Sonntag, 19. Juni 2022
Köhlmeier, Paula

21 (1982–2003), österreichische Autorin, Unfall auf ihrem Hausberg. Im August 2005 zeigt sich Martin Halter in der FAZ von einem Band mit Prosatexten Köhlmeiers beeindruckt, Maramba. Ihre Sprache sei kraftvoll aber diszipliniert, genau, lakonisch. Man rede und lebe unter ihren zumeist jugendlichen Protagonisten vor allem aneinander vorbei. Trotz einiger Unfertigkeiten, so Halter abschließend, sei es »ein Unglück für die deutsche Literatur«, wenn »das große Versprechen«, das in dieser Prosa liege, nun nicht mehr eingelöst werden könne.* Man muß dazu wissen, zwei Jahre vorher war die 21jährige Autorin selber einem Unglück zum Opfer gefallen. Sie hatte gerade ein Literaturstipendium des Landes Vorarlberg errungen. Sie lebte in Wien, wo sie, nach einigen Quellen, als PR-Agentin und Filmvorführerin arbeitete, hielt sich aber öfter im Vorarlberger Städtchen Hohenems auf, wo ihr Elternhaus stand. Beide Eltern, Monika Helfer und Michael Köhlmeier, waren und sind SchriftstellerInnen. Am 22. August 2003 stieg Paula auf Wegen oder Pfaden, die ihr auch nach Auskunft ihrer nachgelassenen Prosa durchaus vertraut waren, in Begleitung einer gleichaltrigen Freundin zur Burgruine Alt-Ems oberhalb von Hohenems auf. Vielleicht war es regenglatt; vielleicht querten die Frauen Geröll. Gegen 17.00 Uhr rutschten sie beide aus und stürzten, sich mehrmals überschlagend, 50 bis 100 Meter tief auf einen Wanderweg ab. Paulas aus Lustenau stammende Freundin erlitt bei dem Absturz nur leichte Verletzungen und konnte um Hilfe rufen. Die Hohenemserin dagegen erlag im Krankenhaus noch in der Nacht ihren schweren Kopfverletzungen.

Obwohl oder weil sie überlebt hat, möchte man nicht unbedingt in der Haut der Freundin stecken, zumal sie offenbar die einzige Zeugin war. Daneben scheint hier die Problematik der Künstlerkinder auf. In Fällen, wo beide Eltern Künstler sind, findet sie selbstverständlich einen besonders guten Nährboden, weil sich gleich zwei komplizierte Persönlichkeiten zu ganz ungeahnten Verschlingungen steigern. Aber auch dessen ungeachtet haben es Künstlerkinder immer schwer. In der Regel lastet ein starker Druck auf ihnen, wobei es ziemlich einerlei ist, ob er durch den Vater, die Mutter, die MitschülerInnen, die Branche oder die sogenannte Öffentlichkeit ausgeübt wird oder ob ihn sich der Sprößling vor allem selber macht – weil er sich beispielsweise als Titus van >Rijn oder Clemens Eich einbildet, die Gemäldetempel oder Dichterakademien stünden und fielen jetzt mit ihm. Im Eich des (ungeklärten) Treppensturzes, so 1998 mit 43 in Wien, versteckt sich möglicherweise auch eine Ohrfeige für Martin Halter: Was da vielleicht, falls das betreffende Künstlerkind bis dahin durchhält, zum Glück der Literaturfreunde gerät, verdankt sich nicht selten dem Unglück der betreffenden Künstlerkinder – schon zu deren Lebzeiten. Aus Maramba zitiert Karl Woisetschläger** Zeilen, die vom Hohenemser Schloßberg handeln. »Es ist ein Medizinberg. Ich ging den Zickzackweg nach oben. Die Gedanken fliegen weg und schnellen bei jeder Kurve wieder zurück. Ich kenne den Schlossberg in- und auswendig ..(..).. Der Berg ist sehr empfindlich. Bitte reden Sie leise und am besten monoton, dann hält Sie der Berg für einen Bienenschwarm ..(..).. Ich setzte mich auf die Bank ganz oben beim Aussichtspunkt und spuckte auf Hohenems hinunter ..(..).. Ich zündete eine Zigarette an und dachte an die Freunde, die ich eigentlich nicht hatte.«

Apropos Zigaretten. Immerhin erwähnt Halter vor seinem Schlußpathos den rastlosen, ihn an Ingeborg Bachmann gemahnenden Lebenswandel der jungen Autorin, die gern als »Multitalent« bezeichnet wurde. Halter bescheinigt ihr ein sehr geringes »Talent zum Glück« und behauptet: »Sie wollte sich kettenrauchend und schreibend selbst verzehren.« Damit drängt sich aber noch ein weiterer Gesichtspunkt auf. Nach Auskunft auch anderer (überwiegend lobender) Rezensenten stellt Maramba weder eine Erzählung noch eine Sammlung von Erzählungen, vielmehr eine Art Anthologie eher bruchstückhafter Miniaturen dar. Paulas Eltern sollen dazu (im Nachwort) erklärt haben: »Die Geschlossenheit eines Romans entsprach nicht ihrem Lebensgefühl. Sie erlebte viel und erlebte schnell, und was sie erlebte, konnte für sich bestehen, und die Schönheit des Augenblicks, in dem auf den Bus gewartet wird, muß nicht in eine größere Dramaturgie gespannt werden.« Das Wort muß klingt hier in meinen Ohren recht zwiedeutig und verräterisch. Hatte Paula es nicht nötig, die Dinge in eine größere Dramaturgie einzuspannen, oder verstand sie es, diese Herstellung von Zusammenhängen, womöglich gar Welt- und Lebensentwürfen, selbstbetrügerisch zu vermeiden? Jedenfalls darf ich versichern, es ist verdammt schwer, die Dinge in eine größere Dramaturgie einzuspannen. Es ist leichter, ein Döschen mit Zahnstochern über dem Tisch auszukippen.

* »Talent zum Unglück«, 24. August 2005: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/talent-zum-unglueck-1259858.html
** »Große Komik, große Traurigkeit«, Die Presse, 5. Februar 2005

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