Dienstag, 10. Mai 2022
Ansichtskarten und Räuberpistolen
2022 [2]

I n h a l t — Türme + Glück und Pech des Leon Pfleider + Blühendes Thüringen (u.a. Friedrichswerth) + Im Donbaß dröhnts (Ukraine) + Rebecca + Müllerkoogs Bernhar-Diener + Rückständigkeit + Jedenfalls Trompetenhals (Reime, Ordnung) + Hut ab vor Heinz Rühmann? (Größe) + Veronika Fischer (Politikerin) + Der Doc, der sich Spargel verschrieb + Donbaß II



Türme

Merkwürdigerweise habe ich sie in meiner kleinen Betrachtung über »Emporismus« (LdF A-46) nicht eigens hervorgehoben. Ich erwähne da lediglich Dome. Vielleicht lagen die Türme für mein Empfinden zu offensichtlich auf der bekannten vertikalen Linie vom Aufrechtem Gang zur Nummer Eins. Macht und Überleben – für Elias Canetti der zentrale Herrschaftsakt – stehen und fallen mit der Senkrechten. Je mächtiger ich bin, desto eher bekomme ich recht. Bin ich die Eins, unterliegen alle anderen Zahlen meinem Einfluß …

Früh übt sich, wer hoch hinaus will. Schon der Dreikäse-hoch verzehrt sich nach Türmen. Mag die Versteifung seines eigenen, leibhaftigen Wassertürmchens noch zu wünschen lassen, kann er doch Burgen bauen, wobei ihm wiederum Baukräne behilflich sind. An Segelschiffen liebt er vor allem die Mastkörbe. Bei Wanderungen erklimmt er jeden Hochsitz. Es gefällt ihm, sich der Welt überlegen fühlen zu können; er hält sich für den Prinzen Eisenherz oder besser noch den Riesen Gulliver. Türme verleihen Größe, Weitblick, Übersicht – Macht.

Freilich, das ist nur die eine Seite. Als Thüringer könnte ich vielleicht stolz darauf sein, in dem Städtchen Bad Frankenhausen am Kyffhäuser den berühmten Oberkirchturm zu wissen – er ist freilich nur berühmt, weil sich seine Spitze derzeit (2013) bereits um 4 ½ Meter außerhalb des Lots befindet. Damit ist er angeblich schon schiefer als der Turm von Pisa. Ich könnte mir vorstellen, es ist nicht besonders witzig, in seinem Schatten oder gar in ihm selber zu wohnen. Der höchste Turm der Welt, Burj Khalifa genannt, steht seit rund 12 Jahren (Einweihung Januar 2010) im Immobilienbläser-Emirat Dubai am Persischem Golf. Neben Büros und Hotels hat er rund 1.000 Wohnungen zu bieten, die allerdings, aufgrund der üblichen Verspekulationen, überwiegend leer zu stehen scheinen. Dieser blitzende Wolkenkratzer – er verjüngt sich unregelmäßig abgestuft nach oben, bis er spitz ausläuft – hat mindestens anderthalb Milliarden Dollar gekostet. Mit 828 Metern ist er so hoch, daß er aus dem Stadtgebiet heraus kaum fotografiert werden kann. Dafür könnte er sogar von einem Vollidiotem auf Anhieb mit einem entführtem Passagierflugzeug getroffen werden. Ob er daraufhin auch umfiele, dürfte jedoch so mancher, nach 9/11, bezweifeln.

Türme verleihen uns also nicht nur eine besondere Machtstellung; sie machen uns auch besonders angreifbar. Das Herausgehobene verliert an Verankerung; es übernimmt sich; es provoziert. Der Berg ruft. Übrigens ruft er nicht nur angebliche Terroristen: als im Januar 2007 der Orkan Kyrill durch Europa zog, mähte er etliche Baukräne um. Daran hatte der Dreikäsehoch nicht gedacht.

Man sollte die Türme aber nicht nur schlecht machen. Zeitgenossen des Taschencomputers verschwenden in der Regel keinen Gedanken daran, daß sich die Benachrichti-gung oder Verständigung über größere Entfernungen hinweg lange Zeit recht beschränkt und mühselig gestaltete, etwa durch Rufe, Trommeln oder Glocken, Rauchzeichen, Flaggen, rennende oder reitende Boten. Hier kamen bald Türme ins Spiel. An den jeweiligen Grenzen des Römischen Reiches, so auch am Limes diesseits der Alpen, standen oft Wach- oder Signaltürme dicht beieinander, zwischen 500 und 5.000 Meter, um im Alarmfall Fackel-, Rauch- oder Hornsignale an die Kastelle weitergeben zu können. In der hessischen Wetterau beispielsweise, zwischen Taunus und Vogelsberg, sind über 70 Limes-Turm-Standorte bekannt. Die Türme waren aus Stein oder Holz erbaut, teils teils-teils. Auf italienischen Mittelmeerinseln sollen noch viele rein aus Stein errichtete Sarazenentürme zu besichtigen sein, die auch der Piratenabwehr dienten. Um 1800 nutzten die Franzosen (Napoleon) Ketten aus Signaltürmen, teils unter Einbeziehung von Kirchen, die bereits der Telegrafie nahekamen, trugen die Kronen oder Dachstühle dieser Bauwerke doch armartige Hebel oder Flügel, deren Aufsätze ihrerseits noch einmal mehrfach verstellbar waren. Dadurch waren Nachrichten aus bis zu 196 Kombinationen von Buchstaben, Zahlen oder ähnlichen Zeichen möglich.

Die Briten stützten sich an den Küsten ihres Großkönigreichs auf kaum andere Türme, um wiederum den Truppen und Schiffen Napoleons auf die Schliche zu kommen. Die auf der südirischen Insel Dursey überdauerte Ruine eines solchen Turmes wird in meinem Porträt des Malers Werner Motz gestreift. Aber niemand nimmt es zur Kenntnis. Er erfährt einfach nichts von der Existenz eines Werner Motz, da es dessen Biografem an ein paar bereitwilligen, »Relevanz« spendenden Signaltürmen mangelt. Das lenkt auf das Grundproblem, dem ich nicht mehr nachgehen werde, was nämlich von den vielen Millionen Botschaften, die auf diesem Planeten Tag für Tag ausgetauscht werden, zu halten sei. Ich schätze einmal, von 1.000 dieser Botschaften sind 333 schädlich, 333 überflüssig und 333 beides.



Glück und Pech des Leon Pfleider

Als der Nordhesse Leon Pfleider, geboren 1994, vor knapp fünf Jahren auf Korsika buchstäblich ins Gras zu beißen hatte, erregte er offenbar noch mehr Aufsehen als zwei Jahre zuvor mit seinem Kinodebüt. Ich habe den Film nie gesehen. Aufgrund verschiedener Aufzeichnungen von Wettkampfpartien des Iren Alex Higgins (1949–2010) ist mir allerdings bekannt, der Mann war einer der begnadesten Snookerspieler, die wir je hatten. In dem Film hatte Pfleider den jungen, aufstrebenden Higgins zu geben, der schon mit 23 die Profiweltmeisterschaft gewonnen hatte. Der Nordhesse, ein hübscher Schlanker um 1,80, spielte seinerzeit für Hofgeismar in der deutschen Bundesliga. Zu den größten Leistungen des Filmregisseurs zählt Doris Mühl das Geschick, Pfleider so großmäulig, ja größenwahnsinnig handeln zu lassen, wie Higgins zeitlebens gewesen sein soll. In Wahrheit sei Leon ein vorsichtiger, behutsamer Charakter gewesen, versichert Mühl. Als Frau, die zumindest streckenweise seine Geliebte, ansonsten seine treue Mentorin, Gefährtin und Mitkommunardin war, muß sie es ja wissen. Videos, die Pfleider im Wettkampf zeigen, bestätigen diesen Eindruck. Ehe er sich zu einem langem Ball entschließt, vergehen oft zwei Minuten. Aber meistens versenkt er ihn. In Hofgeismar hieß er mit Spitznamen Leon Zauder. Und so einer wird dann – mutmaßlich, nur mutmaßlich! – von einem aalglattem Schürzenjäger um die Ecke gebracht …

Doris Mühl, rund 10 Jahre älter als der Snookerspieler und Reiter Pfleider, hat soeben ein Buch mit dem hübschem Titel Leon Pfleider oder Ein Match zuviel vorgelegt. Nun mag sie, im Gegensatz zu Higgins, keine begnadete Stilistin sein, aber an Spannung läßt ihr Werk kaum zu wünschen übrig. An der Kasseler Albert-Schweitzer-Schule (ASS), einem traditionsreichem Gymnasium, war sie einst Pfleiders Französischlehrerin gewesen. Sie lebte zunächst in einer nahegelegenen Kommune, der Villa Locomuna am Tannenwäldchen, genannt »Lok«. Als der Film über Higgins einschlug und ihrem Lieb- und Schützling eine Menge Kohle einbrachte, widerstanden die beiden sowohl den Verlockungen einer filmischen oder sportlichen Profilaufbahn wie des bekannten High Lifes. Sie machten vielmehr einen alten Traum wahr und gründeten eine neue Kommune. Rund 25 Kilometer westlich von Kassel waren nämlich Schloß und Gut Brosch zu haben. Das Anwesen liegt unweit des Städtchens Wolfhagen am Flüßchen Erpe. Wolfhagen hat sogar eine Bahnverbindung nach Korbach und Kassel zu bieten. Die Kommune, derzeit knapp zwei Dutzend Köpfe, befaßt sich hauptsächlich mit Pferdezucht und Jagd und frönt daneben verständlicherweise dem Snookerspiel. Das kleine Kino Cinema in Wolfhagen suchen die Kommunarden nur selten auf.

Mühl betont, trotz seines zögerlichen Naturells habe es Leon nie an Mut und Gradlinigkeit gefehlt. In diesem Zusammenhang erwähnt sie seinen Bruch mit dem Elternhaus. Pfleider stammte von einem Gutshof bei Spangenberg, wo er schon als Knirps ein eigenes Pony besessen hatte. Später habe er sie – die deutlich ältere Französischlehrerin, die in einer »Kommune« lebte – einmal im Herrenhaus vorgestellt. Seine »Alten« seien entsetzt gewesen. Das kränkte Leon wiederum genug, um mit den Eltern zu brechen und damit nebenbei auch auf ein fettes Erbe zu verzichten. Insofern sei ihm der Geldsegen durch den Higgins-Film keineswegs unlieb gewesen. Dann erwarb er das erwähnte Anwesen, überführte es freilich sofort in Vereinseigentum.

Anfang 2017 werden Doris und Leon schwankend. Sie bekommen Besuch von einem Filmemacher, der in der korsischen Hauptstadt Ajaccio lebt, also nicht etwa in Paris oder London. Der beleibte Koop unterbreitet ihnen ein Spielfilmprojekt, das ihnen gefällt. Eine Produktionsfirma hat er bereits dafür gewonnen. Und da die Kommune durchaus eine neue Geldspritze gebrauchen könnte, »beurlaubt« sie Leon sozusagen für das geplante Projekt. Er und der offenbar ziemlich bekannte Schauspieler Paul Vestoux sollen die Zugpferde spielen: ein um 1890 aus Frankreich entwichenes Ganovengespann. Der Streifen wurde nie vollendet, errang jedoch als Fragment inzwischen Kultstatus. Zur Filmzeit soll es in den korsischen Bergen bei Ajeccio einen mittleren Goldrausch gegeben haben. Die Ganoven gedenken zunächst mitzuschürfen, lernen aber noch rechtzeitig einen Zeitungsverleger und Drucker kennen, der ihnen einen durchtriebenen Plan eingibt. Habe ich Mühl richtig verstanden, gelingt es ihnen, einem ganzen Bergdorf weiszumachen, der Zug für Gold sei bereits abgefahren; der moderne Mann von Welt investiere in Banknoten, also in diesem Fall in Franc-Scheine. Die hatte selbstverständ-lich der Zeitungsverleger gedruckt. Er sorgte auch gleich für die Plakate, die Paul und Leon in dem Goldgräbernest aushängten. Ihre Agentur Soundso zahle auf Gold sage und schreibe 15 Prozent über dem amtlichem Wechselkurs. »Keine Bange«, hieß es da sogar, »unsere Agentur macht immer noch einen kleinen Gewinn bei diesem Geschäft, weil sie beste Beziehungen zur Nationalbank und zu allen wichtigen Finanzplätzen des Planeten hat.« Es liege ihr fern, die Goldwäscher über den Tisch zu ziehen, die schließlich, im Interesse der Nation, vor Ort die Bären-arbeit leisteten. Am kommenden Sonntag stünden zwei Vertreter der Agentur ab 10 Uhr mit ihren Goldwaagen im hiesigem Saloon. Die errechneten Geldbeträge würden sofort und selbstverständlich restlos ausgezahlt.

