Montag, 7. März 2022
Ansichtskarten und Räuberpistolen
2022 [1]

I n h a l t — Ziegen + Helric Fredou + Der Bock als Gärtner + Das Ende der Licksfits + Trotz & Töne (Gesang) + Hand-festes (Hände, Raum) + Weg damit!? (Sammeln) + Zoras Tante + Falten im Kopfkissen (u.a. Lichtenberg, Jules Renard, Lektüre) + Kanupost + (Robert) Merles Insel + Pflaster (Straßenbau) + 72 (Lebensalter, Willem Breuker)



Ziegen

Ich vermute stark, allein in Deutschland haben wir etliche hundert Ziegenberge. Der Waltershäuser Ziegenberg, auf der Kuppe bewaldet und nur zur Stadtseite hin bebaut, ist 410 Meter hoch. Ich erklimme ihn, seit 2003, mehrmals jährlich, obwohl mir dabei noch nie ein Schwarzspecht zu Gehör oder Gesichte kam. Der wuchtige Vogel ist ein begabter, ja sogar bezaubernder Sänger. Alte Buchen hätte er hier. Aber er hat das Terrain dem Kolkraben überlassen, der eher wie ein Neufundländer bellt oder grollt.

Wie sich versteht, ist hier von Ziegen kein Zipfel mehr zu entdecken. Geht die Verarmungspolitik unserer neuen Gesundheitsregierungen so weiter, könnte sich das noch ändern. In meiner Jugend galt die Ziege als »Kuh des Kleinen Mannes«. Nicht selten wurde sie zugleich als dessen Wachhund geschätzt. Die Ziege braucht wenig Platz und ist genügsam. Wird sie nicht daran gehindert, kann sie allerdings unter Umständen ganze Landschaften kahlfressen, da sie Gräsern Kräuter und Laub vorzieht. Wiesensalbei und Trollblume wagt sie immerhin nicht anzutasten. Sie liefert wie die Kuh Fleisch, Leder, Käse, gibt aber mehr Milch als ein Schaf. Sie teilt sich ihre Weidegründe oder Ställe mit fast allem, was vier Beine oder zwei Flügel hat. Pferde sind bekanntlich Herdentiere. Droht Ihre Fuchsstute zu vereinsamen, müssen Sie ihr eine »Beistellziege« verordnen. Andja, die Ziege des alten Fischers Gorian, teilt sich ihren Stall mit fünf Hühnern. Allerdings wissen das Branko und Die rote Zora nicht, die dem Alten im Morgengrauen zwei Hühner stehlen. Kaum sind die Gickel in den Sack gestopft, fängt plötzlich eine Ziege an zu meckern! So bekommt Gorian den Diebstahl mit – nur hockt er leider gerade auf See in seinem Boot. Er ertappt Branko und Zora erst in der nächsten Nacht, als sie die beiden Hühner reumütig zurück zu schmuggeln gedenken! Die Kinder dürfen mit ins Boot, Thunfische jagen.

Ob Gorian seine gute Andja an Land als Last- und Zugtier einsetzte – wie seit altersher in aller Welt – teilt Romanautor Kurt Held nicht mit. Schon der Streitwagen des germanischen Donnergottes Thor wird von zwei Ziegenböcken gezogen. Einen benebelten Abglanz davon geben heute nur noch johlende Männer am sogenanntem Vatertag, sieht man einmal vom touristischem Fahrgeschäft ab, das Zugtiere zu Affen herabwürdigt, auf daß sie mit dem Niveau der Fahrgäste Schritt halten können. Wo sie auch gröhlen oder tuscheln mögen, sie streifen jede Wette, wie schon angedeutet, einen Ziegenberg. Die hohe Wertschätzung, die Ziegen seit der Jungsteinzeit genießen, drückt sich ferner in zahlreichen Namen von Pflanzen (beispielsweise Geißbart), Tieren (der Vogel Ziegenmelker) und Ortschaften aus. Ziegenhain, ehemals Residenz- und Kreisstadt, liegt an einem Fluß meiner Kindheit, der mittel- und nordhessischen Schwalm. Die GestalterInnen des Ziegenhainer Stadtwappens würfe man heutzutage wegen Männer- und Russenfreundlichkeit kurzerhand auf den Scheiterhaufen: Das stilisierte kämpferische Wappentier sieht unter der Gürtellinie wie ein Hahn, über ihr wie ein Ziegenbock aus, und zu allem Überfluß schreitet es in den Strahlen eines roten Sternes.

Der schweizer Clown Marco Morelli hat ebenfalls ein Herz für Ziegen. Auf seiner Webseite erwähnt er einen alten Tessiner Bergbauern aus seiner Jugendzeit, den er beim »Metzgen« seiner alten Geiß beobachten konnte. Diese Ziege hatte dem Mann seit vielen Jahren Milch und Käse und etliche Zicklein beschert. Nun saß er hinter dem Stall auf einem Stein, fütterte das Tier mit Heu, liebkoste es, sprach mit ihm … »Über eine halbe Stunde lang ging das Abschiednehmen, ruhig, zärtlich und friedlich. Dann hat er sie umarmt und mit dem Messer einen gekonnten Schnitt durch Halsschlagader und Kehle gemacht. Das ging alles so schnell wie bedächtig. Kein Knall, kein Zucken, kein Schrei; kein Männer-Helden-Gehabe. Klar hat der Bauer die Geiß gehalten, sehr innig sogar, und so ist sie ihm beim Ausbluten buchstäblich in den Armen 'eingeschlafen'. Das hat mir grossen Eindruck gemacht.«

Laut griechischer Mythologie wurde sogar ein Gott, nämlich Zeus, mit Ziegenmilch aufgezogen – die näheren Umstände sind umstritten. Die einen sagen, die Nymphe Amalthea habe ihm die Ziegenmilch verabreicht; für die anderen war Amalthea selber die Ziege, bot Baby Zeus also ihre Zitzen dar. Montaigne legt die zweite Leseart nahe, wenn er in seinen Essays (um 1600) erwähnt, in den Dörfern der Dordogne werde so manche Amme durch eine Ziege ersetzt. Die müssen da ziemlich großmäulige Säuglinge gehabt haben.



Helric Fredou

Kürzlich habe ich mein mutmaßliches Hauptwerk abgeschlossen, das Lexikon der Frühverstorbenen. Helric Fredou mußte ich darin leider übergehen; er war zu alt. Er starb vor sieben Jahren mit 45. Warum? Einmal davon abgesehen, daß wir es nicht wissen, scheint es heute keinen mehr zu interessieren. Gehen Sie ins Internet; Sie werden fast ausschließlich Berichte aus dem Todesmonat finden. In Nachschlagewerken steht er sowieso nicht.

An den Ermittlungen zum berüchtigtem Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris beteiligt, griff der pausbäckige, bieder wirkende französische Polizeichef, laut Focus, »nur Stunden« nach dem »Terrorakt« zu seiner Dienstpistole, um sich selber umzubringen. Das begab sich am 8. Januar 2015 frühmorgens in seinem Büro in der Polizeidirektion von Limoges, von der er Vizechef war. Die Großstadt liegt in Mittelfrankreich. Fredou hatte am spätem Abend Bereitschaftsdienst, Besprechungen mit Kollegen aus Paris und »wichtige« Telefongespräche gehabt oder vorgehabt. Er stand im Begriff, einen Bericht zu verfassen, wozu es dann nicht mehr kam. Für einen Selbstmord aus Liebeskummer, Melancholie oder aus dem Gefühl des Verkanntseins heraus hätte er sich wirklich keinen günstigeren Ort und Zeitpunkt aussuchen können. Schließlich war gerade das Auge der Welt auf Frankreich gerichtet. Nur auf ihn nicht.

Nach einem erfreulich ausführlichem Artikel* der Epoch Times wurde den Angehörigen Einblick in den Autopsiebericht verweigert. Man könnte es außerdem merkwürdig finden, daß der Schuß angeblich ungehört blieb, obwohl kein Schalldämpfer benutzt worden war. Laut Polizei schoß sich Fredou »frontal« in die Stirn, was bei Selbstmorden, der Verrenkungen wegen, ebenfalls als seltsam gilt. Kein Abschiedsbrief. Während Focus schrieb, der Vizepolizeichef sei alleinstehend, kinderlos und überarbeitet gewesen und habe an Depressionen gelitten, behauptet ET, Fredous Mutter habe vom Hausarzt ihres Sohnes keine Bestätigung für die Unterstellung bekommen, er sei »ausgebrannt« oder »depressiv« gewesen. Bemerkenswerterweise hatte sich im November 2013 schon ein örtlicher Kollege Fredous im Dienst umgebracht, der Kommissar Christophe Rivieccio. Warum, müßte man untersuchen. Der vierfache Familienvater soll erst 44 gewesen sein. Damals habe Fredou seiner Mutter im Gegenteil versichert: »So etwas würde ich dir nie antun.« Als Fredou jedoch tot war, beschlagnahmten Kollegen in seinem Hause Computer und Smartphone. Mit den wenigen Skeptikern darf man also getrost argwöhnen, er sei wieder einmal einer gewesen, der zuviel oder das Falsche wußte.

Was den Pariser Anschlag angeht, hatten Fredous Leute in der Stadt Châteauroux die Eltern der Rechtsanwältin und UMP-Politikerin Jeannette Bougrab vernommen, von der noch umstritten ist, ob sie einmal Geliebte des ermordeten Charlie-Hebdo-Chefredakteurs war. Die Dame hatte es unter Sarkozy (bis 2012) zur Staatssekretärin gebracht. Soweit ich sehe, tun sowohl die Mainstream- wie die sogenannten alternativen Medien alles, um den Fall Fredou den Weg von 99,99 Prozent aller »Ereignisse« gehen zu lassen: ins Nichts.**

* »Charlie Hebdo Attentat – Beging der ermittelnde Kommissar wirklich Selbstmord?«, The Epoch Times (New York City), 30. Januar 2015: https://www.epochtimes.de/politik/ausland/charlie-hebdo-attentat-beging-der-ermittelnde-kommissar-wirklich-selbstmord-jetzt-reden-helric-fredous-mutter-und-schwester-a1217704.html
** Eine etwas jüngere Beleuchtung des Falles wage ich aus fremdsprachlichen Gründen nicht zu beurteilen und zu verwerten: Hicham Hamza, »Affaire Charlie: un franc-maçon proche de Bougrab succède au commissaire «suicid黫, Panamza, 16. November 2015: http://www.panamza.com/161115-charlie-fredou/. Soweit ich sehe, geht es in ihr vor allem um Fredous Nachfolger Thierry Miguel.




Der Bock als Gärtner

Wir sprachen von Ziegen. Da drängt sich ein einheimischer Prominenter auf, den selbst im Städtchen kaum einer kennt oder kennen will: Hans Erhard Bock. Er kam am 31. Dezember 1903 in Waltershausen zur Welt. Im Gegensatz zu Fredou oder gar dem Medizinstudenten Georg Büchner wurde er steinalt, starb nämlich erst im Sommer 2004 [12. Juli], diesmal in Tübingen, mit genau 100 Jahren, dabei sogar »frohgemut«.*** In Nachschlagewerken wird Bock zumeist als »bedeutender deutscher Internist« – und nicht etwa »Faschist« geführt. Der Sprößling eines hiesigen Schulleiters studierte also Medizin. 1933 hatte er es bereits in den Kreis der Weißkittel der Uniklinik in Frank-furt/Main gebracht. Dann ging es steil bergauf, was freilich so deutlich nicht im Deutschen Ärzteblatt* steht, dafür bei Ernst Klee**: 1937 Mitglied der NSDAP, 1939 Mitglied des NS-Ärztebunds und Oberarzt an der Uniklinik Tübingen, dort ab 1942 auch Professor. Daneben war Bock als beratender Internist und Stabsarzt (!) der Luftwaffe tätig, offenbar zumindest teilweise in Italien. 1945 erfolgte ein gewisser Karriere-Einschnitt. Nun wanderte der besiegte Bock nicht etwa in ein Tierbesserungsheim der US-BesatzerInnen; laut Ärzteblatt ging er vielmehr 1946 erneut, als Oberarzt, an die Tübinger Uniklinik. 1949 wurde er Professor in Marburg, 1960 Rektor. Ab 1962 war er, für die letzten 10 Jahre seines heilkundlichen Berufslebens, wieder in Tübingen Professor. Bock gab etliche Bücher heraus und heimste in seiner »demokra-tischen« Wirkungszeit zahlreiche weitere Ämter sowie Ehrungen ein, darunter 1973, nach seiner Emeritierung, das Große Bundesverdienstkreuz. Eine noch gelungenere Aussparung/Beschönigung seines Wirkens unterm Hakenkreuz bringt die ÄrzteZeitung in einem Nachruf*** auf Bock fertig. Das Beste ist die Überschrift: »Groß als Arzt, als Forscher, als Lehrer und als Mensch«. Bloß nicht als braunfelliges Hohes Tier.

