Sonntag, 19. Juni 2022
Konräteslust

Mein 2010 verfaßter Roman Konräteslust spielt in einer gleichna-migen, rund 3.000 Leute umfassenden Zwergrepublik bei Gotha, die von der thüringischen Landesregierung geduldet, teils sogar gefördert wird. Im folgenden Auszüge. Besucher Achim Dömmersbach, ein Berliner Flötist um 40, frühstückt in der Kommune Walnußhaus.


Von Lisa erfuhr er zu seiner Verblüffung, es gebe nur zwei Grundschulen in Konräteslust – keine anderen Schulen. Sie selber würde gleich zur BG Montaigne gehen, die im Waisenhaus tage. BGs waren Bildungsgruppen. Die sehr praktisch ausgerichteten Grundschulen wurden gern besucht, obwohl es keine allgemeine Schulpflicht gab. War ein Kind 10 oder 11, überlegte es gemeinsam mit seinen Eltern und Betreuern, wie es weitergehen könnte. Den Wunsch, ein Gymnasium in Gotha oder die traditions-reiche Salzmannschule in Waltershausen zu besuchen, äußerte es selten. In der Regel ersuchte es gemäß seiner Neigung um Aufnahme in einer der ganz unterschiedlich orientierten BGs der Republik. Allgemeine Lehrpläne oder Vorschriften über die Gestaltung und den Umfang des Unterrichts existierten nicht. Die Gruppen waren von ihrem Leiter oder ihrer Leiterin geprägt, die ihren eigenen Konzepten folgten. Zum Teil zogen sich die LeiterInnen »Gastdozenten« heran wie etwa bei Montaigne den erwähnten Schriftsteller Heinz Jäckel. Oder sie besuchten mit ihrer Gruppe einen Betrieb der Republik zwecks Erforschung und Mitarbeit. Sie erprobten und veränderten ihre Konzepte im Lauf der Gruppenpraxis. Das heißt, die »SchülerInnen« trugen zu diesen Konzepten nicht unerheblich bei. In der BG Montaigne lag das Schwergewicht auf den Bereichen Kritisches Denken / Europa in der Renaissance / Französische Sprache. Aber selbst dort wurde keineswegs nur geistig gearbeitet. So betreute die Gruppe einen kleinen Weinberg, den sie selber oberhalb des Hutewäldchens angelegt hatte. Die dortigen Anhöhen gehen gen Süden. Wie sich versteht, hieß der Weinberg Montaigne. Im übrigen wurden die BGs von jedem Jugendlichen, der für diese Art des Unterrichts Feuer gefangen hatte, mehr oder weniger oft gewechselt. Im ganzen sprang dabei eine hübsche Allgemeinbildung heraus – sofern man Jäckels ausnahmsweise auf englisch abgehaltener Predigt anhing, less sei more.

Pianistin Lydia hat Achim in die von ihr geleitete BG Prokofiev eingeladen. Rund ein Dutzend »SchülerInnen«, zwischen 15 und 17 Jahre alt, widmen sich in der Friedhofskapelle an zum Oval gerückten Tischen dem Themenkreis Kommunismus / Fortschritt / Musik / russische Sprache und Literatur. Heute geht es um die Technik. Achim stellt seine silberne, vielklappige Querflöte vor; Jaromir hält ein Kurzreferat über die rüde Industrialisierung in der Sowjetunion.

Man stieß auf das Problem der Abhängigkeit. Kerzen lassen sich tatsächlich von Einzelnen oder von kleinen Gruppen recht einfach herstellen. Wird auch das Wachs selbstproduziert, ist die Autonomie perfekt. Dagegen ist der moderne Wohlstandsmensch von einer Megamaschine und von tausend sogenannten, jeweils anders zuständigen Experten abhängig. Eine Panne, und ganze Stadtviertel oder Großstädte sitzen im Dunkeln. Ein Defekt im Ölbrenner, und der Experte läßt Familie Hurtig zwei Tage frieren, ehe er kassiert. Hinzu kommt der Machtfaktor, auf den Jaromir ja schon hingewiesen hat. Beherrsche ich die Produktion, beherrsche ich die Menschen. Indem uns die Megamaschine enteigne, entmündige sie uns, formulierte Lydia. Sie nehme uns dankbar alles ab: die Sorge um unser Stück Land, das sie gleich mit 50 anderen Stücken verschmilzt; unser letztes Geld, weil wir uns gegen Notfälle versichern müssen; den Rest unserer Menschenwürde, den wir beim Shoppen und Zappen noch nicht eingebüßt haben.