Prompt stopfen sich die Schürfer die druckfrischen Banknoten in ihre Hemden und Westen, während ihre Nuggets in den Koffern der beiden Agenten verschwinden. Kaum gefüllt, suchen Paul und Leon mit einer Kutsche, die sie zum nächsten Bahnhof bringt, das Weite. In der Tat war die Bahnstrecke von Bastia nach Ajeccio damals, um 1890, gerade gebaut und eröffnet worden. So keucht die Dampflok mit all den Nuggets, all den Neugierigen – und dem halbem Drehstab gen Westküste. Was Paul und Leon angeht, werden sie sehnsüchtig vom Zeitungsverleger und dessen Tochter Liz erwartet. Jedoch, sie kommen nie in Ajeccio an – jedenfalls nicht gemeinsam.

Man muß dazu wissen: um jene Verlegertochter war nicht nur im Drehbuch ein Konkurrenzkampf zwischen den beiden Ganoven entbrannt. Liz wurde von der Serbin Mara Lostella gespielt. Mühl behauptet, im Gegensatz zum Drehbuch habe Lostella dem deutschen Snooker-As und Reiter bereits vor dem Streich im Goldgräberdorf ihre Gunst geschenkt. Sie – Mühl und Pfleider – hätten zur Drehzeit mehrmals miteinander telefoniert und seien auch schon vorher stets aufrichtig zueinander gewesen. Sie habe deshalb keinen Zweifel an Leons Affäre, habe sie ihm auch niemals krumm genommen. Lostella selber habe sie stets abgestritten – möglicherweise Vestoux zuliebe.

Ich gebe zu, Pfleiders Filmpartner bis zu meiner Lektüre des Mühlschen Buches lediglich dem Namen nach gekannt zu haben. Die zahlreichen Abbildungen im Internet zeigen einen eher schmallippigen Schönling, der mich offenbar nicht nur von seiner Erscheinung her an einige Krimis mit Günther Ungeheuer erinnert, gestorben 1989. Vestoux scheint als hochmütig, rechthaberisch, zynisch zu gelten. Am heftigsten sei der Schürzenjäger in sich selber verliebt. Gegenwärtig geht er stramm auf die 40 zu.

Pfleider wurde keine 24. Seine zerschmetterte Leiche wurde zwischen zwei Dörfern in einer Schlucht unterhalb der Bahnstrecke gefunden. Man hatte ihn rasch vermißt und den Zug sogar vorübergehend angehalten. Die Aufregung war groß. Die Vermutungen überschlugen sich. Nur hatte angeblich niemand den Sprung oder Sturz des beliebten Deutschen beobachtet. Bei diesem Buchkapitel fühlte ich mich an den süddeutschen Fußballstürmer Fritz Balogh erinnert, siehe in meinem LdF. Auch er fiel oder sprang aus einem Zug. Niemand wollte es gesehen haben. Mühl zitiert (und übersetzt) wiederholt die damaligen Berichte der französischen Blätter aus Ajeccio, Nizza, Paris und so weiter. Wie sich versteht, hatten sich die französischen Kriminalbeamten beeilt, von einem »wahrscheinlichem tragischem Unfall« zu sprechen – Beweise dafür legte sie nie vor. Die Presse beziehungsweise ihre Gewährsleute hielten einen Selbstmord für nahezu unwahrscheinlich, vermieden allerdings auch die Spekulationen über einen aus Konkurrenzgründen verübten Mord. Die entsprechenden Unterlassungs- oder Verleumdungsklagen des entsprechenden Hauptverdächtigen wären einfach zu kostspielig. Vestoux hat Geld wie Heu.

Bei ihrem Versuch, Beteiligte per Email oder telefonisch zu befragen, hat sich Mühl verständlicherweise eine Menge Körbe geholt. Aus den restlichen Auskünften schließt sie, daß Vestoux von der ersten Drehminute an schlecht auf Pfleider zu sprechen war. Die Spannungen und Zusammenstöße häuften sich, owohl Pfleider seine gesamten gruppendynamischen Kenntnisse aus der Kommune aufbot, um dem unleidlichem Filmkumpel Brücken zu bauen. Auch darüber hatte sich Leon mit Doris telefonisch beraten. Die Affäre mit Lostella hält Mühl für vergleichsweise nebensächlich. Manche gesellschaftlichen Außenseiter würden vor allem wegen ihres Erfolges, ja oft schon allein aufgrund ihres andersartigen, nämlich sanftmütigen oder kooperationsbereiten Naturells gehaßt, merkt sie auf etwas komisch wirkende diplomatische Weise an.

Sie selber werde womöglich noch einige Jahre benötigen, um ihre Schuldgefühle Leon gegenüber in den Griff zu bekommen, schreibt sie am Schluß. Schließlich hatte sie ihm zugeraten. Hätte sie ihm abgeraten, wäre er »nie und nimmer« nach Korsika gefahren. Das sei das einzige Sichere an diesem Fall.



Blühendes Thüringen
Gedruckt in Ossietzky 5/2022

Das Gothaer Landratsamt teilt mir mit, statt bislang (angeblich schon seit 2008) 41,04 Euro jährlich hätte ich künftig 54,68 für Abfallbeseitigung zu zahlen. Das macht mich doch stutzig, obwohl ich jede Pfennigfuchserei hasse. Verändert hat sich in meinem »Ein-Personen-Haushalt« nichts. Die neuen Beträge diverser »Festgebührenanteile« gehen auch aus dem Amtsblatt des Landkreises Gotha vom 11. November 2021 hervor, Seite 10. Nirgends jedoch finde ich eine Prozentzahl. Also krame ich eine möglicherweise nützliche Formel aus meinem Schulgedächtnis und rechne: 410 : 100 % = 545 : x %; somit 54.5oo durch 410 – macht im Ergebnis 133 Prozent. Das kommt mir wirklich deftig vor. Einige Bekannte, teils mit Familie, äußern sich bei meiner privaten Umfrage ähnlich. Stiege meine schmale Altersrente so jäh um ein ganzes Drittel, könnte ich sofort ans sonnige Mittelmeer fahren. Falls sie einen »Ungeimpften« durchließen.

Laut Schlagzeile der Thüringer Allgemeinen – für den Artikel selber (vom 30. September 2021) muß man löhnen! – beschloß der Gothaer Kreistag die Anhebung einstimmig. Vielleicht hätte er sie vermeiden können, wenn er Schloß Friedrichswerth verscheuert hätte? Für eine Million oder so? Das Barockschloß in dem gleichnamigem Dorf an der Nesse, eine mehrgeschossige, dreiflügelige Anlage mit Turmhut-gekröntem Mittelrisaliten, war einst die Sommerresidenz der Gothaer Herzöge. Seit rund 30 Jahren steht es leer. Aber es gehört Gotha nicht mehr, vielmehr »dem Land«, also neuerdings (seit 2014) Bodo Ramelow und seinen Bürokraten. Und diesen »Linken« ist es bis heute nicht gelungen, geeignete Obdachlose, Kommunarden oder ImpfgegnerInnen zu finden, die sich gern ins schöne Nessetal zurückzögen und im Schloß ihr Hauptquartier aufschlügen. Selbst der berüchtigte »Investor«, der es wohl in ein Luxushotel verwandelt hätte, biß nicht an. Jetzt faseln Ramelow & Bürokraten von einer Stiftung, in die sie das Objekt überführen möchten, damit die kostbaren Stuckdecken und die mächtigen Kamine, in denen der fette Herzog jeden Sommerabend eine Hexe hätte verbrennen lassen können, der Kunstgeschichte nicht verloren gingen. »Die Kunstgeschichte« ist eine ähnlich schonende Abstraktion wie »das Land« oder »die Banken«. Man muß dann nicht von gewissen durchtriebenen Zweibeinern reden, die jede Parzelle dieses Planeten ausnehmen, als sei es ihre private Weihnachtsgans.

Ramelow entwickelte die Kunst, es sich mit diesen Leuten auf keinen Fall zu verderben, in den zurückliegenden Jahren nahezu perfekt. Er faßt die Kalisalzausbeuter mit Samthandschuhen an, er deckt die VertuscherInnen vom Verfassungsschutz, er huldigt der Pharma-Mafia, die sich an der jüngsten »Plandemie« eine Goldene Nase verdient, wie außerirdische VerleumderInnen behaupten. Näheres dazu legten beispielsweise unlängst Susan Bonath* und Wolf Wetzel** dar. Ich selber habe kürzlich schon anderswo die Vermutung geäußert, noch weit vor Schloß Friedrichswerth sei Bodo Ramelow die wertvollste Charakterruine ganz Thüringens. Er ist der ideale Volkszornbesänftiger. Für einen hohen Posten in Berlin oder Brüssel würde er, wenn nicht seine eigene Großmutter, doch zumindest seinen geliebten Terrier Attila schlachten. Wie wäre das unter Umständen zu verhindern, falls man die Nase von ihm voll hat? Ich würde ihn in Schloß Friedrichswerth einsperren. Es hat noch Arrestzellen mit vergitterten Fenstern, da es zeitweise Amtsgericht, später »Jugendwerkhof«, nämlich Besserungsanstalt für unliebsame DDR-Jugendliche war.

* »Verluste sozialisiert«, junge Welt, 22. August 2020: https://www.jungewelt.de/artikel/384799.treuhand-verluste-sozialisiert.html
** »Das sich ankündigende Ende des Imp(f)erialismus«, NachDenkSeiten, 5. Januar 2022: https://www.nachdenkseiten.de/?p=79474




Im Donbaß dröhnts

Suchte mich in den vergangenen 20 Jahren Trübsinn heim, pflegte ich mir gern mit dem Gedanken Trost zu spenden, immerhin hätte ich, als Deutscher Jahrgang 1950, bislang das Glück gehabt, vom Krieg verschont zu bleiben. Ja, bislang … Denn neuerdings, mit 72, scheinen mir diese gemütlichen Felle doch noch wegzuschwimmen. Putin, der hinterlistige Bär, habe das arme ukrainische Eichhörnchen angefallen, zetert die erneuerte »rotgrüne« Bande im Berliner Kanzleramt. Und prompt hat sie nichts Dringenderes zu tun, als den mehr oder weniger faschistisch gestimmten Gangstern in Kiew die nächsten Fuder Waffen und Euros in den Schoß zu werfen. Das wird sich »Putin« womöglich gut merken.