* Geburstagsartikel in Nr. 51–52 / 2003: https://www.aerzteblatt.de/archiv/39916/Hans-Erhard-Bock-100-Jahre
** Das Personenlexikon zum Dritten Reich, aktualisierte Ausgabe Ffm 2005 (Fischer-TB), 5. Auflage 2015, S. 56
*** von Ursula Gräfen, 19. Juli 2004: http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/318875/gross-arzt-forscher-lehrer-mensch.html




Das Ende der Licksfits

Bandenbildung ist eine feine Sache, wenn sie auch meistens schlecht ausgeht. Für Thoreau wäre das nichts gewesen. Aber der Eigenbrötler und begabte Prosaschreiber wanderte sowieso schon 1862 in den Sarg, erst 44 Jahre jung. Damals war ich Mitte 20. Meine Lebensentwürfe änderten sich ungefähr jede Woche. Gleichwohl hatte mich Thoreau ans Herz geschlossen und sogar die »Balladen« gelobt, die ich schon damals verzapfte. Ich spielte verschiedene Gitarren und vor allem das 5-String-Banjo recht gut, während mein väterlicher Freund die Musikalität eines Telegrafenmasten besaß. Was mich zusätzlich aufgewertet hatte, war rund ein Jahr vor Thoreaus Tod die Einladung seines Mentors Emerson, einmal dessem kurzzeitigem Gast Michail Bakunin die Hand zu schütteln. Eben aus Sibirien, Rußland, geflüchtet, stand der bekannte Anarchist damals im Begriff, sich von Boston aus nach Europa einzuschiffen. Emerson beherbergte ihn in seinem Haus Old Manse in Concord, Massachusetts, für zwei oder drei Tage. Ich nahm dann gleich an einer ausgedehnten, natürlich kontrovers verlaufenden Gesprächsrunde teil, von der in der New York Tribune sogar ein kurzer Bericht erschien. Er stammte aus meiner Feder. An Bakunin hatten mich vor allem Rauschebart und Selbstbewußtsein beeindruckt. Allmählich zog ich dem Liedermachen den Journalismus vor und faßte in allerlei anarchistischen Blättern Fuß. Den Absprung in die Bandenbildung fand ich aber erst 1878, als auch ich schon die 40 überschritten hatte. Er verdankte sich im Grunde genauso dem Zufall wie die Begegnung mit Shaye. An Vorsehung glaubte ich nie.

Im besagtem Jahr überraschte mich die Nachricht, ein gewisser Robin McIntosh, der sich als mein Patenonkel herausstellte, habe mir seine bei Jackson in Alabama gelegene Sägemühle vermacht. Ehrlich gesagt, hielt sich meine Begeisterung zunächst in Grenzen. Schließlich zählte Alabama zu den in Sklaven und Schießeisen vernarrten Südstaaten, soviel wußte ich immerhin. Bei Mobile grenzte es mit einem Zipfel an den Golf von Mexiko. Das Städtchen Jackson lag auch da unten, im Clarke County. Doch dann sagte ich mir, in diesen Breiten ist es köstlich warm, selbst die Winter sind mild, und wenn alle Stricke reißen, kannst du diese verdammte Sägemühle verhökern und dich mit dem Batzen Geld wieder an Bord eines Küstenschiffes begeben. Bis dahin kam es dann aber nicht, weil mir auf einem Steg über den Beaver Creek (der die Mühle antreibt) eine schwarze Hexe in den Weg trat. Das war Shaye.

Nicht, daß sie dunkelhäutig gewesen wäre. Die Tochter des Trappers Jack Licks hatte lediglich etwas Choctaw-Blut in den Adern – aber das hatte völlig ausgereicht, um die eher kleine, stämmige, schwarzgelockte Person nicht nur mit hitzigem Köpfchen auszustatten. Ich war sofort hingerissen. Allein ihre grauen, kaum merklich geschlitzten Augen sprühten mehr vor Lebenslust als die Felsen im Creek von der Gischt. Ihre keineswegs matronenhaft üppigen Brüste ließen an stehende Pinienzapfen denken. Es liegt mir freilich fern, die knapp 30jährige zu verklären. Ned Buntline, dieser alte, herzkranke Säufer, Prediger und Schreiberling, hätte sie jede Wette als gertenschlanke, verrufene Squaw gegeben, der in jedem Stiefel je ein blutverschmiertes Messer locker sitzt. Buntline glänzte bekanntlich um 1870 mit einer Woge aus verlogenen Groschenromanen über den angeblichen »Wilden Westen«, die nicht nur die Ostküste heimsuchte. In Wahrheit paarte sich Shayes Freiheitsdurst mit großem Verantwortungsgefühl. Ihren Scharfsinn hinzugenommen, verwundert es also nicht, wenn sich das doppelbödige Konzept der Licksfits vor allem ihr verdankte. Ohne ihre Anregungen hätte ich es bestenfalls zustandegebracht, auf dem Gelände meiner Sägemühle so etwas wie die Brook Farm aufzuziehen. Vermutlich wäre auch diese »Kommune« nach wenigen Jahren den Bach heruntergegangen. So aber erwischte es nur meinen Bart. Shaye bestand sofort darauf, er müsse fallen; sie ginge nicht mit Kerlen ins Bett, um in einem Dickicht zu erwachen.

Im übrigen erwies sie sich als ausgesprochen musikalisch. Shayes Trompete ließe sich sogar als Hebel zu unserem Konzept bezeichnen. Sie beherrschte sie erstaunlich virtuos und träumte von einer Kapelle, die jedes lahme alabamische Rind zum Tanzen, ja vielleicht sogar ganz New Orleans zum Wackeln bringen würde, denn von dieser vergleichsweise nahen Küstenmetropole träumte sie ebenfalls. Doch als Tochter eines Trappers schoß sie auch verdammt gut, und so überschlugen sich unsere Pläne sozusagen von einer Umarmung zur nächsten. Die »Kommune«-Idee sagte ihr durchaus zu, nur stellte sie sich eine solche Unternehmung irgendwie »beweglicher« vor. Selbstverständlich verspürten wir beide nicht die geringste Lust, Tag für Tag an einer lärmenden Gattersäge oder auch nur auf Gemüseäckern zu schwitzen. So verkauften wir die Sägemühle, wie schon angedeutet, behielten aber die sich anschließende Farm, da wir diese zunächst als Aufmarschgebiet, später als Winterquartier der ins Auge gefaßten Truppe zu nutzen gedachten. Hier gaben sich bereits in den ersten Wochen Dutzende von Gästen die Türklinke beziehungsweise die Querstangen unserer Pferdekoppel in die Hand. Wie sich versteht, kamen wir nicht umhin, streng zu sieben. Andrerseits stellten sich mit den Leuten Begabungen und Anregungen ein, auf die wir von allein gar nicht gekommen wären. Schließlich hatten wir rund 30 MitstreiterInnen beisammen, die kühn und emsig an die Bildung der fahrenden Artisten- und Lebensgemeinschaft Licksfits schritten. Wir schafften uns etliche Planwagen, Zug- und Reitpferde und auch einige nagelneue Schußwaffen an. Wir bauten Zirkuskulissen und übten die ersten Nummern ein.

Das wichtigste und schwierigste Training betraf freilich das Zusammenleben – ein Training, das sich selbstverständlich auf unseren Reisen bis zuletzt fortsetzte. Wie sich zeigte, war es beträchtlich einfacher, mit gekonnten Parodien auf Saloon-Schlägereien, Goldgräbergebaren und Showdowns zu glänzen, als ein unheldisches und aufrichtiges Miteinander in der eigenen Gruppe durchzusetzen. In dieser Hinsicht war unsere größte Stütze Margaret Fullers Tochter Conny, eine verschmitzte Frau Ende 40, die uns von George Ripley vermittelt worden war. Sie spürte den verheerenden Drang zum Rechthaben und zum Einschüchtern in den banalsten Gesprächen und Verrichtungen des Alltags auf, ohne die Betroffenen je zu beschämen. In unserer Zirkusband saß sie am Schlagzeug, man glaubt es kaum.

Shaye verstand es, die Leute nicht zuletzt durch ihre Musikalität zu begeistern. Sie hatte für jede heikle Situation die richtigen Takte oder Stücke bereit, und wenn sie sie nur pfiff. Sie brachte es auch fertig, einen Lulatsch wie Slim, der anfänglich zu allem seinen Senf geben mußte und dann kein Ende im Labern fand, mitten in der Gesprächsrunde als Zielstange für ihr Lasso zu benutzen, was sehr wirkungsvoll war, weil er buchstäblich mit Händen und Füßen zu reden pflegte. Alles lachte, Slim eingeschlossen. Jeder begriff Shaye im Grunde als Chefin, obwohl wir selbstverständlich alle gleichberechtigt waren und jede wichtige Entscheidung im Konsens fällten. Allerdings sah sich ein »harter Kern« um Shaye und mich dazu gezwungen, die geplante illegale Seite unseres öffentlichen Wirkens in der ersten Zeit wohl oder übel stillschweigend von der Konsens-Regel auszunehmen. Wir wollten erst einmal etwas Erfahrung sammeln. Die Licksfits hatten sich über einen langen Sommer hinweg bereits einen gewissen Namen in unserem Heimat-County gemacht. Selbst ein reaktionäres Blatt wie die Tombigbee News zeigte sich uns gewogen, weil wir unsere Attacken gegen Rassismus, Ausbeutung und so weiter »auf höchstem künstlerischem Niveau« vorbrachten und an den Lagerfeuern in unserer Planwagenburg nachweislich keine entführten Säuglinge brieten. Unsere eigenen nebenbei auch nicht. Aber im kommenden März, als wir mit unserem Troß gen Osten zum Conecuh River aufbrachen, um zunächst die Gegend zwischen Andalusia und Troy mit unseren Darbietungen zu erfreuen, wollte es der »harte Kern« wissen. Er setzte sich eines Nachts vorübergehend zu Pferd von der Truppe ab, um die Bankfiliale der Wells Fargo in Elba, Coffee County, aufzusuchen. Wir raubten sie kurz nach Öffnung aus.

Shaye und mir war bereits vor der ersten Suche nach Mitstreitern für unser Projekt »klar wie Klosbrühe« gewesen, es würde auf Dauer unmöglich sein, eine Gruppe von über 40 Köpfen (die Kinder eingeschlossen) allein durch Zirkusvorstellungen, Tanzveranstaltungen, Jagd, Nüsse sammeln und freundliche Sachspenden seitens der Bevölkerung zu ernähren. Wir mußten also Geldquellen erschließen, die uns möglichst wenig Arbeit aufbürden würden. Da kam Engelbert, von dem wir jenen Spruch mit der Klosbrühe übernahmen, sozusagen goldrichtig. Er stammte von deutschen Einwanderern ab und hatte im Raum Texas/Kalifornien einige Jahre für die Wells Fargo als Postreiter und Kutscher gearbeitet. Man hielt ihn schon aufgrund seiner Abkunft für solide, und dann hatte er sein eckiges Gesicht auch noch mit einem rötlichem Bart eingerahmt, der jeden Gedanken an schwarze Gesichtstücher in weite Ferne rückte. So hatte man ihn auch bald als »Geldbriefträger« verwendet, wie er dazu zu sagen pflegte. Als er bei uns eintraf, hatte er eine längere Flucht hinter sich – und keinen halben Dollar mehr in der Tasche. Engelbert war also der erste »Kommunarde«, den wir in unsere illegalen Absichten einweihten, und dann verdankten wir auch unseren ersten Coup in Elba eben ihm. Wir ritten zu sechst. Es war ein ziemlich harmloser Überfall am hellichtem Tage, der dem Trottel in der Bank nur ein paar Kratzer, uns dagegen rund 3.200 Dollar einbrachte. Dabei hatten wir für den Raub selber lediglich zwei Leute eingesetzt. Die anderen waren mit ihren ausgeruhten Gäulen an günstigen Punkten, die ein spurloses Wegtauchen gestatteten, postiert worden – nach Art einer Staffel also, über mehr als 30 Meilen hinweg. Die Verfolger hatten keine Chance.

