Mittwoch, 2. Februar 2022
Querfeldein

Geboren 1950 in Nordhessen, war ich später in verschiedenen Gegenden vor allem als Liedermacher, Raumausstatter und Kommunarde aktiv. 2003 landete ich in Waltershausen am Thüringer Wald, wo ich noch heute wohne. 2010 in Frührente gegangen, legte ich diesen literarischen Blog an, in dem sich nach und nach der Weizen vom Spreu trennte. Meine hier versammelten autobiografischen Skizzen sind wahrscheinlich nicht meine schwächsten Prosaarbeiten. Ich ordne sie ungefähr nach Lebenslauf, fange also mit der Kindheit an. Stellenweise verweise ich auf bereits veröffentlichte Stücke, die bei Interesse ergänzend gelesen werden können.

I n h a l t: — Haus Rübezahl + [A-26 Albernheit] + Jungschar + [A-33 Kratzende Hosen] + Katastrophe bei Karstadt + [A-54 Dörnberg] + London + Grüne Bananen + Sklavenaufsicht und Staubsaugernahkämpfe + Mackay + Unbefleckte Empfängnis + Schürzenjagd + Yorckbrücken + Klavierhimmel + Querfeldein + Camping + Maximilian Zander



Haus Rübezahl

Wanderkarten von Nordhessen kennen es genau – sogar mit Namen. Es liegt als einziges festes Gebäude auf dem rund 300 Meter hohem Wartberg, der mit einigen schroffen Basaltfelsen vor bürstigem Gehölz gen Fritzlarer Dom schaut. Ihm vorgelagert ist ein stärker bewaldeter Hügel mit dem Gruselnamen Leichenkopf, an dessen Fuß ich Bott zuliebe die »Kommune Emsmühle« angesiedelt habe. Zu ihr unterhält mein Snooker spielender Zeitungszusteller aus Gudensberg gute Beziehungen. Einmal ist er dem Kasseler Landrichter, Jäger und gutbetuchtem Reaktionär Horst Kallenbreuer auf den Fersen. Ihn quartierte ich schweren Herzens im Haus Rübezahl ein. Später, in meiner Erzählung »Schnitzeljagd mit Leichenschmaus«, durfte es, angemessener, das Domizil der Kunstmalerin Ortrun Kramm abgeben.

Das schlichte eingeschossige Haus mit überdachter Terrasse und einem Walmdach, das unterhalb jener Felsen aus hohen wildwachsenden Hecken lugt, war um 1950 von zwei bitterarmen Leuten errichtet worden, die es sich buchstäblich vom Mund abgespart hatten: Toni und Max Barta. Das Ehepaar stammte aus Mähren. Ich lernte es im Gefolge meiner Mutter als Knirps kennen. Max war ein Hüne mit kantigem Schädel. Lachte er wiehernd, galoppierten seine buschigen, blonden Augenbrauen. Trotz seiner blauen Augen und seines Mutes hatte er nichts Herrisches. Im Gegensatz zu ihrem Gatten war Toni Barta ziemlich dick. Sie hatte einen Kropf und Wasser in den Beinen. Schlurfte sie durchs Erdgeschoß ihres unfertigen Hauses – Keller und Dachgeschoß betrat sie nie – nahm sie stets die Möbel, Wände, Türklinken als Geländer. Sie atmete schwer, seufzte und wehklagte viel – aber niemals hätte sie sich mit ihrer hohen singenden Stimme über den lieben Gott beschwert.

Obwohl im Haus Rübezahl ständig Geldnot herrschte, glaube ich nicht, daß sich die Bartas jemals ernsthaft stritten. Vielleicht erhielten sie eine kleine Rente. Jeden überzähligen Groschen steckten sie in ihr bescheidenes Heim, das über Jahrzehnte hinweg einer Baustelle glich. Bis zuletzt fehlten hier Scheuerleisten, dort Kacheln; im Dachgeschoß auch die Zimmertüren. Für elektrischen Strom mußte ein Generator sorgen. Fehlte das Geld für dessen Reparatur, brannte in der Küche eine Petroleumlampe. Überall Unaufgeräumtheit und Armseligkeit. Seine Besorgungen und Aufträge erledigte Max mit Hilfe eines klapprigen Fahrrades, das er sicherlich mehrere tausend Male den Wartberg hinaufschob. Allerdings konnten die Bartas einen gewissen Teil ihrer dürftigen Einkünfte stationär erzielen, nämlich durch einen kleinen Ausschank. Max hielt Limonade, Kekse, auch Flaschenbier bereit; Toni backte Kuchen und kochte Kaffee. Es handelte sich dabei keineswegs um eine richtige Gastwirtschaft. Aus den umliegenden Dörfern kam mal ein Bekannter auf ein Bier vorbei; aus Fritzlar, Warburg, Kassel machten die eingeweihten Wandervögel bei den Bartas Rast.

Tatsächlich steht der Wartberg schon seit Jahrzehnten unter Naturschutz. Zum Beispiel hat er die winzige pinkfarbene Heidenelke, den stolzen Rotmilan und manchen Neuntöter zu bieten. Der Panoramablick über die Herzgegend des Chattengaus kommt hinzu. Die Chatten waren die ersten Hessen. Sie saßen zwischen Gudensberg und Niedenstein. Auf dem Wartberg hätten sie, wenn es nach mir gegangen wäre, die Flagge Vergeßt die Nationen! Nie wieder Krieg! gehißt. Max Barta hätte das Fahnentuch bemalen können. Geboren 1900, hatte er in Wien Maschinenbau und Gebrauchsgrafik studiert. Vor dem Zweitem Weltkrieg soll er zu den führenden mährischen Werbegrafikern gehört haben, wie Wikipedia zu entnehmen ist. Verwundet aus Breslau gerettet, hielt sich Max vor allem als Schildermaler und Schaufenstergestalter über Wasser. Als Künstler versuchte er sich auch. Er schnitzte Bergschrate aus Holz und malte schlesische Tannen oder nordhessische Dorfkirchen in Öl. An der östlichen Giebelwand seines Hauses gravierte er – wie hätte es anders sein können – einen überlebensgroßen Rübezahl in den weißen Verputz. Mit dickem Knotenstock und wehendem rotem Bart stapft der Sagenumwobene zu Tale. Hat er den Fritzlarer Dom angepeilt – oder wird er bereits bei den Anarchisten in der Emsmühle einkehren?

