Sonntag, 19. Juni 2022
Radama I.

um 35 (c.1793–1828), britenfreundlicher madegassischer König. Ein Gemälde zeigt ihn gertenschlank, noch größer als Napoleon und natürlich kaffeebraun. Er kam 1810, mit 18, in der Hauptstadt Antananarivo auf den Thron und soll zügig daran gegangen sein, sich alle noch nicht »erschlos-senen« Landesteile zu unterwerfen und sie, mit britischer Hilfe, zu zentralisieren und zu christianisieren. Er selber stand wohl eher dem Islam nahe, hatte jedenfalls etliche Frauen. Er soll vergleichsweise jung an einer Infektion gestorben sein, die sein beträchtlicher Alkoholkonsum nicht einzudämmen verstand.

Madagaskar ist übrigens eine große Insel vor der ostafrikanischen Küste. Jeder, der in einer christlichen Jungschar zum Manne reifte, kennt sie selbstverständlich, weil da, zur Klampfe, mit Begeisterung »Wir lagen vor Madagaskar« geschmettert worden ist. Nur kommt die Insel in dem Lied gar nicht vor. Man kann nur raten, was die lieben Matrosen eigentlich vor oder in Madagaskar zu suchen hatten. In dieser Hinsicht hätte auch ein Fanbrief an Heino jede Wette wenig geholfen. Möglicherweise hatten sie Bibeln und Flinten für Radama geladen und nahmen dafür ein Schock Sklaven und ein paar knackige Weibsbilder mit. Bald nach Radama I. wurde die Sklaverei sogar abgeschafft, 1877. Neben den Briten hatten vor allem die Franzosen ein Auge auf die Insel geworfen, und gegen Ende des Jahrhunderts einigten sich die beiden WohltäterInnen der unterentwickelten Weltteile darauf, auf Madagaskar eine französische Kolonie einzurichten. Das ging nun Jahrzehnte so. Allein 1947 schlugen die Franzosen einen Aufstand nieder, bei dem mindestens 60.000 Leute nicht wieder vom Felde aufstanden, weil sie tot waren. Dergleichen Stoff war für das Lied »Wir lagen vor Madagaskar« ungeeignet. 1960 gewährte Frankreich die Unabhängigkeit. Den sogenannten Sozialismus lernten die Einheimischen bis zur Stunde immer nur als Fata Morgana kennen.

Ich habe bereits gelegentlich auf meine drei Erzählungen aus kleineren »Freien Republiken« hingewiesen. Sie sind ohne Zweifel schön und gut (das meine ich im Ernst), aber wie sich versteht, sind sie auch stark vereinfacht. In der Realität stoßen Versuche solcher Republikgründungen auf derart viele, überwiegend störende Faktoren, daß sie über kurz oder lang zusammenbrechen – unter Umständen bereits nach 10 Tagen, wie Nikola >Karevs Zwergrepublik Kru?evo in Makedonien. Heute werden die rund 25 Millionen, die auf Madagaskar leben, durch die bunten, oft orangefarbenen Werbeprogramme der Westlichen Tauschwertgemeinschaft, dabei insbesondere die Ermahnungen von deren Impfpäpsten behämmert. Nebenbei wäre die Insel wahrscheinlich selbst ohne die imperialistischen Begehrlichkeiten kein makelloses Paradies. Das tropische Klima bringt Schwüle und Orkane, die so manches wegblasen, nur die Mobilfunknetze und die Satelliten der Zentralbanken nicht.

Im Internet-Magazin Rubikon spricht Dharmendra Laur gerade von der enormen verheerenden Welle, die in der Weltwirtschaft unter dem Deckmantel der Virus-Bekämpfung auf uns zurollt.* Den Mittelstand wegfegen, die Preise hochtreiben und endlich die digitale Währung einführen. Diese wird in der Tat happig. Sie ermöglicht den Steuermännern der Eliten die totale Kontrolle des Geldverkehrs, also auch unseres Konsumverhaltens und unserer Lebenserwartung. Der ganze großangelegte Umbau des krisengeschüttelten Kapitalismus' stellt sich als Dampfwalze dar, gegen den die von Robert Kurz so genannte »nachholende Modernisierung« in der Sowjetunion ein Sandkastenspiel war. Aber er stelle auch die Gelegenheit für uns Randständigen dar, behauptet der studierte Physiker und »spirituell« gestimmte Politiker Laur so kühn, kurzangebunden und einfältig, daß ich mich nur an den Kopf fassen kann. Geschickt genug gehandelt, könnten wir »die entstehenden Dynamiken nutzen und die Gesellschaft in eine Richtung lenken, in der Freiheit und Selbstbestimmung für alle eine Selbstverständlichkeit« seien – und das auch noch fettgedruckt, wie bei Rubikon üblich, damit auch der Dümmste noch mitkommt. Laurs zentraler Hebel ist dabei die Mobilisierung unserer inneren Kräfte. Stichwort: Meditation. Dadurch wird Laur eine massenhafte Stärkung erzielen, die uns beim Straßenkampf gegen die Dampfwalze unschlagbar macht.

Spott beiseite, bin ich keineswegs dagegen, daß man solche Ansichten zur Diskussion stellt. Ich gebe gleichwohl zu bedenken: Laur, der Autor, ist erst 30 Jahre alt. Lasse ich die vorwitzigen und unreifen Vorschläge in meiner Erinnerung aufscheinen, die ich mir selber einst in diesem Alter leistete, geht die Schamröte in meinem Antlitz auf. Ich sehe hier ein Riesenhindernis im Befreiungskampf, das oft unterschätzt wird. Es ist die gleichsam natürliche Spaltung der Gesellschaft in Lebensalter und Grade der Bildung oder Einsichtsfähigkeit. Die darin liegenden Unterschiede und Widersprüche werden sich wahrscheinlich immer ins Gehege kommen, auch in meinen schönen Zwergrepubliken. Zu allem Unglück war die Angelegenheit in meinem persönlichen Fall auch noch mit ungewöhnlicher Begriffsstutzigkeit gepaart, von Mitschülern oder Kampfgenossen gern »lange Leitung« genannt. Um dieses mutmaßliche Naturell zu erkennen, meine Langsamkeit also, benötigte ich allerdings, ab 30, noch einmal zwei bis drei Jahrzehnte. Das war der letzte Beweis.

* »Die Überdehnung der Blase«, 18. Mai 2021: https://www.rubikon.news/artikel/die-uberdehnung-der-blase
→ Zu Lektüre & Lebensalter siehe auch in Heft 11 Falten

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