Aber die Erleichterung, die uns Technik oft gewähre, lasse sich auch nicht so einfach wegreden, gab die Rötliche mit dem Bürstenschnitt zu bedenken. Wer das Brennholz für die ganze Kommune nur mit der Hand sägen wollte, käme zu keiner BG-Sitzung mehr, vom Muskelkater ganz zu schweigen. In der Ziegelei liefen die Band-, Kreis- und Kettensägen den ganzen Tag. Verstoße das gegen den Anarchismus?

»Tja, der Streit ist alt«, sagte Lydia lächelnd. »Der Engländer William Godwin gilt als Begründer des politischen Anarchismus. Er will bereits um 1800 – als die Industrie noch in den Kinderschuhen steckt – alle Möglichkeiten der Automation ausgeschöpft wissen; er sei davon überzeugt, dadurch könne die täglich notwendige physische Arbeit des Menschen auf eine halbe Stunde verringert werden. Nichts anderes glaubten Leute wie Lenin und Zuse, der Erfinder des Computers. Wer weiß, daß Godwin ursprünglich evangelischer Prediger war, könnte hier einen uralten Menschheitstraum als Vater des Gedankens wittern …«

Sie blickte fragend in die Runde. Das Wiesel krähte: »Schlaraffenland! Paradies!«

»Ganz genau, Tim. Und ich wage zu bezweifeln, die Bestimmung des mit Würde begabten Menschen liege darin, wie ein Säugling an der Brustwarze der Megamaschine zu hängen. Ist es nicht vielmehr so, daß wir überhaupt erst durch die Aneignung unserer Umwelt zu Menschen werden?«

Die »Aneignung« war selbst Achim zu hoch. Eine Erörterung ergab: Die Notwendigkeit, für unseren Lebensunterhalt, für unser Fortkommen zu sorgen, gestaltet uns selbst nicht weniger, wie sie unsere Umwelt gestaltet. Der Mensch »erschafft sich« im Prozeß seines Eingreifens – durch Arbeit im weitesten Sinne.

»Nun ja«, wagte Achim zu bemerken. »Es kommt vielleicht doch auf die Art der Arbeit an. Gestern half ich in der Mosterei der Bornmühle mit. Wenn da einer im Stehen stundenlang einen Plastikschlauch in leere Flaschen tunken muß, trägt er wohl kaum zu seiner eigenen Vervollkommnung bei – er ist vor allem geschafft. Und wenn er nicht gut auf sich aufpaßt, kommt er sogar dümmer aus der Mosterei heraus, als er hineinging.«

Zustimmendes Gelächter. Die Runde einigte sich darauf, es gebe keine Pauschallösungen. Man müsse von Fall zu Fall entscheiden, ob Einsatz von mehr Technik sinnvoll sei oder nicht. Dabei seien sich die meisten Menschen nicht darüber im klaren, wie komplex die zu entscheidende Frage sei, betonte Lydia. Jedem Vorteil stehe ein Nachteil gegenüber, und es gebe immer Dutzende dieser Paare. Achim unterstützte sie. Man bedenke nur, was alles an einem Auto hänge, sagte er im Gedenken an Heinz Jäckels Vortrag über die Pferde. »Doch meinem Vater winkte aus jedem abbiegenden VW-Käfer, dem er neidisch nachblickte, nur die große Freiheit aufzubrechen, wohin er will – die man nach Hölderlin allerdings verstehen lernen muß. So in seinem Gedicht Lebenslauf

Ein bislang schweigsames Mädchen, das viel mitschrieb, hatte offenbar über irgendetwas gegrübelt. Jetzt sagte es ziemlich bestimmt:

»Abwägen ist ja schön und gut – nur hat die Sache einen Pferdfuß. Es wird nämlich immer schwieriger und irgendwann sogar unmöglich. Harry – das ist mein Vater – sagt, es liegt an der Verselbständigungstendenz der Megamaschine. Sie drückt uns ihre Bedürfnisse auf, sie fordert ihr Recht. Das nennt man dann Sachzwänge. Jedenfalls sei es im kapitalistischen Ausland so. Welcher deutsche Bundesbürger könne denn noch auf ein Auto verzichten, ohne gesellschaftlich abgehängt zu werden? Und wenn die BRD auf die Autoproduktion verzichte, bräche die halbe Wirtschaft zusammen. Harry verhöhnt die vielen angeblichen Linken, die neuerdings vom notwendigen Umbau der Industriegesellschaft sprechen – wartet mal …«