Bei aller unkonventionellen Lebensweise waren die Bartas doch sehr fromm. Von daher erklärt sich auch ihr letzter betrüblicher Schritt, ihre Bleibe, bevor sie (1989/90) starben, nicht meiner Mutter, vielmehr der Katholischen Kirche zu vermachen. Meine Mutter Hannelore hatte davon geträumt, Haus Rübezahl in ein kleines Wohnheim für Geistig Behinderte zu verwandeln. Den Bartas war sie über Jahrzehnte eine Art Tochter gewesen, die half, wo sie konnte, aber auch umgekehrt manchen Trost empfing. Auf ihr Betreiben hatte Max Barta natürlich auch das riesige Schild gemalt, das unser Geschäft am Gudensberger Untermarkt unübersehbar machte. Rot auf Gelb, vielleicht auch umgekehrt, zog sich da Rudolf Reitmeier / Rundfunk & Fernsehen über die Ladenfront. Jedenfalls hat es sich im Lauf meiner Kindheit in ein rotes Tuch verwandelt.

Meine Mutter trennte sich von ihrem Mann, als ich acht oder neun war. Sie kam, mit ihren beiden Söhnen, bei ihren Eltern in Kassel-Bettenhausen unter. Gelegentliche Besuche der Söhne beim Vater erübrigten sich bald, war es doch offensichtlich, daß er sich nicht gerade brennend für sie interessierte.



Albernheit



Jungschar

Ihr Chef war Konrad F., ein dunkelhaariger, stets tadellos rasierter Mann um 30. In der Regel leitete er auch die beliebten Sommerlager. Gab er zum Ausklang des Heimabends die nächsten Abenteuer heldenhafter Kinder zum Besten, blickte er selten ins Buch. Er erzählte stets im Stehen. Sein hoher Wuchs wurde nur ein wenig durch seine X-Beine gemildert. Die 30 oder 40 abgekämpften Knaben, die ringsum an den Wänden auf Stühlen oder Tischen saßen, hingen an den wulstigen Lippen ihres Idols. Ob sie ihn nun als »Maschinengewehr Gottes« oder nur als Ersatzvater nahmen – die Stellung eines CVJM-Jugend-sekretärs ließ an Machtfülle nichts zu wünschen übrig. So einer konnte alles. Er konnte alle Mundorgel-Lieder auf der Klampfe schrubben, einem in seinem VW-Käfer die Beichte abnehmen, gar Nachlaß auf die Teilnahmegebüh-ren des nächsten Sommerlagers gewähren. Beim Volleyball konnte er sich wohlweislich von einem sportlichem Praktikanten vertreten lassen.

Vor allem konnte er beim Erzählen die Stimme ganz allmählich bis zum Flüstern absenken. Jeder wußte, gleich kommt's, aber niemand wollte es wahrhaben. Es war zu schön, wenn einem F.s jäh auftrumpfende Stimme das Herz in die Pantoffeln stürzen ließ. Unterwerfung war schön. Häuptling F. teilte Gruppen und Dienste ein, erkor sich Gruppenleiter und Ratgeber aus der Knabenschar. Alles wurde benotet. Wie schneidig wirkt das Spalier der angetretenen Gruppe, sind die Betten perfekt gebaut, die Zelteingänge umzäunt, sitzen die Halstuchknoten, welcher Rang wird bei Völkerballschlachten oder Geländespielen erreicht. Da Skalpieren erst bei der Bundeswehr drankam, zählten wir nur die erbeuteten »Lebensfädchen«: unterschiedlich gefärbte Wollfäden, die dem Feind vom Handgelenk zu reißen waren.

Man ist verlockt, Institutionen wie Jungschar, Pfadfinder, Junge Pioniere, Sport- und Kaninchenzuchtvereine als Brutstätten kriegerischer Konkurrenz zu verdammen, träfe damit aber den Kern des Übels nicht. Er sitzt in der Erfindung »Mensch«. Kein Mensch kann Selbstsicherheit entwickeln, wenn ihm in seiner Jugend keine Möglich-keiten zum Ausloten seiner Kräfte, keine Bewährungs-chancen, kurz keine Grenzen geboten werden. Diese will er dann jedoch durchbrechen. In diesem reibungsvollem Widerspruch eine Balance zu finden, die kein verstörender Eiertanz wäre, hat schon Scharen von »alternativen« Pädagogen überfordert. Alle Ersatzangebote für Machtkämpfe langweilen und verdrängen nur. Sie schieben das Problem auf, bis der Erzieher für den 18jährigen, von Alkohol und Musik bedröhnten Autofahrer nicht mehr zuständig ist. Der Soziologe, SDS-Häuptling und Dörnberg-Referent Dieter Bott aus Homberg an der Efze wird dies vielleicht abstreiten; er spezialisierte sich (in Frankfurt/Main) auf Coaching im Fußballfan-Bereich. Später wirkte er in Düsseldorf. Aber der Mensch will keine Kugel aus Luft und Leder beherrschen; er will seinen Alten, seinen Widersacher, seinen Nebenbuhler zermalmen.

F. war insofern alternativ, als er instinktiv zur Peitsche Zuckerbrot gab. Im begehrtesten Fall nahm dieses die Form von halben Hähnchen nebst Pommes Frites und Salat an, die seine jungen Mitarbeiter nach der offiziellen Nachtruhe im Dorfkrug verspeisen durften. F. und das Team der Jungenschaft würzten das Spätabendmahl mit Anekdoten und anzüglichen Witzen. Um das Niveau von VW-Betriebsrats-Fernreisen zu erreichen, gebrach es Jungschar und Jungenschaft bloß an Mädchen. Für mich erhoben sie sich jedoch alsbald wie Gazellen aus Kassels roten Aschenbahnen, denen ich wie ein Besessener meine nagelneuen Puma-Spikes gab. Ich geriet zwischen 15 und 17 in die Mühlen eines Karriere-Konfliktes. Sollte ich CVJM-Jugendsekretär oder Olympiasieger im Zehnkampf werden? Zeit- und Geldmangel ließen nicht zu, auf beides zu trainieren. Nebenbei war ich ja auch noch Schüler.

Von daher löste sich der Konflikt: die antiautoritäre Revolte erfaßte mich. Mit 17 sagte ich mich sogar vom Elternhaus los. Wir hielten uns mit Gelegenheitsarbeiten, notfalls auch Diebstählen über Wasser und rüttelten die Welt mit Gedichten und Flugblättern auf. Eine Zeitlang fand ich mit anderen Streunern Unterschlupf in der Wohnung eines verdienstvollen schnauzbärtigen Sozialarbeiters mit dem Vornamen Heinz. Er hatte fast so viele Cream- und Doors-Platten wie Büttenbender vom Dörnberg, der ihn öfter als Honorarkraft beschäftigte. Dann trieb ich eine sturmfreie, billige Dachkammer auf, die spätere Biografen wegweisend nennen werden. Sie lag unterhalb des Weinbergs (Villa Henschel) im Philosophenweg.



