Dienstag, 21. Juni 2022
Das Messer

Mein Kurzroman Zeit der Luchse, geschrieben 2019, spielt in der Freien Republik Mollowina anno 1904. Das Ländchen am Schwarzen Meer hat gerade Besuch vom Züricher Korrespondenten der New York Daily Tribune, Norbert Angerschmied. Hier das (gekürzte) 16. Kapitel.


Anderntags fuhr er mit dem Fahrrad zum Rathaus, um seinen frischen Artikel abzutippen. Alles lief gut, und am späten Nachmittag gab ihm Charly in der Bücherei »zur Belohnung« ein Gläschen Schlehenlikör aus, den seine GO wider das in der Regel beachtete allgemeine Ächtungs-gebot, Alkoholgenuß betreffend, im vergangenen Herbst eigenhändig gebraut hatte. Er schmeckte vorzüglich. Auch Charly leckte sich seine nur etwas dickeren Lippen, und dann erkundigte er sich ein wenig unvermittelt bei seinem Gast, ob er eigentlich schon die Geschichte mit dem ausgelaufenen Wein in den Jamboten gehört habe, die leider mit einem Toten endete, etwa bei seinem Zwischenhalt in Seth? Das verneinte Norbert.

»Also hören Sie zu. Die Sache ging vielen Leuten hier unter die Haut – voran selbstverständlich Bak, der den tödlichen Unfall, wie man es wohl nennen kann, schließlich ausgelöst hatte, wenn auch völlig unbeabsichtigt. Es war im vergangenen Herbst. Damals galt Mihail unter den meisten Republikanern, ob Mann oder Frau, schon längst als heimlicher 'Kopf' oder 'Vater' der Revolution, er galt als überragender Menschenkenner und Schlichter, und er war auch schon seit zwei Jahren Landes-Schiedsrat. Übrigens wird er auch gewohnheitsgemäß die nächste LDV leiten, die uns ins Haus steht, die Leute wünschen es so. Sie wählen ihn immer wieder. Vergessen Sie es also nicht: 1. Juli, LDV … Damals war Mihail in das betreffende Weindorf gebeten worden, weil sie da mit einem ungewöhnlichen Fall von 'Vandalismus' nicht klarkamen. Ein paar Halbwüchsige hatten sich abends in den Weinkeller des ehemaligen Guts geschlichen und bedienten sich nun an einem der großen Fässer vom erst jüngst gekelterten berühmten Mollowina-Wein. Sie tranken gleich an Ort und Stelle und waren rasch sturzbesoffen. Deshalb vergaßen sie auch, den Zapfhahn wieder ordentlich zu schließen, ehe sie davonwankten, um ihren Rausch in irgendeiner Scheune auszuschlafen. So lief über Nacht das ganze Faß aus. Der Wein sickerte in den lediglich gestampften Boden, und damit war ein beträchtlicher Teil der für uns unentbehrlichen Devisen zerronnen. Nach der Entdeckung des Schadens entbrannte das halbe Dorf in Wut. Man machte die Halbwüchsigen aus. Als sie sich störrisch und uneinsichtig zeigten, wurden sie erst einmal in einen anderen Keller des Weinguts eingesperrt, wo sie diesmal 'trocken' saßen. Dann alarmierte man Bak.

Er sprach zunächst mit den Dörflern, um sich ein Bild von den Halbwüchsigen und dem Problem zu machen. Anschließend holte man die 'Täter' in die Kirche, wo sich mindestens 200 Leute versammelten hatten. Sie alle waren Zeugen des Vorfalls, und deshalb hatten die Gerüchte und die Verleumdungen im Ausland, die bald aufkamen, wenig Nahrung. Die drei Jungen einerseits und Bak und die örtliche Schiedsrätin andererseits saßen sich auf dem früheren Altarpodest auf ungefähr zwei Pferdelängen gegenüber. Leider zeigten sich die Jungen auch bei diesem Gespräch verstockt oder aufsässig, was besonders für ihren baumlangen Anführer galt. Schon nach kurzer Zeit fing er an zu fluchen, er lebe hier in der reinsten Öde, jeder Spaß werde einem untersagt, da solle man doch einmal nach Bulgarien schauen, da verstünden sich die jungen Leute aufs Feiern, und sie dürften es auch. Die Einwände von der Untersuchungsbank wischte er immer großspuriger weg. Schließlich platzte Bak der Kragen, was er sich noch heute vorwirft. Er erinnerte den 'Rotzlöffel' an die Öde, die so mancher Luchs, um des Befreiungskampfes willen, in rumänischen oder türkischen Kerkern kennengelernt habe. Doch davon wisse er vielleicht gar nichts. Leider habe er sich auch bei den Wehrübungen seines Dorfes nie blicken lassen, wo man eigentlich genug Spaß aneinander habe. Darauf ruckte der Bursche mit dem Kopf, brüllte 'Was hast du gesagt – Rotzlöffel ..? Ich werde dir mal zeigen, was eine Harke ist, du schwafelnder Großvater!' Schon griff er in den vom Hosenbein verdeckten Schaft seiner Schnür-stiefel, zog im Aufstehen ein größeres Messer daraus hervor, das er wohl im Keller gefunden hatte, und tappte, mit dieser Waffe fuchtelnd, auf seinen Schmäher zu.