Sie kramte in ihren Papieren, bis sie fündig geworden war. »Er hat mir eine Stelle aus Lenins Staat und Revolution gezeigt, das in seinem Bücherregal steht. Da schwärmt der Führer des Proletariats von einer Schule der Fabrik, die den revolutionären Erfordernissen – also dem bürokratischen Zentralismus – sehr zugute komme. Mit der Maschine oder Keule revolutionärer Geschlossenheit werde nach und nach weltweit jede Ausbeutung erdrückt und erst, wenn sie restlos vom Erdboden getilgt sei, werden wir diese Maschine in den Winkel stellen. Dann wird es weder Staat noch Ausbeutung geben. Das verhöhnte Harry mit einem Beispiel aus dem Reich der Haustiere. Lenin kauft sich einen kleinen Kläffer, den der Hundezüchter als Pinscher bezeichnet. Nach zwei Wochen macht Lenin Urlaub in Konräteslust, wo ja Hundeverbot herrscht. Zurückgekehrt, hat sich sein angeblicher Pinscher, unter der Obhut seiner Haushälterin, zu einem Säbeltiger ausgewachsen. Lenin erschrickt nicht; er holt schnell einen Keks aus der Küche, um den Säbeltiger damit ins Tierheim zu locken. Lenins Ende könne ich mir wohl selber ausmalen.«

Pause. Einige spielen auf dem Vorplatz Kubb. Später sitzt man bei Kaffee und Kuchen.

Achim schlenkerte mit seinem Handrücken. »Verscheuchen wir die Traurigkeit! Ihr seid ja wirklich gut aufgelegt hier. Das Schulklima gefällt mir. Und das Engagement der jungen Leute! Wie erreicht man das?«

Lydia verstülpte die Lippen und dachte nach. »Vielleicht zuerst: Keine Pädagogik! Die Mädchen und Jungen müssen als künftige RepublikanerInnen ernst genommen werden.«

»Gilt bei euch die bundesdeutsche Volljährigkeitsgrenze?«

»Ja. Sie beläuft sich aber darauf, daß eine 17jährige kein Vetorecht und keinen Zugriff auf die Bank hat. Ansonsten gestaltet sie mit wie jeder Erwachsene.«

»Und was wäre noch wichtig?«

»Keine Schulpflicht! Selbst in unsere Grundschulen wird kein Kind gezwungen. Wir brauchen den freiwilligen Einsatz und die selbsterrungene Erkenntnis des jungen Menschen – nicht seine Unterwürfigkeit. Während Lenin, wie wir hörten, die Schule der Fabrik rühmte, geißelte der von mir angeführte Godwin die Sklaverei des Schuljungen – 120 Jahre vor Lenin. Und du wirst ja selber wissen: nötige ich ein Kind ans Klavier, kommt nur Krampf dabei heraus.«

Achim lächelte etwas schwermütig, denn bei ihm war es so gewesen. Dann hakte er nach: »Ihr trefft euch an fünf Nachmittagen der Woche jeweils für drei Stunden, hat mir ein Mädchen gesagt. Zwängende Zeitrahmen lehnt ihr also nicht ab?«

»Sie werden oft überdehnt, manchmal auch gesprengt. Heute sitzen wir bestimmt noch bis halb Sieben hier. Im Sommer kann es geschehen, daß wir zur Nesse rennen, um uns hineinzustürzen. Das Entscheidende ist gar nicht die Unterrichtsdauer, sondern die Vorbereitung auf den Unterricht, die die Mädchen und Jungen individuell oder in Untergruppen leisten. Vorträge vermeide ich. Es gibt Bücher, es gibt das Internet – bei uns wird gebündelt. Oder auch mal experimentiert.«

»Die Gruppen laufen stets ein Jahr?«

»Richtig. Gegen Ende des Kursjahres wird überlegt, wer wo weitermacht, denn im Grundmuster wiederhole ich dann mit Neulingen meinen Kurs. Diese Muster der BGs stehen im Intranet. Es kommen mal neue hinzu, mal fällt etwas fort.«

»Wird dir selbst die Wiederholung nicht langweilig?«

»Bislang nicht. Ich gebe den Kurs erst zum zweiten Mal. Ich bin oft noch unsicher.«

Sie waren inzwischen an die Kaffeetafel gewechselt und ließen sich Jaromirs Pflaumenkuchen schmecken. Neben zwei Thermoskannen mit Kaffee hatte er sogar eine Schüssel mit Schlagsahne gebracht. Die Kubb-SpielerInnen waren gern hereingekommen.

»Ich könnte mir denken, die Kurse gewinnen oder verlieren auch stark durch ihre jeweilige Leitung?« hakte Achim nach.

