Dienstag, 21. Juni 2022
Katte, Hans Hermann von

26 (1704–30), preußischer Offizier, hingerichtet. Bevor Friedrich II. der bekannte »Große« wurde und gleich nach seiner Thronbesteigung im Jahr 1740 in die milita-ristischen Fußstapfen seines Erzeugers trat, hatte er eine jugendliche antiautoritäre Phase zu durchlaufen, die seinem deutlich älteren Busenfreund Von Katte den Kopf kostete. Sie hatten im selben Regiment gedient, gemeinsam Flöte und womöglich sogar wechselseitig an ihren ähnlich geformten Fortpflanzungswerkzeugen gespielt. Als Friedrich 18 war, hielt er die Bevormundung durch seinen Alten nicht mehr aus und bat Von Katte, ihm beim Ausreißen gen Frankreich zu helfen. Das war im August 1730. Leider flog das abscheuliche »Fahnen-flucht«-Unternehmen auf. Beide Rebellen wanderten in den Kerker. Zwar wurde dann »nur« Leutnant von Katte, 26, auf königlichen Befehl in der Festung Küstrin enthauptet, aber angeblich zwang der Alte seinen Sprößling Friedrich dabei zuzusehen. Später söhnten sich Friedrich Wilhelm der I. und sein Kronprinz wieder aus.

Im folgenden wurde der berühmte Vorfall zu den unterschiedlichsten literarischen Werken verwurstet, die kaum noch zu zählen sind. Ich nehme ihn zum Anlaß mich zu fragen, was eigentlich von dem vielgestaltigen, weitläufigen, wenn auch stets gut zentralisierten Gebilde namens Staat zu halten sei? Selbstverständlich gar nichts. Der Staat wurde vor einigen tausend Jahren erfunden, damit beschäftigungslose BürgerInnen ihrer sogenannten Elite dienen konnten. Die Elite war nämlich nicht erpicht darauf, auch noch ihre eigene Beschäftigung zu verlieren. Die bestand vor allem im Kriegführen. Dazu benötigte die Elite die Steuern und die Söhne ihrer BürgerInnen – und zwar bald in erhöhtem Maße, damit man sich den neugeschaffenen Staat überhaupt leisten konnte. Diese ganzen Befehlsstäbe, Politbanden und Bürokratenheere, für die schon der Schatten der Pyramiden nicht zur Deckung ausreichte, wollten ja besetzt und ernährt sein.

Zum Glück besaß der Staat auch das Monopol aufs Geld – Finanzhohheit genannt. Niemand verbot ihm, sich bis ins Astronomische hinein zu verschulden oder die Gelddruckmaschinen anzuwerfen. Dabei fiel dann auch Mildtätigkeit gegenüber den Bedürftigen der Gesellschaft ab – denn sie in Krisenzeiten (keine Kriege, keine Arbeit, keine Impfbereitschaft) einfach verhungern zu lassen, geht ja nur in Unrechtsstaaten wie der DDR. Vorher hatten sich die Leute kurzerhand aus dem Wald ernährt. Jetzt wurden sie verwaltet. Wir stehen hier vor dem entscheidenden Punkt des Geniestreichs namens Zivilisation: den Bürger entmündigen, um ihm helfen zu können. Er sollte sich nicht mehr selber helfen. Vater Staat nahm ihm großzügig alles ab. Die Politik, die Arbeit, das Geld, die Bildung, die Verantwortung, ja selbst seine Geheimnisse und noch manches andere. Ihn in mehr oder weniger kleinen, selbstgewählten Bündnissen leben und wirtschaften zu lassen, wie es ihm grad beliebt, kommt heute schon gar nicht mehr in Frage, weil die Elite auf Globallisierung pocht beziehungsweise den Planeten zu einer Schiefen Ebene zu planieren gedenkt, auf der die Rubel wirklich nur noch in ihre Taschen rollen.