Kratzende Hosen



Katastrophe bei Karstadt

Mit 16 brannte ich zum ersten Mal durch. Richard und ich lebten ohnehin schon mehr bei Oma & Opa Lohmann, die auf dem Trümmergrundstück ihrer ehemaligen Speisegaststätte im Kasseler Königstor unverdrossen Bier zapften und Klappstullen schmierten. Wir hatten nur eine Spiegelreflexkamera und eine Wanderklampfe zu verlieren – wir nahmen sie mit.

Richard war der Anstifter gewesen. Er verfolgte hochfliegende künstlerische Pläne, denen er über den Hamburger Hafen näher zu kommen gedachte. Immerhin hatte er im Cafe Rosenhang schon Fotos ausgestellt. Von mir waren ein paar hochkarätige Gedichte in der Schülerpresse erschienen; möglicherweise erhoffte ich mir an der Küste Aufwind für einen ganzen Satz Bornholmer Elegien oder dergleichen. Warum wir uns ausgerechnet im November an die Auffahrt Kassel-Ost stellen mußten, bleibt mir allerdings schleierhaft. Wir drangen an diesem Tag nur bis zu einer Raststätte in der Lüneburger Heide vor, wo wir im Dunkeln zu einem halboffenem Viehschuppen stolperten, der uns etwas Windschutz bot. Wir rollten unsere unprofessionellen Schlafsäcke auf verkrustetem Stroh aus und klapperten mit den Zähnen. Morgens schien immerhin die Sonne; auf der Wiese blinkte der Rauhreif und brachte unsere Träume wieder auf Trab. Dieses stundenlange Frösteln am Rande einer Lungenentzündung war immer noch zehnmal besser gewesen als um acht in der Schule erscheinen zu müssen. Wir hüpften und boxten uns warm und rannten zur Raststätte.

Kaum in Hamburg eingetroffen, hatten wir schon wieder mächtigen Hunger. Nur hatten wir leider unser letztes Geld in der Raststätte gelassen. So suchten wir nicht zuerst den Hafen auf, sondern die Lebensmittelabteilung von Karstadt, um uns diverse Päckchen mit Schwarzbrot, Käse und Schinken unter die Mäntel zu schieben. Zwar hatte mir Richard gründlich auseinandergesetzt, wie die Ware im Hosenbund oder unter der Achsel einzuklemmen sei. Er war nicht älter als ich, aber mit allen Wassern gewaschen. Dann freilich gab mir unversehens ein fremder Herr die Hand, worauf demselben das Pumpernickel aus meiner Achselhöhle genau vor die Füße fiel. Er grinste und nahm uns mit. Leider war er nicht der ersehnte steinreiche Onkel aus Amerika, sondern der karstädtische Hausdetektiv. Er hatte noch einen Kollegen. In einem winzigen Büro füllten sie Formulare aus und bewachten die Tür, bis eine Polizeistreife eintraf. Mir wurde immer mulmiger zumute. Während mit meiner gottes- und gesetzesfürchtigen Erziehung leider auch mein Harnvorrat durchbrach, blieb Richard unerklärlicherweise frech und guter Laune. Unser Diebstahl allein hätte uns nicht ins Unglück gerissen. Er ging später von Seiten der Justiz als Mundraub durch und brachte uns an jenem Novembertag lediglich ein lebenslängliches Hausverbot bei Karstadt ein. Daran habe ich mich immer gern gehalten.

Nein – unser eigentliches Vergehen war unser Ausreißen. Der pfiffige Richard hatte allerdings für seinen Teil wieder einmal vorgesorgt. Er hatte eine Tante in Hamburg, die ihn von der Polizeistation abholen durfte. Nach einer knappen Stunde war Richard erlöst. Ich dagegen, bar aller Verbindungen, wurde bis auf weiteres »in polizeiliches Gewahrsam genommen«. Als ich das vernahm, wurden auch meine Darmvorräte angegriffen. Vor dem Eingesperrtsein besaß ich schon immer eine höllische Angst, obwohl ich in dieser Hinsicht keine nennenswerte traumatische Erfahrung vorzuweisen hatte – es sei denn, meine Zeit als Fötus gilt als nennenswert. Sie steckten mich in ein sogenanntes Jugendauffanglager, wo die Schlafzimmerfenster vergittert und die angeschraubten Doppelstockbetten aus Stahl waren, damit sie nicht so leicht angezündet werden konnten. Die Umgangsformen meiner Mithäftlinge – wohl immer sechs auf einem Zimmer – versetzten mir einen nachhaltigen Schock. Zoten und Flüche, Prügel und Prahlereien ohne Ende! Einfältig, wie ich war, hatten sie mir ein unteres Bett zugewiesen, damit sie nachts von der Seite und von schräg oben umso besser hineinpinkeln konnten. Ich zitterte vor Angst und Beschämung und flehte anderntags durchs Telefon des »Heimleiters« meine Mutter an, sie möge mich bitte sofort aus dieser Hölle befreien. Schließlich hatte sie mich auch hineingestoßen.

Sie alarmierte ihren Bruder, der ein Auto besaß und als Pfarrer notfalls auch werktags abkömmlich war. Tatsächlich holte er mich noch am Nachmittag ab. Was ich an Strafpredigt, stummer Mißbilligung, erneuter Beschä-mung abbekam, will mir trotz langen Kopfzerbrechens nicht mehr einfallen. Vermutlich »verdrängte« ich das, wie wir bald darauf, im USSB Kassel (Unabhängiger Sozialistischer Schülerbund), bei Sigmund Freud, Wilhelm Reich und Reimut Reiche lasen. Das Kapitalverhältnis schien doch eine ziemlich verästelte Angelegenheit zu sein.



Dörnberg



London

Mein einziger Besuch auf der britischen Insel fand in einem Winter der frühen 70er Jahre statt. Damals streikten dort ein paar tausend Bergarbeiter. Da ich mit der Tochter eines echten Ruhrpottkumpels zusammen-lebte, lag es nahe, mich zu schicken. Außerdem war ich nicht irgendwer. Ich kam als hoher Gesandter der KPD/ML (Rote Fahne), an die sich heute vermutlich noch nicht einmal der Verfassungsschutz erinnern kann. Ich sollte den streikenden miners eine Grußadresse des westdeutschen Proletariats überbringen und unmittelbare Eindrücke von ihrem großartigem Kampf sammeln, die dann meine Genossen Gerd G. und Richard C. für die Parteipresse aufbereiten würden. Sie waren die Polit- und Agitprop-Leiter des Vereins, während ich, wie schon im LdF-Anhang (19) erwähnt, das Amt des Org-Leiters bekleidete.