Das Ganze ging so unvermutet wie jäh 'über die Bühne', wie man ja fast sagen könnte. Bak, ein alter, erfahrener Kämpfer, ging sofort in Lauerstellung, und als das blindwütig zuckende Messer nur noch eine Armlänge von ihm entfernt war, machte er einen Ausfallschritt rückwärts und trat dem Angreifer das Messer mit gestrecktem Bein aus der Faust. Dadurch geriet der aufschreiende Bursche aber zusätzlich aus dem Gleichgewicht. Er schlug auf dem steinernen Altarpodest auf – und zwar so unglücklich, daß er sich an der Kante, die zu den Bankreihen zeigte, das Genick brach. Seine blutverschmierte Faust zuckte noch kurz, dann war er tot. Ein Sanitäter der Dörfler, der von den Kirchenbänken aus zugehört hatte, bestätigte es. Darauf lähmendes Entsetzen in der Kirche, das werden Sie sich denken können.«

Norbert konnte es, hatte es ihn doch beinahe schon selber gepackt. Er nickte langsam. Schließlich sagte er: »Und dann?«

Charly zuckte die Achseln. »Mihail war tief verstört – wer wäre es nicht gewesen? Er hatte noch Disziplin genug, allen Freunden oder Angehörigen des Toten, von dem Altarpodest aus, sein Beileid auszusprechen. Dann murmelte er etwas, das wie eine Selbstbeschuldigung klang, verließ grußlos die Kirche, ging zu der GO, wo er übernachtet hatte, und sattelte sein Pferd. Uns sagte er später, er sei wie im Traum nach Kusmu durchgetrabt, obwohl es noch heller Tag war. Er ritt zum Gestüt und heulte Raluca, mit der er damals noch fest zusammen war, die Schürze voll. Sie richtete ihn während der folgenden Tage wieder einigermaßen auf.«

»Gab es ein Nachspiel?«

»Die nächste LDV sprach Bak ihr ungetrübtes Vertrauen aus. Jeder Vorwurf, auch durch ihn selber, sei unberech-tigt. Natürlich wurde auch der Unmut der Halbwüchsigen erörtert, aber dagegen war wenig auszurichten, wie auch die beiden Delegierten des geschädigten Weindorfes feststellten. Ein junger Mensch, der keinen Zugang zur genossenschaftlichen Lebensweise finde, müsse eben woanders hingehen. Dafür hätten ihm die betreffenden GO's Starthilfe zu geben, mit Unterstützung des Rates für Wirtschaft, also auch durch ein gewisses Handgeld.«

»Was wurde denn aus den beiden Spießgenossen des Toten?«

»Sie gingen bald darauf nach Bulgarien.«

»Und dann?«

Charly zuckte erneut die Achseln. »Wir wissen es nicht. Sie gaben bislang keine Nachricht, angeblich auch ihren Angehörigen nicht. Was wollen Sie machen? Sollen wir sie etwa beschatten?«

Norbert verstand nicht sofort. »Wie meinen Sie das?« fragte er mit verkniffenen Augen.

»Ich meine, wir haben auf Leute, die unsere bedeutungslose Republik verlassen, keinen Einfluß mehr, ob sie nun Junker oder 'Rotzlöffel' sind. Sollten sie, vom Ausland aus, gegen uns arbeiten, haben wir Pech.«

»Gibt es solche Leute?«

Charly verstülpte die Lippen und nickte verdrießlich. »Einige ganz bestimmt. Die sind gekränkt, enteignet, haßerfüllt, und da kann ihnen so ein tapferes Ländchen nur ein Dorn im Auge sein …«

Plötzlich hellte sich die Miene des dicken Redakteurs wieder auf. Er griff zur Flasche, schenkte Schlehenlikör nach und hob sein Gläschen fast mit Übermut:

»Schreiben Sie dagegen an, Herr Angerschmied! Machen Sie weiter so, bislang sind Ihre Tribune-Berichte erstklassig! Auf Ihr Wohl!«
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