antonín Smital – auch ich nicht. Für den österreichischen Schriftsteller und Journalisten Stefan Großmann war er »ein slawisches Talent«, das seine wöchentlichen »dichterischen Skizzen« in Victor Adlers Wiener Arbeiterzeitung mit »Oblomow« zeichnete. Auch Peter Altenberg habe damals, um 1895, große Stücke auf Smital gegeben. Doch eines schlechten Tages, das war 1897, habe man just aus der Arbeiterzeitung erfahren, Smital sei tot. Niemand habe sich um den Nachlaß des ungefähr 34jährigen tschechisch-deutschen Schriftstellers gekümmert, der sich auch als Übersetzer (Bozena Němcová) versuchte. »Nie ist auch nur eine einzige Sammlung der kleinen Novellen Smitals erschienen, die ihn berechtigt hätten, sich neben Anton Tschechow zu stellen«, schreibt Großmann in seinen 1930 veröffent-lichten Erinnerungen Ich war begeistert. Für ihn zählt Smital*** zu den vielen Beweisen dafür, wie töricht der Glaube sei, jedes wirkliche Talent finde auch die Beachtung, die es verdiene. »Ruhm ist Zufall und noch dazu ein unhaltbarer. Ruhm ist außerdem eine Angelegenheit des Willens. Gerade die Edelsten wollen nicht.« Oder die Götter waren nicht gewillt, wie ich schon gelegentlich bemerkte, ihnen einen starken Willen mitzugeben.

Für »die vielen Kivis unter uns« ist es natürlich tröstlich, wenn auch Großmann sich fragt, welche Unmengen an Talenten oder Genies, an zukünftigen Shakespeares oder Tschechows wohl allein deshalb verkümmern mußten, weil die Ungunst der Stunde oder Lebensunmut sie am Aufblühen hinderten. Dasselbe fragte sich 1985 der zeitweilige P.E.N.-Vorsitzende Martin Gregor-Dellin in seinem Buch Was ist Größe? Man muß aber heute zu bedenken geben, daß an dieser Verkümmerung nicht nur Gene, Milieus und Austilger wie der finnische Kritiker August Ahlqvist oder wie Johannes Brahms schuld sind (Fall >Rott). Sondern es gibt inzwischen, entsprechend sowohl zur Übervölkerung dieses Planeten wie zur grundsätzlichen Überschätzung des Kunstschaffens, einfach zu viele Talente. Unter »marktwirtschaftlichen« Bedingungen ist unmöglich Platz für sie alle. Das Netz ist voll. Da kommen nur die ruppigsten Exemplare oder die Eintagsfliegen durch.

* Tagebuch Ich sag dir den Sommer ins Ohr, Rudolstadt 1989, S. 283
** in seinem Authors' Calendar, Stand 2018: http://authorscalendar.info/akivi.htm
*** Nach meiner jüngsten Internet-Suche veröffentlichte Smital mindestens zwei Bücher, nämlich 1888 das »Galiziſche Sittenbild« Die Familie Kobinſan und 1894 den Roman Von Herzen – mit Schmerzen. Das steht in einem zeitgenössischen Lexikon (Franz Brümmer, Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Bd. 6, 6. Aufl. Leipzig 1913, S. 450) – aber auch nur dort. Brümmer hat überdies ein paar spärliche biografische Angaben zu bieten. Danach war Smital Landwirtssohn aus dem mährischen Dorf Pollein, Gymnasiast von schwacher Gesundheit, befaßte sich in einigen Jahren neben dem Feldbau »privatim« mit Philologie und Geschichte. Besonderes Vergnügen hätten ihm vogelkundliche Studien bereitet. Schließlich aus familiären Gründen zur Erwerbstätigkeit gezwungen, habe er sich zunächst in Prag, dann in Wien schriftstellerisch betätigt. Dort sei er in die Redaktion des Neuen Wiener Tageblatts eingetreten. Damit endet Brümmers Schilderung. Ferner scheint es einen deutlich jüngeren, 1991 erschienenen, ungefähr fünf Seiten langen Porträt-Artikel über Smital von Franti?ek Spurný zu geben. Titel: »Zapomenutý česko-německý spisovatel Antonín Smital« (Der vergessene tschechisch-deutsche Schriftsteller Antonín Smital): https://biblio.hiu.cas.cz/records/b231a41b-6e53-4620-8484-a247db911b9c?back=https%3A%2F%2Fbiblio.hiu.cas.cz%2Frecords%2Fe36b151d-d9b9-420c-9424-a64d8d27ba40%3Flocale%3Dde&group=b231a41b-6e53-4620-8484-a247db911b9c.

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