Eine hilfreiche Darlegung der Vorgeschichte dieser angeblich von Rußland betriebenen »Eskalation« gibt Eric Angerer*, wie ich finde. Mangels Blindheit sieht sich der »russische Bär« völlig zurecht zunehmend von der Nato aus westlicher Richtung eingeschnürt. Ich sage nur Baltikum, Polen, Balkan. Die Ukraine fehlte gerade noch. Der Putsch in Kiew 2014 war die Einstiegsdroge. Statt nun den sogenannten »Separatisten« im Donbaß im Sinne des Minsker Abkommens (von 2015) Autonomie zu gewähren, heizt ihnen Kiew seit sieben Jahren nahezu ununterbrochen mit Krieg ein. Das hat dem russisch geprägtem Donbaß schon Tausende von toten Zivilisten, viele zerstörte Häuser und jede Menge Schrecken beschert. Daneben halte ich Angerers Hinweis für bedeutsam, die wichtige Rolle der Ukraine für die Beherrschung ganz Eurasiens sei den westlichen Strategen seit vielen Jahrzehnten klar. Von daher ist ihr unausgesetztes Bemühen, eine Verständigung zwischen Rußland und Deutschland zu torpedieren, nicht verwunderlich. Als beflissener Brückenkopf dient ihnen dabei das Bonner/Berliner Regierungsviertel. Dazu meint die ehemalige DDR-Sportlerin Liane Kilinc**, die jetzt in der Donbaß-Hilfe aktiv ist: »Sieben Jahre hat keine Bundesregierung einen Handschlag getan, um dieses Abkommen [von Minsk] umzusetzen. Sieben Jahre lang flossen Milliarden aus Deutschland in die Ukraine, in die Hände einer Regierung, deren größter Haushaltsposten die Aufrechterhaltung des Bürgerkriegs ist.« Berlin unterstütze ein Spiel, »das uns im günstigsten Fall ökonomisch ruiniert und im ungünstigsten die Welt in Brand setzt.«

Für den Göttinger Juristen und Schriftsteller Wolfgang Bittner***, inzwischen schon über 80, leben wir schlicht in einem seit 1945 »unter Kuratel der USA« besetztem Land. »Das zeigt sich gerade wieder in der Verhinderung der Inbetriebnahme von Nord Stream 2. Obwohl die deutsche Bevölkerung durch die Coronamaßnahmen ohnehin bis an die Grenze des Erträglichen belastet ist, werden ohne wirkliche Not, aber begleitet von Propaganda, schwerwiegende Beeinträchtigungen, Preissteigerungen und Versorgungsengpässe in Kauf genommen. Dass sich Russland nach den Zumutungen der vergangenen Jahre mehr und mehr mit China verständigt hat, war zu erwarten.«

In dieser Verständigung könnte ja gleichfalls ein gewisser Trost liegen, aber ich traue ihr nicht. China kommt mir doch als der beträchtlich modernere und skrupellosere Staatskapitalismus vor. Möglicherweise findet Peking bald einen Weg, sich die Welt, bis auf Weiteres, mit den sehr geistesverwandten Schurken in Washington aufzuteilen – unter Ausschluß beziehungsweise Einschrumpfung des riesigen Rußlands. Aber die sogenannte Geopolitik ist ein verflucht verwickeltes Spiel. Thierry Meyssan****, ein oft verblüffend scharfsichtiger Beobachter dieses Spiels, hält das jüngste Vorgehen Rußlands jedenfalls für verständlich, ja sogar wünschenswert, wie er betont. »Die Welt von den Straussianern zu befreien, würde den Millionen Toten und mehr, die sie verursacht haben, gerecht werden und diejenigen retten, die sie bald töten werden. Es bleibt abzuwarten, ob diese Intervention in der Ukraine der richtige Weg ist.« Was die Alternative gewesen wäre, verrät er nicht.

Meyssan bemerkt in seinem historischem Abriß zuletzt, auch »demokratisch« verfaßte Völker seien für die Entscheidungen ihrer Führer verantwortlich, und zwar auch dann, wenn nach Regierungswechseln an diesen Entscheidungen festgehalten werde. Das dürfte Joseph de Maistres gut 200 Jahre alten Einsicht entsprechen, jedes Volk habe die Regierung, die es verdiene. Solange also große Teile der germanischen Schafherde rotgrüne »transatlantische Dumpfbacken« (Albrecht Müller am 25. Februar) wie Scholz und Baerbock gewähren lassen, ja sogar auf eine Weise feiern, die ganz übel nach 1914 riecht, haben sie sich die mehr oder weniger absehbaren Folgen selber zuzuschreiben. Aber das Gleiche gilt natürlich auch für Washington und London. Mögen da die irrwitzigsten Fraktionskämpfe um die (Welt-)Macht toben – für mich handelt es sich stets um denselben blutrünstigen, scheinheiligen, durch und durch verlogenen angelsächsischen Imperialismus, der diesen Planeten seit weit über 100 Jahren unverfroren und ununterbrochen tyrannisiert. Die damit verbunde Demütigung müßte doch eigentlich irgendwann einmal vergolten werden. Sollte es also Rußland unwahrscheinlicherweise gelingen, den Yankees und Briten tüchtig eins auf die Hüte zu geben, empfände ich wahrscheinlich mehr als jene »klammheim-liche Freude« des Göttinger Mescaleros, den Bittner natürlich kennt. Allerdings steht zu befürchten, in diesem Fall ginge gleich der ganze Planet in Scherben. Schließlich ist er mit Atomwaffen gespickt. Und sicherlich wird der eine oder andere »Dumpfbacken« im Ernstfall genug Dünnschiß haben, um auf den berühmten roten Knopf zu drücken.

Vielleicht hätte die Menschheit auch dieses Schicksal durchaus verdient. Hat der Homo Sapiens nicht schon vor rund 100.000 Jahren emsig unter der irdischen Flora und Fauna, und überdies unter konkurrierenden Zweibeinern aufgeräumt? Für einige Historiker, die sich gegenwärtig lieber nicht zu Wort melden, setzte sich die überraschende »kognitive Revolution« des Altsteinzeitlers vor allem in Ausrottungsstrategien und hirnverbrannten, selbstquälerischen, listig als »heilig« verbrämten Denkmalsetzungen à la Tempeln und Pyramiden um. Im Grunde heißt Imperialismus: nichts so zu lassen, wie es ist, sofern man es nicht selber erschaffen hat. Und dummerweise haben die Angelsachsen weder die eigenen Bandscheiben noch die Milchstraße noch die Ukraine noch das Mammut, die Säbelzahnkatze oder das Bison erschaffen. Also weg damit. Um 1900 hieß das Ärgernis Philippinen – man überzog es mit Feuer und Cholera. Im Februar 1945 störte das mit Flüchtlingen vollgestopfte Dresden. Um 1965 wurden die Vietnamesen frech. Und so weiter und so fort?

Man könnte höhnen: dieser Greis mit seinen Untergangs-phantasien hat gut reden! Der hat doch sowieso nicht mehr viel zu verlieren. Wir dagegen besitzen ein wenn auch von Hypothek belastetes Zweifamilienhaus mit Wandtafel-großem Farbfernsehschirm und fünf Enkeln! Eben. An die und deren Sprößlinge dachte ich gerade.

* https://www.rubikon.news/artikel/die-ukrainische-vorgeschichte, 26. Februar 2022
** https://www.rubikon.news/artikel/angeschlagene-friedenstaube, 26. Februar 2022
*** https://www.rubikon.news/artikel/das-russische-motiv,
1. März 2022
**** »Russland erklärt den Straussianern den Krieg«, https://www.voltairenet.org/article215903.html, 8. März 2022




Rebecca

Während sich der Zweite Weltkrieg zusammenbraute, verfaßte die britische Schriftstellerin Daphne Du Maurier die x-te Variation auf das Thema »Selbstbewußter Mann von Rang angelt sich junge hübsche Einfalt vom Lande«. Sie war aber klug genug, das Thema in die Tunke des klassischen Schauerromans zu tauchen. So schwebt Rätselhaftigkeit, Unheil und sogar Grauen über der mageren Handlung. Und da die Autorin in stilistischer und dramaturgischer Hinsicht mit einigen Wassern gewaschen ist, wurde dieses Werk – das ich kürzlich in Zora packt aus lediglich streifte – auf Anhieb viel gelesen und bald auch übersetzt und verfilmt. Offenbar waren das noch andere Zeiten. Heute kommt es allein auf das Thema an. Solange es »zieht«, können Sie schlechter als Georg Simmel oder Oskar Maria Graf schreiben – man wirft Ihnen einen Verlagsvertrag in den Schoß. Schreiben Sie doch beispielsweise über eine arme ukrainisch-stämmige Hure, die von einem faschistisch gestimmtem sächsischem Arzt aus der Gosse gehoben wird und ihm deshalb liebend gern den Instrumentenkoffer bis nach Kiew trägt. Das zieht. Als besondere Würze können Sie noch ein paar Kokain-Heftchen in den Koffer tun, denn die Oligarchensprößlinge der nach Osten expandierenden Westlichen Wertegemeinschaft dopen sich gern.

Wie sich versteht, erfährt man die Hinter- und Beweggründe von Du Mauriers wenigen Hauptfiguren nur stückweise oder auch gar nicht. Am einfachsten liegt die Sache naturgemäß bei der namenlosen Ich-Erzählerin, nämlich der hübschen Einfalt. Sie verliebt sich unsterblich in Maxim de Winter, einen 42 Jahre alten Schloßherrn aus dem ländlichem Cornwall, und tut alles, um ihrem neuem hochstehendem Ehegatten halbwegs genügen zu können. Der Mann ist stinkreich, launisch und selbstgerecht, wie es sich gehört. Zwar merkt sie, er behandelt sie wie ein Kind, aber sie läßt es sich, mangels Selbstbewußtsein, gefallen. Sie deckt ihn auch ohne zu zögern, nachdem er ihr gestanden hat, ihre Vorgängerin, die bildschöne und vielbewunderte Rebecca, die als beklagenswertes Opfer eines Bootsunfalls gilt, erschossen zu haben. Das kommt der Nachfolgerin wahrscheinlich gar nicht so ungelegen, hat sie doch unentwegt gegen den übermächtigen Schatten der in strahlendes Licht getauchten Ex-Schloßherrin anzukämpfen. Jetzt ist sie wirklich tot – keine Nebenbuhlerin mehr.

Auch der Mordfall stellt sich im Grunde genommen recht einfach dar. Die Dame Rebecca de Winter war nämlich nicht minder tyrannisch als ihr Gatte, wie diesem leider erst ein paar Tage nach der Hochzeit dämmert. So spielen sie der Welt das glückliche glänzende Ehepaar vor, hassen einander und gehen vereinbarungsgemäß jeweils eigene Wege. Aber Rebecca ist sogar stärker als Maxim. Der hält ihre Tyrannei, ihren ausschweifenden Lebenswandel, vermutlich auch ihre konsequente Verweigerung nicht mehr aus, bringt sie um und versenkt sie nächtens mitsamt ihrem Segelboot in der schloßeigenen Atlantikbucht. Dummerweise wird es nach einem halbem Jahr aufgrund eines wirklichen Unwetters brenzlig, weil Taucher das Boot und die Leiche und Spuren von Sabotage finden. Das Ehepaar ist entsetzt, kann die Sache jedoch als Selbstmord der Rebecca hinstellen. Anflüge von Skrupel zeigen weder die beiden Gatten noch die Romanschriftstellerin. Die große »Liebe« rechtfertigt alles.

Für mein Empfinden entlastet Du Maurier den widerwärtigen Schloßherrn sogar noch durch eine zusätzliche Pointe. Sie läßt einen Londoner Arzt auftauchen, der Rebecca noch wenige Stunden vor dem tödlichem, im Bootshaus abgefeuertem Schuß eine unheilbare Krebserkrankung bescheinigt hat. Sie wäre also sowieso bald gestorben. Gatte Maxim hat ihr, so gesehen, viele Schmerzen und den erlösenden Selbstmord erspart.

Manche könnten immerhin den überraschenden Romanschluß als eine von Du Maurier verhängte Strafe auffassen. Von einem Gespräch mit jenem Arzt heimkehrend, bemerken die Gatten von der nächtlichen Landstraße aus, daß sich der Himmel über ihrem Schloßpark rötet. Es ist noch nicht das Morgenrot – vielmehr scheint das Schloß in Flammen zu stehen. Das läßt Du Maurier offen, und damit bricht sie ihre Erzählung kühn ab. Wir können uns freilich denken: dahinter steckt, als rächender Brandstifter, Rebeccas Vetter und Liebhaber Jack, der den Schloßherren eigentlich zu erpressen gedachte, jedoch mit seinen Mordvorwürfen ins Leere lief. Er war auch ein Vertrauter der unheimlich wirkenden Haushälterin des Anwesens, Mrs. Danvers. Aber was tuts? Vom Auftakt des Romanes her wissen wir, das Ehepaar De Winter hat sich in eine Pension am Mittelmeer zurückgezogen und nagt dort offensichtlich noch nicht am Hungertuch. Die Ich-Erzählerin zeigt sich sogar durchaus zufrieden mit dieser Lösung. Von Reue nach wie vor keine Spur. Das skandalumwitterte, im Grunde potthäßliche Schloß ist abgebrannt, die große Liebe gerettet.



Müllerkoogs BernharDiener
Skizze für einen Groschenroman

Um 1965, der Wirkungszeit meines Privatdetektivs Heinz Schlackendörfer, konnte sich das nordhessische Städtchen Karlskirchen noch mit einem Amtsgericht brüsten. Aber bald darauf wurde es, kraft der bekannten zentralistischen »Reformen« der Bonner Republik, dieser fragwürdigen Zierde beraubt. Man löste die Behörde auf und versetzte ein paar noch nicht pensionierte MitarbeiterInnen ans Amtsgericht der damaligen Kreisstadt Fritzlar. Das klobige Gebäude mit seinem großem Eckgiebel an der Längsseite und dem daran angeklatschtem Portalhäuschen ließ man einstweilen leerstehen. Es würde sich schon ein Mieter oder Käufer finden, der eitel und reich genug dafür war, sich in einem Gebäude niederzulassen, über dessen Portal unübersehbar Amtsgericht stand – in bogenförmig angebrachten altmodischen Buchstaben, die regelmäßig frisch vergoldet wurden. Wie sich versteht, war das Gebäude aus der Kaiserzeit denkmalgeschützt.

