Dienstag, 21. Juni 2022
Kaplan, Fanny

28 (1890–1918), Russin, soll auf Lenin geschossen haben. Über Anarchisten sind ähnlich unzählige falsche (und oft bösartige) Vorstellungen im Umlauf wie beispielsweise über Rasputin. Selbst in dem 1905 veröffentlichten Roman Professor Unrat von Heinrich Mann wird der titelgebende Gymnasiastenschreck unangemessenerweise wiederholt als Anarchist bezeichnet. Auch Schüler Lohmann, von Unrat nie »gefaßt«, höhnt angesichts der vom Professor und seiner Geliebten Rosa Fröhlich aufgezogenen Lasterhöhle, der Tyrann habe den Pöbel in seinen Palast gerufen, um ihm die Anarchie zu verkünden. Tyrann ist er natürlich. Menschenfeind Unrat straft und schadet für sein Leben gern, hat immer recht, dafür nicht einen Funken Selbstkritik. Aber Anarchist? Ich selber verstehe mich so, und ich verstehe darunter den Anhänger einer Ordnung ohne Herrschaft, was bedeutet, daß er autoritäre Knochen wie Unrat am wenigsten gebrauchen kann. Ich nehme an, Heinrich Mann saß damals einem um 1900 beliebten Klischee des Anarchisten auf. Es verdankte sich »Kämpfern«, die Victor Serge (in seinen überragenden Erinnerungen) »Desperados« nennt. Serge lebte unter ihnen. Sprengen sie Zaren, Polizeipräfekturen, Kaffeehäuser oder sich selbst in die Luft, dann aus menschenverachtender Selbstherrlichkeit, die auf wenig Eigenliebe schließen läßt. Das heißt nicht, ich sei grundsätzlich gegen Anwendung von Gewalt. Vielmehr heißt es, daß ich Gewalt verabscheue und möglichst zu vermeiden suche. Das ist ein wichtiger Unterschied, auf den etwa George Orwell hingewiesen hat.* Nebenbei ist der gängige Gewalt-Begriff viel zu eng, wie ich schon früher angedeutet habe. Näheres weiter unten.

Die jugendliche angebliche »Anarchistin« Fanny Kaplan, Tochter eines jüdischen Lehrers aus der Ukraine, hatte sich 1906 an einem Attentat auf einen kaiserlichen Regierungsbeamten in Kiew beteiligt. Sie erlitt durch die Bombenexplosion schwere Sehschäden und wurde in Gefängnisse und entlegene Zwangsarbeitslager gesteckt, wobei sie ins politische Lager der Sozialrevolutionäre wechselte. Im Sommer 1918 sah die gesundheitlich zerrüttete, inzwischen 28 Jahre alte Frau im obersten »Volkskommissar« und bolschewistischen Parteichef Lenin einen neuen Zaren. Als er am 30. August nach einer Rede eine Moskauer Waffenfabrik verließ, brachten ihm Pistolenkugeln Schulter- oder Nackenverletzungen bei, von denen er sich nie mehr richtig erholen konnte. Als Schützin wurde Kaplan festgenommen. Angeblich bekannte sie sich auch in einer kurzen Stellungnahme zu der Tat, schwieg jedoch im folgenden eisern. So wurde sie nach wenigen Tagen von der Geheimpolizei Tscheka kurzerhand in einer Moskauer Garage ohne formelles Gerichtsverfahren erschossen. Unter Historikern ist Kaplans Täterschaft aufgrund zahlreicher Ungereimt-heiten, darunter Kaplans Sehschwäche, umstritten. Manche glauben, sie habe als Sündenbock herhalten müssen oder habe aus freien Stücken die wahren Täter gedeckt. Doch wer auch immer schoß – laut Jens Teschke**, der auch die Ungereimtheiten anführt, räumte Armeechef Leo Trotzki ein, wer den Nutzen von den drei oder vier Schüssen hatte: »Die Revolution wurde bemerkenswerterweise nicht durch eine kurze Phase der Ruhe stabilisiert, sondern durch die Bedrohung durch das Attentat.«

* Essay »Lear, Tolstoy and the Fool« von 1947
** »Kalenderblatt« (30.8.1918) für Deutsche Welle, Stand 2021: http://www.kalenderblatt.de/index.php?what=thmanu&manu_id=998&tag=30&monat=8&weekd=&weekdnum=&year=1933&dayisset=1&lang=de

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