Unser »harter Kern« war sich somit darüber im klaren, daß das künstlerische Unternehmen Licksfits zu einem guten Teil als Tarngeschäft begriffen werden mußte und auch erst dadurch auf das Niveau eigentlicher Lebenskunst zu heben war. Aber das konnte auf Dauer nicht insgeheim, ohne ausdrückliche Billigung der ganzen Gruppe vonstatten gehen. In manchen Planwagen wurde ohnehin schon gemunkelt, weil es wieder einmal Schwierigkeiten in der Terminplanung (Zirkus/Raubzug) gegeben hatte oder weil das jüngste krumme Ding, über das sich die Blätter empörten, zufällig wieder einmal in der Nähe unserer Wagenburg gedreht worden war. Zu allem Unglück luden wir »Illegalen« uns im August jenes zweiten Sommers einen Deputy Sheriff aufs Gewissen, unsere erste, aber bis heute auch einzige »feindliche« Leiche, denn unseren lieben Genossen und Verräter Todd verschonten wir großherzig. Der Tote fiel bei Greenville an. Dort hatten wir den Weg einer Postkutsche gekreuzt, die neben den Fahrgästen und Schutzleuten eine hübsche, kleine Kiste mit Goldbarren beförderte. Wir konnten das Kistchen fast mühelos übernehmen, aber dann setzten uns ein paar eigentlich unbeteiligte Leute eines zufällig vorbeikommenden Gefangenentransportes nach, voran jener Tropf von Deputy, der wahrscheinlich von seiner Beförderung träumte – zum Sheriff, nicht ins Jenseits. Shaye schoß ihn im Reiten mit ihrer nagelneuen Büchse, einer Winchester 76, vom Pferd.

Wir lagerten damals unmittelbar am Ufer des Conecuh Rivers. Für den Tag nach dem Coup bei Greenville war keine Vorstellung angesetzt. Heil zurückgekehrt, baten wir die Gruppe um eine außerordentliche Vollversammlung, da eine Gefahr im Anzug sei. Shaye gewann zwei Mädchen aus dem nächsten Dorf, die sich in der Wagenburg schon fast heimisch fühlten, fürs Kinderhüten. Wir rund 30 Erwachsenen begaben uns nach Mittag auf eine nahe, von drei dicken Eichen beschirmte Anhöhe. So hatten wir Schatten und zugleich freie Sicht auf ungebetene MithörerInnen. Wir saßen wie immer im Kreis. In der Mitte lag »zufällig« ein schwarzes Tuch. Engelbert, inzwischen von seinem rotem Bart befreit, erhob sich, sah mit ernster Miene in die Runde und verkündete, spätestens übermorgen könnten die lieben Genossinnen und Genossen in der Andalusia Post oder im Montgomery Observer lesen, bei Greenville sei eine Postkutsche überfallen worden. »Ratet mal, was sie, neben den Fahrgästen und den Liebesbriefen, an Bord hatte ..?« Erwartungsgemäß bekam er keine Antwort, es sei denn, man erblickte eine solche in dem Umstand, daß sich sein unheilschwangerer Gesichtsausdruck nun auch in der Runde ausbreitete. Engelbert zog einen kleinen, schmalen Goldbarren aus der Messertasche seiner kurzen Lederhose, warf ihn auf das erwähnte Tuch, grinste und nahm wieder Platz.

In jeder Gruppe von Goldschürfern, Viehhirten oder Gesellschaftern eines Eisenbahnunternehmens hätte es für Minuten, wenn nicht Stunden heillosen Aufruhr gegeben. Die Licksfits dagegen waren inzwischen gut geschult, und das bewährte sich auch in dieser heiklen Situation. Es dauerte keine drei Stunden, bis unser »illegales« Programm die Zustimmung eines Großteils der Truppe besaß, obwohl zu diesem Zwecke wesentliche Fragen moralisch-politischer und selbstverständlich auch taktischer Natur zu erörtern waren. Erstaunlicherweise erwies sich der erschossene Deputy noch nicht einmal als die härteste Nuß. Jeder sei schließlich selbst dafür verantwortlich, auf welche Seite er sich stelle, wurde argumentiert, und dann habe er auch die möglichen Folgen zu tragen. Niemand habe den Deputy dazu gezwungen, sich seine Brötchen ausgerechnet im unmittelbarem Handlangerdienst für den menschenfeindlichen Kapitalismus zu verdienen. Nicht anders hätten wir später argumentiert, wenn 12 Soldaten der Unions-Armee so dumm gewesen wären, unsere mit Dynamit gewürzten Drohungen nicht ernst zu nehmen. Wie sich versteht, bildete sich niemand von uns ein, der Kapitalismus und sein Staat ließen sich durch möglichst durchgreifende Schießereien aus den Köpfen der Leute putzen. Dazu versuchten wir, wenn überhaupt, eher durch unsere satirischen Husarenstückchen im Zirkus und das Vorbild unserer Lebensweise beizutragen. Unsere spärlichen »Gewaltakte« stellten lediglich Notwehrmaßnahmen von armen, freiheitsdurstigen Schluckern dar, die wir ja ohne Zweifel waren. Nach dieser Versammlung unter den Eichen waren wir allerdings drei weniger. Drei Genossen verließen uns anderntags, weil sie den neuen »illegalen« Kurs nicht mittragen wollten. Das nahmen wir ohne Groll hin. Nach einigen Jahren, die inzwischen ins Land gingen, darf auch als gesichert gelten, daß sie dicht hielten, uns also nicht verrieten. Das war Todd vorbehalten.

Todd hatte damals ebenfalls unter den Eichen gesessen. Er hatte unsere Geldbeschaffungsaktionen gut geheißen und beteiligte sich in der Folge auch selber daran. Er war um 30, blond, eher schmächtig, aber wendig wie ein Wiesel, was uns sowohl bei solchen Aktionen wie bei manchen akrobatischen Zirkusnummern zugute kam. Reiten konnte er wie der Teufel. Zu behaupten, ich hätte schon immer Unheil in ihm gewittert, wäre glatt gelogen. Er stand mir einfach nicht besonders nahe, das war alles. Selbst Conny Fuller zeigte sich später überrascht davon, daß er uns nach dem Eisenbahn-Coup, bei dem er als einziger Aktivist geschnappt wurde, ans Messer zu liefern versuchte. Das gelang ihm zwar nicht, aber damit war das Projekt Licksfits gestorben. Conny meinte allerdings, etwas unangenehm sei ihr zuweilen Todds Mangel an Humor aufgestoßen. Humorlosigkeit passe ja eigentlich nicht zu guten, offenen, freiheitsliebenden Menschen, zumal wenn sie eher Kabarett als Zirkus machten. Ich nehme an, sie hat recht. Wahrscheinlich läßt sich noch nicht einmal sagen, Todd habe schon immer dazu geneigt sich zu verstellen. Nein, das tat er keineswegs. Mit seiner Behendigkeit täuschte er sich höchstens selbst. Denn im Grunde seines Herzens war er ein ängstlicher, verklemmter Mensch – ein Duckmäuser, hätte Thoreau gesagt. Irgendwann fühlt sich so ein Duckmäuser von den ihn umgebenden freiheitlich gestimmten Menschen zu sehr bedrängt, vielleicht sogar beschämt, und dann wird er unter Umständen, wenn nicht gewalttätig, zum Verräter.

Wie wir vor einigen Monaten durch einen sturzbetrun-kenen Offizier erfahren hatten, gedachte die Unions-Armee die neue Eisenbahnstrecke von Montgomery nach Mobile zur Beförderung des Soldes der traditionell in Mobile kasernierten »Streitkräfte« zu nutzen. Für EuropäerInnen: Montgomery ist die Hauptstadt Alabamas. Günstigerweise kannte eine Licksfits-Genossin einen Soldaten aus der dortigen Schreibstube, der mit dem Transport zu tun hatte. So wußten wir, in welchem Waggon des betreffenden Güterzuges der Zaster zu finden sein würde. Allerdings hieß es, neben den Dollars befänden sich, für alle Fälle, ein Dutzend Wachsoldaten in diesem Waggon. Wir beschlossen, sie lediglich einzuschüchtern statt zu töten. Shaye hatte in unseren Anfängen unter anderem einen baumlangen Creek-Indianer »eingebracht«, den alle Welt nur Mico rief. Mico war ein toller Gefährte, wie sich längst erwiesen hatte, zudem ein hervorragender Bogenschütze. Nun hatte er die Idee, mit dem neuartigem Sprengstoff zu arbeiten, den sie drüben in Schweden erfunden hatten, Dynamit. In geraffter Form erzählt, lief die Sache in der Tatnacht folgendermaßen ab.

In Montgomery brachte einer von uns kurz vor Abfahrt des Zuges unter dem Waggon, der vor dem Geldwagen fahren würde, ein Bündel Dynamitstangen an. Wir anderen des Kommandos, außer Mico, lauerten bei Evergreen am Beginn einer Steigung, die den Zug zu der vergleichsweise harmlosen Geschwindigkeit von rund 10 Meilen zwang. Mico dagegen hockte weiter oben kurz vor dem Ende der Steigung in einem Maisfeld. Als die Scheinwerfer der Lok bereits an seinem Versteck vorübergeglitten waren, sahen wir ein kurzes Aufflackern, dann krachte es gewaltig. Dieser Eingriff, bei dem Mico das Dynamitbündel im Gehen oder Laufen mit Hilfe eines lodernden Pfeiles gezündet hatte, führte logischerweise dazu, daß der betreffende Güterwaggon in die Luft flog. Er selber hatte sich rechtzeitig auf den Boden geworfen. Zum Glück rissen auch die Kupplungen zu den benachbarten Waggons, sonst hätte es den halben Zug vom Gleis gehoben. So aber rollten alle noch folgenden Wagen wieder die Steigung hinab, während der Kopfteil des Zuges über der Anhöhe verschwand. Wir hockten ziemlich genau dort im Erlengestrüpp eines Tümpels, wo der nunmehrige erste Waggon des abgesprengten Zuges zum Stillstand kam, also der Waggon mit der Geldtruhe und den 12 Soldaten. Todd als der Wendigste von uns enterte ihn blitzschnell, pochte mit seinem Coltgriff aufs Dach und rief:

»Hört mal zu, ihr Vollidioten! Das nächste Bündel Dynamit ist genau unter euren Plattfüßen am Wagenboden angebracht. Es wird gezündet, sobald ich wieder verschwunden bin. Wollt ihr es darauf ankommen lassen oder zieht ihr es vor, eure Waffen aus dem Fenster zu werfen und diesen stinkenden Minkbau anschließend mit erhobenen Händen zu verlassen? Wir garantieren euch euer Leben. Ihr werdet lediglich gebunden. Wir wollen nur das Geld. Sobald wir es haben, ziehen wir Leine.«

Auf die Gefahr hin, als Pfennigfuchser oder Prahlhans zu gelten: diese Worte stammten von mir. Todd hatte sie auswendig gelernt, schließlich waren wir eine Theatertruppe. Er selber wäre kaum auf solche blumigen Worte gekommen, sie widersprachen seiner Natur, die ich ja bereits angedeutet habe. Man kann diese Ansprache aber auch nicht für seine Verhaftung und seinen daraufhin erfolgten Verrat an uns verantwortlich machen. Sondern er blieb entgegen unserer Absprache auf dem Waggondach, während wir die Unternehmung abschlossen. Immerhin sah er dadurch weiter als wir. Vielleicht bildete er sich aber auch nur ein, er könne uns von dort oben im Notfall besseren Feuerschutz geben. Jedenfalls waren wir genug, acht Leute ohne ihn, konnten ihn also getrost entbehren. Mico war inzwischen wieder bei uns eingetroffen. Damit zurück zu den 12 Soldaten: sie zogen tatsächlich einem möglichem In-die-Luft-gesprengt-werden die mögliche Erschießung als Gefangene vor, schmissen ihre Waffen aus dem Fenster und ließen sich von uns der Reihe nach in Empfang nehmen und an Händen und Füßen binden. Wir schoben und wälzten sie kurzerhand unter den Waggon ins Gleisbett, weil sie uns sonst nur im Wege gewesen wären.

