Sonntag, 19. Juni 2022
Masih, Iqbal

um 12 (1982?–95), pakistanischer Kindersklave, von wem erschossen? Während die einen einen Anschlag des internationalen Teppichhandels argwöhnen, sprechen die anderen von einer Art Dorfposse mit allerdings tödlichem Ausgang. Angeblich war Masih von seinen Eltern schon als Vierjähriger gegen sage und schreibe (umgerechnet) 12 US-Dollar in die »Schuldknechtschaft« eines Fabrikanten gegeben worden, für den er 12 Stunden Teppiche zu knüpfen hatte – Tag für Tag. Obwohl nicht selten am Knüpfstuhl angekettet, unternahm Masih wiederholt Fluchtversuche – man fing ihn jedes Mal wieder ein. Durch die harte Sklavenarbeit, schlechte Ernährung, den Wollstaub und mangelhafte Gesundheitsfürsorge blieb er im Wachstum zurück. Seine seelischen Qualen können sich heutige mitteleuropäische Kinder, die noch nicht einmal »Stubenarrest« kennen, vermutlich nur unzulänglich ausmalen. Deshalb haben die KultusminsterInnen unlängst die Corona-»Pandemie« mit ihren unumgäng-lichen Quarantäne-Maßnahmen erfunden.

Für Masih ging das rund sechs Jahre lang. Dann kam er dank BLLF (Bonded Labour Liberation Front) frei und durfte sogar, als 10jähriger, eine Schule dieser Organi-sation besuchen. Er beteiligte sich auch an der Verbands-arbeit und trug so seinerseits – wie es heißt – zur Befreiung zahlreicher Kindersklaven bei. Nach Schät-zungen der in Großbritannien ansässigen Anti-Slavery International beschäftigen allein die HerstellerInnen von handgeknüpften Teppichen in Pakistan, Indien und Nepal mindestens 800.000 Kinder unter 14 Jahren.* Diese Kinder sind begehrt, weil ihren schmalen Fingern die erwünschten dünnen Knoten entspringen, einmal davon abgesehen, daß sie auch außerhalb der »Schuldknecht-schaft« mit einem Tageslohn von wenigen US-Cent abgespeist werden können. Andere Kinder arbeiten in Mühlen, Ziegeleien, Garagen und »natürlich« auch in der Landwirtschaft.

Im Nebeneffekt wurde Masih durch seine Verbandsarbeit zum Aushängeschild. Er reiste unter anderem nach Schweden. 1995 wurde der 12jährige ausgerechnet von der weltweit tätigen Sportartikelfirma Reebok, die sich selbst zum Gärtner ernannt hatte, in die USA eingeladen, um den »Menschenrechtspreis« der firmeneigenen »Menschen-rechtsstiftung« entgegen zu nehmen. Masih hielt die erwartete flammende Rede gegen Kinderarbeit und wurde auch noch in verschiedenen nordamerikanischen Schulen herumgereicht. Vielleicht durfte er sogar dem US-Tennisstar Michael Te-Pei Chang die Hand schütteln, der zu seinen damaligen Triumphen selbstverständlich in den jeweils nagelneusten Reebok-Schuhen auflief. Im übrigen ist stark anzunehmen, auch Reebok habe seine zugkräftigen Turnschuhe, Trainingsanzüge, Schirmmützen und die dafür unabdingbaren Edeltaschen schon damals zumindest teil- oder teileweise in Asien anfertigen lassen. 2006 ging das ursprünglich britische Unternehmen für gut drei Milliarden Euro an die adidas AG. Auf der Firmen-Webseite ist zu erfahren: »Im Jahr 2009 wurden 97 % der Schuhe unserer Marken adidas, Reebok und adidas Golf in Asien produziert.« Da man inzwischen jedoch »im Menschenrechtsbereich tätig« ist, um mit der deutschen Wikipedia zu sprechen, pflegt man die im Übermaß vorhandenen chinesischen oder pakistanischen NäherInnen nicht mehr anzuketten: sie dürfen den Betrieb und das Land und die Welt jederzeit verlassen.

