Dienstag, 21. Juni 2022
Johnston, David A.

30 (1949–80), US-Naturwissenschaftler. Wer wollte die Opfer von Vulkanausbrüchen zählen und würdigen? Allein der berühmte Ausbruch des Vesuvs bei Neapel am 24. August 79 n.Chr., der mehrere antike Städte verschüttete, darunter das bekannte Pompeji, kostete im ganzen um 5.000 Tote. Ich nenne nur noch den Ausbruch des Mont Pelée auf Martinique am 8. Mai 1902, wahrscheinlich der verlustreichste im 20. Jahrhundert, mit geschätzt 30.000 Toten. Laut Wikipedia führte er zu gründlichen Untersuchungen und Überwachungen, die den Beginn der modernen Vulkanologie bezeichnen. Die scheint auch nicht ganz ungefährlich zu sein. Die Todesrate unter Vulkanologen soll sogar die von Bombenentschärfern und Löwendompteuren übersteigen. Man wird vielleicht einwerfen: Ja sicher, die opfern sich, um zahlreiche Tote zukünftiger Vulkanausbrüche zu verhindern! Aber da bin ich, wie immer, skeptisch. Diese in die Krater Starrenden dürften von einer jeweils anders zusammengesetzten Wolke aus Gemeinnützigkeit, Wahrheitssuche, Abenteuer-lust und Profilierungssucht getragen werden. Profitstreben lasse ich einmal weg: das können wir für die sogenannten KlimawissenschaftlerInnen und Epidemiologen beziehungsweise deren Sponsoren reservieren.

Den 30jährigen US-Vulkanologen David A. Johnston erwischte es nur zwei Jahre nach seiner Promotion. Er hatte »bis zuletzt« auf seinem Beobachtungs- und Meßposten in gut neun Kilometer Entfernung vom 2.500 Meter hohen Mount St. Helens im Süden des US-Bundesstaates Washington ausgeharrt. Am Morgen des 18. Mai 1980 »war es soweit«. Johnston setzte noch eine entsprechende Meldung an seine Kollegen ab; dann wurde er, sehr wahrscheinlich, von einer Art Sturmflut aus Asche, Lava und heißen Gasen geradezu weggeschwemmt. Seine Leiche wurde nie gefunden. Im ganzen forderte die Kastrophe, obwohl Evakuierungen angeordnet worden waren, 57 Menschen das Leben, dazu vielen Tausend Tieren. Die angerichtete Verwüstung betraf ein keilförmiges Gebiet von ungefähr 20 mal 30 Kilometern. Man hatte die voraussichtliche Stärke des Ausbruchs erheblich unterschätzt. Laut Spiegel Online (7. Oktober 2004) war die Energie von 500 Hiroshima-Atombomben freigesetzt worden.

Bei diesem Unglück an der nordamerikanischen Westküste hatte Johnstons junger Kollege Harry Glicken (1958–91) Glück. Allerdings hatte er auch Schuldgefühle, weil er kurz vorm Ausbruch den Platz mit Johnston getauscht hatte. Glickens Stunde kam am 3. Juni 1991, als er 33 war, in Japan – und leider nicht nur seine. Auf der dortigen Insel Kyushu brach der Vulkan Unzen aus und schickte einen »pyroklastischen« Strom aus, dem sage und schreibe 42 WissenschaftlerInnen, Journalisten und Feuerwehrleute zum Opfer fielen. Sie hatten offensichtlich mit dem Feuer gespielt. Der fragliche, selbstverständlich ziemlich heiße Strom meint eine Lava, die hohen Gasanteil hat. Angeblich kann er bis 700 km/h erreichen; am Unzen soll er mit knapp 100 durch das Lager der BeobachterInnen geflossen sein. Jedenfalls war er schneller als sie.

Laut Martin Kunz* räumte Stanley Williams von der Arizona State University einmal ein: »Ich bin mir der Gefahr bewußt. Aber irgendwie wird man danach süchtig.« Von Hubertus Breuer, Spiegel 24/2001, ist zu erfahren, der bekannte Experte Maurice Krafft aus Frankreich habe davon geträumt, eines Tages in einem hitzefesten Kanu einen Lavastrom hinabzufahren. Krafft und Gattin kamen ebenfalls am Unzen um. Ohne Kanu.

Das »Spiel mit dem Feuer« dürfte tiefe Wurzeln und eine große Kragenweite haben. Soweit ich weiß, fürchten oder vermuten die meisten Paläontologen, vor der Ära des Faustkeils sei unser Primatengehirn geradezu explodiert. Na sehen Sie: das war der erste »anthropogene« Vulkan. Schaut man sich dann die auffällige Neigung der Menschheit zum Explosiven an, wundert einen gar nichts mehr. Ich nenne aufs Geratewohl Feuerbohrer, Flitzebogen, Schießpulver, Dampfmaschine, Benzinmotor, Kernspaltung, Bevölkerungsexplosion, Klima-Klimax … Man denke auch an den beliebten »Urknall« – einen Unfug, der sich in wenigen Jahrzehnten schon fast von einer Theorie in eine Tatsache verwandelt hat. Hier liegt es unsittlicherweise sehr nahe, einen Bogen vom erwähnten Primatengehirn zum Unterleib des Zweibeiners zu schlagen. Jeder zünftige Geschlechtsakt ist ein Vulkan-ausbruch. Die Frau stellt den Krater, der Mann die sogenannte Ejakulation.

Die verblüffende Hartnäckigkeit, mit der sich Geflohene nach wenigen Wochen oder Monaten zu ihrem Vulkan zurückbegeben, um sich erneut an dessen Fuß anzusiedeln, ist bekannt. Damit deutet sich das Bindeglied von all dem Verrückten an. Es ist der Stolz. Der Stolz des Menschen auf seine Einzigartigkeit duldet weder Niederlagen wie beispielsweise Flucht/Vertreibung, noch Impotenz. Offenbar ist er vom Wunsch des Überlebens, des Sichtfortpflanzens, des sogenannten Wachstums, des Siegens um jeden Preis heillos besessen. Die Welt mag ein Jammertal, ausgehungert, verseucht sein – der Mensch darf nicht untergehen. Wer da ausschert, macht sich unter 1.000 Mitmenschen 998 erbitterte Feinde, wie ja auch Heike Zuberdorf und Jonathan Blüth erfahren mußten, siehe Heft 1. Und warum die Besessenheit? Woran hängt nun das Bindeglied wiederum?

Ich nehme an, am Tod. Es ist die Angst vor der Vergäng-lichkeit, vor der drohenden Vernichtung. Oder sagen wir umfassender: es hängt an der Leere. Viele Menschen ahnen die quälende Sinnlosigkeit unseres Daseins – und dieses gähnende Schwarze Loch wird emsig mit Kindern zugestopft. Uns zu erhalten, die Gattung zu schützen, Kinder hochzuziehen und so den Wahnsinn zu stützen, das ist schließlich auch ein Sinn.

* »Amerikanische Wissenschaftler schicken …«, Focus Online, 13. November 2013: https://www.focus.de/wissen/natur/vulkane-dante-auf-dem-weg-ins-inferno_aid_148547.html
→ Zum Stolz siehe auch Heft 6 Tuchscheerer

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