Shaye und Engelbert schlüpften unterdessen in den Waggon und warfen uns wenig später die Truhe der Army vor die Füße, die dabei erfreulicherweise aufsprang, weil sie genau mit dem Schloß auf einem scharfkantigem Feldstein gelandet war. Während wir die Dollarbündel in Windeseile auf die Satteltaschen unserer Pferde verteilten, fluchte Todd plötzlich »Verdammt!« und fuchtelte in Richtung der Anhöhe, hinter welcher der vordere Teil des Zuges verschwunden war. Wie es aussah, hatte man etwas gemerkt und den Zug alsbald gestoppt, denn nun stürmte eine Horde von Leuten über den Schotter oder den anliegenden Erdnußacker auf uns zu. Sie steckten teils in Bahnuniform, sonst waren es Zivilisten, aber da das Mondlicht gut war, sah man auch die Waffen, die sie schwangen. Es schien sich überwiegend um Colts und Flinten zu handeln, nur ein breiter Kerl fuchtelte mit einer Eisenstange herum, wahrscheinlich der Heizer. Wir saßen im Nu auf unseren Pferden. Shaye war dabei geistesgegenwärtig genug, sich auch noch die Zügel von Todds Gaul zu greifen und derart die Seitenwand des beraubten Waggons zu streifen. »Nun los schon, du Hornochse«, rief sie zum Dach hinauf, »spring!«

Todd begriff und drückte sich ab. Bei seiner Behendigkeit wäre er vermutlich tadellos in seinem Sattel gelandet, wenn sich nicht einer der unter dem Waggon verstauten gefesselten Soldaten schon vor einigen Minuten dazu entschlossen hätte, sich in Rückenlage, die gut besohlten und beschlagenen Stiefel voran, ungefähr einen Meter über die vordere Schiene zu schieben. Jetzt trat er Todds Gaul genau im richtigen Augenblick in die Haxen. Der Gaul brach aus, womit auch Shayes Gaul einen Satz nach vorn machte. Todd krachte in die Disteln, die hier den Schotter des Gleises säumten. Zwar wendete Shaye ihr Pferd noch einmal auf der Hinterhand, doch da uns bereits die ersten Kugeln um die Ohren pfiffen, rief sie: »Abhauen!« und preschte auch schon selber davon. Wir bescheinigten ihr etwas später, als wir uns in einem Hickhoryhain unweit eines erquickenden Rinnsals die erste Pause gönnten, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hätten wir versucht, Todd herauszuhauen, wären wir nicht umhin gekommen zu schießen, und damit hätte es sehr wahrscheinlich ein Blutbad mit Toten auf beiden Seiten gegeben. So aber bestand eine gewisse Chance, Todd aus dem Knast zu befreien, falls er nicht bereits am nächsten Signalmasten hing. Den Inhalt unserer Satteltaschen nahmen wir erst in der Werkstatt eines mit uns befreundeten Hufschmieds in Augenschein. Sam hatte seine Esse schon vor dem Morgengrauen entfacht. Es waren über 16.000 Dollar. Wir gaben Sam 400 davon ab, hatte er doch einen Schlag von Plagen, die er kaum ernähren konnte.

Zwei Tage später erfuhren wir durch einen Gewährsmann, der in Grove Hill beim County-Sheriff beschäftig war, gottseidank noch rechtzeitig, Todd habe an diesem Morgen ausgepackt, weil man ihm Straffreiheit zugesichert hatte. Gegen eine Kaution, die merkwürdigerweise der Tabakpflanzer Norris gestellt habe, und mit der Auflage, sich täglich beim Town-Marshal von Jackson zu melden, sie er daraufhin sogar auf freien Fuß gesetzt worden. Nach dieser niederschmetternden Eröffnung beschlossen wir innerhalb von wenigen Minuten, unsere Planwagen im Stich zu lassen und uns zunächst einmal aufzuteilen. Allerdings wollte Conny bei Sam vorbeireiten, um ihn zu bitten, sich um die Planwagen zu kümmern. Wie sich versteht, teilten wir auch das Gold und die Dollars auf, die wir besaßen. Wir trafen ein paar Vereinbarungen, um uns benachrichtigen und möglicherweise wieder vereinen zu können, umhalsten uns und sprengten, einzeln oder in kleinen Gruppen, Kinder eingeschlossen, auf unseren Reit- und Zugpferden in alle Himmelsrichtungen davon.

Aus der Wiedervereinigung wurde übrigens nichts. Dafür hielt Todd bald nach seiner Entlassung erfolgreich um die Hand von Emily Norris an, einer Tochter seines Gönners. Offenbar hatte sie sich im zurückliegenden Winterquartier bei einer Tanzveranstaltung in unser blondes Wiesel verliebt. Inzwischen ist Todd auf der Tabakranch der Boß. Wie man hört, zeugte er seinerseits schon wieder blonde Wiesel, die er von mehreren kalbsgroßen schwarzen Doggen bewachen läßt. Sonst hätten wir sie am Ende noch entführt! Einmal erzählte ich Shaye von dem Wandtuch, das bei Emerson in der Küche gehangen hatte. Darauf waren die Worte Üb immer Treu und Redlichkeit gestickt. Bakunin hatte damals geseufzt, ein schöner Ausspruch, wenn er auch leider von seinem Widersacher Karl Marx stamme. Daraufhin meinte Emerson allerdings kopfkratzend, seines Wissens stamme er aus einem altem deutschem Volkslied. Da sie beide keine Belege an der Hand hatten, blieb die Sache unentschieden.



Trotz & Töne

Meine größte musikalische Schwäche dürfte mein Gesang sein. Ich meine damit weniger meine technische Unbeholfenheit beim Singen, vielmehr die Blässe meiner Gesangsstimme. Sie ist zu farblos und zu dünn. Möglicher-weise gilt das nur fürs Singen. Jedenfalls versicherten mir schon mehrere Leute unabhängig voneinander, an mir sei ein Rundfunk- oder Synchronsprecher verloren gegangen. Haben sie recht, wäre es nicht die einzige Chance, die ich verpaßt hätte. Hüten Sie sich vor einem Ehrgeiz, der mit Unschlüssigkeit gepaart ist. Er bringt es nie zu was.

Zurück zum Gesang. Ich könnte mich natürlich mit dem Gedanken trösten, andere kämen auch nicht unbedingt als John Lee Hooker auf die Welt. Bei uns zum Beispiel Kai Degenhardt oder Manfred Maurenbrecher. Von Manfred weiß ich, er liebte zu unserer gemeinsamen Trotz & Träume-Zeit Bob Dylan, Van Morrison, Randy Newman. Aber für mich sind auch diese weltberühmten Sänger nicht gerade umwerfend – es sei denn, weil man sich lieber die Ohren zuhält und dabei stolpert. Irgendwelche Götter pflanzten die Rio Reisers spärlich. Nebenbei brüllt Morrison oft, statt zu singen, und wenn er zuweilen den Fehler begeht, mit Hooker auf einer Bühne oder Platte zu singen, sollte man ihn wirklich zu Tarzan in den Urwald schicken.

Warum bestimmte Gesangs- oder Sprechstimmen auf den einen große Faszination ausüben, auf den anderen dagegen nicht, dürfte allerdings kaum zu enträtseln sein. Im Internet wird von Psychologen und Logopäden durchaus viel über einschüchternde (grollende) oder unangenehme (etwa piepsige) Stimmen gelabert. Sie verführten uns sogar häufig zu Rückschlüssen auf Erscheinung und Wesen des Sprechenden oder Singenden, falls er gerade unsichtbar sei. Aber das Rätsel selber – die unterschiedlichen Vorlieben der HörerInnen – umschiffen sie, als stünden sie vor dem Loch Ness. Warum stehe ich, allein vom Höreindruck her, auf Jerry Garcia von Grateful Dead (den ich bereits im LdF streifte), John McCrea von Cake und Sven Regener von Element Of Crime, Sie dagegen nicht?

Die Erscheinung eines Gesangskünstlers spielt doch sowieso überhaupt keine Rolle. Hier sind wir nur Sklaven der postmodernen Verbilderungssucht. Der betörendste Tenor der Weimarer Republik, Ari Leschnikoff von den Comedian Harmonists, erinnerte mit seiner knorrigen Untersetztheit an einen bulgarischen Rebstock. Jerry Garcia wirkt auf der Bühne dicklich bis dümmlich; der vollbärtige John McCrea, Baseballmütze auf, könnte gerade vom Dreh eines typischen, ekelhaften US-Werbefilms für Hundefutter gekommen sein. Die entscheidende Erotik dieser nicht unbedingt filmreifen »Frontmänner« liegt in ihren eigentümlichen Stimmen.

Immerhin fällt mir jetzt eine Vorliebe auf, die der inzwischen knapp 60jährige Kalifornier McCrea mit Randy Newman teilt. Sie lassen die (englischen) Worte oft buchstäblich auf ihrer Zunge zergehen; sie lutschen und verspeisen sie wie Pralinen. Ich dagegen, so fürchte ich, pflege die Worte meiner Gesangstexte überwiegend lieblos auszustoßen wie Tropfen beim Niesen. Man achtet beim Singen gar nicht auf sie; nur auf die befreiende Wirkung des Atem- und Wasserschwalls kommt es einem an. Genau deshalb war ich auch immer auf der Querflöte so schlecht. Da hat man die Töne, mit Lippen und Zwerchfell, zu formen.



Handfestes

In der aufschlußreichen Broschüre Puppen und andere Spielwaren aus Waltershausen von 1986 hat mich ein Foto aus der hiesigen größten Puppenfabrik besonders belustigt. In dieser aus rotem Backstein gemauerten Fabrik hausen seit 2003 Kommunarden. Damals jedoch liefen dort noch die berühmten biggi-Puppen vom angeblich volkseigenem Band. Eine gutgepolsterte, wuschelköpfige Dame im geblümtem Kittel zieht ein Schmollmündchen, während sie aus ihren Kulleraugen den gleichfalls dunkelhaarigen Puppenkopf begutachtet, den sie in Händen hält. Ein Bewunderer textet: »Die Meisterin vom Montageband – sieht sie nicht wie ihre Puppen aus?«

Ja, das könnte bald unser aller Schicksal sein: zu Puppen zu mutieren. Aber ich will nicht gleich zu allgemein werden. Hoffentlich lebt die Meisterin nicht mehr, denn ich muß ihr zudem Wurstfinger bescheinigen. Dafür kann sie allerdings nichts. Zur Strafe hat der Zufall auch mich mit den falschen Händen ausgestattet. Das wäre also, nach der Stimme, schon wieder ein körperlicher Makel an mir. Jedenfalls passen meine Polstererpranken nicht gut zu dem ganzen Rest. Für KlavierspielerInnenhände würde ich meine Spanische Gitarre verkaufen. Aber sie sind selten. Bölls Hans Schnier – ein gitarrespielender Clown – bescheinigt Männerhänden allgemein die Beschaffenheit angeleimter Holzklötze. Zu allem Unglück sind Hände auch noch verteufelt schwer zu malen, wie sich bei jedem Rundgang in einer Gemäldegalerie überprüfen läßt. Das Wiener Kunsthistorische Museum hat zum Beispiel ein Porträt zu bieten, das der Niederländer Anthonis Mor 1549 anfertigte. Weit entfernt, Holzklötzen zu ähneln, hängen die Hände des dargestellten Herrn Antoine Perrenot de Granvelle an seinem schwarzem Rock herab wie plattgeklopfte Euter von Zwergziegen. Von solchen Witzfiguren mußten sich Mor und Kollegen aushalten lassen! Besonders bedauernswert sein spanischer Kollege Bartolomé Esteban Murillo, der sein hübsches Gemälde Buben beim Würfelspiel verdarb, indem er die Buben mit Krallen statt Händen ausstattete. Das um 1670 geschaffene Werk hängt in der Münchener Alten Pinakothek. Angesichts dieser Mißgeburten an den Ausläufern unserer Arme verfuhr Welskopf-Henrichs Rose des Indianer-reservats Queenie King nur folgerichtig, wenn sie ihren zudringlichen angesoffenen Nachbarn Harold Booth mit dem Messer an ihre Hüttenwand nagelte: durch die Hand gestochen. Er hätte sie andernfalls vergewaltigt.

