Montag, 20. Juni 2022
Auf der Schweinsblaseninsel
Teil 3 einer Romanskizze von 2017


Mit der völligen Gleichberechtigung der Geschlechter ist es noch lange nicht getan. Was zunächst über Bord geworfen werden muß, ist der Wahnsinn, den wir »Liebe« nennen, und gleich anschließend gilt es, die Festung oder Folter-kammer namens »Familie« zu schleifen. Genau zu diesem Zwecke hatten einst viele 68er die Ärmel aufgerollt. Ihre Kraft bezogen sie aus Schriften von Bronislaw Malinowski, Margaret Mead, Wilhelm Reich, Charles Bettelheim, Erich Fromm, Reimut Reiche und dergleichen. Doch wer würde sich heute noch mit solchem Gedankengut befassen? Und sich gar von ihm anregen lassen? Nicht die Färberlaus siegte, aber Rotgrün.

Auf der Schweinsblaseninsel geht es freundlich und freizügig zu. Männer und Frauen vergnügen sich je nach Wunsch und Gelegenheit. Ob dabei auch nennenswert homosexuell verfahren wird, wie in der Antike oder im Mittelalter, könnte ich nicht sagen. Jedenfalls gibt es Herzenswärme und Gefallen aneinander, was grundsätzlich alle oder fast alle InsulanerInnen einschließt und zunächst nichts mit Sexualität zu tun hat. Wird diese aber gepflogen, sind selbstverständlich Verhütungsmittel im Spiel. Solche waren sowohl in der Antike und im Mittelalter wie bei zahlreichen Stammesgesellschaften bekannt, wie unter anderen Heinsohn/Steiger betonen.*

Gleichwohl sorgen die InsulanerInnen für regelmäßigen Nachwuchs. Sie zeugen Kinder, wenn es die Rate der Sterbefälle als angezeigt erscheinen läßt. Dafür sind Winke mit dem Zaunpfahl auf den Dorfversammlungen denkbar. Solche Winke werden am ehsten von Insulanerinnen aufgenommen, die »leicht« gebären, womit sie anders veranlagten Insulanerinnen die Folter des Gebärens ersparen. In der Regel werden die Winke auch von mehreren Insulanerinnen gleichzeitig aufgenommen, damit das Säugen der Kleinkinder nicht zum einsamen und letztlich verheerenden Geschäft wird. Die uns ver-traute Kleinkinderstube dürfte nämlich die entscheidende Wiege sowohl jenes Wahnsinns der »Liebe« wie der Autoritätshörigkeit darstellen. Sie züchtet Verehrungstrieb und Unterwerfungssucht. Durch gemeinschaftliches Aufziehen wird dagegen vermieden, den Säugling an Mutter und Vater zu ketten. Nach Uschi Madeisky, die von den Mosuo aus Südwestchina berichtet**, lassen sich, etwas später, auf diese Weise sogar Trotzalter und Pubertätskrisen vermeiden. Das Kind wird befähigt, sich seine »Bezugspersonen« nach Lust und Gelegenheit zu erwählen. Allerdings leben die chinesischen Bauern und Fischer in Großfamilien (Clanen) zusammen, dabei alle unter einem Dach, was mir beides nicht sonderlich schmeckt. Bei mir steht dem Kind grundsätzlich eine rund 100köpfige Dorfgemeinschaft zur Verfügung. Solange es Säugling und Kriechling ist, lebt es im Mütterhaus. Anschließend trennt es sich von den drei oder fünf Müttern und wechselt ins Kinderhaus.

