Mittwoch, 22. Juni 2022
Lodenbrink schlägt zurück

In meinem 2011 verfaßten Theaterstück Hunde wollt ihr … warten die lokalen Medien überraschend mit einem »Hundekiller« auf. Nach mehreren Morden wird ihm das Handwerk gelegt. Hier die erste Szene.


Der Vorplatz liegt in der Dämmerung eines Maiabends. Im Häuschen herrscht Dunkel. In den Gesang einer Nachtigall mischt sich Knirschen. Lodenbrink, ein Greis um 70, taucht mit einem Fahrrad auf, an den ein beladener einachsiger Anhänger gekuppelt ist. Er bremst und steigt ab. Er ist bemüht, keinen Lärm zu machen, wirft auch einen spähenden Blick zum Staketenzaun, ehe er in seine Brennholzfuhre greift, um ein rund ein Meter langes Futteral daraus hervorzuziehen. Damit wendet er sich zur Haustür. Er schließt sie auf, ohne die Außenlampe zu bemühen, und verschließt sie von innen auch wieder sorgfältig.

Nachdem er die Fenstervorhänge neben der Hintertür zugezogen hat, macht Lodenbrink Licht. Prompt gibt Lodenbrinks Hänfling Laut, der in einem Vogelbauer zu sehen ist. Das mischt sich in den Nachtigallenschlag, der gedämpft von draußen erschallt. Lodenbrink macht eine grüßende Handbewegung zu seinem Vogel, ehe er das Futteral an sein Bett lehnt und seufzend in seinem einzigen Sessel Platz nimmt. Das Zimmer ist ohne Fernsehgerät. Nach kurzem Verschnaufen oder Nachdenken greift Lodenbrink nach einer Thermoskanne, die auf seinem Tisch steht, um sich Tee in seinen Becher zu schenken. Er deutet dem Hänfling ein Prosit an und erklärt ihm plötzlich recht aufgeräumt:

»Glück gehabt, Frido! Schon der erste Schuß saß. Der Köter ist hinüber.«

Er nickt und trinkt und setzt den Becher wieder ab. »Eigentlich müßte ich auch dem Tee einen Schuß geben, immerhin ist es mein erster Hund gewesen. Aber ich habe keinen Rum mehr im Haus …« (Lacht leise auf.) »Keinen Rum mehr im Hause, dafür kommt jetzt der Ruhm.«

Lodenbrink angelt nach dem Futteral, zieht ein Gewehr nebst Zubehör daraus hervor. Es handelt sich um ein Scharfschützengewehr mit Zielfernrohr, Schalldämpfer und Dreibein. Das Dreibein ist ein kleiner stützender Bock, der in der Regel von einem liegenden Schützen benutzt wird. Während sich Lodenbrink dem Reinigen seiner Waffe widmet, weiht er seinen Hänfling in Einzelheiten ein.

»Ich guckte mir den Rottweiler von dem kleinen Glatzkopf aus. Sie nehmen ja immer dieselben Feldwege. Ich verschanzte mich in dem Buchenhain auf Melchers Kuppe, und als sie bis auf 700 Meter heran waren, drückte ich ab. Die häßliche, bissige Töle bäumte sich auf, brach zusammen und streckte alle Viere von sich. Der Glatzkopf ruckte mit den Armen und erstarrte. Man hätte glauben können, er sei vor eine Kartoffelmiete gerannt, die der liebe Gott unangekündigt aus dem Feldweg stampfte. Sie zwang mich oft genug zu Umwegen, Frido, du weißt es. Jetzt hätte ich einfach über die plumpe Töle steigen können. Der Glatzkopf sah sie entgeistert an, dann äugte er wild in die Gegend. Dummerweise hatte er keinen Schuß gehört; der Schalldämpfer funktioniert. Nach einigen Schrecksekunden nahm er seine kurzen Beine in die Hand. Er rannte wie ein skalpiertes Kaninchen auf die Stadt zu – als sei ihm ein freilaufender Köter auf den Fersen …«

Lodenbrink ist mit seiner Putzarbeit zufrieden, setzt das Gewehr wieder zusammen, verstaut es im Futteral und stellt es ans Bett zurück. Beim Nachschenken von Tee lacht er auf.

»Stell dir vor, eine Kollegin von dir, die Wachtel, hätte mich beinahe aus dem Konzept gebracht! Du weißt nicht, wie sie ruft? Pick-wick-wick ruft sie ungefähr, stets im Daktylus. Also im Walzer-Takt, falls dir das mehr sagt, Frido. Nun aber, wo ich den Rottweiler bereits im Zielfernrohr habe, ruft sie mir doch aus dem jungen Roggen Irr dich nicht! zu, Irr dich nicht! Ich habe tatsächlich für einige Sekunden gezögert und dabei probeweise auch den Glatzkopf aufs Korn genommen. Von Rechts wegen gehörten ja gar nicht die Hunde erschossen, Frido, sondern ihre HalterInnen. Aber selbst die sind nicht frei, fürchte ich, sondern auch wieder von finsteren Mächten getrieben. Es wäre eine Kette ohne Ende. Einer könnte die Schuld auf den anderen schieben. Man stünde zuletzt in seiner Ohnmacht so tatenlos, so ungerächt da wie zuvor. Doch irgendwo muß man hin mit der Wut, sonst zerreißt sie einen. Also trifft es das schwächste Glied der Kette.«

Lodenbrink leert seinen Becher und starrt auf das am Bett lehnende Futteral. Wahrscheinlich ordnet er seine Gedanken. Das Publikum vernimmt die Nachtigall, die nach wie vor in den umliegenden Büschen schlägt. Schließlich gibt sich Lodenbrink einen Ruck, vertauscht den Becher mit seinem Brieföffner und steht auf, um das Futteral zu ergreifen.

»Es war gut so. Ich mache weiter. Man muß die Hunde-halterInnen, ach was sage ich – man muß alle Macht-haberInnen in die Angst und in den Schrecken versetzen, die sie hier selber, wie nach Naturrecht, seit Urgedenken zu verbreiten pflegen.«

Lodenbrink bekräftigt es durch ein Nicken, während er sich nach einer Ecke seines Teppichs bückt. Er schlägt ihn zurück und lüftet mit Hilfe des Brieföffners ein rund ein Meter langes Stück eines Dielenbretts. Angehoben, zeigt sich ein Versteck. Er legt das Futteral hinein und verschließt die Stelle wieder. Anschließend fischt er aus einer Schublade ein Stück farbiger Kreide und macht damit auf dem Holzpfosten neben seiner Klotür einen markanten Strich. Nachdem er ihn befriedigt gemustert hat, zwinkert er seinem Vogel zu und verhängt dessen Käfig mit einem Tuch. Dann verschwindet er im Klo.

→ Weiteres über Hunde, übrigens auch über Lärm, finden Sie
in Heft 12

°
°