»Das wohl. Manche wählen ihre BG gerade nach diesem Gesichtspunkt aus. Aber ich glaube, unbeliebte Leiter-Innen gibt es gar nicht mehr bei uns. Die halten sich nicht.«

Achim wandte sich an die Rötliche mit dem Bürsten-schnitt, die ihm zufällig gegenübersaß. Dabei winkte er mit dem Daumen zu Lydia:

»Wie beliebt ist denn sie?«

Die Rötliche hob verzückt ihre Brauen, wobei auch ihr hübscher Mund aufging. Dann schob sie sich schlagfertig einen Teelöffel voller Sahne hinein und quetschte hervor:

»So!«

Lydia hielt sich die Hand vor ihren Mund und schüttelte ihren Kopf. Sie wirkte ungespielt verlegen. Achim nickte ihr mit ermunterndem Lächeln zu.

Kurz darauf sprach ihn Tim das Wiesel auf sein Berufsleben als Musiker und die Lebensqualität in der Hauptstadt an. Achim gab bereitwillig Auskunft. Was die Lebensqualität betreffe, gehe ihm erst in diesem freien Städtchen auf, unter welcher Dunst- und Lärmglocke sich die BerlinerInnen durch ihren Alltag zu zappeln hätten. Für MusikerInnen bestehe der heimtückischste Lärm in dem Gesäusel und Geschwafel, das schon bald flächendeckend aus den Lautsprechern des öffentlichen Raumes quelle. Einkaufen im Supermarkt: Berieselung. Warten beim Zahnarzt: Zwangsfernsehen. Kinobummel: Straßenmusikanten. Bildschirme auch in den Bahnhöfen der Fernzüge, und zur Krönung neuerdings die Beschallung verschiedener Ubahnhöfe mit Musik von Beethoven oder Dvorak. Angeblich würden dadurch die Penner vertrieben. Er glaube aber eher, dadurch würden Beethoven und Dvorak vertrieben. Alle paar Stunden wiederholten sich die gezielt ausgewählten Stücke. Musikern wie ihm drehten die Gänge durch solche Ubahnhöfe oder Einkaufspassagen natürlich den Magen um. Den Leuten, die dort Pizzen oder Liebesromane zu verkaufen hätten, wahrscheinlich auch, nur merkten sie es nicht.

Als Lydia den Abbruch der Kaffeetafel vorschlug, erhob sich Achim. »Ich werde mich jetzt zurückziehen, denn ehrlich gesagt, Russisch will ich nicht mehr erlernen. Ich war sehr gerne hier. Vielleicht gebt ihr Lydia und mir die Ehre eines Gegenbesuches. Am Samstag veranstalten wir nämlich ein Konzert für Klavier und Flöte in der Ziegelei, wie ihr vielleicht schon gelesen habt. 20 Uhr!«

»Was gebt ihr denn?« wollte die Rötliche wissen.

»Die Sonate opus 94 – von Prokofiev …«

Jubel! Achim nickte lächelnd, nahm seinen Flötenkasten und verließ den Saal.

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Er nahm einen Weg längs des Boberbachs. Zur Linken zogen sich die Wiesen und Äcker bis zu Hämmerchens Scheune hin. Von einer Baumspitze aus spähte ein Bussard nach Mäusen. Der Bursche besaß weder Jagdschein noch Abitur. Um Kartoffeln lesen oder Flöte spielen zu können, war es ebenfalls überflüssig, sich der Folter zu unterziehen, über die ihm [seine Tochter] Iris oft genug ihr Leid geklagt hatte. Im Grunde stellte die Folterkammer moderne Schule eine Beleidigung für jeden halbwegs gesunden Geist dar. Sie zermalmte Neugier, Kreativität, eigenständiges Denken, Lust auf Verantwortung, Kritikfähigkeit, weil dies alles nicht auf den angebeteten Lehrplänen stand. Sie hämmerte das Faktenwissen in die Köpfe, das diese brauchen würden, um auf dem einen oder anderen Fließband rollen zu können. Es ging nur darum, »den Anforderungen gerecht zu werden« – nämlich des Kapitals. Man lernte nicht fürs Leben, sondern für Prüfungen. Man lernte für den Konkurrenzkampf. Das hieß, man lernte möglichst kurz zu leben – und sei es ab 45 noch 25 Jahre als Invalide.

Ungerufen fiel ihm das Lied Schicke schicke Schweine wieder ein. Das bewies, es war ein durchtrieben gemachter Ohrwurm. Man lernte für die Schweine, die Orwells Animal Farm beherrschten, und Glukoza stach sie mit einem Hit aus, der ihr vermutlich schon eine im Hafen von Jalta liegende Jacht eingebracht hatte.
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