Auf der besagten Reise begleitete mich eine Bonner Studentin, die ich einmal Irene nennen will. Sie reiste als Dolmetscherin mit, da ich nur mangelhaft Englisch sprach. Irene baute damals das Archiv unseres »Zentralbüros« auf. Damit stand sie natürlich weit unter mir. Ob ich ihr aber deshalb in einem fort mit mürrischer Rechthaberei zusetzte? Einer, der sich im Einklang mit seiner hohen Position befunden hätte, hätte das wohl kaum nötig gehabt. Vielleicht spürte ich bereits meine Überforderung, die ich mir erst Monate später eingestand. Meister im Phrasendreschen und Bleistiftanspitzen zu sein, prädestiniert einen Jüngling noch nicht unbedingt zum Org-Leiter. Vielleicht setzte mir Irene durch ihre doppelte Eigenschaft zu, Intelektuelle und Frau zu sein. Dabei war sie nur ehrenamtlich im ZB tätig! Mehr als drei Berufs-revolutionäre konnte sich unsere Partei nicht leisten.

Man glaube aber nicht, wir hätten auf Kosten des Fußvolks – das ja ohnehin nur schütter vorhanden war – in Saus und Braus gelebt wie später die meisten rotgrünen Galionsfiguren. Die Askese durchzieht mein Leben. In einem heruntergekommenem Geschäftshaus, das unweit des Bochumer Hauptbahnhofs in der Bongardstraße lag, hatten wir eine düstere Zimmerflucht im 1. Stock angemietet. Unser Mobiliar stammte vom Sperrmüll. Das einzige, was in diesen schäbigen Zimmern und dem tunnelartigem Flur leuchtete, waren die Stalin- und Maoplakate. An so etwas wie feste Gehälter oder auch nur Taschengelder war im ZB nicht zu denken. Herrschte in der Parteikasse absolute Ebbe, pflegte ich meine Mittags-pause einzuleiten, indem ich mir zwei oder drei Exemplare der jüngsten Ausgabe unseres Theoretischen Organs Bolschewik unter den Arm klemmte. Hatte ich auf der Bongard- oder Kortumstraße glücklich eins davon an den Mann oder an eine barmherzige Rentnerin gebracht, war ich um stolze vier Mark reicher. Die setzte ich in der Im-bißstube am Nordring in Bratwurst und Kartoffelsalat um.

In London wurden wir von Genossen unserer »Bruder-partei« verköstigt und beherbergt. Sie begleiteten mich und Irene auch beim Ausflug in den Raum Birming-ham/Manchester, wo die miners ihre picketing-lines (Streikpostenketten) aufgezogen hatten. Natürlich handelte es sich um einen Kampf für mehr Möpse und sichere Arbeitsplätze – wenn schon Ausbeutung, dann bitte mit Garantie. Von Umsturz wollten die Jungs nichts wissen. Das focht freilich die Bruderpartei und den Genossen Vorsitzenden Reg Birch nicht an. Sie lasen das Umsturzbegehren der Massen kurzerhand aus den Kaffeetassen der fröstelnden Streikposten.

Wie sich versteht, nutzte ich meine Anwesenheit in London dazu, ein »herzliches« Gespräch mit dem Genossen Vorsitzenden zu führen. Irene übersetzte. Aber was? Daran kann ich mich so wenig erinnern wie an die Erscheinung und das Auftreten Reg Birchs, der damals zwischen 50 und 60 gewesen sein dürfte. Noch nicht einmal das Zimmer, in dem wir die üblichen Phrasen austauschten, bekomme ich in meinen Blick. Vielleicht ist das kein Wunder, denn wie mir erheblich später dämmerte, geht es unter Fanatikern nie um das Anwesende. Ob Birch noch lebt? Ob er möglicherweise darüber staunt, daß sich am 15. Februar 2003 rund anderthalb Millionen Menschen in London gegen den Krieg versammelten, ohne so etwas wie eine Parteilinie vorweisen zu können? Blairs blood – not oil!

Im Gegensatz zum Ort des herzlichen Meinungsaus-tausches zwischen den Genossen Reg Birch und Henner Stahl – so mein zärtlicher Deckname – steht mir das winzige Hinterhofzimmer, in dem Irene und ich nächtigen durften oder mußten, noch sehr genau vor Augen. Das einzige Fenster war quergeteilt. Um es zu öffnen, mußte man die obere Hälfte über die untere schieben. Es war ewig nicht geputzt worden. Das einzige Bett – immerhin 1,40 breit – war von gestapelten Kartons umzingelt, die Unmengen von Zeitungen, Flugblättern, Broschüren dergleichen enthielten. Von der Zimmerdecke baumelte eine 40-Watt-Glühbirne. Mühsam entkleidet, rollten wir uns jeweils in eine muffige Wolldecke ein und kehrten einander die Rücken zu. Von all den Strapazen unserer grotesken Mission erschöpft, fielen wir auch alsbald in Schlaf.

Doch man hat es womöglich schon geahnt: mitten in der Nacht erwachten wir – gleichsam wie auf ein Kommando. Vermutlich war das Kommando aus unseren zuckenden Fortpflanzungsmuskeln gekommen. Wir fielen übereinander her. Es war ein durchaus eindrucksvolles Erlebnis – zumal wir am nächsten Morgen und auch später noch so taten, als habe es nie stattgefunden. Man kennt ja Leute, die verfahren mit ihrer gesamten linksradikalen Vergangenheit so.



Grüne Bananen

Über meine Ehefrau C. nachdenkend, kann ich mir auf meine Unbestechlichkeit nicht mehr so viel einbilden wie vorher. Und das mir Maoist! Ich hatte C. um 1970 in Westberlin kennengelernt, wo sie eine Fachschule besuchte. Wie sich herausstellte, war sie just in Bochum in proletarischem Elternhause aufgewachsen. Dort wirkte ich neuerdings im »Zentralbüro« der maoistischen Sekte mit. Diesen Zufall hielten wir selbstverständlich für Fügung. Doch wie nun über Todesstreifen hinweg Stelldicheins organisieren?

Günstigerweise gehörte C. unserem jungem Westberliner »Landesverband« an, der bitter meiner Unterstützung oder Überwachung bedurfte. Immerhin war ich der nationale Org-Leiter des Vereins. So nutzte ich die von der antikommunistischen Regierung Brandt subventionierte Fluglinie Düsseldorf/Berlin-Tempelhof aus und fiel C. fast alle zwei Wochen von der Gangway aus in die Arme. Die Tickets zahlte »die Partei«. Ohne meine libidinösen Inspektionsbegehren wäre ich sicherlich nur halb so oft geflogen – wie sich nach einigen Monaten zeigte, nachdem meine Geliebte ins Ruhrgebiet umgezogen war.

