Dienstag, 21. Juni 2022
Botts Abgang

In meiner um 2000 verfaßten Geschichte Als Bott die Sonne föhnte steigt der Raumausstatter-Geselle, einst in Erfurt Polsterer, nach manchen Zumutungen seines Chefs Euler auf der Heimfahrt von einer Zierenberger Baustelle nach Kassel jäh aus der Branche aus.


Wie manche HundehalterInnen erstaunliche Ähnlichkeit mit ihrer Bulldogge oder ihrem Rottweiler aufweisen, so verhielt es sich auch mit Euler [einem massigen Hünen] und seinem hochbeinigen, schweren Geländewagen. Und natürlich fuhr er auch nicht zimperlich. Kaum waren sie bei Burghasungen auf die Autobahn Dortmund–Kassel gebogen, drehte Euler auf 150 und gab sich alle Mühe, sämtlichen Vorderleuten, ob sie kleine oder große Autos fuhren, mit seiner fetten Pajero-Schnauze die Kofferraumdeckel einzudrücken.

Bott kannte das bereits; nur wurde es dadurch nicht erträglicher. Von Roman wußte er, Euler hatte wegen Unfällen schon einen Krankenhausaufenthalt und einen dreimonatigen Führerscheinentzug hinter sich. Es hatte aber offenbar nichts gefruchtet. Eulers Krankheit »Selbstüberschätzung« war unheilbar. Bekanntlich nisten sich bei dieser Krankheit, die vor allem Männer befällt, anstelle der nur mager vorhandenen Vorstellungskraft Illusionen ein. An einem Objekt zu scheitern konnte sich Euler so wenig ausmalen wie etwa die Phänomene »im Rollstuhl sitzen« oder »unter der Erde liegen«.

Verständlicherweise war Botts größte Sorge nicht Eulers Lebenserwartung. Vielmehr litt er an der eigenen Lohnabhängigkeit. Sie zwang ihn, angeschnallt neben diesem Hohlkopf zu sitzen, in dessen Pranken sein bißchen Leben lag. Anfänglich hatte er Euler drei- oder viermal gebeten, beim Autofahren etwas mehr Abstand zu halten. Auch dies hatte Euler nur mit einem aus Mitleid und Verachtung gemischten Lächeln quittiert. Gegen Euler waren die sozialistischen Helden der Arbeit Schlafmützen gewesen.

Jetzt wunderte sich Bott, wie er Eulers Zumutungen so lange hatte ertragen können. Und er dachte erbost: Erst macht er dich in der Sonnen-Posse zum Hanswurst, dann fährt er dich zu Brei! Bott spürte, wie sich über seiner Angst der Haß erhob, und er versuchte es keineswegs zu unterbinden. So entfuhr seinem Rachen plötzlich ein Bellen:

»Fahr nicht so dicht auf, du Idiot!«

Eulers Brauen schnellten hoch. Dann faßte er seinen Gesellen scharf ins Auge und knurrte: »Bist du von allen guten Geistern verlassen? Was ist denn das für ein Ton!«

Damit platzte Bott endgültig der Kragen. Er bückte sich jäh zur Seite, packte Eulers rechtes Schienbein und riß ihm so den Fuß vom Gaspedal. Euler fluchte entsetzlich, bemühte sich, den schlingernden Pajero in der Spur zu halten, gab aber nicht mehr Gas. Der Wagen rollte auf dem Seitenstreifen aus.

Bott hatte sich wieder zurückgelehnt und blickte, wenn auch mit fliegendem Atem, starr geradeaus. Sie sprachen beide nicht. Als der Pajero zum Stillstand gekommen war, stieg Bott aus, warf mit Macht die Tür hinter sich zu und sprang in langen Sätzen die steile Böschung hinab.

Die Böschung war mit dornigen Hundsrosenbüschen gespickt. Ein Pechvogel wäre gestrauchelt und in ihnen gelandet. Bott kam durch. Euler verfolgte ihn nicht. Zuletzt hatte einmal Bott die Überraschung auf seiner Seite gehabt.

Wie Bott erkannte, befand er sich in Höhe des Dorfes Hoof. Es gab dort eine Unterführung für Forstfahrzeuge, sodaß er auf die Nordseite der Autobahn gelangen und quer durch den Habichtswald und dann über die Dönche nach Hause wandern konnte. Bott bewohnte damals eine Dachstube im Hause seines Schwagers in Kassel-Niederzwehren. Seine Wanderung ging über rund acht Kilometer – Zeit genug für den Entschluß, seinen Beruf als Raumausstatter und als Handwerker überhaupt an den Nagel zu hängen. Es hätte ihn ja ohnehin keiner mehr eingestellt.
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