Auf Schlackendörfer hatte der durchgehend aus kunterbunt gemischten Sandsteinen gemauerte Hort der Gerechtigkeit immer wie vom Fleckfieber befallen gewirkt. Der ehemalige Gerichtssaal, im erstem Stock des Eckgiebels gelegen, wies fünf schmale Kirchenfenster auf. Sie wurden im auslaufenden Giebel von einem Relief gekrönt: zwei Knaben umklammern ein senkrecht stehendes Schwert. Da konnten die Gauner der Gegend nur um Gnade beten. Das steile Dach war mit grauem Schiefer gedeckt. Die hohe eicherne Eingangstür im Portalhäuschen übertraf sogar viele Kirchentüren. Sie zeigte zwischen mehreren querstrebenartigen gut gehobelten Brettern ein großzügiges Muster aus dicken rautenförmigen Holzschindeln; der ganze Besatz war mit Hilfe von unverbrämten Holzstiften im Türblatt verdübelt. Man konnte diesen Besatz als ein wuchtiges Furnier auffassen, das der kleinstädtischen Gerichtsfestung wohlangemessen war.

Schlackendörfer lag längst auf Pingos unter der Erde, als sich der »potente« Käufer einstellte. Das war um 1975. Der Mann hieß Engelbert Müllerkoog, damals Mitte 60. Jeder Literaturfreund oder Fernsehkonsument wußte selbstverständlich, was er von diesem Mann zu halten hatte. Er war bedeutend. Er strich emsig Literaturpreise ein und versäumte selten eine Gelegenheit, öffentlich salbungsvolle Worte von sich zu geben, obwohl er von Natur aus keineswegs typischer Prahlhans war. Er war einfach nur von seiner Bedeutung durchdrungen. Seine Tochter Renate, neuerdings Lehrerin am einzigen Gymnasium Karlskirchens, hatte das leerstehende Amtsgericht beiläufig und absichtslos am Telefon erwähnt. Müllerkoog, damals in München residierend, war beeindruckt und setzte sowohl seine Tochter wie seinen »BernharDiener« sofort auf die Karlskirchener Stadtväter an. Die zeigten sich hocherfreut und verkauften ihm die wertvolle Immobilie. Später gestand Müllerkoog, besonders eine Großaufnahme der beiden Knaben mit dem Schwert – die von der Giebelspitze – hätte es ihm
angetan …

Der BernharDiener hieß eigentlich Bernhard Fuhr und hatte sogar einen Doktortitel. Er war rund 20 Jahre jünger als sein Chef. Offiziell war er Müllerkoogs Sekretär. Inoffiziell auch dessen Liebhaber und Wegbahner. Germanist Fuhr hatte die maßgeblichen Arbeiten und Artikel über den großen »Dichter« Müllerkoog veröffentlicht, glänzte mit Vorträgen über ihn und kümmerte sich um alles, was sich Müllerkoog kokett weltfremd als »Bürokram« vom Leibe hielt. Man kann sich wohl denken, daß Fuhr auf diese Weise auf seine Kosten kam. Im neu erworbenem Amtsgericht ließ Müllerkoog eine Art Einliegerwohnung für seinen »BernharDiener« schaffen. Er selber, der von Fuhr aufgebaute Großschriftsteller, wandelte den früheren Gerichtssaal in sein Arbeitszimmer um. Platz war genug, denn Müllerkoogs angebliche Ehefrau war schon vor Jahren einer Krankheit erlegen, und Müllerkoogs Sohn Manfred wohnte 20 Kilometer weiter östlich in der nordhessischen Metropole Vessel. Blieb noch die Haushälterin, die lediglich über Tage oder bei Abendempfängen anwesend war. Einen echten, vierbeinigen Hund gab es nicht.

Fuhr war ein stämmiger, charmanter und sogar gutaussehender Mann, der mit Engelszungen reden konnte. Man sollte jedoch nicht argwöhnen, er habe jenen »Liebhaber« lediglich gespielt. Der schmächtige, etwas schüchtern wirkende Engelbert mit den schütteren blonden Strähnen auf dem Vogelkopf gefiel ihm tatsächlich. Gewiß gestattete sich Fuhr auch manchen Seitensprung – den sein Chef und Gönner geflissentlich übersah. Mit anderen, mehr finanziellen Unregelmäßig-keiten hielt es Müllerkoog genauso. Er wollte in diese Dinge nicht eindringen, solange ihm Fuhr den mächtigen Brustkorb ließ. Bei seinem Bernhard fühlte er sich geborgen.

So läßt sich gefahrlos vorhersagen, im Karlskirchener Amtsgericht hätte Engelbert Müllerkoog einen glänzenden »Lebensabend« haben können. Aber er hatte ihn nicht. Ein böses Schicksal wollte es anders. Zunächst erlitt Müllerkoogs Tochter einen tödlichen Unfall, jedenfalls in der amtlichen Sicht. Das war schon rund zwei Jahre nach der Übersiedelung ihres Vaters. Renate, geschieden und in der Folge alleinstehend, wohnte unweit des Gymnasiums an der Ostseite des Schloßberges in einem modernem Mehrfamilienhaus zur Miete. Man bescheinigte der Lehrerin allgemein ein bescheidenes Wesen. Auf ihren hochgelobten Vater bildete sie sich nichts ein, und sie strebte auch selber nicht nach Ruhm. Wenn sie sich angewöhnt hatte, nahezu täglich einen bestimmten, mit Treppen durchsetzten Steilweg zur Schloßruine hinaufzukeuchen, dann aus Gesundheitsgründen. Sie wollte schlank und fit bleiben. Dabei nun geschah es. Es hatte an dem verhängnisvollem Sommertag geregnet. Nach Ansicht der Fritzlaer Kripo glitt die Lehrerin bei ihrem üblichem Abendlauf zur Schloßruine unglücklich auf einer glitschigen Treppe aus, stürzte über 20 Meter einen Steilhang hinunter und schlug vor einem der ehemaligen Eiskeller am Fuße des östlichen Schloßberges auf einer schmalen asphaltierten Straße auf. Sie brach sich das Genick. Unmittelbare Augenzeugen hatte die Polizei nicht aufgetrieben. Sie stellte ihre Ermittlungen nach wenigen Wochen ein, weil sich keine Anhaltspunkte für ein Verbrechen gefunden hätten. Die Alternative »Selbstmord« übergingen die Beamten möglichst taktvoll – auch dies bereits, wie man sich denken kann, dem prominentem Vater, Mitbürger und Steuerzahler Müllerkoog zuliebe.

Schon wenige Monate nach diesem angeblichem Unfall kommt auch der Sohn zu Tode. Dies allerdings in Vessel, dem Wohnort Manfred Müllerkoogs. Dort war die Fritzlarer Kripo nicht zuständig. Auch dieser Todesfall wurde nie wirklich aufgeklärt. Was die Vesseler Kripo immerhin zweifelsfrei feststellte: Der Junior hatte einen Hund. Als er diesen, wie gewohnt, spätabends in der Karlsaue ausgeführt habe, sei der Sohn des berühmten Dichters Opfer eines Raubmordes geworden, hieß es am übernächsten Tag in der Vesseler Post. Selbst der Hund habe daran glauben müssen. Der Täter konnte unerkannt entkommen. Dabei blieb es.

Manfreds Verhältnis zum Senior war schwierig gewesen. Das zum Publikum auch. Manfred hatte sich dummer-, wenn auch überlicherweise in den Kopf gesetzt, gleichfalls eine literarische Laufbahn einzuschlagen und so zu Ruhm zu kommen, verstand es freilich nie, sich aus dem Schatten des Alten zu lösen. Manfreds Bücher gingen eher schlecht. So steckte ihm Engelbert Müllerkoog, via Fuhr, manchen Scheck zu, was das Verhältnis nicht gerade unkomplizierter machte. Gleichwohl konnte es Manfred verständlicherweise nicht dulden, wenn Fuhr die zukünftige Erbmasse anzutasten wagte, die Manfred und Renate winkte. Eben diesen Verdacht – den der Veruntreuung – hatten die beiden schon seit einiger Zeit gehegt. Davon wußte die Vesseler Kripo aber nichts. Fuhr hatte die beiden Sprößlinge noch rechtzeitig um die Ecke gebracht.

Es liegt auf der Hand, daß Engelbert Müllerkoog vom Gram über den Verlust seiner beiden einzigen Kinder und der Ahnung von Fuhrs Vertrauensbrüchen dem Grabe zugetrieben wird. Schon um 1980 erliegt er einem Herzinfarkt. Sein Testament hat er da bereits unterzeichnet. Während Fuhr in den Genuß einer üppigen Rente kommt, gehen das Amtsgericht und noch ein paar Millionen an eine Stiftung, die Engelbert Müllerkoogs Andenken und die Nachwuchspflege hochhalten soll. Als Leiter dieser Einrichtung schlägt Müllerkoog wieder unbelehrbar seinen BernharDiener vor …

Ob einer wie Schlackendörfer den gramvollen Herztod des Großschriftstellers hätte verhindern können oder wollen, läßt ich schwer einschätzen. Jedenfalls hätte er sich die Dinge sicherlich zusammengereimt, entsprechende Indizien oder Zeugen beigebracht und Fuhr mit Vergnügen das Handwerk gelegt. Er hätte festgestellt: Beim unbeobachteten Stöbern in den Kontoauszügen ihres Vaters war Renate endgültig argwöhnisch geworden. Fuhr jedoch hatte seinerseits ihre Durchsicht beobachtet. Das war das Todesurteil für Renate gewesen. Fuhr lauerte ihr am Schloßberg auf und stieß sie in die Tiefe. Zwar hatte er sich maskiert, aber die Fritzlaer Kripo bestand überwiegend aus Schlafmützen. Selbst das Alibi, das er vorsichtshalber bereit hielt, brauchte Fuhr nicht zu zücken. Damit zum Sohn. Manfred dachte sich seinen Teil und entlockte seinem Vater, ob im Amtsgericht oder am Telefon, Andeutungen, die auch ihn, den Sohn, zum Todeskandidaten machten. Fuhr kannte Manfreds Gewohnheiten, außerdem die Wirtin einer bekannten Vesseler Schwulenkneipe, die ihm das schon wieder benötigte Alibi verschaffte. Die Vesseler Kripo hatte ihn durchaus in den Kreis der Verdächtigen aufgenommen. Aber Fuhr genoß im Literaturbetrieb einen hohen Ruf und sein Alibi war nicht zu erschüttern.

Für mich war Fuhr ein Spieler, somit alles andere als ein vertrockneter Literaturwissenschaftler und Schreibtischhengst. In diesem Sinne nutzt er Müllerkoogs Schuldgefühle ihm gegenüber (und die entsprechende Erpreßbarkeit) ohne Reue aus. Müllerkoog hat ja sicherlich einige Schaumschlägereien, dazu Moral- und Gesetzwidrigkeiten seines Sekretärs geduldet, wenn nicht sogar gebilligt. Auch vom Faschismus her hat Müllerkoog Dreck am Stecken. Ihn selber, Müllerkoog, hätte Fuhr niemals umgebracht, und er tat es ja auch nicht unmittelbar. Schließlich hätte er sich damit nur der Kuh beraubt, die er möglichst lange zu melken gedachte. Auf der einen Seite liebte Fuhr Müllerkoog und sein eigenes Ansehen; auf der anderen verachtete er die Sprößlinge seines Gönners. Die hatten es zu nichts gebracht. Da konnte man sie genauso gut umbringen.



