Donnerstag, 23. Juni 2022
Balcke, Ernst

(1887–1912), Berliner Student, Freund des später hochgelobten Lyrikers Georg Heym (1887–1912). Beide Genannten starben mit 24 Jahren. Auch die Berliner Lufttemperatur des 16. Januar 1912 dürfte für beide ungefähr gleich gewesen sein, knapp 14 Grad Minus. Im Wasser war es vermutlich nicht nennenswert wärmer. Die beiden waren zur Havel gefahren, Schlittschuhlaufen. Balcke stand damals im Begriff, sein Studium der Romanistik und Anglistik an der Berliner Universität abzuschließen. Busenfreund Heym, unzufrieden mit seinem ihm aufgezwungenen Dasein als angehender Jurist, liebäugelte mit der Offizierslaufbahn. Ein Jahr zuvor hatte Heym bei Rowohlt einen Gedichtband veröffentlicht. Wenige Jahre später wurde er von allen »Experten« unter die Gipfel der deutschsprachigen Lyrik des 20. Jahr-hunderts eingereiht. Allerdings hatte sich damals auch der junge Balcke schon als »Dichter« versucht. Und bei dem Ausflug stürzte er gegen 14 Uhr nicht weniger tief als sein Freund. Bei Schwanenwerder hatte sich in der Strommitte plötzlich eine Öffnung vor einem von ihnen aufgetan, die man für die Wasservögel ins Eis gehackt hatte. Offenbar konnte der betreffende Läufer diesem Loch nicht mehr ausweichen, stolperte, fiel hinein. Der andere versuchte ihm vielleicht zu helfen – und kam dabei ebenfalls um. Beide Freunde wurden Tage später tot aus der Havel gefischt.

Von Augenzeugen ist in den Quellen, die das Internet bietet, nie die Rede.* Gleichwohl wissen die meisten von diesen Quellen genau: Balcke war zuerst verunglückt, nämlich mit dem Kopf auf den Rand des Eislochs geschlagen, während Heym erst ertrank, als er den Freund herauszuziehen trachtete. Es macht sich einfach zu gut. Wer wollte noch an einem Gipfel der Lyrik vorübergehen, den eine versuchte Lebensrettung krönt? Wobei nicht selten auch Details beweiskräftig sind. So versichern einige Quellen, Heyms Mütze, eine gelbe oder blaue vielleicht, habe sich unmittelbar neben dem Eislochrand gefunden! Und nicht etwa Balckes rote oder bunt geringelte Mütze. Nur die Mütze von Heym behielt Oberwasser und Beweiskraft.** Was freilich die jungen Männer angeht, wühlte sie jener »Todeskampf der Farben«, von dem Balcke in seinem Gedicht Sturm geschrieben hatte, beide nicht mehr auf.

Gerhart Fischer (1894–1913), ältestes Kind des bekannten Berliner Verlegers Samuel Fischer, wird mit erst 19 Jahren, gleichfalls in Berlin, von einer Typhusinfektion dahinge-rafft, vielleicht durch verunreinigte Nahrungsmittel. Einzelheiten sind mir nicht bekannt, dürften aber aus der Literatur über seinen Vater hervorgehen.

* Laut Spiegel 23/1960 ( http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43065884.html ) war sich die Berliner Zeitung anderntags noch nicht einmal über den genauen Unfallort sicher. Man vermutete ihn lediglich in dem Eisloch Höhe Schwanenwerder/Kladow, weil es die einzige freie Stelle des zugefrorenen Wannsees gewesen sei. Der Wannsee ist Teil der Havel.
** Möglicherweise führen der Herausgeber der »Hamburger Gesamtausgabe« Karl Ludwig Schneider oder der jüngste Heym-Biograf Gunnar Decker (2011) schlagendere Belege oder Argumente an? Am Ende sogar für eine verblüffende Paarselbstmord- oder Mordtheorie?

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