Das Kinderhaus ist eine kunterbunte, aufregende Sache. In der Regel dürfte es rund ein Dutzend Kinder zwischen drei und 13 Jahren beherbergen. HüterInnen des Hauses sind, bei monatlicher Ablösung, stets zwei Erwachsene, die auch in ihm übernachten. Sie stellen keine »ErzieherInnen«, vielmehr SchlichterInnen dar. Auf der Schweinsblaseninsel gibt es keine Erziehung. Nach einer wichtigen Grundein-sicht Hubertus von Schoenebecks*** haben wir Kindern Eigenverantwortlichkeit, Würde und Achtung nicht anders wie Erwachsenen zuzugestehen. Sie wissen schon, was sie wollen und was für sie gut ist. Wir Erwachsenen wissen es keineswegs besser. Wir haben nur die gröberen Macht-mittel und die durchtriebenere Rhetorik. Die Achtung des kindlichen Willens bedeudet selbstverständlich nicht, daß wir ihm nicht öfter aus eigenem Interesse Grenzen setzen müßten. Die Konfliktbehandlung läuft hier nicht anders wie unter Kommunarden. Erfreulicherweise brandmarkt Von Schoenebeck auch den »Lernzwang« in der herkömmlichen Schule. Dagegen stellt er die Familie nirgends mit auch nur einem Komma in Frage. Im Gegenteil, in einem seiner positiven Beispiele dürfen Schulkinder und ihr Lehrer begeistert »Hochzeit« und »Ehe« spielen. Ich schlage vor, Roy Black singt dazu Ganz in Weiß

Heinsohn/Steiger scheinen Von Schoenebecks »antipädagogische« Warte zu teilen, heben sie doch einmal, wenn auch am Rande, die geringe Ängstlichkeit der (zu ihrer Zeit noch immer weitgehend kollektiv aufgezogenen) israelischen Kibbuzkinder hervor. Sie beruhe auf der allgemeinen Wertschätzung, die ihnen im Kibbuz entgegengebracht werde. Auf der Schweinsblasen-insel werden die bereits genannten Häuser, das große Gemeinschaftshaus eingeschlossen, von einem Jugendhaus, einem Haus der Mitte und einem Altenhaus ergänzt. Jeder Dorfbewohner ist in einem dieser Häuser »stationiert«, mit einem Stammschlafplatz und persönlicher Habe. Die Grenzen sind jedoch fließend und durchlässig. Es gibt stets ein paar überzählige, eher kleine Schneckenhäuser, sodaß sich Leute, auch Paare und Zirkel, spontan zurückziehen können. Dafür gibt es eine »Besetzt«-Markierung. In den Schlafhäusern stehen lediglich »Teeküchen« zur Verfügung, denn die täglichen Hauptmahlzeiten (morgens und frühabends) sind ja kollektive, im Gemeinschaftshaus stattfindende Einrichtungen, wie ich schon früher sagte. Wer für den Abend kocht, wird morgens auf den Arbeits- und Mußebesprechungen festgelegt, je nach Tagesprogramm der InsulanerInnen. Ich halte diese gemeinschaftlichen Mahlzeiten für wichtig. Nach dem intimen Gesauge an der »eigenen« Mutterbrust gibt es doch nichts Schädlicheres als dieses uns wohlbekannte hamsterartige und neidvolle Bruzzeln, Hocken und Tuscheln an der je »eigenen« Feuerstelle. Ehe und Familie müssen verabschiedet werden, weil sie Clandenken züchten, gruppenhaftes oder völkisches Zu- und Angehörigkeitsgefühl, halsstarriges Pochen auf das sogenannte Eigene. Sie sind die wesentlichen Brutstätten von Hader, Streit, Konkurrenz und Kapitalismus. Wahrscheinlich läge man nicht falsch, wenn man die sogenannte Kernfamilie als Keimzelle des Krieges in all seinen Formen begriffe.