Rückständigkeit
Gedruckt in Ossietzky 7/2022

Als ich am frühen Abend des 6. März im letzten Kapitel meiner Erzählung Sabotage in Santa Molinga steckte, sprang mein Laptop von Netz- auf Akkubetrieb um. Aha, der Strom war ausgefallen. Anscheinend betraf das nur den Raum Waltershausen. Und nach einer knappen Stunde war der Strom wieder da. Das ging also glimpflich ab, aber witzig war es schon. In der Erzählung hat sich nämlich eine große katalanische Kommune, die in einer früheren Abtei residiert, für drei Tage mit Kerzen, Fackeln und Petroleumlampen zu behelfen, weil irgendein Spitzbube das Laufwasser-Kraftwerk in der ehemaligen Kornmühle der Abtei angezündet hatte. Wie sich herausstellt, war es eine Frau – nur verraten Sie mir einmal, wie man diese Übeltäterin nennen soll? Etwa »Spitzbübin« ..? Da kommt mir sofort die erneuerte rotgrüne Bundesregierung auf den Hals und läßt mich zwangsimpfen.

Das Internet verriet mir anderntags nicht, wo hier der Hase im Pfeffer, also der bekannte »Defekt« gelegen hatte. Vermutlich ist der Raum Waltershausen einfach nicht so wichtig. Dafür meinte es jedoch, am 9. Januar (drei Grad plus) hätten mehrere Berliner Stadtteile zum Teil stundenlang unter Strom- und Heizungsausfall gelitten. Der Defekt habe in einem Umspannwerk vorgelegen. All diese »Defekte« sind ungefähr so aussagekräftig wie die ganzen »Herzversagen«, die bei uns die alten Leute, die Manager oder die Geimpften dahinraffen. Nur die genderfesten DynamikerInnen in der rotgrünen Bundesregierung werden von denen verschont.

Der Hammer erwischte mich allerdings erst, als ich anderntags, am 7. März, in die Online-Ausgabe der jungen Welt blickte. Die Großstadt Mariupol habe inzwischen seit fünf Tagen keinen Strom mehr, hätte der Bürgermeister geklagt. Mitten im Winter! Ein Foto zeigt riesige Plattenbauten mit Mietwohnungen, hinter denen Qualm aufsteigt. Ob eine Kiewer Sturmabteilung oder Monster Putin in der Qualmwolke steckte, war nicht zu erkennen. Ja, Mensch, werfen Sie vielleicht ein, das kennen wir doch alles, Frieren, Totgeschossenwerden und so weiter. Ja, sicher – Sie kennen es vom zwei Quadratmeter großem Bildschirm Ihres Fernsehgerätes her, nicht wahr?

Ich besitze übrigens überhaupt kein Fernsehgerät, und das schon seit mindestens 40 Jahren. Dafür besitze ich jedoch einen wunderbaren Zimmerofen. Solange es noch Paletten, alte Dachbalken oder nicht mit Gift behandelte Jägerzäune zum Zerhacken gibt, kann mir kein Stromausfall die Behaglichkeit in meiner Bude rauben. Die flächendecken-den Fernheizungen sind im Grunde der gleiche Wahnsinn wie die flächendeckende Anti-Corona-Impfung. Die ganze Zivilisierung war ein wahnsinniges Unterfangen, weil sie auf Mammutisierung setzte – nachdem das Mammut von unseresgleichen ausgerottet worden war. Lewis Mumford bescheinigte (um 1965) schon den alten Sumerern und Ägyptern eine Megamaschine. Irgendwelche Jäger und Sammler waren plötzlich blöde genug, sich auf Äckern an geschmiedeten eisernen Pflügen oder auf den Rampen für diverse monumentale Heiligtümer mit Steinquadern abzuschinden. Von daher haben wir unsere Bandscheiben-schäden, Millionenstädte und Pharmaziekonzerne.

Meiner Ansicht nach wäre die oft beschworene »andere« Welt nur durch eine voraus- oder parallelgehende Verkleinerung der Welt zu haben. Aber wie sollte das möglich, ja auch nur denkbar sein? So gut wie alle angeblich systemkritischen Autoren klammern den Gesichtspunkt der Mammutisierung wohlweislich aus. Schließlich könnte ihnen die Schlußfolgerung drohen: das geht nie und nimmer! Und damit bräche der Zweckoptimismus, mit dem sämtliche Fraktionen der Systemkritik seit Jahrzehnten hausieren gehen, wie ein Kartenhaus zusammen.

Ich glaube, auf dieser sozialpsychologischen Ebene ginge es ans Eingemachte – und wer möchte das schon. Die Lüge, der Selbstbetrug, die Hoffnung sind dem Menschen so teuer wie der Stolz. Wenn PolitikerInnen plötzlich damit anfingen, Fehler zuzugeben und das Rad des Fortschritts auf das Niveau von Wassermühlen und Bienenwachs-kerzen zurück zu drehen, würfe ihnen natürlich jeder Schwäche, Rückständigkeit, Hinterwäldlertum vor. Der Mensch möchte nicht hinter seine Errungenschaften zurückfallen. Lieber läßt er sich von ihnen erschlagen.



Jedenfalls Trompetenhals

Mein Großvater Heinrich, ein Volksschullehrer, Schrebergärtner und strammer Wandersmann, war zusätzlich ein hartnäckiger Reimer. Ein Familien- oder Verbandsfest ohne seine mehr oder weniger holprigen, humorigen Verse war undenkbar. Hauptsache, gereimt. Mich schon als Knabe zu fragen, was uns eigentlich am Reim so betört, wäre vielleicht zuviel verlangt gewesen. Also eiferte ich meinem Großvater kurzerhand nach. Keine Schülerzeitung war vor meinen holprigen, humorigen Versen sicher. Später, wohl noch dem Maoismus verhaftet, verbrach ich ein furchtbares langes Gedicht auf einen Förderturm der stillgelegten Bochumer Zeche Hannibal, der sich zunächst seiner Sprengung widersetzt hatte. Das dürfte 1974 gewesen sein. Damals wohnte ich auch noch in Bochum, wo ich zeitweilig Berufsrevolutionär gewesen war. Wenn ich mich richtig erinnere, war der Turm erst im drittem Anlauf in die Knie gegangen – was ja wohl eindeutig für die tiefen Wurzeln und die baldige Wiederkehr des proletarischen Aufbegehrens sprach! Pustekuchen.

Am Reim betören einige edle Züge, die uns in der Realität nur selten oder nie gewährt werden. Zum Beispiel den Gleichklang des Proletariats … Das Aufgehen einer Rechnung. Stimmigkeit, Nachvollziehbarkeit, Übersichtlichkeit. Kurz, der Reim schafft Ordnung. Das stellt gerade auf seinem Herkunftsgebiet, der Sprache, eine wahre Labsal dar, sehen wir doch von Afghanistan bis Ukraine nichts als heillose Verwirrung, Betrug und Spaltung. Die Soldaten sprengen Brücken und Fabriken, nie dagegen Lügengebäude.

Das Schönste an jeder Ordnung ist: wir wissen, warum sie so ist, wie sie ist. Schließlich haben wir sie selber gemacht: die Religion, den Staat, die Ausweis-, Schul- und Impfpflicht, den Kalender, die Uhrzeit, die schwachsinnige »Sommerzeit« und so weiter. Sogar die bekannten, angeblichen »Naturgesetze« sind auf unserem eigenen Mist gewachsen. Ob sie wirklich vorhanden sind oder welche Reichweite sie haben, kann kein Mensch sagen. Hauptsache, sie funktionieren. Bei uns. In unseren Maschinen. Das hindert aber ein Heer von hochqualifi-zierten Astrophysikern nicht daran, im Hinblick aufs Universum oder auf die Gesamtheit aller Universen mit irdischen Kategorien Marke »Raum«, »Zeit«, »Geschwindigkeit«, »Richtung« wie mit Eierlöffeln oder Vorschlaghämmern zu hantieren.

Statt Ordnung wird auch oft Notwendigkeit gesagt. Beider Widersacher ist ein Phänomen, das wir meistens Zufall nennen. Von diesem wissen wir im Grunde nicht mehr, als daß er selten glücklich, in der Regel ärgerlich ist. Er stiftet viel Verwirrung. Was Wunder, wenn jeder Mensch auch grundsätzlich lieber notwendig statt zufällig wäre. Allerdings behaupten inzwischen die meisten »EvolutionsforscherInnen«, die größte Rolle bei der Entstehung von Arten spielten zufällige Genmutationen, und nicht etwa ausgeklügelte göttliche Pläne à la Illusion Fortschritt, siehe das nächste Stück. Auf jene zufälligen Sprünge führen sie auch die schon gestreifte altsteinzeitliche »Explosion« unseres Gehirns zurück. Deshalb seien wir alles andere als eine Krone der Schöpfung, eher deren x-tes Magengeschwür.

Das Dumme ist nur: alle Verweise auf zufällige Anlässe oder Beweggründe erklären so gut wie nichts. Warum sprang denn das Gen? Warum verläuft ein zufälliges, chaotisches Geschehen so und nicht vielmehr anders ab? Dies alles liegt im Nebel, und in der Tat ist es uns nicht gegeben, uns mehr als völlig verschwommene Vorstellungen von nicht-notwendigen Vorgängen zu machen. Da sind ein Staat, ein gereimtes Gedicht oder eine Oktave doch etwas ganz anderes. Bei dieser fand irgendein Steinzeitler, falls es keine Frau war, plötzlich das kleine c im eingestrichenen c' wieder. Ja, das ist Ordnung.

Jetzt fängt draußen wieder dieser idiotische Buchfink zu schmettern an. Während seine Artgenossen ihren »Gesang« meistens in dem Schnörkel Gewürzbier auslaufen lassen, hat mich dieser Vertreter zu dem Gedicht angeregt: »Ja, das ist Sirédio / wird wohl nie des Lebens froh.« Ich hoffe, Sie sind beeindruckt. Um 1977 ziemlich unvermutet auf dem Weg zum Liedermacher, kam ich »natürlich« auf meine frühe Reimlust zurück. Immerhin war ich aber im folgenden klug genug, auf Schmarren wie »Herz/Schmerz« zu verzichten und meine Reime stattdessen mehr oder weniger »unsauber« zu halten. Das empfand ich als bedeutend raffinierter. Doch genau diese Unsauberkeit (in meinen um 2012 aufgenommenen Zwergliedern) warf mir neulich ein Berliner Chorleiter als »Stümperhaftigkeit« vor! Das war vielleicht das Todesurteil für Liedtexte der folgenden Sorte: Meine Flöte ist ein Notbehelf, denn viel lieber säng ich aus eigenem Hals. Doch erwartet man in diesem Fall alle Töne schön in Bedeutung gewälzt. Hab schon gebetet um einen Liedtext, der mir womöglich aus dem Glied wächst.

Die Noten können Sie gerne anfordern. Sie werden sehen, die »holprigen« Worte sind gar nicht so ungeschickt auf die hübsche Melodie geschneidert.



Hut ab vor Heinz Rühmann?

Sicherlich wären auch Napoleon, Stalin oder dessen Kumpel und Nachfolger Chruschtschow gern Türme gewesen. Sie alle maßen keine 1,70 – für Herrscher ziemlich peinlich. Chruschtschow war immerhin listig. Er ließ sich vom italienischem Modeschöpfer Angelo Litrico Schuhe machen, die durch ihr ausgeklügeltes Innenfutter eine unauffällige Vergrößerung ihres Trägers bewirkten. Heinz Rühmann, der für kleine Helden am Theater keine Chancen sah, hatte sich am Beginn seiner Laufbahn noch mit Einlagen zu behelfen. Sie alle wären glatt aus ihrem Grab gefahren, hätten sie um 2000 die damalige Heutige Jugend rotzfrech wie auf Dampfbügeleisen durch die Straßen staken gesehen.