Um auch ein »positives« Beispiel, also eine gelungene Darstellung von Händen anzuführen, will ich ein Werk des schwedischen Malers und Kunstschriftstellers Sven Richard Bergh erwähnen, das mir in meinem Brockhaus (Band 3 von 1987, S. 120) aufgefallen ist. Das Gemälde von 1886 zeigt Die Frau des Künstlers – wohl Helena Maria Klemming (1863–89). Die Ärmste, so hübsch sie auch war, wäre also ebenfalls eine Kandidatin für mein LdF gewesen. Auf dem Bild liegen ihre Hände, mit den Innenflächen nach oben, leicht gekreuzt auf ihrem Schoß, wohl im Rahmen einer Näharbeit. Ob ihr Bildner sie immer so gut behandelte, wie ihm ihre langfingrigen Hände gelangen, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Wichtiger als dieses eine Gemälde ist allerdings der Vorzug von Händen überhaupt. Denn daran wird neuerdings kräftig gerüttelt. Mit der Ausrufung der jüngsten sogenannten Pandemie war das bekannte – und vor allem in der ehemaligen DDR beliebte – Händeschütteln plötzlich tabu. Das muß man sich einmal klarmachen! Durch Jahrtausende hinweg waren Hände ein auszeichnendes Instrument oder Symbol menschlichen Vermögens und Sichverbindens. Der »Handschlag« besiegelte sogar Verträge. Das »Handauflegen« heilte; zuweilen be- oder verzauberte es auch. In der Puppenfabrikkommune war es selbstverständlich, sich bei feierlichen Anlässen, im Kreise, bei den Händen zu halten. Durch die Hände verströmt und vermischt sich das Leben. Jetzt sollen wir aber tot sein.

Der letzte Satz ist vielleicht zu verwaschen. Gewiß wünschen uns die großen DrahtzieherInnen leblos wie Puppen oder Marionetten, aber das dient gerade der Abschaffung des Todes. Als Puppen, Computermäuse oder Schaltkreise sind wir unsterblich. Damit spiele ich auf den Zusammenhang mit weiteren Abschaffungen an, denen wir seit einigen Jahrzehnten beizuwohnen haben. Meines Erachtens ist er offensichtlich. Abgeschafft werden: die Nähe, das Herzliche, das Körperliche, der Raum, die Gestalt und dergleichen mehr. Alles, was sich nicht zeitlich, nämlich digital, erfassen und steuern läßt, wird abgeschafft. Diese Warnung, »Zeit frißt Raum!«, predige ich seit Jahren. Mit der Gestalt wird übrigens auch die Melodie abgeschafft, wie ich gewissen Musikern beiläufig bestätigen möchte. Nämlich: von ihnen.

Ich führe zum Abschluß noch ein anderes bedauerliches Opfer der Abschaffung des Raumes an. Es ließ sich einstmals fast so gut wie ein gediegenes Buch zur Hand nehmen. Sie erraten es? In meiner Jugend brauchte man nur eine gut gemachte, nicht zu großformatige und noch nicht mit scheunentorgroßen Bildern überladene gedruckte Zeitung aufzuschlagen – schon war der Raum, ja das Universum eröffnet. Da konnte man seine Blicke schweifen lassen und sich genießerisch für das eine oder das andere entscheiden. Versuchen Sie das einmal am Bildschirm! Sie scrollen und klicken und hüpfen wie ein Affe im Zoo. Sie steigern das Tempo, weil Sie ja sowieso keine Zeit haben. Aber gerade die uhrenhafte, absolut gleichförmige, lineare »Zeit« war es, die den gedruckten Zeitungsraum zerstörte. Der dreieinige Gott des Computers heißt Abfolge–Reihung–Durchgang. Den Glauben, auch in einer Internetzeitung könnten Sie noch verweilen oder in Vergangenes tauchen, werden Ihnen spätestens die Laufzeilen und Schilder über das gerade »Neuste« rauben, die den Bildschirm und Ihre Stirn unablässig mit Zecken spicken. Durch seine hartnäckige ständige »Aktualisierung« wird Ihnen der Webmaster der Internetzeitung das Denkvermögen aus dem Hirn saugen und Ihnen dafür das Gefühl einimpfen, alles sei gleichermaßen wichtig wie belanglos. Das ist die ideale Basis für das Mitwirken der Schafsköpfe zu Hause an der Politischen Willensbildung und den Staatsgeschäften. Es beläuft sich aufs Glotzen.



Weg damit!?

Das verantwortungsvolle Schreiben ist ein unablässiger, oft lebenslanger Kampf darum, was man behandeln oder auch nur erwähnen sollte – und was nicht. Er tobt beim Verfassen jedes neuen Textes. Einigermaßen glimpflich gestaltet sich das Ringen, wenn dem Autor die Leitplanken einer bestimmten, von ihm gewählten Form zur Verfügung stehen, etwa Lied oder Roman. Ganz schlimm wird es in Briefen und sogenannten Journalen. Sie haben keine Form. Sie laden zu Ausschweifungen und Stümpereien aller Art geradezu ein.

Mein Großvater mütterlicherseits, Heinrich Vonjahr, ähnlich kurz und schalkhaft wie Heinz Rühmann geraten, war vielleicht nicht nennenswert weniger gottesfürchtig, staatsfromm und streng als sein prominenter Zeitgenosse, aber um keinen Deut eitel. Wenn er sich so ungern von Dingen oder Leuten trennte, dann nicht, um mit ihnen prahlen oder Geschäfte machen zu können. Vielmehr war er einfach vom Naturell her eine treue Seele. Was er womöglich als Hauptmann der Deutschen Wehrmacht auf dem Balkan auf sein Gewissen lud, kann ich nicht beurteilen, doch ansonsten kam bei ihm so schnell nichts um. Ich muß es wissen, denn ich verbrachte (um 1960) meine Knabenzeit unter seiner Fuchtel. Die Seiten der Tageszeitung zum Beispiel – mehrmals gefaltet und dann aufgeschlitzt – verwandelte er in Klopapier. Die Blätter wurden in einem offenem Holzkästchen gestapelt, das an der Klowand hing. Im vorderen Brettchen ein V-Ausschnitt, damit die Blätter mühelos zu entnehmen waren. Durch beharrliches Knautschen ließ sich der Lesestoff, der stets für Kurzweil sorgte, halbwegs geschmeidig machen. Eine härtere Phase stand bevor, wenn das Kursbuch der Bundesbahn abgelaufen war. Die gelbgetönten Seiten knisterten wie lackiert und impften einem gnadenlos das Wesen der Zahlen ein.

Den Weg zur Bettenhäuser Volksschule (in Kassel-Ost), wo mein Großvater unterrichtete, legte er durch Jahrzehnte auf seinem sorgfältig gepflegtem schwarzem Drahtesel zurück. Erspähte er einen Bindfaden, der sich in der Weißdornhecke am Uferweg der Losse verfangen hatte, hielt er an und ließ ihn in seine Knickerbocker wandern. Seine Baskenmütze war ebenfalls schwarz. Regnete es, schützte ihn sein Kleppermantel, der grau und aus Gummi war wie die Fahrradschläuche. Von diesen trennte er sich, wenn sie ihm keine Lücke mehr für einen Flicken boten. Hatte ihm eine Reißzwecke einen Platten eingebracht, fand sie meine Großmutter Helene beim Auspacken der Satteltaschen wieder, vielleicht ins Komißbrot gepinnt, das er am Bettenhäuser Dorfplatz im Konsum kaufte. Bei aller Strenge, Spaß muß sein. Da sich auf diese sparsame Weise auch eine Menge verkrümmter, rostiger Nägel ansammelte, hieß es auf dem Amboß im Keller ein Viertelpfund geradeklopfen, wenn ich etwas ausgefressen hatte. Unangenehmer war nur Unkraut jäten. Er hatte einen Schrebergarten. Zu Reichtum kam er auf diese Art nie, aber ich glaube, der interessierte ihn auch nicht. Für ihn bargen die Dinge kein Machtpotential, sondern Verwendbarkeit. Verwendungsfähiges durfte man nicht verschwenden.

Man könnte vermuten, als Schriftsteller hätte ich Heinrichs Sammeltrieb geerbt. Das wäre falsch geraten. Ich bin Minimalist. Sobald ich den Eindruck haben kann, etwas nie mehr zu benötigen, lasse ich es über Bord gehen. Nicht ganz so skrupellos verfahre ich mit Personen. Besitz belastet mich nur. Gewiß habe ich wegen meiner Wegwerfwut hin und wieder bittere Reue zu erleiden. Vor Jahren warf ich sogar meinen Zeichenblock aus der Gesellenzeit (um 1995) in einen Papiercontainer. Er enthielt einige packende freie Zeichnungen, wie ich glaube, etwa von einem abgeschlagenen Sessel, aus dessen Gurtung einem die nicht mehr verschnürten Sprungfedern beinahe wie entfesselte Zauberlehrlinge oder wie Faustschläge aufs Auge fuhren. Ausgediente Töpfe, Koffer, Beschläge, Werkzeuge und dergleichen hebe ich nie auf, owohl ich sie gelegentlich händeringend vermisse. Der Minimalist will Sauberkeit, Übersicht, reinen Tisch. Manche Bücher, meistens schlechte, benutze ich nur als unumgängliche Quellen, etwa fürs LdF. Dann gönne ich sie nicht etwa der Recyling-Industrie oder verderbe nachfolgende LeserInnen durch sie; vielmehr zerlege ich sie und entfache über Wochen hinweg mit Hilfe einiger zerknüllter Buchseiten meinen Zimmerofen. Für die Thüringer Allgemeine oder die Süddeutsche Zeitung empfehle ich, dasselbe Verfahren schon vor ihrer Lektüre anzuwenden.

Von sämtlichen Büchern, die ich gelesen habe, bewahre ich kleine Notizzettel auf, die ich in einer Art Karteikasten einordne. Sie können notfalls auch als Belege dienen. Der Kasten ist nicht größer als jenes Komißbrot, das mein Großvater im Konsum kaufte. Er war natürlich auch Wandersmann. Einmal brachte er mir und ein paar anderen Kindern an einem Baggersee das Ditschen bei. Man läßt einen flachgeschliffenen Kieselstein so geschickt aus dem Handgelenk knapp über das Wasser flutschen, daß er möglichst oft aufditscht; er soll viele Hopser machen. Nach manchen Quellen versuchten sich in dieser Gymnastik bereits Homers Helden Herkules und Jason, wenn sie auch, statt Steinen, ihre Schilde dazu benutzt haben sollen. Per Sidenius, Hauptfigur des Pontoppidan-Romanes Hans im Glück, lenkt sich am Strand des Sundes mit dem Ditschen von der drohenden Aussicht ab, seine hochfliegenden Hafenbaupläne ins Ostseewasser fallen zu sehen. Er war Ingenieur. Pontoppidans großangelegtes Werk erschien, auf dänisch, um 1900.

Während jene Quellen auf erforderliche Bedingungen wie einer Rotation der abgeschnellten Scheibe oder Mangel an Gegen- und Seitenwind hinweisen, scheint es für Heinrich Mann (1905) eher auf Zahlungskraft anzukommen. Unrat, mit der Künstlerin Fröhlich an der Ostsee in der Sommerfrische, »zuckte die Achseln über den Brasilianer, der anstatt flache Kiesel über das glatte Wasser springen zu lassen, Markstücke dazu nahm …«

Das wäre meinem Großvater nicht so schnell eingefallen, schon mangels Geld. Dies alles habe ich nur bereit, weil es in meinem Komißbrot steht.



Zoras Tante

Hier ein Muster an Knappheit. Kleinstadt in Kroatien, um 1935. Von ihrem Gatten sitzengelassen, hat sich die Tante zähneknirschend in der Uhrenfabrik verdingt. Scharfe Kontrollen. Sie und ihre verwaiste Nichte Zora verfallen jedoch auf den Trick mit dem Kinderwagen. Zora schiebt ihn zur verabredeten Zeit durch den Park, der an die Fabrik stößt, und ebendort geht die Tante gern aufs Klo, dessen Fenster auf den Park weist. Sie wirft einen Tennisball, der genau im Kinderwagen landet. Das haben die beiden natürlich geübt. In dem geschickt verschnürten Tennisball liegt die gestohlene wertvolle Uhr.



Falten im Kopfkissen

Ein ungebildeter Schriftsteller ist ärgerlich und, vor allem für ihn selber, oft peinlich. Aber wie kommt man zu Bildung? Durch ein Studium der Germanistik oder Philosophie oder Geschichte oder gleich alles zusammen? Nie und nimmer. Das bewirkt eher das Gegenteil. Jedenfalls kommt man bestimmt nicht über nacht zu ihr.