Vielleicht empfinden Sie es als zu hart, wenn ich Brandt einen »Antikommunisten« nenne. Er wird ja noch heute ähnlich wie Kennedy als Engelsgestalt gehandelt; diese kriegt nie Berufsverbot. Sagen wir also, er war proamerikanisch eingestellt, wie schon seine Vorgänger Erhard und Kiesinger. Auf seiner ersten Pressekonferenz als Kanzler am 28. November 1969 vom Korrespondenten der New York Times gefragt, ob er sich zum Massaker in My Lai/Vietnam – das gerade bekannt geworden war – äußern wolle, antwortete er: »Nein.« Aufmerksame LeserInnen von Tim Weiners CIA-Geschichte (2007) wird diese »Solidarität« (Gerhard Schröder) mit den Hütern des Weltfriedens freilich nicht verblüffen. Auf Seite 400 der deutschen Ausgabe (2008) behauptet Kenner Weiner, zu den vielen europäischen Empfängern von CIA-Knete hätte damals auch Brandt gezählt. Der Löwenanteil von mindestens 65 Millionen Kalter-Kriegs-Dollars ging nach Italien, wo sich die »freien« Wahlen überschlugen.

Das soll nicht heißen, schon Brandt sei aus selbstloser Bündnistreue Gast diverser gutgeschmierter Zipfelkon-ferenzen gewesen, wie später die Mannen um Schröders Gewerkschaftsbosse auf ihren vielen Betriebsausflügen. Kürzlich las ich von einem taz-Ei aus ca. 1988. Das Trio Höge-Vogel-Droste hatte zum Internationalen Frauentag eine um ein Bild von Monke gerankte bunte Seite entworfen. Sie zeigte vor allem »eine große Möse«, in der eine Chiquita-Banane steckte. Etliche taz-lerinnen liefen Sturm und brachten es auf drei Tage Streik. Und der Geschichte Doppelmoral? Klaus Theuerkauf: »Zur gleichen Zeit wurde eine Kurzgeschichte unsrer Freundin Anette Berr, in der sie mit einer Gurke masturbiert, als Frauenkunst gefeiert.« Vielleicht war die Gurke schon ein biodynamisches Erzeugnis gewesen …

Eine ähnlich hübsche Geschichte trug sich rund 15 Jahre später in einer anarchistischen Kommune zu. Bei ihr bewarb sich ein Mann, dem woanders Kindesmißbrauch vorgeworfen worden war. Er schilderte die Angelegenheit und betonte, er habe ein reines Gewissen. Die Kommune fand in der Tat, es sei nichts daran, und nahm ihn auf. Sie vertraute ihm. Nach Jahren gedeihlichen Zusammenlebens (mit Kindern) bewarb sich eine Frau. Während ihrer Probezeit grub sie – ob aus Gerüchten oder den Akten – jenen Vorwurf des Kindesmißbrauchs aus. Sie war schockiert und erklärte, mit diesem Mann könne sie nicht unter einem Dach leben. Sie sei nämlich in ihrer Kindheit selber von ihrem Vater mißbraucht worden. Da der Genosse seine Unbescholtenheit nicht nachweisen könne, fehle die Vertrauensbasis. Der Genosse erschrak – und erlaubte sich nach einigen vergeblichen Schlichtungsver-suchen Dritter die Frage, ob die Genossin ihrerseits jenen Mißbrauch durch ihren Vater beweisen könne. Sie war empört! Etliche andere Frauen aus der Kommune waren ebenfalls empört. Wie er dazu käme, dem Opfer eines schändlichen Mißbrauchs nicht zu glauben!

Man könnte einwenden, Doppelmoral sei nur menschlich, weil sie bereits in der paarweisen Anlage unserer Füße, Lungenflügel, Ohrläppchen, Gehirnhälften und so weiter vorgezeichnet sei. Das ist richtig. Für Erich Kästner verknüpfte sie sich 1945 im Zillertal sogar unmittelbar mit den Händen. Wie er beobachtete, vermieden die eingerückten US-Besatzungssoldaten konsequent »shakehands« mit dem einheimischem Braunvolk, selbst wenn sie selber Schwarze waren. Dagegen hatten sie keine Bedenken, mit dem einen oder anderen blonden tiroler Mädel ins Heu zu gehen.



Sklavenaufsicht und Staubsaugernahkämpfe

In Westberlin waren Sklavenhändler lange vor Gerhard Schröders Sozialreformen bekannt. Ich war 1975 in die Frontstadt gegangen, weil ich dort ohnehin schon eingebürgert gewesen war, hatten mir doch drei Instanzen der Kriegsdienstverweigerung meine Gewissensgründe nicht abgenommen. Verfügte man damals über einen in Westberlin ausgestellten Behelfsmäßigen Personalaus-weis, mußte man nicht »zum Bund«. Auslöser meines tatsächlichen Umzugs war die Auflösung meiner Ehe gewesen. Ich war der mobilere Ex-Gatte, weil ich keine feste Arbeitsstelle hatte.

Aufgrund dieses Ortswechsels hatte ich allerdings kaum noch Freunde. Einen Gipfel meines Verlassenheitstraumas erlebte ich in der riesigen Halle der Reinickendorfer Hammerschmiede Hugo Kummers. Sie war nahezu leer. Hugo, ein rosiger Koloß mit Spinnenbeinen und Orang-Utan-Armen, schmiß das Büro, während sein Bruder Hans, ein Schweißer, hin und wieder auftauchte, um mir das kalte Biegen von Profileisen zu zeigen oder an seinem Porsche einen neuen Heckspoiler anzubringen. Mein einziger Kollege war ein Jungarbeiter, der seine kurzangebundene Berliner Schnauze zum Frühstück mit Matjes-Filets und Springers B.Z. fütterte.

Nach Kummer schlug ich mich nur noch tagelöhnernd bei den allen Scherben-Fans wohlbekannten Sklavenhändlern durch. Ich arbeitete lediglich, um mir Schmalz für meine Stullen und ein Tenorbanjo für meine neue Wirkungsstätte im Straßentheater Kreuzberger Asphaltoper kaufen zu können. Den Vogel schoß ein Verleiher ab, der gleich in dem Hochhaus am Zoo-Eingang residierte. Angeblich hatte er mich fürs eigene Büro als Bote angeheuert. Dann stellte sich heraus, daß ich vormittags in alle Bezirke zu düsen und an Wohnungstüren zu klingeln hatte, um einmal nachzusehen, warum Kollege A. oder Z. mal wieder nicht auf seiner Leiharbeitsstelle erschienen sei. Diesen eigentlich schmeichelhaften Posten als Sklaventreiber gab ich rasch wieder auf.