Das mag ja alles sein, höre ich die EinwerferInnen, aber den Kinderwunsch und die Liebe lassen wir uns nicht nehmen. Dazu sage ich, eure brennenden Kinderwünsche und eure glühende Liebe sind beides romantischer Ziegen-käse. Nach Heinsohn/Steiger war »der Kinderwunsch« vor der Neuzeit hauptsächlich ökonomisch und damit gesellschaftlich begründet gewesen. Man legte es auf Erben, MitarbeiterInnen, AltenversorgerInnen an. Kinderwünsche, die turmhoch über die Triebe oder Träume eines Pavianweibchens und das Imponiergehabe eines Pavianmännchens hinausgingen, wurden belächelt, wenn nicht gar verhöhnt. Und so auch mit der Liebe. Zwar versichert Peter Farb****, selbst die vergleichsweise sehr primitiven WüstenbewohnerInnen Shoshone aus dem US-Südwesten hätten »die romantische Liebe« durchaus gekannt, jedoch als »eine Art Wahnsinn«, der nur Jugendliche befalle, mit Nachsicht behandelt. Er gehe vorüber und mache dann dem Zweckbündnis Ehe Platz. Im gegenwärtigen Europa wird er jede Wette nicht so schnell vorübergehen, obwohl hier die Ehe nur noch nach Art der Potemkinschen Dörfer am Einstürzen gehindert werden kann. Das bereits angeführte »Kernige« an der »festen« Paarwirtschaft ist zu wichtig. Niemand wagt die glühende Kette des neuzeitlichen Liebesgestammels anzufassen, um sie endlich über Bord zu werfen. Angenommen, Sie nähmen sich einmal alle in den drei jüngsten Jahrzehnten veröffentlichten CDs vor und strichen sämtliche Liebes- und Liebeskummerlieder – Sie stünden vor einem Riesengebirge aus weitgehend leeren CD-Schachteln. Die Sache mit der Leere meine ich im Ernst. Für mich dient unser schöner Firnis vom Liebes- und Familienleben in erster Linie dazu, die Hohlheit unserer Köpfe, unserer sozialen Beziehungen und selbstverständlich auch unseres Erwerbslebens zu übertünchen. Er erspart uns das Erschrecken vor uns selbst.

Im ersten Teil erwähnte ich eine unglückliche Verliebtheit des Mark und einen sogenannten Traumfänger. Dieser besteht bei einigen US-Indianerstämmen meist aus einer kreisrund gebogenen Weidenrute mit einer Bespannung, die an ein Spinnennetz erinnert. Zusätzlich baumelt amulettartiger Schmuck am unteren Bogen. Über dem Bett hängend, soll dieses geweihte Gerät die guten Träume zum Schläfer oder zur Schläferin durchlassen, die schlechten dagegen abfangen, wenn ich richtig verstanden habe. Ein solches Gerät bekam Mark von jener Angebeteten geschenkt, der seine Verehrung gar zu lästig war. Er hatte ihr versichert, sie sei wundervoll, er könne nicht ohne sie leben, er werde sie bestimmt auf Händen tragen, freilich nie zu anderen – Sie werden diesen Sermon zur Genüge kennen. Die junge Frau besprach den Traumfänger, den sie für Mark gebastelt hatte, mit dem Sermon und schärfte dem Gerät ein, dergleichen streng abzuweisen. Sie hingen diesen neuen Traumfänger gemeinsam über Marks Bett im Jugendhaus auf. Wenn das Gerät genug herausgefiltert habe, möge sich Mark bitte wieder bei ihr melden, sagte sie zu ihrem Verehrer, bevor sie zum Strand huschte. Sie war mit ein paar Leuten zum Muschelfang verabredet.

* Die Vernichtung der weisen Frauen. Studie über Hexenverfolgung und Menschenproduktion, ursprünglich 1985. Erweiterte Ausgabe München 1989.
** »Mütterliches Prinzip ist besser«, Frankfurter Rundschau,
3. Januar 2016
*** Kinder der Morgenröte, Norderstedt 2004. Allerdings ist Von Schoenebecks Einsicht nicht neu, wie ich aus einer Studie des anar-chistisch gestimmten Volkswirtschaftlers Walther Borgius schließe, die 1930 in Berlin erschien: Die Schule – ein Frevel an der Jugend. Obwohl nur schwer zu den Perlen deutschsprachiger Prosa zählbar, ist dieses Werk aufgrund seiner Pionierleistungen empfehlenswert.
**** Man's Rise To Civilization / dts. Die Indianer, 1968 / 1988, S. 44
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