Wird der Mensch unten von Fußsohlen begrenzt, dann oben von der Schädeldecke. Karikaturisten wußten freilich schon immer, wem der Nordamerikaner seine herausragende Stellung verdankt: seinem Zylinder. Der Mensch ist nicht von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, vielmehr verlängerbar. In dieser Achse liegt sein ganzer Stolz. Einer der vielen brutalen Psychopathen auf dem preußischem Thron war Friedrich Wilhelm I., Regierungszeit 1713–40. Der Historiker Karl Gass bescheinigt ihm die Gestalt einer Dampfwalze, aber Friedrich Wilhelm wußte Abhilfe, ohne den Umweg über Schuhe oder Hüte zu bemühen. Sein berüchtigtes Leibregiment der Langen Kerls umfaßte am Ende 3.000 Personen, die er sich aus ganz Europa und sogar Übersee mit Heimtücke oder viel Geld zusammenrauben ließ. Auf ihren Beruf oder ihre Verstandeskraft kam es dabei nicht an. »Außer der Länge, zwei Meter und mehr, kannte der Excerciermeister keine Kriterien.«

Die Krönung der Kopfbedeckung stellte freilich schon bei den alten Ägyptern die Krone dar. Die Leute, die dem steilhäuptigem Pharao die Füße zu küssen hatten, mußten sich mit Mützen begnügen. Zwar wurde oft betont, mit der Kopfbedeckung ziehe sich der Inbegriff von Freiheit, Manneswürde, Selbstherrlichkeit durch die Geschichte, doch zu einer Erklärung dieses Phänomens läßt sich selten jemand herbei. In unserem Zusammenhang, der Größe also, ist sie natürlich unübersehbar. Tell weigert sich, jener von einem Hut bekrönten Stange, die für den Kaiser steht, mit entblößtem Haupt seine Referenz zu erweisen, weil er sich nicht geringer vorkommt als ein Kaiser. Er kann sich somit, den Hut ziehend, nicht kleiner machen. Zur Strafe verhöhnt ihn der Landvogt Geßler durch das Ansinnen, Tell habe seinem eigenem Sprößling ausgerechnet einen Apfel von der Birne zu schießen! Doch wir wissen es: Tells Armbrust zitterte nicht, er bewahrte ruhig Blut. Dagegen zeigt uns Peter Härtling mit seinem Hölderlin einen in Tübingen studierenden Heißsporn. Damals hatten Hilfslehrer vor den Stipendiaten ihren Hut zu ziehen. Einem gewissen Majer mißfiel dies jedoch, sodaß ihm der junge Hölderlin eines schlechten Tages mitten auf der Münzgasse den Hut vom Kopf schlug. Majer wäre eben verkleinerungspflichtig gewesen. Einmal in die Senkrechte verlegt, kommt die Freiheit für Diener oder Knechte einer Senkpflicht gleich. Sollte die Kunst der Übertreibung im Infamen gipfeln, wurde sie übrigens von den Maoisten besser beherrscht als von den Karikaturisten. In der chinesischen »Kulturrevolution« zwangen die Roten Garden die gestürzten und geächteten Größen zum Tragen armlanger, spitzer Tüten, die Schandhüte hießen.

Ich komme auf Heinz Rühmann zurück. Zwar konnte der begabte Schauspieler und Kokettierer mit den Einlagen seine 1,65 und seine Gagen anheben, doch im Charakter wuchs er weniger stark. Darauf deutet bereits der Umstand, daß er in drei verschiedenen deutschen Regimen gleichsam Mustergatte und Großverdiener blieb. Mit der Titelrolle im Lustspiel Der Mustergatte nach Avery Hopwood hatte er 1922 seinen Durchbruch erzielt. Wolfgang Liebeneiners Kinofassung von 1937 wurde ein Kassenschlager. Rühmanns erste Nachkriegsrolle auf der Bühne war ebenfalls Der Mustergatte. Die Gagen für seine Filmrollen wurden fetter als Ludwig Erhard. Immerhin mußte Rühmann davon das Honorar für den bekannten Maskenbildner Josef Coesfeld abzwacken, den der eitle Star auch privat beschäftigte. Das beste Schnäppchen machte er, als er schon mit einem Bein in der Kiste stand, wie von Fred Sellin (2001) zu erfahren ist. Für seinen letzten Fernsehauftritt in Linz 1994 handelt der schmächtige, gebrechliche 92jährige eine Gage von knapp 40.000 Mark aus. Per riesigem Mercedes in seinem Hotel abgeholt, hat er sich dann in einer beliebten Show mit Thomas Gottschalk für vier oder fünf Minuten zu zeigen. Wie sich versteht, wird der kleine Greis mit dem bübischem Lächeln fanatisch beklatscht.

Rühmanns Güte war nur das halbe Gesicht. Sellin zufolge konnten den Golf spielenden Auto-, Motorboot- und Flugzeugnarr schon geringste Vefehlungen in der Etikette beleidigen. Er ist unnahbar, wirkt oft überheblich, schulmeistert gern. Aufs Vertuschen versteht er sich auch ohne Mitwirkung seines Maskenbildners. 1954 leistet er sich nach einem Autounfall – er war in München gegen einen Laternenmast gefahren, wahrscheinlich betrunken – Fahrerflucht, obwohl seine junge Begleiterin Margarethe Hirmer gegen die Windschutzscheibe des gemieteten Borgwards 1800 prallt und nach dem Aussteigen bewußtlos zusammenbricht. Da alle Freunde, Beamte, Journalisten, mit denen er es in der Folge zu tun hat, beim Vertuschen mitmachen, kommt der beliebte Schauspieler mit 600 Mark Buße wegen Fahrlässiger Körperverletzung und mit gesundem Ruf davon.

Weil das Wort Klassenjustiz gar zu antiquiert klingt, spricht man heutzutage in solchen Fällen vom Wirken des Prominentenbonus. Sellin fügt seiner interessanten Erzählung noch hinzu: »Zur gleichen Zeit wird vom gleichen Gericht ein Beleuchter des Residenztheaters wegen Diebstahls zu fünf Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Der junge Mann hatte vier Glühbirnen, einen wasserdichten Lichtschalter, zwei Wandleuchter und Werkzeug mitgehen lassen.«

Eigentum verpflichtet – die Klassenjustiz.



Veronika Fischer (Politikerin)
Gedruckt in Ossietzky 8/2022

Zu den 20 größten postmodernen Übeln dürften der Autoverkehr, die Berufspolitik und die Frauenbefreiung zählen. Frau Fischer repräsentierte sie gleich im Strauß. Als sie am Sonntag den 6. Mai 2012 aus ihrer am Mayener Marktplatz gelegenen kleinen Wohnung getragen wurde, war sie tot. Da hatte sie die Übel immerhin schon 47 Jahre lang ausgehalten. Mayen, knapp 20.000 EinwohnerInnen, liegt westlich von Koblenz. Fischer (CDU) war die amtierende Oberbürgermeisterin der Eifelstadt gewesen. Sie hatte zwei halbwüchsige Kinder, lebte jedoch »seit einiger Zeit« von denen und deren Vater getrennt. Die gebürtige Westfälin stand in jeder Hinsicht auf eigenen Füßen. Sie war gelernte Juristin, ehrgeizig und sogar filmbar. Prompt mauserte sich das blonde »Frauchen« um 2000 zur »knallharten« Politikerin, wie es überall heißt. Indessen ahnten die Zeitgenossen auch vielerorts, daß Fischer »innen« eher einer empfindlichen Schwimmblase glich. Schon am Samstag als vermißt gemeldet, war sie anderntags in ihre bereits durchsuchte Wohnung zurückgekehrt, wo sie abends nur noch tot vorgefunden wurde. Die Art des Selbstmordes wird nirgends genannt. Kummer mit Nahestehenden wird zwar gemutmaßt. Wahrscheinlich habe Fischer aber vornehmlich unter dem von ihr mitgeschaffenem Arbeitsklima gelitten: den meist versteckt vorgebrachten Angriffen auf diese »Chefin« also, die es angeblich liebte, ihre Kollegen im Stadtrat entweder stundenlang an die Wand zu reden oder mit knappen bissigen Kommentaren an derselben aufzuspießen. Das Magazin Focus wußte auch, Fischer hatte erst Ende März einen »schweren« Autounfall gehabt, bei dem ihr Wagen in Brand geriet; sie habe sich freilich noch aus diesem retten können. Denkbare andere brennende oder nicht brennende Unfallopfer übergeht das Magazin. Diesen Crash überstand sie also glimpflich. Bald darauf, am 8. Mai, war der Regionalpresse zu entnehmen, die größere Katastrophe habe die zierliche Frau, die so gern Machthaberin war, wenige Tage vor ihrem Tod geahnt, als sie seufzte: »Dieser Job bringt einen um.«

Liegt Martin Randelhoff von der TU Dortmund (2019) richtig, leistet sich die Welt jährlich 1,35 Millionen, täglich rund 3.700 Straßenverkehrstote. Tag für Tag wird also ein traditionsreiches Städtchen wie Freyburg an der Unstrut ausradiert, nur möchte es keiner sehen. Bei Kindern sei der Straßenverkehr bereits die häufigste Todesursache. Die jährlichen Verletzten schätzt Randelhoff auf 50 Millionen. Da die Autos inzwischen Panzern ähneln, landen heutzutage nicht mehr ganz soviele Leute im Sarg oder im Rollstuhl. Zukünftig nur mit einem Daumen und dem eingebranntem Schrecken zu erwachen, ist allerdings auch nicht gerade ermunternd. Hätte Randelhoff seine Zahlen den Corona-Viren unterbreitet, hätten sie sich totgelacht. Stellte man ähnlich überraschend, wie kürzlich eine sogenannte Pandemie ausgerufen wurde, die weltweite Produktion von Autos ein, bräche wohl mehr als nur Freyburg an der Unstrut zusammen.

An das Unglück, die UNO nähme plötzlich die postmoderne Befreiung der Frau zurück, darf man gar nicht denken. Keine Tesla-Managerinnen mehr, keine Soldatinnen und Kriegsministerinnen, keine Bischöfinnen, Fernsehintendantinnen und Oberbürgermeisterinnen und so weiter und so fort. Für jeden männlichen Schandtäter, der wohlweislich erst einmal Gras über sein Verbrechen wachsen lassen will, findet sich in der Postmoderne auf der Stelle weiblicher Ersatz. Bleibt nur noch zu hoffen, Fischers Kinder, einerlei welchen Geschlechts, hätten mehr Glück als die Mutter.



Der Doc, der sich Spargel verschrieb

So ein Schweineglück wie der Doc muß einer erst mal haben. Das heißt, es war eher ein Rinderglück. Außerdem läßt sich nicht leugnen, daß ihm auch seine natürliche, geradezu geniale Durchtriebenheit sowie sein Ganoven-charme zur Flucht verhalf. Selbstverständlich war er gar kein »Doc«. Der hagere Kerl mit der pockennarbigen Visage hatte sich schon bei der Armee als Bader versucht, und als er wegen Trunkenheit und eines mißglückten Aderlasses, durch den ein Leutnant sein Leben aushauchte, in die Wüste geschickt wurde, kroch er in unserem County im Städtchen Green Falls unter. Dort stand gerade eine Arztpraxis zum Kauf. Wie sich versteht, hatte er den Kaufpreis für die Praxis gestohlen. Jetzt stolzierte er eben als »Doc« mit Zylinderhut über die Hauptstraße und betörte so manche Tochter heimischer Molkereibesitzer oder Tabakanbauer, zumal er gern Zigarillos paffte. Nur häuften sich leider die »Kunstfehler« unseres Docs ähnlich schnell wie die Dollarscheine, die er im Drugstore für die Kistchen mit Zigarillos auf den Tresen segeln ließ. Die bildhübsche Gattin des baptistischen Referends hinkte plötzlich, weil sie etwas unsachgemäß vom Doc operiert worden war. Ein älterer Kaufmann, der auf dem linken Ohr nichts mehr hörte, verlor auch die andere Seite. Dann setzte der jähe Tod eines Plantagenbesitzer-Säuglings dem ganzen die Krone auf. Sheriff Wallace kam nicht umhin einzuschreiten – aber der Doc verdrückte sich durch eine Hintertür seiner Praxis, die Wallace in seinem Tran übersehen hatte. Auch die Verfolgung zu Pferd mißlang. Bald darauf drang jedoch immerhin das Gerücht nach Green Falls, der Doc sei 400 Meilen weiter nördlich am Bassertsee gesichtet worden, wo er erneut als Heilkundiger auftrete. Nun sahen sich die einheimischen Plantagenbesitzer, Kaufleute und der Referend entschieden an die Moral gemahnt. Wer weiß, wieviel Unheil der Doc noch anrichten werde, schnaubten sie. Man müsse ihm unbedingt das Handwerk legen. Sie setzten Friedensrichter Edgewater sozusagen den Colt auf die Brust und verlangten von ihm, Pinkerline einzuschalten, somit den Doc durch erfahrene Detektive erbarmungslos jagen und schließlich vor eine örtliche Jury bringen zu lassen. Zu diesem Zwecke machten die Herren fürs erste über 1.300 Dollar locker, die sie Richter Edgewater als Spesentopf übergaben. Da scheuchte er Wallace natürlich umgehend nach Quinn.