Später war ich für einige Sommerwochen sogar Zulieferer eines weltweit operierenden Konzerns. Ich hatte Kunststoffgehäuse für Staubsauger von Marienfelde quer durch Westberlin zu Siemens in Spandau zu befördern. Um möglichst viele Gitterpaletten auf die Ladefläche zu bekommen, hatte mein findiger Chef eine ächzende alte Mercedes-Bulldogge, die einmal für 25 Tonnen zugelassen worden war, auf 7,5 Tonnen herunterfrisiert, sodaß sie preisgünstig von jedem hergelaufenem Führerschein-III-Inhaber geritten werden konnte. Sie dröhnte und vibrierte wie ein vietnamerprobter US-Kampfhubschrauber, doch schon um Mittag donnerte ich durch die verstopfte Stadt, als säße ich 1957 im Lloyd-Kombi meines Vaters Rudi. Machte ich für ein Päuschen bei einem Stehcafe Station, war ich allemal feurig und verblendet genug, meinen vier oder fünf Flammen der Saison frivole Postkarten zu schreiben. Nur beim Einwerfen achtete ich kleinlich darauf, die beiden Schlitze Stadtgebiet und Auswärts nicht zu verwechseln. So kamen meine Auswärts-Frauen nie dahinter, was in der Stadt gespielt wurde – oder umgekehrt.

Am dritten Tag setzte ich meinen Laster in der Parklücke zurück – und hörte Schreie. Das Ungetüm umrundet, sah ich unter seinem Heck ein Fahrrad und ein ungefähr 10jähriges Schulmädchen liegen. Geschrien hatten Passanten, die mich bereits beschimpften, während ich dem Mädchen half sich wieder aufzurappeln. Es hatte sich »nur« erschrocken. Doch ein halber Meter mehr, und es wäre zum Beispiel im Rollstuhl gelandet und für alle ihm winkenden »Staubsaugernahkämpfe«, wie Kreuder einmal höhnte, verloren gewesen. Ich könnte im Augenblick nicht sagen, ob ich mich in diesem Fall umgebracht hätte. Ich bin ja noch nicht einmal sicher, ob ich es als Greis schaffen würde.



Mackay

Verstreute Bemerkungen machten mich auf John Henry Mackays Buch Die Anarchisten von 1891 neugierig. Welches böse Erwachen, als ich an Weihnachten die ersten Seiten las! Dieses furchtbar geschriebene Buch gibt sich als Roman, wird aber von seinem Autor als Kulturgemälde bezeichnet. In Wahrheit geht ihm alles Bildhafte ab. Es ist ein drittklassiger Meinungsmarkt. In endlosen Gesprächen oder Vorträgen seiner angeblichen Protagonisten versucht Mackay, den von ihm bevorzugten »individualistischen« vom »kommunistischen« Anarchismus abzugrenzen. Die Weitschweifigkeit dieser Unternehmung fördert er nach Kräften durch viel zu lange und verschachtelte Sätze. Dramaturgische Fertigkeiten wurden dem Gymnasiasten, Verlagsbuchhändler, Philosophiestudenten Mackay noch nicht einmal ansatzweise mitgegeben. So bringt er die Biografien seiner beiden Hauptfiguren Auban und Trupp, statt sie zu streuen, auf der Hälfte des Werkes in zwei Blöcken, die wie ein typisch deutscher Dezember auf unser Gemüt drücken. Anflüge von Komik sind seltener als Hornissen in der Antarktis. Bei einer Demonstration durch London, bei der die Erwerbslosen mehr gegähnt als geschrien haben dürften, schwingt sich Mackay zu einem kleinem, krampfhaftem Scherz auf: durch einen Faustschlag von hinten her wird einem stutzerhaftem Schmäher der Zylinder über Augen und Ohren getrieben. Das Gefühlsleben seiner Helden beläuft sich auf sozialpolitische Leidenschaften. Die Liebe kommt bestenfalls als Fußnote vor. So wird eine kurzzeitige Ehe Aubans mit einer Frau erwähnt, die ihm wegstarb. Laut Auskunft der Lexika soll Mackay allerdings pädophile Neigungen besessen und darüber später auch noch kämpferisch geschrieben haben. Sein Vater starb bereits ein Jahr nach Mackays Geburt. Man darf vermuten, der Sohn war recht gebeutelt. In den Gemütszustand der Verlage, die sich durch einen Nachdruck von Mackays Werk empfahlen, versetze ich mich lieber nicht. Es waren schon mehrere, zuletzt der Forum Verlag Leipzig.

Wir erleben Mackays Helden im Alter zwischen 20 und 30. Wie kann er da die Liebe aussparen? In dieser Lebensphase stellte für mich ein jeder Tag ohne Geliebte einen verlorenen Tag dar. Hätte ich es nicht gerade hingeschrieben, würde ich es selber nicht glauben. Wie kann man so fanatisch um das andere Geschlecht kreisen (falls man nicht schwul ist)? Jetzt [wohl 2011] sitze ich schon seit über 10 Jahren auf dem Trockenen und habe mich immer noch nicht umgebracht. Noch einmal 10 Jahre, und meine Haut ist trockener als das Papier, auf dem meine Bücher gedruckt werden. In der sinnlichen Berührung liege ein Trost, bemerkt F. G. Jünger in seinem nachgelassenem Roman Heinrich March fast erschöpfend. Die besten Bücher und Sätze können ihn nicht bieten. Vor rund fünf Jahren mußte ich aus diskursiven Gründen auf eine bestimmte Frau verzichten, die mich sehr anzog: eine begnadete Sängerin, aber leider auch eine überzeugte Anthroposophin. Kürzlich durfte ich mich noch einmal geschmeichelt fühlen, als ich spürte, daß eine neue Kommunardin aus der Puppenfabrik ein Auge auf mich geworfen hatte. Über das Wesen dieser Frau Mitte 30 könnte ich mich nur rühmend äußern – nur bringt sie mich leider nicht in Wallung. Als ich mir das eingestand, war ich zerknirscht und beschimpfte mich und verfluchte den uralten Dualismus Leib/Seele.

Was muß das in einem Menschen anrichten, wenn er schon über 10 Jahre lang keinen körperlichen Kontakt mehr zu seinen Mitmenschen hat, Kinder eingeschlossen? Muß er nicht verhärten? Gut – man hat das Kissen, das auch mein Bekannter Roland bei seinem Herzanfall knüllte; man fährt mit der Hand über ein gehobeltes Kiefernbrett; schreitet tüchtig aus; formt mit Zwerchfell und Lippen den Querflötenton; trinkt Sonne oder Schnee mit manchen Poren … Ergo lebt man keineswegs rein geistig. Aber die entscheidende Strahlung fehlt. Sollte es die altmodische Herzenswärme sein? Die Nacktscanner, die sie jetzt an den Flughäfen aufstellen wollen, werden es uns nicht verraten. Stückpreis 150.000 Dollar. Nichts ist zu teuer, wenn es den Prozeß unserer Entwürdigung und Entrechtung sicherer zu machen gilt. Die Herzenswärme findet sich dann auf Seiten der HerstellerInnen wieder. Die ansteigende rote Kurve ihrer Gewinnerwartung durchblutet ihr Herz gut wie nie.