Als mich Gudrun vor Jahrzehnten mit den Unfrisierten Gedanken des Polen S. J. Lec (1909–66) bekannt machte, war ich von solchen knappen Aphorismen verblüfft und begeistert. »Einsamkeit, wie bist du übervölkert!« So etwas kannte ich noch nicht. Wieder einige Jahre später fand ich genau dieselbe verblüffende Kürze in einem Buch von Jule Renard wieder – nur war der Franzose schon 1910 gestorben. »Das Beben des Wassers unter dem Eis«, las ich da gleich auf den ersten Seiten (15).* Schließlich noch Lichtenberg. Als ich neulich wieder einmal zu seinen Aphorismen griff**, mußte ich ihn zähneknirschend als Vorläufer oder Vater von Lec und Renard beziehungsweise die beiden als Papageien anerkennen. »Theorie der Falten in einem Kopfkissen.« Auf solche knappen Sätze (S. 447) belaufen sich etliche Einträge Lichtenbergs. Der Physiker und Verfasser sogenannter »Sudelbücher« starb an seinem Lehrort Göttingen 1799.

Was Rychner in Auswahl von Lichtenbergs Gesudele präsentiert, kommt mir allerdings heute merklich schwächer als vor rund 25 Jahren vor, dabei oft zu flüchtig, unsauber und entsprechend oberflächlich. Das deutet bereits auf das Problem der Zeit, nämlich des Lebensalters eines bestimmten Lesers hin. Meine Verehrung für Renard bekam sogar schon um 2005 Kratzer, wie ich aus meinen Unterlagen ersehe. Notiert er beispielsweise »Der Tod ist der Normalzustand. Wir bauen zu sehr auf das Leben« (301), ist das ohne Zweifel ein starker Gedanke – nur die Formulierung kam mir nun doch zu schwach vor. Ich schlug vor: Wenn man bedenkt, wie lange einer tot ist, wird man das Leben nicht mehr überschätzen. Renards bekanntestes und angeblich auch bestes Buch Rotfuchs (Übersetzung Walter Widmer, Zürich 1946) las ich um 2010. Es verärgerte mich geradezu, weil weder die Charaktere noch die Komposition des episodenhaft erzählten »Romanes« schlüssig sind. Die kompositorischen Mängel scheint sogar Renard selber noch während der Schlußredaktion (Herbst 1894) in seinem Tagebuch eingeräumt zu haben, wie ich Hanns Grössels Nachwort zu den Ideen entnehme (350). »… ein schlechtes Buch, unvollständig, schlecht gebaut, weil es mir nur schubweise gekommen ist ..(..).. man könnte es beliebig kürzen oder verlängern …« Und so etwas wurde nun schon zu Renards Lebzeiten in »unzähligen Auflagen«, wie Widmer im Vorwort versichert, in die Buchläden gepumpt. Die Pumpstationen dürften bekannt sein. Einige Kurzprosastücke, mit denen Renard in der Manesse-Anthologie Vögel in der Weltliteratur (1986) vertreten ist, kommen mir inzwischen ebenfalls reichlich blaß vor. Offenbar war der Mann nicht so gut, wie ich einst dachte. Aber »Weltliteratur«, das war und ist er gleichwohl. Einmal dazu erklärt, gibt es kein Zurück mehr.

Obwohl unser Leben gewöhnlich vorwärts verläuft, bringen Renard/Ronte einen Satz, der die Teleologie zu durchkreuzen scheint. »Jeden Tag bin ich Kind, Mann und Greis«, lautet ein Eintrag auf S. 307. Das Gefühl, das hinter diesem Gedanken steckt, ist mir keineswegs fremd. Aber ich weiß auch, daß Rom nicht an einem Tag erbaut worden ist. Wahrscheinlich verdankt sich »Reifung«, wie man den Prozeß ja auch nennen könnte, mindestens zwei Bedingungen, die nicht immer Hand in Hand gehen müssen: der Zeit und der Tiefe. Manche begabten Leute erbohren sich in wenigen Wochen soviel Einsicht, wie sie Oskar Maria Graf selbst durch Wiedergeburt nicht erlangt hätte. In der Regel genügen wenige Wochen allerdings nicht. Lesen, lesen, lesen, das ist für gute Schriftsteller schon die halbe Miete. Was dafür entfällt, hat freilich auch seinen Preis: Verzicht, Verzicht, Verzicht. Vor allem auf sogenannte Geselligkeit = Öde und Geschwätz …

Jetzt habe ich zum Beispiel dieses dicke »Lexikon« ins Netz gestellt. Glaubt einer im Ernst, ich dürfte für die kommenden fünf Jahre mit mindestes 10 Leuten rechnen, die es wirklich lesen? Studieren? Durchdenken? Nie und nimmer. Ich rechne mit bestenfalls zwei Leuten. Denn allein die reine Lesezeit für einen solche Wälzer ist enorm. Die hat heute keiner mehr. Kein Lektor, kein Kritiker, niemand. Zu allem Unglück dürfte mein Werk auch noch recht tiefschürfend und beziehungsreich sein – das verschlingt man nicht wie einen Krimi von Chandler oder Mankell. So beläßt man es bei Stippvisiten. Und sollte der Lexikograf unwahrscheinlicherweise Aufsehen erregen, wird man das nachplappern, was sich irgendein Klappentexter oder »Laudator« aus den Fingern gesogen hat.

Renards Rotfuchs war ein Knabe. Ein Fuchs jedoch, wie er hin und wieder um die hiesigen Hühnergehege schnürt, ist etwas ganz anderes. Seine Welpen hängen ihm vielleicht für ein paar Monate am Hinterbein, und dann wissen sie, wozu Hühner gut sind. Mehr brauchen sie auch nicht zu wissen. Sie sind nach wenigen Monaten fertige Füchse. Jetzt halten Sie die langwierige und oft vertrackte Kindheit der Sorte »Mensch« dagegen! Ein Wahnsinn. Und dann noch für Jahrzehnte von einer Falle in die andere tappen, bis man begriffen hat, das so mancher Kanon Kanonen entspringt.

* Ideen, in Tinte getaucht, München 1986, Auswahl und Übersetzung (aus Renards umfangreichem Tagebuch) Liselotte Ronte. Das Wählerische hat Ronte übrigens nicht daran gehindert, Renard oder sich selber dutzende von Wiederholungen durchgehen zu lassen.
** Hrsg. Max Rychner, Manesse-Verlag 1958




Kanupost

In dem gähnendem Loch, das sich nach dem Abschluß des LdF vor mir auftat, beschäftige ich mich, sofern ich nicht die Dachrinne zu säubern oder zwecks Ölens ein Türschloß auszubauen habe, hauptsächlich mit Brennholzmachen, Radfahren und Bücherlesen. In der Regel lese ich nur noch Bücher, die ich bereits kenne und die sich somit einigermaßen bewährt haben. Neuerdings beispielsweise Robert Merle: Die Insel. Auf diesen überragenden Roman komme ich noch zurück. Im übrigen denke ich mir Geschichten aus. Was halten Sie etwa von der folgenden Begebenheit?

Schauplatz Bassertsee, um 1880. Wegen einer Pleite bricht die neue Bahnlinie aus dem Nordosten bereits in Molton am Fluß Bassert ab. Bis nach Foxtown an der Mündung des Bassert in den See wären es nur noch 30 Kilometer gewesen. Das wurmt die Leute aus den um den See verteilten Dörfern natürlich auch deshalb, weil sie so ewig auf ihre Post warten müssen.

Wilbert wohnt in Molton. Er hat von seinem Onkel ein etwas baufälliges Häuschen geerbt, das direkt am Ufer steht. Er hält sich mit Gelegenheitsarbeiten und Fischfang nur recht mühsam über Wasser. Als er einmal mit dem Krämer aus Foxtown plaudert, der mit seinem Gespann regelmäßig in Molton für seinen Laden einkauft, fällt es Wilbert plötzlich wie Schuppen von den Augen: man könnte doch für die Leute am Bassertsee eine Kanupost einrichten. Man fährt mit der Strömung nach Foxtown, umrundet den See – und dann hievt man das Kanu auf den Wagen des Krämers und fährt bequem wieder nach Molton zurück. Mit diesem Plan sind, wie sich zeigt, sowohl der auswärtige Krämer wie der Postvorsteher von Molton einverstanden. Auch Wilberts Bekannter Jack sagt zu. Denn im Kanu allein zu fahren, wäre natürlich viel zu mühsam und auch zu gefährlich. Die Sache spielt sich rasch ein. Die Kanupost am Bassertsee kommt jetzt jede Woche, wobei Wilbert und Jack im ganzen nur knapp drei Tage für ihren Dienst benötigen, von dem sie sich neuerdings recht gut ernähren können. Wie sich versteht, sammeln sie in den Dörfern und in Foxtown auch die abgehende Post – und die Gebühren für die Kanupost ein. Für die beiden Übernachtungen haben sie billige Quartiere gemietet. Am Schluß der Reise rechnen sie mit dem Postvorsteher ab und nehmen ihren Wochenlohn entgegen.

Wie es so geht, verdickte sich aber nach einigen Monaten die Luft zwischen den beiden Kanuten. Jack, ein bartloser hübscher Schlanker, hatte sich eine vorzugsweise mit treuherzigem Tonfall einhergehende Sanftmütigkeit zugelegt, die Wilbert zunächst gefallen hatte. Dann entpuppte sich Jack jedoch als scheinheiliger Bruder. Seine »Sanftmütigkeit« war nur der Deckmantel für seine Herrschaftsgelüste. Es sollte stets nach seiner Nase gehen, und wenn sich Wilbert dem widersetzte, gab er die beleidigte Leberwurst. Dies alles zerrte an Wilberts Nerven und sorgte für manchen Streit. Das entging natürlich mit der Zeit auch den Kunden der beiden oder ihrem Kutscher, dem Krämer von Foxtown, nicht.

Die jüngste Postfahrt hatte die Partner schon um Dreiviertel des Sees geführt. In einem wasserdichtem Sack, in Beuteln getrennt, lagen die noch zuzustellenden und die bis dahin bereits eingesammelten Briefe. Ein anderer Sack schützte ihre Schußwaffen. Quer durch eine ausgedehnte Bucht vom Dorf O. zum Dorf P. unterwegs, fing Jack plötzlich an, witternd umherzuspähen. Er sagte, von den Landmarken her müßten hier unter ihrem Kanu die Felsen liegen, an denen laut Hyronimus, einem erfahrenen Otterjäger, die seltenen Z-Muscheln lebten, in denen oft prächtige Perlen zu finden seien. Der See sei an dieser Stelle keine 12 Meter tief. Er hätte nicht übel Lust, einmal nachzusehen; ein erfrischendes Bad könne ohnehin nichts schaden. Natürlich gelang es Wilbert nicht, ihm die Sache auszureden; im Gegenteil. Jack wünschte, wie immer, recht zu behalten und zudem mit seinen Tauchkünsten zu prahlen. Er nannte Wilbert einen Waschlappen, während er sich bereits auszog, und dann verschwand er mit einem eleganten Hechtsprung im See.

Die Verunglimpfung als Waschlappen war nicht völlig aus der Luft gegriffen. Wilbert neigte zur Vorsicht aus Ängstlichkeit. Unter anderem hatte er Angst vor schlechtem Gewissen, Reue, Schuldgefühl. Und genau dazu kam es jetzt auch, nachdem Jack nach drei Minuten noch nicht wieder aufgetaucht war. Nach sieben Minuten, in denen er sich fast die Augen ausstarrte, näherte sich Wilbert bereits dem Stadium der Panik. Die Leute würden selbstverständlich annehmen, er habe Jack im Streit eins auf die Rübe gegeben und dann, mit ihrem Beil beschwert, in den See geworfen. Gegenteilige Zeugenaussagen waren nahezu unwahrscheinlich. Nach 12 Minuten sah sich Wilbert schon unter der Schlinge stehen, während ihn die johlende Menge mit Fischköpfen und faulen Eiern bewarf. Das schmeckte ihm selbstverständlich wenig. »Ich muß mir die Sache in Ruhe überlegen«, schoß es ihm durch den Kopf, »aber hier, an der Unglücksstelle, ist das unmöglich.« So griff er kurzentschlossen ins Paddel und steuerte wie von Seehunden gehetzt die Insel Smooth an, die er glücklicherweise in seinem Fernglas erspäht hatte. Laut Karte lag sie rund acht Kilometer von der Unglücksstelle entfernt. Er wußte, sie galt als unwirtlich und war unbewohnt.