Quinn war damals Countysitz. Eben dort hatte Pinkerline schon vor Jahren eine Filiale aufgemacht, und die beiden »erfahrenen« Spürhunde, an die das Verfolgungskomitee aus Green Falls gedacht hatte, waren selbstverständlich Lee und ich. Mein verschmitzter Partner, von Hause aus Chinese, war ein etwas gedrungener, rundlicher Bursche, dem kaum einer die Hurtigkeit ansah, mit der er selbst Gegner zu Fall zu bringen pflegte, die ihn um zwei Köpfe überragten. Ich selber überragte ihn lediglich um einen Kopf. Wir verstanden uns prächtig, und da wir beide gern Eisenbahn fuhren, nahmen wir gleich den nächsten Zug, der uns nach Molton am Fluß Bassert bringen konnte. Weiter hatten sie die Strecke noch nicht gebaut, weil der Gesellschaft die Kohle ausgegangen war. Bis nach Foxtown an der Mündung des Basserts in den See waren es noch rund 30 Kilometer. So mieteten wir uns kühn ein Kanu, weil wir damit rechneten, auch noch den halben oder ganzen See abklappern zu müssen.

Tatsächlich wurde es der dreiviertel See. Wir hatten bis zu einem Flecken namens Otterspring zu paddeln, wo uns Gören, die auf dem morschem Landungssteg umherturnten, bestätigten, in dieser großartigen Siedlung habe sich neulich ein richtiger Doc niedergelassen. Ob wir Zahnweh hätten? Lee verkniff sich die Antwort, in Kürze hätte wahrscheinlich seinerseits der Doc Zahnweh, und erkundigte sich, ob der gute Mann so und so aussähe, wobei er den Steckbrief aus dem Kopf aufsagte, was man ja von einem Beamten einer halbstaatlichen Sicherheits-agentur auch wirklich verlangen konnte. Die Gören nickten: Das könne er sein. Wir ließen uns den Weg zur Blockhütte des Doktors beschreiben und erklärten den Gören: »Falls ihr euch in eurer Neugier an unsere Fersen heftet, machen wir Frikadellen aus euch und werfen euch in den See!« Das begriffen sie.

Lee spielte den Mann mit dem Zahnweh – und tatsächlich öffnete ihm der steckbrieflich Gesuchte die Haustür. »Hier, links oben!« jammerte Lee und stocherte in seinem Mund herum, »gucken Sie mal!« Der Doc gehorchte prompt, ging vor seiner Türschwelle in die Knie und spähte in die Mundhöhle des kleinen Chinesen. Darauf umrundete Lee ihn wie der Blitz und beförderte ihn mit einem Arschtritt nach draußen. Als sich der Doc wieder aufgerappelt hatte, wollte er, statt eines Backenzahns, wutentbrannt sein Schießeisen ziehen, blickte jedoch bereits in die Mündung meines Colts. Ich hatte mich einstweilen hinter dem Holzschuppen versteckt. »Keine Faxen, Doc«, sagte ich und zeigte ihm mit der Rechten (ich bin Linkshänder) meine Pinkerline-Marke. »Wir sind beauftragt, Sie nach Green Falls zu überführen. Legen Sie erst einmal Ihren Coltgürtel ab. Dann packen Sie ein paar Siebensachen in ihre beste Reisetasche. Lee wird das beaufsichtigen. Und dann können wir gemeinsam zum Bootssteg gehen.«

In Molton traf uns fast der Schlag. Wir hatten einen Foxtowner Krämer gebeten, uns zwei, das Kanu und den mit Handschellen geschmückten Doc mit nach Molton zu nehmen, wo er regelmäßig groß einzukaufen pflegte. Wir lieferten also das Kanu ab und ließen uns von dem Zweispänner des Krämers am Bahnhof absetzen. Wie sich versteht, bezahlten wir den Krämer auch ordentlich; schließlich war es nicht unser Geld. Aber dann kam der Bahnhofsvorsteher heraus und fing ein Gejammer an, als habe er ebenfalls Zahnschmerzen. »Diese Idioten!« fluchte er. »Sie streiken! Die ganze Strecke bis Quinn ist lahmgelegt, weil sich diese Idioten unterbezahlt fühlen! Hat man da noch Worte?«

Ich winkte unwirsch ab. Ich durfte nicht meutern, weil ich von Hause aus Gewerkschaftsfreund war. Mein Vater, leider schon früh von einem schwebendem eisernem T-Träger erschlagen, hatte im Hafen von Mobile (Alabama) die Transportarbeiter angeführt. »Wie kommen wir denn jetzt hier weg?« fragte ich den Mann verzweifelt. Doch er beruhigte uns. Man habe einen Schienen-Ersatzverkehr eingerichtet; wir könnten gleich die Karten für die Postkutsche lösen. Schon morgen früh, Schlag Sechs, ginge sie hier am Bahnhof ab …

Wie sich versteht, sann der mürrische Doc nahezu ununterbrochen auf Flucht. Aber wir gaben ihm weder im Hotel noch anderntags in der vollgestopften Postkutsche die geringste Chance. Seine Chance kam vielmehr von außerhalb. Das war schon der Beginn seiner Glückssträhne. Wir hatten erst einmal die Gäule gewechselt und noch keine 70 Meilen zurückgelegt, als die Schlucht, durch die wir trabten, plötzlich zu dröhnen anfing. Aha, Geschosse heulten! Während die Damen in der Kutsche spitze Schreie ausstießen, sah Lee nach draußen und meinte: »Es scheint sich um einen Überfall zu handeln. Weiße Strolche, soweit ich sehe, wenn auch überwiegend bärtig. Und jede Menge, Hank! Ich fürchte, gegen die kommen wir nicht an.«

Er hatte recht. Den Kutscher hatten sie bereits vom Bock geschossen. Die Kutsche war umgekippt. Nachdem wir den Damen hinausgeholfen hatten, konnten wir die Strolche zählen: mindestens ein Dutzend. Selbstverständlich erleichterten sie die Fahrgäste gründlich um alle Wertsachen, die sie finden konnten, bevor sie sich auf ihre Gäule schwangen. Mich fragte ihr Chef, ein Dicker mit Mordsschnauzbart, was denn mit dem los sei. Er meinte unseren handgefesselten Gefangenen. »Na, hören Sie mal«, knurrte der Doc, »ich bin Arzt – Doktor, bitte schön!« – »Ach …« erwiderte der Dicke nachdenklich. »Doktor, sagst du ..? Na, wenn es so ist, kommst du mit. Einen Doc können wir immer gebrauchen, bei all den Schuß- und Stichwunden, die man uns so zufügt!« Schon sah sich der Doc auf ein Handpferd gezerrt, das die Strolche mit sich führten. Unterdessen trat mich der Dicke ans Schienbein: »Los, mach schon, den Schlüssel her, du Schnüffler!« Er meinte den Schlüssel für die Handschellen. Ich warf ihn in den Hut, den der Dicke humorvoll gezogen hatte, und darauf grinste er und stemmte sich in seinen Sattel.

Lee und ich hatten nicht übel Lust, die Strauchdiebe sofort zu verfolgen, aber wir konnten ja die anderen Fahrgäste schlecht im Stich lassen. Das hätte unserem Ruf geschadet. Außerdem waren die Postpferde keine Renner. So richteten wir die Kutsche wieder auf, setzten die Leiche des Kutschers auf unsere drei freien Plätze und überführten das Ganze ins nächste, rund fünf Meilen entfernte Städtchen. Dort marschierten wir unverzüglich zum Sheriff. »Wir sind stinksauer, Marshall. Was wissen Sie von dieser Bande?«

Wie sich herausstellte, hatte er die Hosen voll von ihr. Das Hauptquartier der bekannten Bande lag im nahen Gebirge. »Sie tyrannisieren die ganze Gegend«, jammerte der Sheriff. »Sie wohnen in einem Bergbauernhof, der nahezu uneinnehmbar ist. Sobald man …« – »Unfug!« schnitt ihm Lee das Wort ab. »Beschreiben Sie uns den Weg! Die Burschen haben uns einen wichtigen Gefangenen gestohlen – wir werden sie tüchtig ausräuchern.«

Erfreulicherweise hatten uns die Räuber wenigstens den Löwenanteil unseres Spesengeldes gelassen. Lee hatte die größeren Scheine in Molton vor Fahrtantritt vorsichtshalber unmittelbar unter seinen Fußsohlen in seinen Strümpfen versteckt. So waren wir immerhin noch einigermaßen flüssig. Auf zwei schnellen Mietgäulen trafen wir gegen Abend bei dem Gehöft der Bande ein. Wir versteckten die Gäule, machten uns ein Bild von der Lage und entschieden uns in der Tat dafür, die Bande auszuräuchern, da sie sowieso fast vollständig im Haupthaus am Saufen und Grölen war. Einen Wächter, der auf der Hofmauer vor sich hinträumte, setzten wir außer Gefecht. Lee schlich sich von hinten ans Wohnhaus und deckte die dortigen Türen und Fenster. Ich selber zündete die Scheune an. Als die ersten Flammen loderten, ging ich am Brunnen in Deckung und rief so laut ich konnte: »Feuer! Feuer! Ihr könnt gerne löschen, aber bitte ohne Knarren. Dafür gebt ihr uns den Doc heraus. Dieses Bündel Bohnenstroh ist das einzige, was wir von euch wollen. Habt ihr uns verstanden?«

Es dauerte zwei Minuten, bis sie zum Brunnen kamen und mit dem Löschen begannen. Bis dahin hatten Lee und ich je einen Strolch bei Fluchtversuchen erschossen. Das hatte den Dicken mit dem Mordsschnauzbart wohl zur Vernunft gebracht. Es dunkelte bereits. Wahrscheinlich nahm er an, das Gehöft sei von mindestens einem Dutzend Fahndern umstellt. Er schob mir den Doc wie ein ranziges Butterfaß zu und spuckte mir frech vor die Füße. Das überging ich großherzig. Aber ich fuhr ihn an: »Wo sind die Handschellen?«

Der Dicke zuckte mit den Achseln und grinste. »Weiß die Mutter Maria, wo sie sind. Der Idiot hat sie unterwegs weggeworfen. Hier ist der Schlüssel …«

»Sehr witzig, du stinkender Mink.«

Inzwischen traf Lee mit unseren Pferden am Brunnen ein. Während die Banditen mit ihren Löscheimern über den Hof stolperten, ließen wir unsere Pferde erst einmal tüchtig saufen. Derweilen verständigte ich mich mit Lee. Darauf holte er das beste Pferd aus dem Korral des Gehöfts, bevor er die anderen Gäule mit ein paar Schüssen in die Berge scheuchte. Der Dicke kochte. Anschließend hieß Lee den Doc satteln und aufsteigen und band ihm, so gut er es verstand, die Hände mit einem Strick. Der Doc kam aus dem Fluchen gar nicht mehr heraus. Als ihm Lee auch noch die Stiefel an die Steigbügel band, wollte er sogar nach Lee treten, aber Lee war jedesmal flinker als er. Dann nahm mein Partner das Banditenpferd an die Handleine und schwang sich auch selber in den Sattel. Ich tat es ihm nach. Als ich mich am Hoftor noch einmal umblickte, mußte ich mich geistesgegenwärtig unter einem Messer bücken, das mir der Dicke wütend nachgeworfen hatte. Die Scheune war bereits halb abgebrannt.

Anderntags setzten wir unsere Heimreise mit eigenem Gespann fort. Wir hatten es in einer nahen Stadt kurzerhand gekauft, dabei unsere drei Reitpferde in Zahlung gegeben. Das Reiten wäre, über 300 Meilen und dazu mit einem widerborstigem Gefangenen, gar zu beschwerlich gewesen. Es war ein leichter Wagen mit nur einer Sitzbank. Diesen Vorzugsplatz überließen wir dem Doc, den wir erneut an Händen und Füßen banden. Das war leider nicht genug, wie sich bald herausstellen sollte. Aber jeder Mensch macht ein paar Fehler in seinem Leben. Später lachten wir über unser Versagen, obwohl es uns die berufliche Zukunft verdarb. Immerhin hatten wir ja noch das Geld. Wir bliesen die Heimreise ab und schlugen uns, ohne Doc, nach Mexiko durch.