Allein die Tatsache, daß man als heterosexueller Mann gemeinhin nicht von anderen Männern angezogen wird, ist ein Grund, die Welt als verfehlte Einrichtung abzulehnen. Was dadurch an potentiellen Strahlungsquellen wegfällt! Mit der Vernunft ist es gar nicht zu begreifen, einen Mann, mit dem ich mich gut verstehe, nicht auch umarmen zu wollen. Aber man will nicht. Es wäre mir inzwischen sogar fast zuwider. Das war in meiner Kommunezeit anders – doch diese zärtlichen Gesten blieben stets oberflächlich und unverbindlich. Entsprechend verkamen sie bald zum Automatismus. Noch anders war es einmal in Westberlin um 1980 gewesen. In einem Kreuzberger Hallenbad, wo ich regelmäßig zu duschen pflegte, erwärmte sich ein nackter, wohlgestalteter Mann für mich, der offensichtlich nicht auf den Kopf gefallen war. G. hielt sich als Übersetzer von englischen Krimis über Wasser. Ich ging mit ihm nach Hause. Ich hatte keine Schwierigkeiten, seinen sinnlichen Mund zu küssen und mich an seinen kräftigen Brustkorb zu schmiegen. Doch meine Leidenschaft entfachen zu lassen, blieb mir verwehrt. Ich tat zunächst als ob, denn »schwule Sachen machen« gehörte damals in unseren Spontikreisen zum gutem Ton. Dann ließen wir unsere Beziehung binnen weniger Wochen einschlafen. Vorwürfe wurden nicht ausgeteilt.



Ein neuerlicher Fall Unbefleckter Empfängnis

So die Überschrift eines taz-Artikels vom 8. September 1980, den ich getrost zusammenfassen kann, weil er mir ohnehin viel zu lang geraten war. Eine liebenswerte Bergmannstochter hatte sich zu spät von mir scheiden lassen. Allerdings nur knapp; es ging lediglich um 48 Stunden. Wegen eines unerwarteten vorzeitigen Fruchtblasensprungs fiel die unschuldige winzige Sara, die C. mit ihrem neuem Lebensgefährten M. gemacht hatte, mit jenen 48 Stunden in einen Zeitraum von 302 Tagen, den das BGB hinter sämtliche rechtskräftige Scheidungs-urteile geschaltet hat, um gescheiterte Ehemänner für möglichen verspäteten Nachwuchs haftbar machen zu können. Sara war, im November 1979, schon nach 300 Tagen ausgeschlüpft. Somit hatte ich Taugenichts, der sich nur mühsam am Hals seiner Gitarre über Wasser halten konnte, unversehens eine Tochter namens Sara mit allen üblichen Rechten und Pflichten.

Verständlicherweise lehnte ich alles ab. Und da C. und M. auf meiner Seite standen, sah ich der Ausfechtung dieses Falles zunächst recht gelassen entgegen. Sie hatten eidesstattlich erklärt, Sara gemeinsam am Ufer der Ruhr gezeugt zu haben; C.s Ehemaliger H., seit Jahren wohnhaft in Westberlin, sei nicht zugegen gewesen. Außerdem meinte ich noch ein unschlagbares As in Form zweier Bescheinigungen im Ärmel zu haben, die mir im Herbst 1977 – zwei Jahre vor Saras Geburt – von einem niederländischem und einem Kreuzberger Arzt ausgestellt worden waren. Danach war ich in Amsterdam fachkundig »sterilisiert« und nachgewiesenermaßen zeugungsunfähig gemacht worden. Der Nachweis, den ich mir in einer Toilette jenes Kreuzberger Arztes abzuringen hatte, brachte mir übrigens als Nebenprodukt ein flottes Liedchen ein. In meiner Einfalt hatte ich mir weiter keine Gedanken darüber gemacht, auf welchem Wege sich wohl die Harmlosigkeit der nach wie vor in mir lauernden Samenflüssigkeit überprüfen lasse. Deshalb überrum-pelten mich die weiblichen Sprechstundenhilfen nicht schlecht. Bei den Kneipenhinterzimmerauftritten von Trotz & Träume sorgte mein Titel »Verdammtes Spermiogramm« in der Regel für Heiterkeit.

Nur das Rudel aus Bochumer Gerichtskasseneintreibern und Richtern (beiderlei Geschlechts) zeigte sich von all dem über rund zwei Jahre hinweg nicht die Bohne beeindruckt. Sie setzten alles daran, mich trotz meiner Sterilität in Weißglut zu bringen. So hatte ich C. zuliebe zunächst das Sorgerecht an die Mutter abgetreten – prompt sollte ich auch noch Gebühren für diese Übertragung zahlen! An der grotesken Rechtslage rüttelte dieser Akt ohnehin nicht, wie mir bald dämmern sollte. Diesbezüglich beriefen sich meine WidersacherInnen selbstverständlich auf ihre Vorschriften, in diesem Fall die Paragraphen 1591–93 BGB. In einem Gerichtsbeschluß vom Sommer 1980 unterstrichen sie dabei die staatstragende Rolle der Buchstaben-, Fristen-, Zahlengläubigkeit: »Darauf, ob der Beteiligte zu 2.) [das war ich] tatsächlich der Erzeuger des Kindes sein kann, kommt es nicht an. Die kraft Gesetzes bestehende Vermutung seiner Vaterschaft kann nur durch ein im Rahmen eines Ehelichkeitsanfechtungsverfahrens ergehendes Feststellungsurteil beseitigt werden. Das gilt selbst dann, wenn sich alle Beteiligten über die Nichtehelichkeit des Kindes einig sind.«

Somit blieb mir nur der liebe Klageweg. Im Sommer 1982 sprach mich das Bochumer Amtsgericht von allen Verpflichtungen frei, weil ich wohl doch nicht für das Riesenbaby, das offenbar zwei Jahre lang in C.s Bauch eingekerkert gewesen war, verantwortlich gemacht werden konnte. Da Sara die Beklagte war und damals noch meinen Namen trug, kann ich mich heute immerhin damit brüsten, ich hätte schon einmal meine eigene Tochter vor Gericht gezerrt. Nach dem Urteilsspruch wurde sie standesamtlich umbenannt. Auch C. heißt seit Jahrzehnten nicht mehr R.