Die einträglichste Abteilung des adidas-Multis bleibt im Geschäftsbericht ungenannt: das sind die cleveren Damen und Herren, die nicht nur die bekannten Gutachten darüber, wie gesund das Sporttreiben für Leib und Seele sei, sondern vermehrt auch die grünen Plaketten oder Bio-Zertifikate etwa der Fair Labor Association besorgen. Schließlich gehören diesem feinem Verein auch solche beliebten MenschheitsbeglückerInnen wie Apple und Nestlé an.

Wie Masih im US-Fernsehen gesagt hatte, war es sein brennender Wunsch Rechtsanwalt zu werden. Man hatte ihm auch schon eine Schulausbildung in den Staaten in Aussicht gestellt. Doch im selben Frühjahr 1995, kurz nach seiner Rückkehr, wird der 12jährige »Menschen-rechtskämpfer« unweit seines Heimatdorfes Muridke (bei Lahore, Punjab) unter bis heute ungeklärten Umständen erschossen. Während die Gewalttat, wie bereits angedeutet, für die einen auf das Konto der pakistanischen Teppich-Mafia geht, von der es schließlich öfter entsprechende Drohungen gegen Masih gegeben habe, machen die anderen die sexuelle Begierde des Landarbeiters Mohammad Ashraf dafür verantwortlich, die noch nicht einmal auf Knaben gerichtet war. Diese Sicht dürfte ungefähr dem offiziellen Polizeibericht entsprechen.* Danach hatte sich Masih, der über die Feiertage von Lahore aus ins Heimatdorf gefahren war, am 16. April gegen Abend seinen Cousins Liaquat und Faryad angeschlossen, die ihrem Onkel Amanat Essen aufs Feld bringen wollten. Plötzlich nahmen sie im Schatten einer Mauer heftige Bewegungen wahr. Angeblich war es Ashraf, der gerade mit einer angebundenen Eselin kopulierte. Der Mann wird auch als heroinsüchtig bezeichnet. Ertappt, ausgelacht und beschimpft, habe Ashraf nach der Jagdflinte seines Grundbesitzers gegriffen und auf die drei gefeuert. Dabei erwischte es zufällig Iqbal.

Es heißt, nach seiner Festnahme habe Ashraf die Schüsse auf die Kinder auch gestanden. Später habe er seine Aussage allerdings widerrufen, wie auch andere Beteiligte die ihre. Da die Tat von Masihs Mitstreitern sofort als Übergriff der Teppichfabrikanten an die große Glocke gehängt worden war, mußte die für Pakistans Exportbilanz wichtige Branche empfindliche Umsatzeinbußen hinnehmen, wie schon sechs Wochen nach den Schüssen in einem kalifornischen Blatt zu lesen war.* Es betonte, sowohl die örtlichen Behörden wie Pakistans größte unabhängige Menschenrechtsorganisation (HRCP) hätten versichert, für eine Verwicklung der Teppichfabrikanten in die Bluttat gebe es keinerlei Beweise.

Nebenbei soll der Bericht der HRCP behaupten, laut Angaben von Verwandten Masihs sei das Alter des getöteten Aktivisten der Öffentlichkeit gegenüber durch die Bonded Labour Liberation Front großzügig abgesenkt worden: er sei zum Zeitpunkt seines Todes eher 19 gewesen. 2000 wurde dem »ermordeten« Menschen-rechtskämpfer posthum der erstmals (in Schweden vergebene) World's Children's Prize verliehen. Was aus dem Sodomisten wurde, der ihn möglicherweise auf dem Gewissen hat, ist zumindest im Westen nicht bekannt. Man hütet sich hier auch vor der Frage, welche Esel bei dem ganzen Rummel eigentlich verarscht worden sind. Jedenfalls kursieren im Internet die haarsträubendsten Versionen und Verkürzungen – und Masih, ob 12 oder 19, ist tot. Das dürfte in diesem Fall die einzige unbezweifelbare Tatsache sein.

* Kathy Gannon, »Young Activist's Death Hits Pakistani Carpet Sales Trade«, Los Angeles Times, 31. Mai 1995: https://www.latimes.com/archives/la-xpm-1995-05-31-fi-8016-story.html
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