Donnerstag, 23. Juni 2022
Auf der Burg in Senj

Die kroatische Hafenstadt Zamir hat um 1940 knapp 30.000 EinwohnerInnen. Bevor die Bande (Zora packt aus, 2022) ins größte und schickste dortige Warenhaus einbricht, unternimmt sie jedoch einen Sonntagsausflug ins Städtchen Senj, gesprochen »Sänni«, dem Wohnort Janicas. Zora erzählt.


Am Landungssteg lungerten wie üblich etliche einhei-mische Rotznasen herum, die das Kommen und Gehen neugierig oder argwöhnisch verfolgten, die Küsserei zwischen zwei Weibern (Janica und mir) eingeschlossen. Dann machten sie sich an Nicola heran, den sie wohl für den Ungefährlichsten unseres Clubs hielten, und erkun-digten sich, woher wir kämen.

»Na, Zamir«, teilte Nicola ihnen knapp und weltmännisch mit. »Riesenstadt!«

Da staunten sie natürlich. Dann meinte ein zöpfiges Mädchen: »In Zamir soll es sogar richtige Warenhäuser geben – stimmt das denn ..?«

Duro und Branko stießen sich bereits an und verfielen ins Kichern, ehe Nicola die gewünschte Auskunft gab. »Selbst-verständlich!« sagte Nicola. »Zwei Stück – Riesendinger!«

Jetzt mußten selbst Janica und ich kichern, wenn auch wohl aus unterschiedlichen Gründen.

»Also weißt du«, raunte mir Janica ins Ohr, »der kleine Nicola hat echt eine Riesenmeise … Deshalb will er ja auch unbedingt auf diese entsetzliche Burg, von der einem schon kotzübel wird, wenn man sie nur morgens beim Brotschneiden aus dem Küchenfenster sieht …«

[…]

Nach der Besichtigung stürmten wir das »Cafe«. Selbst-verständlich ging es nach vorn heraus: zur Stadt und zur Adria. Auf Tischdecken hatte man verzichtet. Mit den gehobelten Brettern der Tischplatten hätte man die nächste Festung bauen können. Das dicke Gemäuer hatte den Vorteil, daß man hier trotz der Julihitze angenehm kühl saß. Wir ließen uns prompt Heiße Schokolade kommen, zerrten unser Stullenpaket aus Pavles Rucksack und futterten. Die Aussicht war natürlich großartig. Falls sie schon Fernrohre hatten, konnten die uskokischen Kerle, die hier einst Wache schoben, den italienischen Matronen, die in Rimini über die Strandpromenade stolzierten, beinahe bis in die Busenspalten gucken. Janica hatte mir neulich in einem Bettgespräch versichert, der Größenkult, dem seit Urgedenken alle Welt fröne, habe nicht wenig mit den Pinkelorganen der Kerle zu tun. Sie sollten ja »stehen«, wie es immer hieß, und dabei so lang wie möglich sein. Ihr Bruder habe immer gern von seiner »Lanze« gesprochen. Mitunter hätten in dieser Hinsicht schon Millimeter über das Glück oder Unglück ganzer Landstriche, mindestens aber bestimmter »Liebhaber« entschieden. Die Sache hatte mir durchaus eingeleuchtet, obwohl ich mich mit brünstigen Kerlen wenig auskannte. Jetzt, auf diesem Burgberg, dämmerte mir überdies, die Herrscher waren stets die Herausgehobenen. Paläste oder Dome in Senken gab es so gut wie nie. Auch die Villa Barac [Ort des ersten Einbruchs] lag erhöht und schaute auf die halbe Stadt herab. Die Herrschaften waren die Ho- oder Hochheiten, und die lieben Untertanen waren so blöd, sie zu schützen und zu verteidigen und sie natürlich auch zu bedienen. Oft stellten die Untertanen das reinste Kanonenfutter dar. Und wenn die Gefechte vorbei waren, eilten sie wieder an ihre Ambosse, um die nächsten Kanonen zu schmieden.
°
°