Freitag, 24. Juni 2022
Gogh, Vincent van

37 (1853–90), wohl Selbstmord. Wahrscheinlich ist es unmöglich, die »Fußgängerzone« einer beliebigen deutschen Kleinstadt zu durchqueren, ohne von einem Dutzend Reproduktionen seiner Gemälde auf Plakaten, Kalendern und Postkarten behelligt zu werden. Was Wunder, er soll der bekannteste und beliebteste Maler aller Zeiten sein. Wahrscheinlich liebt man vor allem seinen unkonventionellen und mythenträchtigen Werdegang, Armut und weitgehende Verkennung eingeschlossen, sowie die Preise seiner Bilder, die bis heute, nachdem er einmal tot war (Juli 1890), ziemlich stetig in astronomische Höhen stiegen. Man nimmt zumeist an, der »verrückte« Maler aus Holland, der zeitweise in Belgien, später in einem südfranzösischen Irrenhaus lebte, habe sich mit 37 Jahren eigenhändig erschossen. Die Umstände seines Todes sind ähnlich umstritten wie die Frage, ob sich Van Gogh im Streit mit seinem Kollegen und kurzzeitigen Wohngenossen Paul Gauguin das ganze oder nur das halbe Ohr abgeschnitten habe, wobei gelegentlich sogar Gauguin als der Täter gehandelt wird. Auch darüber sind bereits etliche Aufsätze und einige Bücher geschrieben worden. War es eigentlich das linke oder das rechte Ohr? Man wird vielleicht erwidern, das sei relativ, je nach Standpunkt des Betrachters. Mit der »Bedeutung« eines Menschen oder Werkes verhält es sich ähnlich, nur haben die PrägerInnen des Kanons, wie ich vielleicht schon einmal bemerkte, meist die Kanonen auf ihrer Seite – in Gestalt von Rotationsmaschinen, Lehrstühlen, Fernsehkanälen beispielsweise. Vor diese Kanonen gebunden, wird sich übrigens auch jeder junge Mensch, der als »Senkrecht-starter« in den zeitgenössischen Literaturbetrieb einzugehen gedenkt, zweimal überlegen, ob er das sogenannte Hauptwerk des belgischen »Klassikers« Charles de Coster, der 1879 mit 51 Jahren aus mir unbekannten Gründen von uns ging, in die Nähe von Lamme Goedzaks Schmerbauch und Thyl Ulenspiegels Esel rückt.

Ich will meine Abneigung kurz begründen, wobei ich mich auf die dtv-Dünndruck-Ausgabe in der Übersetzung Walter Widmers beziehe. Danach verzapfte De Coster sein Epos über den flämischen Befreiungskampf gegen die Spanier Ulenspiegel (1867) zu allem Unglück in einem altertümelnden Französisch, dem es gelingt, die starke Tendenz des Werkes zur Langatmigkeit bis zur Aussichtslosigkeit zu steigern. Die Nähe zum Alten Testament liegt für den Kenner schon durch De Costers inflationären Gebrauch des Bindewörtchens und auf der Hand. Auch De Coster liebt die Wiederholung, sowohl in stilistischer wie in thematischer Hinsicht, und er liebt die Verherrlichung von Kraft und Gewalt. Von den meisten Leuten, für die die »Weltliteratur« gedacht ist, scheint Kernigkeit als ein maßgeblicher, revolutionärer, unverzichtbarer Zug der Volksseele erachtet und geachtet zu werden. Aber man steht jenen Kanonieren mit einem Korkenzieher gegenüber, der nichts ankratzt. Es verhält sich wie mit den nutzlosen Dementis gegen breit und wuchtig ausgestreute Falschmeldungen.

Zurück zum Ohrabschneider. Essayist Herbert Eulenberg behauptete in einem kleinen, gut gemalten Porträt*, Van Gogh habe vielleicht unter Wahnsinn, nie jedoch an Ruhmessucht gelitten. Als Wanderprediger wie als Maler sei er einfach nur besessen von seinen Eindrücken gewesen. Er mußte sie also mitteilen – und wäre das Echo noch so gering gewesen. Es war auch gering. Doch was soll man da erst von seinem vier Jahre jüngeren Bruder Theo van Gogh sagen! Er überlebte seinen schaffenswütigen Bruder lediglich um ein halbes Jahr. Der gelernte Kunsthändler, zuletzt Filialleiter einer Brüsseler Kunsthandlung in Paris, hatte Vincents »Verrücktheit« in Kauf genommen, wenn nicht sogar geachtet und ihn über viele Jahre hinweg in jeder Hinsicht unterstützt – und zwar selbstlos, wenn mich meine Informanten nicht täuschen. Es wäre ein ermutigender Fall von Geschwister-liebe. Vincents Tod traf Theo hart. Aufgrund einer Syphiliserkrankung ohnehin bereits angeschlagen, zudem von seinem Einsatz für den Verstorbenen abgekämpft, erlitt er schon im Oktober 1890 einen Nervenzusam-menbruch. Seine Familie ließ ihn in eine Utrechter Heilanstalt bringen, wo er im folgenden Januar im Alter von 33 Jahren starb.

* Ausgewählte Schattenbilder, Ostberlin 1951, S. 223–30
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