Lee und ich thronten also einträchtig auf dem Kutschbock, während unsere beiden braven Wagenpferde auf einem staubigem Fahrweg durch die Weide- und Ackergründe einer größeren Ranch trabten. Plötzlich verkniffen wir die Augen, weil der Staub geradezu Wolkenform annahm. Gleichzeitig schwoll ein uns wohlbekannter Lärm von zahlreichen Hufen und schrillen Cowboyrufen an. »Verdammt!« fluchte Lee. »Das sieht ja nach einer richtigen Stampede aus!« Er hatte recht. Kaum hatten sich die ersten Rindergehörne aus dem Staub geschält, donnerte die ganze Herde gleichsam über uns hinweg. Unsere Gäule wollten ausbrechen, hatten freilich gar keinen Platz dazu. Wir zogen die Köpfe in unsere Schultern wie unter einem Tornado. Nach zwei oder drei Minuten war der entfesselte Spuk vorbei. Wir atmeten heftig aus und wischten uns den Schweiß von der Stirn. Dann sahen wir uns um.

Tatsächlich verkleinerte sich die Staub- und Lärmwolke ähnlich rasch, wie ein Tornado am Horizont verschwindet. Ich fand es wirklich ausgesprochen eindrucksvoll. Aber dann hoben wir wie auf ein Kommando unsere Brauen und sahen uns entgeistert an: der Doc war ebenfalls verschwunden. Die Sitzbank und der Wagenboden waren wie leergefegt.

Selbstverständlich sprangen wir sofort vom Bock. Wir umrundeten unseren schönen Wagen, spähten unter ihn, blickten über die Weidezäune – nichts. Von unserem liebem Doc war kein Zipfelchen zu entdecken.

Schließlich lehnten wir kopfschüttelnd nebeneinander an der rückwärtigen Wagenklappe, kratzten uns ausgiebig unter den Huträndern und starrten über den Fahrweg, den wir gekommen waren. Der Staub hatte sich schon wieder gelegt. Die Herde war hinter einer Bodenwelle verschwunden. Ganz schwach ließen sich noch die Cowboyrufe vernehmen. Dann stiegen die ersten erschrockenen Lerchen auf – ein angemessenes Gespött.

»Ich glaube fast, der verfluchte Hund hat sich von diesen verdammten Rindern forttragen lassen«, murmelte Lee unter ungläubigem Kopfschütteln. »Was meinst du ..?«

Ich dachte nach und nickte anerkennend. »Deine Theorie ist nicht schlecht, mein Bruderherz. Aber wie weit will er denn auf diese Art kommen ..?«

Lee zuckte mit den Achseln. »Nicht so weit. Wir wenden den Wagen und suchen ihn.«

Nach einer halben Meile streiften wir einen Spargelacker, auf dem sich vorwiegend Weiber bückten, um ihre langen Messer in den Sandboden zu rammen. Wahrscheinlich war der Ranchbesitzer ein zugewanderter Schwabe oder Preuße. Wir hatten seinen mindestens 30 Tagelöhnerinnen vor fünf Minuten bereits teilnahmsvoll und neckisch mit unseren Hüten zugewinkt. Das hatten sie erwidert. Auch jetzt winkten sie wieder zurück. Auf die Idee, sie einmal näher in Augenschein zu nehmen, kamen wir anstandshalber oder dummerweise nicht. Das war unser letzter Fehler bei diesem Job.

Kurz und schlecht, wir starrten uns noch knapp 10 Meilen lang vergeblich die Augen nach dem Doc aus. Dann kamen wir in eine größere Stadt, in der wir uns kürzlich noch mit Reiseproviant versorgt hatten. Nun stellten wir fest, sie hatte sogar einen Schlachthof zu bieten. Unsere Cowboys waren gerade damit beschäftigt, den Tornado aus Rinderleibern in diverse Korräle zu zwängen. Wir fragten sie, ob ihnen zufällig ein gefesseltes Bündel Bohnenstroh unter die Hufe geraten sei. Das verneinten sie. Ihren Blicken war zu entnehmen, daß sie uns für zwei entflohene Insassen einer Irrenanstalt hielten. Darauf lenkten wir unseren Wagen Richtung Mexiko.



Donbaß II

Nach dem Corona-Massen-Spektakel – vielleicht auch nur als Pausenfüller – servieren uns die Medien nun schon seit Monaten die Phobie Jeder Schuß ein Ruß. In dieser Hinsicht lassen es sich sogar Autoren von randständigen kritischen Blättern oder Portalen nicht nehmen, uns ihre Abscheu vor Angriffskriegen, Völkerrechtsbrüchen, imperialistischen slawischen Begierden zu versichern. Dahinter könnte durchaus die typische Angst des Außenseiters stecken, es sich nun auch noch mit der großen Mehrheit der angeblich Friedenswilligen zu verderben.

Hier reiht sich der französische Beobachter der Weltpolitik Thierry Meyssan, den ich schon weiter oben heranzog, erfreulicherweise nicht ein. Die verbreitete Überzeugung, Rußland habe (am 24. Februar) den Krieg gegen die Ukraine entfesselt – und das auch noch mit dem verwerflichem Ziel, Kiew und die ganze Ukraine zu schlucken – bezweifelt er.* Selbstverständlich übergehen die meisten neuen Friedens-QuerfrontlerInnen den langjährigen Krieg Kiews gegen den abtrünnigen Donbaß sowieso, als stünden sie vor einem handbreiten Rinnsal. Laut Meyssan hat er, je nach Quelle, in acht Jahren 13.000 bis 22.000 zivile Todesopfer gefordert, die Verletzten, Verängstigten und zahlreichen Geflohenen nicht gerechnet. Ähnlich tun sie die unverfrorene Einschnürung Rußlands durch die sogenannte Nato-»Osterweiterung« mit einem Achselzucken ab. Doch selbst der Auslöser des jüngsten Krieges wird gefälscht, glaubt Meyssan belegen zu können. »In Wirklichkeit griffen Kiewer Truppen am Nachmittag des 17. Februar ihre eigene Bevölkerung im Donbass an. Dann schwenkte die Ukraine mit der Rede von Präsident Zelensky vor den politischen und militärischen Führern der NATO in München das rote Tuch vor dem russischen Stier, als er ankündigte, dass sein Land Atomwaffen erwerben werde, um sich vor Russland zu schützen. / Sie glauben mir nicht? Hier sind die OSZE-Berichte von der Donbass-Grenze. Seit Monaten hatte es dort keine Kämpfe mehr gegeben, aber die neutralen Beobachter der Organisation zählten ab dem Nachmittag des 17. März 1.400 Explosionen pro Tag.«

Nun mag es einem angenehm parteilichem Taschenspielertrick gleichen, den Schwarzen Peter des »eigentlichen Angriffs« Kiew in die Schuhe zu schieben. In jedem Fall dürfte gleichwohl für jeden nüchternen Beobachter »offensichtlich« sein, daß Rußlands militärisches Eingreifen von der lieben Westlichen Tauschwertgemeinschaft seit längerem zielstrebig provoziert worden ist. Es bietet einfach zuviele Vorteile. Und die YankeearschkriecherInnen im Berliner Regierungsviertel machen selbstverständlich mit. Zum Beispiel reibt sich die Rüstungsfirma Rheinmetall die Hände. Aber auf der anderen Seite ist die Angelegenheit leider auch wieder nicht »offensichtlich«. Nachrichtenflut, bewußte Desinformation und Gehirnwäsche haben inzwischen in jedem neuem Streitfall Ausmaß und Perfektion eines Teilchenbeschleunigers von 30 Kilometer Tunnelumfang erreicht – den unsereins nur mit einem Opernglas bewaffnet aus den Angeln heben soll.

Nebenbei bemerkt, kehren unsere Massenmedien soundsoviele »Kriegchen«, die gegenwärtig in anderen Weltteilen toben, eiskalt unter den russenphobisch gewebten Teppich. Ich sage nur Myanmar, Syrien, Jemen, Äthiopien, Lateinamerika. Was interessieren uns Zivilisierten schon tote oder verkrüppelte Kinder, die nicht mitteleuropäisch oder wenigstens slawisch aussehen? Und bei der Weberei sind selbstverständlich auch die seit Jahrzehnten beliebten Täuschungsmanöver wieder hilfreich, etwa die Erfindung von schrecklichen, vom »Feind« verübten Massenmorden unter der Bevölkerung, wie einst in Syrien. Ein tolles Manöver legte übrigens Israel 1956 hin, als die angelsächsische Achse bemüht war, sich die ägyptische Suezkanalzone unter den Nagel zu reißen und den aufmüpfigen Präsidenten Nasser zu stürzen. Die Achse bat Israel unter vier Augen darum, einen »Angriff« auf die Kanalzone vorzutragen. Die USA, GB und Frankreich hatten sich nämlich vertraglich verpflichtet, die international benutzte Wasserstraße gegen jeden Angreifer zu schützen! Nun schlugen sie also die israelischen Spießgesellen »zurück« – und bombardierten wenig später Kairo.**

Verhilft es uns womöglich zum Durchblick, Erhard Cromes jüngsten geopolitischen Abriß aus der jungen Welt zu studieren? Er ist sogar gut geschrieben.*** Für Crome möchte Rußland, um 1990 gerupft und gedemütigt, reichlich verspätet und rachedurstig bei der imperialistischen Neuordnung mitmischen. Es spiele der angelsächsischen Achse nun die eigene Musik vor. Ob China hier herausfällt, etwa als »sozialistisch«, sagt er nicht. Allen imperialistischen Mitmischern bescheinigt er unkritisch »Demokratie«. Ob das eingezingelte Rußland, angesichts der mißhandelten Landsleute in der Ukraine, eine Alternative zum militärischem Vorgehen gehabt hätte, sagt Crome, wie schon Meyssan, ebenfalls nicht. Aber im Grunde, so dämmert mir jetzt, haben all diese geopolitischen Beobachter-Texte etwas Kraftloses und Kleinmütiges. Sie akzeptieren den Status quo (der kapitalistisch-imperialistisch geprägten Welt) und das Gewohnheitsrecht, unablässig Kriege vom Zaun zu brechen, zum Beispiel 1999 in Serbien. Dafür vermeiden sie die Frage, was der Menschheit eigentlich gut täte, wie die Pest. Eine »kluge Entspannungspolitik« empfehlen sie im letzten Satz. Lächerlich.

Durch kluge Entspannungspolitik – Willy Brandt läßt grüßen – soll also »das Morden« beendet werden. Ich gestatte mir deshalb nochmals einen Seufzer zur Gewaltfrage. Für die absolute Mehrheit kommt »Gewalt« hauptsächlich, ja nahezu ausschließlich aus Fäusten, Polizeiknüppeln, Gewehrläufen und Kanonenrohren. Das Gegenteil ist der Fall. Eine ganz wesentliche Gewalt ist unsichtbar und damit unmeßbar. Sie wird von den alltäglich wirkenden Systemstrukturen – vom Eigentumsrecht bis zum Bürokratenbescheid – und dem Psychoterror fast sämtlicher großen und kleinen Leute ausgeübt. Nicht selten führt diese wenig handfeste Gewalt sogar zu Krankheit und Tod – aber darauf kommt es noch nicht einmal an. Daß sie das Leben auf diesem Planeten Tag für Tag zur Hölle macht, das ist das Entscheidende. Die Kriege sind »nur« die ständigen Auswüchse dieser höllischen Verfassung. Deshalb werden sie auch meistens »mehrheitlich« begrüßt. Der Planet ist völlig falsch gepolt. An dieser Verkehrtheit müßte man ansetzen. Fragen Sie aber nicht mich, wie das gelingen sollte. Eins jedoch kann ich Ihnen versichern. Wenn sich viele ägyptische BürgerInnen 1956 in Kairo, Port Said oder anderen Städten in ihren zerbombten Häusern verschanzten und mit irgendeiner Waffe in der Hand erbitterten Widerstand gegen die Eindringlinge leisteten – als damaliger Mitbürger wäre ich sofort dabei gewesen. Aber damals war ich erst Sechs. Und jetzt bin ich schon scheintot.

* Thierry Meyssan, »Die neue Weltordnung«, https://www.voltairenet.org/article216289.html, 29. März 2022
** Peter Bols, Mit Scheckbuch und Pistole, Ostberlin 1967, bes. S. 138
*** Erhard Crome am 22. April 2022: https://www.jungewelt.de/artikel/425081.imperialismus-verzerrte-spiegelung.html

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