Die Rede vom Vater Staat ist verräterischer, als die Schröders und Merkels denken. Verzweifelt unsereins regelmäßig an der Ohnmacht unterdrückter und unrecht behandelter Menschen in Nah und Fern, knüpft er selbstverständlich an seiner Kinderstube an. Unsere Väter waren die ersten, die das Recht beugten, weil sie die Auslegungshoheit und das Gewaltmonopol besaßen. Sie waren die ersten, die Fürsorglichkeit heuchelten, wenn sie Eigennutz meinten. Sie versorgten uns um den Preis, ihnen zeitlebens dankbar sein zu müssen. Bleiben wir diese Dankbarkeit schuldig, versorgen sie uns gern mit Schuldgefühlen. Kriechen wir wieder zu Kreuze, bläuen sie uns erneut das vernagelte »Clandenken« ein, das im größeren Maßstab »Vaterlandsliebe« heißt.

Vor rund 20 Jahren war ich für knapp zwei Jahre im Sozialdienst eines Korbacher Altenheims angestellt. Einmal sah mich meine Vorgesetzte in ihrem Büro stirnrunzelnd an und sagte: »Ich glaube, Sie haben ein Autoritätsproblem, Herr R. …« Offenbar hatte ich mich einmal mehr verstockt oder aufsässig gezeigt. Und die Dame hatte natürlich recht. Es ist ein umfassendes Autoritätsproblem, anhand dessen man sich mehr oder weniger erfolglos durchs Leben hangelt. In vielen Fällen läßt sich leider kaum oder gar nicht entscheiden, ob eine Widersetzlichkeit einer armlangen Schraubzwinge, die immer wieder vom geleimten Sofagestell abspringt, oder aber dem Chef, Vater Staat, Mutter Natur, dem System, der Geworfenheit in die Welt oder auch einer Geliebten gilt, die mich kürzlich verlassen hat. Dieser treulosen Beißzange schmeißt man dann wütend die zum 28. Male abgesprungene Schraubzwinge ins Gesicht. Man sollte deshalb, neben dem Staat, auch das Problem Vermischter Motive nicht unterschätzen. Wegen dieser Gemengelage tat ich meinem letzten Chef, ein in seinem Fach ausgezeichneter Raumausstatter-Meister, ohne Zweifel wiederholt auch Unrecht. Im übrigen war er ein glühender Verfechter des Leistungs- und Führungsprinzipes. In der DDR hätte er es womöglich bis ins Staatssekretariat für Arbeit und Löhne gebracht.

Ich fürchte fast, das weite Feld »Autoritätsproblem« sei letztlich ein »Ich-Problem« – das Problem eines Ohnmächtigen, der nie als Machthaber zum Zuge kommt. Ob sich mein Zorn gegen harmlose Gebrauchsgegenstände, etwa eine klemmende verglaste Bücherschranktür, oder gegen durchtriebene Angehörige, Hunde, Vorgesetzte richtet, dürfte doch im Grunde egal sein. Denn er gilt stets einer Verweigerung. Sowohl die erwähnte Schraubzwinge wie die abtrünnige Geliebte verweigern ihren Gebrauch. Auch der Politiker, der in durchaus bejahendem Zeitgeist einen Erlebnispark einweiht, ergrimmt mich durch ein »Nein!« – mir wäre die Erhaltung eines Sumpfes, in dem sich Ringelnattern und Regenpfeifer tummeln, lieber gewesen. Der Zorn raucht stets aus dem Schlund eines Ichs. Das möchte die Welt so und so haben, doch sie zeigt ihm nur einen Vogel.

Hier wird man natürlich einwenden, dies sei kindisch. Das ist nicht falsch. Ich bin imstande, abspringende Schraubzwingen oder zusammengebackene Briketts auf der einen und Kinderstuben oder Bundeskabinette auf der anderen Seite mit der gleichen Inbrunst zu verfluchen, weil sie die gleiche Zumutung darstellen. Sie werden mir vorgesetzt; ich bin von ihnen abhängig; ich kann sie kaum beeinflussen. Meine Ohnmacht und Kränkung ist in allen Fällen die gleiche. Sogar das Vermögen, beispielsweise Allmacht, Unverwundbarkeit, Freiheit zu denken, wurde mir aufgezwungen. Nur die Freiheit selber enthielt man mir leider vor.
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