Sonntag, 19. Juni 2022
Ludwig das Kind

18 (893–911), ostfränkischer Herrscher schon mit Sechs, jedoch dem frühen Tod geweiht. Damalige Herrscher hießen in der Regel eher König Ludwig der Stammler oder, wie dessen 929 gestorbener Sohn, Karl der Einfältige. Aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Die im Februar 900 in der Pfalz Forchheim (bei Nürnberg) versammelten Fürsten wußten genau, warum sie einen Sechsjährigen, der zudem von Natur aus kränkelte, zum König des Ostfrankenreiches bestimmten: Ludwig IV., genannt das Kind. So herrschten im folgenden faktisch einige andere Blaublütige und Bischöfe, voran Hatto von Mainz und Salomon III. von Konstanz. Die Zentralgewalt bröckelte zugunsten der Stammesherzog-tümer. Der Ansturm der Ungarn war unter diesen wackligen Umständen nicht zu brechen. 910 wurden Ludwigs Truppen auf dem Lechfeld (bei Augsburg) von den berittenen Pfeilschützen der ungarischen »Räuber-horden« empfindlich geschlagen. Ein Jahr darauf, 18 Jahre alt, starb er, wahrscheinlich in Frankfurt am Main.

Über die näheren Krankheits- und Todesumstände gaben die Quellen keine Auskunft. Gewiß ist die Annahme, irgendein Erzbischof habe bei einem Krankenbesuch mit seinem wohlangespitzten Krummstab ein wenig nachgeholfen, nicht aus der Luft gegriffen. Andererseits war das damalige, vorwiegend aus unwegsamem Urwald bestehende »Deutschland« allgemein nicht auf Rosen gebettet. Die bestenfalls zwei Millionen Menschen, die zwischen Oder, Rhein, Alpen und Nordsee vor allem die Flußtäler besiedelten, waren mit dem einen Fuß an ihre Grundherren gekettet; mit dem anderen standen sie stets im Sarg. So etwas wie eine Volksbildung existierte nicht; selbst viele Grafen oder Ritter konnten weder lesen noch schreiben. Das Bildungsmonopol lag bei den Kirchen und Klöstern, die an Aufklärung nicht das geringste Interesse hatten. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit war enorm, sicher vor allem wegen Hunger, aber auch wegen Krankheiten, gegen die man noch keine Mittel wußte. Mehr als die Hälfte aller Kinder kamen, statistisch betrachtet, nicht über 14 Jahre. Freilich waren ihre Aussichten auch im gegenteiligen Fall nicht glänzend. Eine Blinddarm- oder Lungenentzündung, eine Blutvergiftung, eine Mittelohrvereiterung waren das sichere Todesurteil. Durch emsiges Kriegführen taten die Erwachsenen dann noch das ihre dazu.

Alles zusammen genommen, verblüfft es wenig, wenn wir auch damals schon große Bauernaufstände antreffen, etwa um 840 im heutigen Niedersachsen. Die empörten Geschundenen schleiften dabei viele Herrensitze, Fronhöfe und Burgen, aber die Vergeltung durch königliche, herzögliche oder bischöfliche Truppen war noch einmal so grausam.
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