Immerhin hatte Smooth, neben etwas Wald und einer Quelle, große Vogelkolonien zu bieten, die für halbwegs genießbare Braten und Eierpfannkuchen gut waren. Das jämmerliche Geschrei der Vögel war allerdings nicht dazu angetan, Wilberts Angst vor Strafe zu verscheuchen. So war er nach fünf Nächten bereits so gut wie entschlossen, kurzerhand hier zu bleiben und ein Robinson-Leben zu führen. Vielleicht war das genau das Richtige für ihn, denn an seinen lieben Mitmenschen hatte Wilbert schon immer mehr Ungemach als Freude gefunden, Frauen übrigens eingeschlossen. Da entdeckte er in seinem Fernglas plötzlich ein Boot, das offensichtlich auf Smooth zuhielt.

Es war Pinkerline mit irgendeinem Weibsbild. Der Postvorsteher hatte nämlich den Marshal von Molton aufgesucht, und der wiederum hatte den Detektiv Pinkerline gebeten, den vermißten Kanupostboten einmal nachzuspüren. Pinkerline ritt den See bis O. und dann P. ab, wodurch sich herausstellte, in P. war das Postkanu bislang nicht eingetroffen. Darauf mietete er einem Fischer aus O. ein Kanu ab und lud auch gleich dessen Tochter Mary ins Boot, weil ihm ein Alleingang auf See doch zu gefährlich erschien. Mary konnte fischen, paddeln, schießen und dergleichen und hatte gerade Zeit, zumal ihr Pinkerline sofort 10 Dollar Vorschuß in die Bluse schob. Sie war es auch gewesen, die ihn, im Beisein ihres Vaters, auf die Insel Smooth aufmerksam gemacht hatte.

Wilbert erschrak und versteckte sich zunächst einmal. Er war nicht der Kerl, der einen arglosen Gesetzeshüter kurzerhand aus dem Hinterhalt abknallte. Da hätte er nur wieder Schuldgefühle gehabt. Pinkerline jedoch war ein alter Hase. Er reimte sich aus den vorhandenen Spuren bald zusammen, daß er es nur mit einem Gegner zu tun hatte, und nach wenigen Stunden hatte er ihn, mit Marys Hilfe, gestellt, zum Postpaket verschnürt und erst einmal kräftig aufs Maul gehauen.

Das hätte er besser unterlassen. Zum einen brachte es Wilbert keineswegs zum Reden, ganz im Gegenteil. Zum anderen weckte es aber auch bei der Fischerstochter Wut. Sie hatte gegen Pinkerline ohnehin bereits auf See eine Abneigung gefaßt. Dafür gefiel ihr der arme geschundene Gefangene umso besser. Pinkerline gedachte ihn mit dem erstem Morgengrauen nach O. zu bringen und dort auf irgendein Pferd zu binden. Das scheiterte jedoch an Mary.

Sie hatten sich zur Nacht alle drei um Wilberts gewohnte Feuerstelle gelagert. Als Mary mit der Nachtwache daran war, ließ sie sich von dem rothaarigem und auch von Pinkerlines Fausthieben schon blauäugigem Postboten die Geschichte mit dem Tauchversuch ins Ohr flüstern. Sie glaubte ihm sofort; er war alles andere als ein Verstellungskünstler. So brauchten sich die beiden nicht mehr lange über ihre gemeinsame Flucht zu verständigen. Dann schlugen sie Pinkerline bewußtlos und fesselten ihnen vorübergehend. Sie würden sein Boot zerstören und ihm die Fesseln zuletzt wieder abnehmen. Ein paar Tage allein in stiller Einkehr würden ihm sicherlich nicht schaden. Man wußte ja in O., daß er und Mary wohl auch die Insel Smooth inspizieren würden. Der übertölpelte Detektiv konnte also auf Befreiung rechnen.

Den Postsack ließen sie in seiner Obhut. Dagegen nahmen sie das Inkasso bei ihren Kunden an sich. Auch Pinkerline selber erleichterten sie, neben seinen Schußwaffen, um ein paar hundert Dollar – Spesengeld. Sie stachen im Morgengrauen von der Inselseite aus, die O. abgewandt war, in See. Sie gingen natürlich erst nachts an Land, weil man den rothaarigen Postboten bestens kannte. Aber man sah ihn nie wieder.



Merles Insel

Wie soeben erwähnt, halte ich Robert Merles 1962 veröffentlichten Roman Die Insel für überragend. Ich beziehe mich auf die Ostberliner Übersetzung Eduard Zaks aus dem Aufbau-Verlag, 4. Auflage 1970. Der linksorientierte französische Romancier Merle konnte den Erfolg seiner vielen Werke ziemlich ausgiebig genießen, starb er doch erst 2004 mit 95 Jahren. Mit seiner fesselnden, anschaulichen, trotz allem Detailreichtum nie ausufernden Darstellung des Klassenkampfes unter den rund zwei Dutzend Besiedlern der Insel knüpfte er an die berühmte Meuterei auf der Bounty von 1789 an. Eine Restbesatzung des britischen Seglers läßt sich im Verein mit Eingeborenen aus Tahiti auf der kleinen, damals kaum bekannten Südseeinsel Pitcairn nieder. Zwar erfindet Merle die kommenden Auseinandersetzungen auf der Insel, ist doch kaum etwas von ihnen überliefert; im Grundsatz hält er sich gleichwohl an die historischen Vorgaben. Das bedeutet freilich auch, daß er, was die beteiligten britischen Seeleute angeht, an betrübliche Charaktere gebunden ist, mit denen sich kein vernünftiger Anarchist auch nur im Traum am Aufbau einer freien Zwergrepublik versuchen würde. Sie taugten allenfalls für Piratenschiffe.

Andererseits kann man vor Merle schon deshalb nur den Hut ziehen, weil er sich selbst in diese betrüblichen, ihm doch eher fremden Charaktere hervorragend einzufühlen versteht. Sowohl seine Wracks des Empires wie seine lebenslustigen PolynesierInnen aus Tahiti treten nie als Schablonen auf – man ist verführt zu glauben, Merle hätte etliche Monate unter ihnen gelebt. Selbst der hagere und verschlagene Schiffszimmermann MacLeod, der sich den Kapitänsthron anmaßt und eine »Parlamentsmehrheit« aus Arschkriechern zusammenzimmert, hat seine Zweifel, Widersprüche und Eigenheiten. Dem Krieg mit den Polynesiern, die er nach bester rassistischer Manier zu übervorteilen und auf Knechtschaftsrang zu stutzen sucht, ist er allerdings nicht gewachsen. Erst die Schwarzen töten MacLeod, während »Adamo« Purcell seinem Kollegen Baker noch in den Arm gefallen war, als dieser den tyrannischen Zimmermann in den Sarg schicken wollte. Der eher schmächtige, dünnhäutige und lesefreudige Schiffsoffizier Adam Purcell, sozusagen erster Held des Romans, vertritt lange Zeit hartnäckig die pazifistische Linie im Klassenkampf. Im großartigem Finale des Romans, das Purcell gemeinsam mit seinem heftigstem polynesischem Widersacher bei der »Probefahrt« in einem einmastigen Kutter gegen die durch Sturm und Gewitter entfesselte See ankämpfen sieht, gesteht er Tetahiti ein, sein christlich-pazifistisches Konzept der unbedingten Nächstenliebe und unverzichtbaren Schonung eines jeden Menschenlebens sei ein verlustreicher Irrtum gewesen. Kein Dreivierteljahr, und die Inselbesatzung war aufgrund der üblichen, von »Meinungsverschiedenheiten«, Vorurteilen und Abneigungen befeuerten Kämpfe von 27 auf 14 Menschen geschrumpft! Möglicherweise hätte das durch einen rechtzeitigen, tödlichen Sturz MacLeods vermieden werden können. Aber vielleicht auch nicht, denn bekanntlich sind die MachthaberInnen auf diesem Planeten seit vielen Jahrhunderten blitzschnell umgekleidet und ausgetauscht. Dann landet man vom Regen in der Traufe.

Die natürlichen Verhältnisse auf der winzigen, keine fünf Quadratkilometer messenden Insel sind nicht übel, wenn auch die Trinkwasserfrage drückt. Von ihrem Dorf aus müssen die jeweils eingeteilten WasserschöpferInnen Tag für Tag ins Gebirge zur einzigen Quelle steigen, was sie, neben der Mühsal, einschließlich Rückweg zwei Stunden kostet. Lasttiere sind nicht vorhanden. Aber gegen die heutigen fortschrittlichen Zeiten gehalten ist das eigentlich noch harmlos. Wie jeder im Internet lesen kann, werden ungefähr 800 Millionen Bewohnern dieses Planeten tägliche kilometerlange Fußmärsche oder Ritte zur nächsten Trinkwasserstelle zugemutet. Neben Frauen obliegt das oft Kindern – die es auf Merles Pitcairn gar nicht gab. Allein dieser Skandal wäre doch eigentlich für die 8.000 Superreichsten der Erde Grund genug, sich klammheimlich auf den Mond zu verpissen, und zwar ohne ihr Vermögen. Aber sie denken natürlich gar nicht daran. Statt die Wege zum Trinkwasser zu verkürzen, schreiten sie vielmehr daran, die Weltbevölkerung zu »reduzieren«, wie es immer so schön unverfänglich heißt.

Merle verfügt über einen erstaunlich üppigen Wortschatz und setzt ihn so gut wie immer treffend ein. Sein Gebrauch von Fremdworten ist erfreulich gering, obwohl er von Hause aus Akademiker ist. Von daher erstaunt zudem seine eindrucksvolle Erdnähe, wie man es nennten könnte. Ob Haushalt, Gartenarbeit, Handwerk aller Art – Merle spricht stets fachmännisch davon. Selbst der Bau eines völlig neuen, hochseetüchtigen Segelkutters geht ihm wie Butter von der Hand. Mit diesem Boot auf Probefahrt, werden Purcell und Tetahiti, inzwischen die beiden einzigen Männer auf der Insel, am Buchende von dem erwähntem gewaltigem Unwetter überrascht. Allein die Schilderung dieses plötzlich tollkühnen Abstechers in die Südsee ist ein hochkarätiger Reißer.



Pflaster

Die mit Steinen mehr oder weniger ordentlich gepflasterten Dorf- oder gar Landstraßen in meiner Zwergrepublik Mollowina dürften (um 1900) schon ein beachtlicher Fortschritt gewesen sein. Auf Merles Insel hatte man sich in schweren Regenzeiten noch mit mühsam herangekarrten, einigermaßen breiten und flachen losen Steinen beholfen, die man, mitunter sogar zweistöckig, auf die schlammigen Dorfpfade legte (S. 220). Das wird ein rechter Eiertanz gewesen sein. Aus zwei anderen Romanen erfuhr ich neulich zu meiner Verblüffung, sowohl im Chicago der 1890er Jahre wie in Petrograd um 1917 seien viele Straßen holzgepflastert gewesen. Ich wünschte Genaueres zu wissen und bemühte das Internet. Danach wurden bei diesem Pflaster Würfel aus Weichholz in der Richtung ihrer Fasern in den Sand gebettet. Auf die Oberflächen mit den Jahresringen wurde dann noch einmal Sand gestreut, den die Schuhe und Hufe alsbald ins Holz eintraten. Das habe sowohl die Haltbarkeit der Würfel erhöht wie die Rutschgefahr für Mensch und Tier vermindert, heißt es. Dadurch soll das Pflaster immerhin sieben Jahre gehalten haben. Für Steinpflaster nimmt man eher 100 Jahre an, bei guten Unterbauten auch 1.000, wie etwa die römische Via Appia beweist. Warum man im Mittleren Westen der Staaten zu Holzwürfeln griff, kann ich nur mutmaßen: Holz war häufiger und leichter als Stein, deshalb auch billiger, lebte man doch bereits im Kapitalismus. Auch mit Ästhetik und Tourismus ließ sich damals noch kein Geld verdienen. Denn dieses mit Sand und Kot zugesetzte Holzpflaster kann ja weißgott keine Augenweide gewesen sein.

