Donnerstag, 23. Juni 2022
Hut ab vor Heinz Rühmann?
2002/2022


Sicherlich wären auch Napoleon, Stalin oder dessen Kumpel und Nachfolger Chruschtschow gern Türme gewesen. Sie alle maßen keine 1,70 – für Herrscher ziemlich peinlich. Chruschtschow war immerhin listig. Er ließ sich vom italienischen Modeschöpfer Angelo Litrico Schuhe machen, die durch ihr ausgeklügeltes Innenfutter eine unauffällige Vergrößerung ihres Trägers bewirkten. Heinz Rühmann, der für kleine Helden am Theater keine Chancen sah, hatte sich am Beginn seiner Laufbahn noch mit Einlagen zu behelfen. Sie alle wären glatt aus ihrem Grab gefahren, hätten sie um 2000 die damalige Heutige Jugend rotzfrech wie auf Dampfbügeleisen durch die Straßen staken gesehen.

Wird der Mensch unten von Fußsohlen begrenzt, dann oben von der Schädeldecke. Karikaturisten wußten freilich schon immer, wem der Nordamerikaner seine heraus-ragende Stellung verdankt: seinem Zylinder. Der Mensch ist nicht von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, vielmehr verlängerbar. In dieser Achse liegt sein ganzer Stolz. Einer der vielen brutalen Psychopathen auf dem preußischen Thron war Friedrich Wilhelm I., Regierungszeit 1713–40. Der Historiker Karl Gass bescheinigt ihm die Gestalt einer Dampfwalze, aber Friedrich Wilhelm wußte Abhilfe, ohne den Umweg über Schuhe oder Hüte zu bemühen. Sein berüchtigtes Leibregiment der Langen Kerls umfaßte am Ende 3.000 Personen, die er sich aus ganz Europa und sogar Übersee mit Heimtücke oder viel Geld zusammen-rauben ließ. Auf ihren Beruf oder ihre Verstandeskraft kam es dabei nicht an. »Außer der Länge, zwei Meter und mehr, kannte der Excerciermeister keine Kriterien.«

Die Krönung der Kopfbedeckung stellte bereits bei den alten Ägyptern die Krone dar. Die Leute, die dem steilhäuptigen Pharao die Füße zu küssen hatten, mußten sich mit Mützen begnügen. Zwar wurde oft betont, mit der Kopfbedeckung ziehe sich der Inbegriff von Freiheit, Manneswürde, Selbstherrlichkeit durch die Geschichte, doch zu einer Erklärung dieses Phänomens läßt sich selten jemand herbei. In unserem Zusammenhang, der Größe also, ist sie natürlich unübersehbar. Tell weigert sich, jener von einem Hut bekrönten Stange, die für den Kaiser steht, mit entblößtem Haupt seine Reverenz zu erweisen, weil er sich nicht geringer vorkommt als ein Kaiser. Er kann sich somit, den Hut ziehend, nicht kleiner machen. Zur Strafe verhöhnt ihn der Landvogt Geßler durch das Ansinnen, Tell habe seinem eigenen Sprößling ausgerechnet einen Apfel von der Birne zu schießen! Doch wir wissen es: Tells Armbrust zitterte nicht, er bewahrte ruhig Blut. Dagegen zeigt uns Peter Härtling mit seinem Hölderlin einen in Tübingen studierenden Heißsporn. Damals hatten Hilfslehrer vor den Stipendiaten ihren Hut zu ziehen. Einem gewissen Majer mißfiel dies jedoch, sodaß ihm der junge Hölderlin eines schlechten Tages mitten auf der Münzgasse den Hut vom Kopf schlug. Majer wäre eben verkleinerungspflichtig gewesen. Einmal in die Senkrechte verlegt, kommt die Freiheit für Diener oder Knechte einer Senkpflicht gleich. Sollte die Kunst der Übertreibung im Infamen gipfeln, wurde sie übrigens von den Maoisten besser beherrscht als von den Karikaturisten. In der chinesischen »Kulturrevolution« zwangen die Roten Garden die gestürzten und geächteten Größen zum Tragen armlanger, spitzer Tüten, die Schandhüte hießen.

Ich komme auf Heinz Rühmann zurück. Zwar konnte der begabte Schauspieler und Kokettierer mit den Einlagen seine 1,65 und seine Gagen anheben, doch im Charakter wuchs er weniger stark. Darauf deutet bereits der Umstand, daß er in drei verschiedenen deutschen Regimen gleichsam Mustergatte und Großverdiener blieb. Mit der Titelrolle im Lustspiel Der Mustergatte nach Avery Hopwood hatte er 1922 seinen Durchbruch erzielt. Wolfgang Liebeneiners Kinofassung von 1937 wurde ein Kassenschlager. Rühmanns erste Nachkriegsrolle auf der Bühne war ebenfalls Der Mustergatte. Die Gagen für seine Filmrollen wurden fetter als Ludwig Erhard. Immerhin mußte Rühmann davon das Honorar für den bekannten Maskenbildner Josef Coesfeld abzwacken, den der eitle Star auch privat beschäftigte. Das beste Schnäppchen machte er, als er schon mit einem Bein in der Kiste stand, wie von Fred Sellin (2001) zu erfahren ist. Für seinen letzten Fernsehauftritt in Linz 1994 handelt der schmächtige, gebrechliche 92jährige eine Gage von knapp 40.000 Mark aus. Per riesigem Mercedes in seinem Hotel abgeholt, hat er sich dann in einer beliebten Show mit Thomas Gottschalk für vier oder fünf Minuten zu zeigen. Wie sich versteht, wird der kleine Greis mit dem bübischen Lächeln fanatisch beklatscht.

Rühmanns Güte war nur das halbe Gesicht. Sellin zufolge konnten den Golf spielenden Auto-, Motorboot- und Flugzeugnarr schon geringste Vefehlungen in der Etikette beleidigen. Er ist unnahbar, wirkt oft überheblich, schulmeistert gern. Aufs Vertuschen versteht er sich auch ohne Mitwirkung seines Maskenbildners. 1954 leistet er sich nach einem Autounfall – er war in München gegen einen Laternenmast gefahren, wahrscheinlich betrunken – Fahrerflucht, obwohl seine junge Begleiterin Margarethe Hirmer gegen die Windschutzscheibe des gemieteten Borgwards 1800 prallt und nach dem Aussteigen bewußtlos zusammenbricht. Da alle Freunde, Beamte, Journalisten, mit denen er es in der Folge zu tun hat, beim Vertuschen mitmachen, kommt der beliebte Schauspieler mit 600 Mark Buße wegen Fahrlässiger Körperverletzung und mit gesundem Ruf davon.

Weil das Wort Klassenjustiz gar zu antiquiert klingt, spricht man heutzutage in solchen Fällen vom Wirken des Prominentenbonus. Sellin fügt seiner interessanten Erzählung noch hinzu: »Zur gleichen Zeit wird vom gleichen Gericht ein Beleuchter des Residenztheaters wegen Diebstahls zu fünf Monaten Gefängnis auf Bewäh-rung verurteilt. Der junge Mann hatte vier Glühbirnen, einen wasserdichten Lichtschalter, zwei Wandleuchter und Werkzeug mitgehen lassen.«

Eigentum verpflichtet – die Klassenjustiz.
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