Sonntag, 19. Juni 2022
Pergaud, Louis

33 (1882–1915), französischer Lehrer und Schriftsteller, vor allem berühmt aufgrund seines angeblich großen Wurfes La Guerre des boutons (Der Krieg der Knöpfe), Paris 1912. Die deutschsprachige Ausgabe erschien bei Rowohlt ab 1964, darunter in der Reihe rororo rotfuchs, genauer 63.–70. Tausend April 1987. Befremdlicherweise sind sowohl die beiden Herausgeberinnen dieser Reihe als auch die Knöpfe-Übersetzerin (Gerda v. Uslar) Frauen. In Pergauds vielaufgelegtem und wiederholt verfilmtem Knüller, der die Feldzüge einer dörflichen Knabenschar ausbreitet, kommen Frauen nämlich bestenfalls am Rande vor. Die Mütter zetern; eine kleine Schwester darf gelegentlich Knöpfe oder Schnallen annähen, falls es dem Feind einmal gelang, die Kleider der Knaben (aus Longeverne) zu plündern. Der Feind wohnt im Nachbardorf Velrans und besteht gleichfalls ausschließlich aus Knaben. Man trifft sich ziemlich regelmäßig zu Schlachten in einem nahen Busch- und Steinbruchgebiet. Nur der Feind ist übrigens hinterhältig, dumm und so weiter. Er war es schon immer, geht der Bandenkrieg doch auf eine uralte Zwietracht zwischen den beiden Dörfern zurück, die selbstverständlich gepflegt werden muß.

Die Warte des Feindes, der Velraner also, nimmt Erzähler Pergaud nie ein, aber einen von denen tauft er »Schiefmaul«, das sagt ja wohl alles. Gegen Buchende haben die meist siegreichen Longeverner unter einem Verräter zu leiden. Der heißt eigentlich Bacaillé, wird aber plötzlich »der Krummbeinige« genannt. Und selbstverständlich wird er dafür, den Velranern die Hütte und den Schatz der Longeverner ausgeliefert zu haben, tüchtig bestraft. Die 30 oder 40 Krieger der Longeverner dürfen den Gefesselten reihum mit Weidenruten auspeitschen, bis er blutet wie ein Schwein. Vorher hat er seinen Verrat »gestanden«: weil ihm seine Ex-Kameraden übelste Folter androhten. Man glaube nicht, die beiden Kinderbanden würden lediglich Krieg spielen. Die Weidenruten sind so echt wie die Steine, mit denen sie sich bewerfen, und wie die Knüppel, mit denen sie sich auf die Mützen hauen. Daß bei solcher Handgreiflichkeit noch kein Auge ausgeschlagen wurde, darf stark bezweifelt werden. Einem erwachsenen Betrunkenen spielt man den »Streich«, ihn im Dunkeln über dutzendfach im Dorf gespannte Seile stolpern zu lassen – erstaunlicherweise bricht er sich nicht den Hals. Man befleißigt sich also der Brutalität, die einem die Väter, Lehrer, Soldaten vormachen. Dabei geht es weder um Land- noch Geldgewinne, nimmt man die Knöpfe und Schnallen einmal aus. Diese wichtigen, erbittert umkämpften Kurzwaren zeigen übrigens schon schlagend das Nichtspielerische dieses Abenteuerbuches an. In der christlichen Jungschar um 1960 hatten wir Knaben bei den Geländespielen je nach Partei verschieden gefärbte Woll-fäden ums Handgelenk gebunden, die »Lebensfädchen«. Wer sein Lebensfädchen verlor, weil sie ein Gegner abgerissen und eingesackt hatte, war »tot«. Bei Pergaud jedoch müssen es schon echte Knöpfe und Schnallen sein, die wirkliche Lücken reißen, wenn sie dem Feind zur Beute fallen, und die dann zu Hause mitunter für eine zusätzliche, wirkliche Tracht Prügel sorgen.

Vor allem aber rauben sie dem Besiegten, der nun ohne Knöpfe und Schnallen dasteht, beziehungsweise seinem Verein die Ehre. Um sie dreht sich alles, es ist der Lieblingsbegriff des Predigers von Militarismus und Clandenken Louis Pergaud. Der Knöpfe und Schnallen beraubt, hat man eine Niederlage erlitten, und da echte Longeverner keine Anzweiflung ihrer Vormachtstellung dulden können, muß Rache geübt werden, Vergeltung. Trifft die Schmach gar Lebrac, ihren »General«, muß dreimal vergolten werden, da es selbstverständlich innerhalb der Vormacht noch einmal eine Rangordnung gibt. Pegaud macht sich nur selten die Mühe, sein nach all den von ihm aufgebotenen deftigen Schimpfwörtern stinkendes erzieherisches Programm ironisch oder satirisch zu verbrämen. Nebenbei leidet seine Darstellung an Längen und glänzt weder durch Anschaulichkeit noch durch Treffsicherheit im Ausdruck.

Dennoch ist Pergauds Botschaft unmißverständlich – und der riesige Erfolg dieser Erzählung wäre in der Tat eine Schmach, wenn er nicht normal wäre. Entsprechend normal kommt es mir vor, wenn Pergaud mit 32 in den Ersten Weltkrieg zog, binnen kurzer Zeit zum Leutnant aufstieg, aber schon im April 1915 im Rahmen von Gefechten bei Marchéville (Meuse) auf dem »Feld der Ehre fiel« oder verschollen ging. Mehr zur »Ehre« in Heft 3.
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