Bei den gepflasterten Fernstraßen des Römischen Reiches trug ein mehrschichtiger Unterbau ungefähr 25 Zentimeter dicke Steinplatten aus Lava oder Basalt. Die Straßen-dämme waren nicht selten zwei Meter hoch, was den zweifelhaften Vorteil hatte, sie auch als Stellung bei feindlichen Angriffen benutzen zu können. Selbstverständ-lich waren sie in erster Linie Heerstraßen. Entsprechend verliefen sie oft auf halber Höhe des jeweiligen Geländes. Auf der Talsohle hätte der Troß nichts gesehen, auf dem Kamm hätte man ihn gesehen. Neben hohen Meilen-steinen – auf denen sich nur zu gerne BaugeldstifterInnen namentlich verewigen ließen – waren die Straßenränder mit Aufsitzsteinen gespickt, kamen doch die Steigbügel in Europa erst um 700 n.Chr. auf. Erbauer der Straßen waren neben Häftlingen und Sklaven oft Soldaten, denn so viele Kriege, um die vielen Legionäre ständig in Atem zu halten, konnten selbst die Cäsaren nicht führen. BenutzerInnen waren gelegentlich auch nichtuniformierte Fußgänger, für die es, ihren Bandscheiben zuliebe, beiderseits des Straßendamms eingefaßte Trampelpfade gab. Die marschierenden Legionäre trampelten nicht, wie sich versteht – sie erfanden auf dem holprigem Straßenpflaster den Vorläufer des preußischen Stechschritts, wenn ich meinen Quellen trauen kann. Zweck der Übung war, nicht über die kleinen Stufen im Pflaster zu stolpern und damit schon kampfunfähig zu sein, bevor der Feind zum Angriff bläst – ob vom Kamm oder der Talsohle aus.

Bekanntlich kehrt der »Trend« in jüngerer Zeit wieder zum Pflaster zurück, auf daß die Bio-Welle einen gefälligen Unterbau gewinne. Meine Haltung dazu ist gespalten. Unter ästhetischem Blickwinkel begrüße ich den Trend, weil jeder, der Normierung und Globalisierung haßt, auch Asphalt hassen muß. Ich streiche hier nur das Spiel von Licht, Schatten und Farben hervor, durch das uns ein Kopfsteinpflaster aus Granit oder Basalt, je nach Wetter und Tageszeit, erfreuen kann, ohne auch nur ein Watt Strom zu verbrauchen. Dafür fressen die Geräte und Maschinen, die beim Asphaltieren eingesetzt werden, wenn nicht Strom dann Unmengen an Benzin und Öl, und auch die Geräte und Maschinen selber fallen nicht vom Himmel. Als Freund der Gesundheit, des Fahrradfahrens und der Greise dagegen kann ich ein solches Pflaster nur knochenbrecherisch nennen. Ist der Greis bereits ertaubt, hat er Glück, weil ihn zumindest die akustischen Nachteile eines Straßenpflasters nicht mehr zum Amokläufer werden lassen können. Das Natur-Pflaster verstärkt Geräusche von Fahrzeugen aller Art ungemein. Das räumte sogar der Schriftsteller Heinz Jäckel ein, Konräteslust. Der Pferde-narr wohnte in der DDR-gepflasterten Bahnhofstraße.

Ich höre die Mahnung, wer sich mit Pflaster befasse, dürfe dessen hohen »Gefühlswert« nicht vernachlässigen. Es wirke auf viele Menschen viel »anheimelnder« als Beton oder Asphalt. Ich nehme einmal an, die MahnerInnen schließen unter »Pflaster« nicht das inzwischen sattsam bekannte genormte, künstliche Doppel-T-Verbundpflaster aus Beton ein, auch »Knochensteine« genannt, wohl allen Hundehaltern zuliebe, die es zurecht bescheißen lassen. Hier griffe jene Anheimelung, die unser Vorstellungsbild sofort mit anderen, eben aus der Heimat vertrauten Merkmalen zu bepflastern weiß, ersichtlich ins Leere beziehungsweise Fugenlose. So aber trottet das dickbäuchige Kaltblutpferd in seiner Deichsel, hockt der Knirps in Lederhose gegrätscht über einer Pfütze, schimmert das Laternenlicht zugleich auf dem Kopfsteinpflaster und auf dem goldenen Haar unserer Tanzstundendame, die wir nach Hause begleiten durften. Ich vermute stark, wegen dieser verbundhaften Bepflasterung im Geiste ist die Faustregel je älter, desto schöner so beliebt. Sie führt uns schnurgerade in das krumme Fachwerkhaus zurück, in dem wir geboren, gewiegt und in die erwähnte Lederhose gesteckt wurden, auf daß uns nichts ankratze. Hätte ich Enkel, fänden sie in ungefähr 40 Jahren wahrscheinlich die dann längst veralteten Handys, Quads und freistehenden, lärmenden Luftwärmepumpen anheimelnd.

Auf meiner Platte Nie wieder Lieder III (2012) kommt sogar ein Pflasterer vor: in einer seitenstrasse (mp3, 961 KB)



72

… werde ich in diesem März. Ich bin »Widder«. Beim Radfahren begegnet mir öfter ein alter Mitbürger, der eher an einen atomgetriebenen Papagei erinnert, sobald er an mir vorbeischießt. Es heißt, er sei bereits über 80. Das weiße Haar unter dem Schutzhelm versteckt, die Arme wie ein Catcher am zweimal schulterbreitem Lenker seines Kampfrades gekrümmt, kann er die Wiesen und Wälder durch seine zeitgemäß windschnittige, grelle Sportkluft nur beschämen. Mein eigenes Kopfhaar ist derzeit noch braun. Dergleichen dürfte sich freilich mehr dem Zufall als dem Trainingsfleiß verdanken. Es soll an den Genen liegen. Möglicherweise ist es aber mein Verdienst, wenn ich inzwischen nicht mehr ganz so ungeduldig und aufbrausend wie mit 27 bin. Jedenfalls möchte ich klarstellen, ein Klacks sind 72 Jahre nun auch wieder nicht. Sehen wir einmal von meinen lexikalisch vorgestellten Frühverstorbenen (unter 40) völlig ab, bleiben immer noch eine Menge Zeitgenossen, die es keineswegs auf 72 gebracht haben. Mein hiesiger Zahnarzt Lutz Scheer, ein humorvoller und toleranter Hüne, erlag 2010 mit 54 Jahren der Leukämie. Schriftsteller Thomas Bernhard wurde 58. Aber der ist vielleicht zu bekannt. Nehmen wir stattdessen Kurt Held, den ich kürzlich wegen seiner Roten Zora vorgestellt habe. An seiner Stelle wäre ich schon 10 Jahre lang tot, starb er doch (1959) bereits mit 62 Jahren.

Ein dritter Künstler schaffte drei Jahre mehr. Wahrscheinlich werde ich mir zum besagtem Geburtstag wieder einmal einen bestimmten Mitschnitt aus dem Internet fischen. Er stammt von 2000. Damals waren dem schwer arbeitenden, untersetzten und vierschrötigen Mann in dem weißgetüpfeltem blauem Hemd noch rund 10 Jahre beschieden, was er natürlich nicht wußte. In einem historischem Film über Till Eulenspiegel könnte er sicherlich auch als Bierkutscher mit Bimmel überzeugen, doch in dieser mitreißenden Fassung des Mandelay Songs spielt der Niederländer Willem Breuker (gesprochen Bröker) seine Lieblingströte, das Sopransaxofon. Kaum zu glauben, daß solche Pranken wie brünftige Siebenschläfer über die Klappen flitzen. Doch das Spiel ist aus. Laut englischer Wikipedia (die sich auf die New York Times stützt) erlag der 65 Jahre alte ausgefuchste »Musikclown« am 23. Juli 2010 einem Lungenkrebs.

Zurück blieb das Willem Breuker Kollektief, eine zumeist 10köpfige Jazzband, in der Komponist und Bläser Breuker ausschließlich hochkarätige MusikerInnen um sich hatte. Gleichwohl blieb er stets den kleinen Leuten, der Straße, der Aufmüpfigkeit und der Eulenspiegelei verpflichtet, wenn ich mich nicht irre. Der Mandelay Song stammt aus Elisabeth Hauptmanns Heilsarmee- und Gangster-Komödie Happy End von 1929, zu der damals Kurt Weill und Bertolt Brecht die Musik und die Liedtexte lieferten. Sollte Breuker jetzt mit Weill, Brecht und vielleicht noch Hanns Eisler beim Doppelkopf und beim Bier sitzen, hätte er's verdient. Er schuf unermüdlich geistreiche, oft geradezu umwerfende Stücke und Arrangements, sorgte (von Amsterdam aus) für Auftritte in aller Welt, spielte mehrere Blasinstrumente und wahrscheinlich auch Mädchen für alles. Eine Biografie in Buchform scheint es leider bislang noch nicht zu geben. Aber immerhin besitze ich mehrere Platten von ihm und seiner Band.

Eins rechne ich Breuker schon ohne Details zu kennen hoch an: er unterwarf sich nie der unter Wichtigtuern, Windbeuteln und Faulpelzen beliebten Ideologie der »Avantgarde«. Halten Sie sich doch einmal diese wahren Fluten aus »Free Jazz«, vielfältig »gebrochenen« Romanen und »hermetischen« Lyrikbänden vor Ohren und Augen, die nach dem Zweitem Weltkrieg über die zivilisierten oder wilden Völker hereinbrachen! Grausam. Das war keine Kunst, sondern Folter. Aber die KünstlerInnen, KritikerInnen und Konsumentenscharen unterzogen sich ihr, als reiche ihnen der Pastor die Abendmahls-Obladen. Jetzt stülpen sie sich mit der gleichen Andacht die zwar recht clownesken, aber wohl eher ungesunden Mund-Nase-Masken über. Der Zeitgeist mag ihnen verordnen, was er will, sie fressen es.

Da Breuker & Co auch Sinn für Komik hatten, können sie auf kleine Leuchten wahrscheinlich oft beflügelnd wirken. Die Kraft und die Präzision ihrer Musik ist allerdings niederschmetternd. Gegen dieses Feuerwerk stelle ich mit meinem eigenem musikalischem Wirken ein Glühwürmchen dar, das besser daran täte, sich im nächsten Kartoffelkeller zu verstecken. Vor Jahren brachte die Junge Welt ein Interview mit der rührigen Künstlerin und Antifaschistin Sonja Sonnenfeld, die als Jugendliche im Berlin der Stummfilmzeit aufwuchs. Leider hatte das nächste Kino in der Wilmersdorfer Straße einen wenig begabten Geiger angeheuert – »einen armen Schlucker, der sich auf diese Weise ein paar Groschen verdiente.« Als sich Leinwandstar Henny Porten in einer Szene aus Verzweiflung vom Felsen in die Fluten stürzen wollte, habe im Kinosaal jemand gerufen: »Henny, nimm den Jeijer mit!«

Eine andere Frage ist, ob man sich »72 oder mehr« überhaupt wünschen sollte. Zwar hält sich meine Gebrechlich- und Trotteligkeit bislang noch in erträglichen Grenzen, aber jene »Freudlosigkeit des Alters«, die mein Brieffreund Zander einmal beiläufig beklagte, drückt mir doch ziemlich stark aufs Gemüt. Die Neugier scheint im Alter noch rasanter als das Skelett zu schrumpfen. Das Essen hat mich bereits mit 50 nicht mehr brennend interessiert. In den jüngsten bleiernen Zeiten kann man sich noch nicht einmal mit auf der Straße verschenktem Lächeln oder Augenzwinkern behelfen, weil sich ja alle Welt hinter Gesundheitsmasken oder Banditen-Dreieckstüchern verschanzt. Wenn da einer zwinkert, sieht man ihn schon seine Flinte auf einen Impfmuffel anlegen. Zu den schönsten Freuden hat es früher immer gezählt, anderen eine Freude zu machen, ob per Tat oder Ding. Hornist Ed Rosenfield überrascht seine übel zerstochene spätere Adoptivtochter Julia, damals neun, nach einem Zahnarztbesuch in Casper, Wyoming, mit einem Moskitonetz. Da knutscht sie ihm prompt die gesunde Backe. So in Lashermink. Wer seit Jahren einsiedelt, hat es in dieser Hinsicht natürlich ungleich schwerer als der normale Familien- oder Kommunemensch. Die alleinlebende Bad Wildunger Kurärztin Maria Schneider, streckenweise Schlackendörfers Flamme, galt sogar als stolz und überheblich, weil sie die übliche Geselligkeit als »Einöde« und »Zeitverschwendung« mied. Einmal von einer Bekannten zur Rede gestellt, verteidigte sie sich mit der Behauptung, sie habe sich ihr eigenbrötlerisches oder gar hochmütiges Naturell nicht ausgesucht. Es sei ein Geschenk … Das war für die Bekannte entschieden zu hoch. Sie tippte sich mitten im Kurpark an die Stirn und ließ Schneider stehen.
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