Jene zitierte Perle der Gerichtsprosa strahlt ja wohl unmißverständlich aus: falls es noch welchen hat, darf das Volk den gesunden Menschenverstand getrost in der Pfeife rauchen. Nur auf das Gesetz kommt es an. Folterknechte oder Soldaten dürfen auch sagen: auf den Befehl. Carl Zuckmayer erwähnt in seinen Erinnerungen, wie er sich bei Kriegsende 1918 als Leutnant mit der roten Armbinde des Arbeiter- und Soldatenrates in Begleitung seiner Mutter über Tage hinweg von ihrer Heimatstadt Mainz nach Bremen durchzuschlagen hat, wo Bruder Eduard schwer verwundet und bewegungsunfähig in einem Lazarett liegt. Dank ihrer Zähigkeit treiben sie sogar einen Arzt auf, der die dringend erforderliche Operation durchführt. Eduard wird gerettet. Als Pointe erfahren wir jedoch, der Zug, der Eduard von Frankreich nach Deutschland brachte, habe bei seiner schneckenhaften und für Eduard qualvollen Fahrt Richtung Bremen auch in Mainz Aufenthalt gehabt. Vom Bahnhof zu Eduards Elternhaus wären es mit der Trage keine fünf Minuten gewesen. Doch so sehr er die Sanitäter auch anflehte – sie weigerten sich ihn auszuladen, weil dafür »keine Order« vorlag.

Ein Kriegsende später wiederum kamen Tausende von Faschisten aller Ränge ungeschoren davon, weil sie sich ganz im Sinne dieser Buchstabengläubigkeit auf ihre »Befehle« berufen konnten. Die Frage von Gut / Böse / Willensfreiheit / Gewissen hatte weniger Bedeutung als ein Komma. Wer diese beschämenden Vorgänge nicht kennen, glauben oder sie einfach nur vergessen haben sollte, kann sie beispielsweise in Büchern des Bochumer Hochschul-lehrers Norbert Frei nachlesen, der sie »moralisch unerträglich, geradezu infam« nennt. Diese Lektüre-empfehlung gilt auch für das dortige Amtsgericht.



Schürzenjagd

Um 1980 mit Trotz & Träume auf Tour, heimste ich meine größten Erfolge nicht als Sänger sondern als Schürzenjäger ein. Meine Mitstreiter bekannten zuweilen ihre Bewunde-rung für meine Fähigkeit, durchschnittlich bei jedem zweitem Auftritt eine begehrenswerte junge Frau zu erobern. Es wurde geradezu zur Sucht. Wäre der Maha-goni-Hals meiner Gitarre nicht zu kostbar gewesen, hätte ich ihn am liebsten mit jenen Kerben versehen, die im Wilden Westen die Gewehrkolben zierten.

Offenbar hatte ich großen Nachholbedarf. In meiner frühen Jugend war ich eher verklemmt gewesen. Jetzt schmeichelten mir die Erfolge und hoben mit meinem primärem Geschlechtsorgan mein Selbstwertgefühl. Allerdings hielt dieser Effekt nie lange an. Unruhe, Hader, sogar ein Gefühl der Leere rumorten in mir, obwohl ich doch so viel »Liebe« in mich sog. Die entsprechenden Launen hatten dann wieder meine Mitstreiter oder andere Freunde auszubaden. Vielleicht war es zu einfach, wenn ich Jahre später in einem Rückgriff auf die marxistische Wertkritik das quantitative Denken für meinen unleidlichen Zustand verantwortlich machte. Es ist ja in unsrer Epoche so verbreitet und alles beherrschend wie das Geld. Statt uns zu erfüllen, macht uns die Jagd nach dem Mehr maßlos. Der vom quantitativem Denken durchtränkte Mensch gleicht einem Faß ohne Boden. Erfüllung dagegen ist auf echten Widerstand angewiesen. Der aber ist eine Frage von Qualitäten. Sie können natür-lich genauso in Mängeln wie in Vorzügen bestehen. Sich auf Personen mit ihren Eigenarten, Geschichten, Brüchen einzulassen, hätte mich wahrscheinlich überfordert. So dienten mir meine Geliebten in der Regel bloß als Durchgang. Sie waren eher Funktionen als Personen.

Wer sein Erfolgsdenken an Zählbares hängt, wird nirgends landen, weil es ihn ins Unendliche führt. Von daher hätte der Kapitalismus alle Chancen, älter als Noah oder Methusalem zu werden, die es nur auf 950 und 969 Jahre brachten. Ein Schlenker zum Sport liegt hier nahe. In meinem Fall hatte die Liebe die Leichtathletik abgelöst. Wenn ich mich recht erinnere, lief ich die 100 Meter als 16jähriger bereits in 11,9 oder gar 11,7. Das ist rund 50 Jahre her. Um zu begreifen, daß ich von Natur aus eher dem Schnecken- als dem Raketenwesen angepaßt war, benötigte ich mindestens 75 Prozent dieses Zeitraums. Allerdings unterstreicht das nur die These von meiner natürlichen Veranlagung zur Langsamkeit.

Inzwischen stellt sich mir oft die Frage, warum der Mensch dem Verweilen das Rastlose vorzieht. Wovor läuft er weg? Für etliche kluge WissenschaftlerInnen aus unterschied-lichsten Sparten, darunter der Biochemiker und Essayist Erwin Chargaff, lautet die Antwort: vorm Tod. Zumal dem männlichem Geschlecht scheint die Angst vorm Verfall im Nacken zu sitzen; zumindest die Angst, nicht mehr »aktuell« zu sein. Daher die seltsame Angewohnheit vieler Männer, immer neue Automodelle, Sprinterschuhe oder Weiber wie am Fließband zu verschleißen. Dadurch werden auch sie selber neuer.

Dieser Mechanismus greift ersichtlich umso besser, je jünger die eroberten Frauen sind. Deshalb legen sich insbesondere erfolgreiche Künstler und Politiker im Zuge ihres Ergrauens schmucke weibliche Jungbrunnen zu. Der damals 69jährige SPD-»Hoffnungsträger« Franz Müntefering erregt seit Frühjahr 2009 mit einer Geliebten/Gattin Aufsehen, die 40 Jahre jünger ist als er: Michelle geb. Schumann. Zugegeben, mein Polsterer und Zeitungszusteller Bott war nicht erfolgreich, verfuhr aber leider nicht anders. Auch der Fall des kaum bekannten Schriftstellers Werner Helwig (1905–85) legt die Vermutung nahe, am Geld und am Ruhm allein könne die Anziehungskraft so vieler Greise nicht immer liegen. Helwig hatte weder dies noch das. Gleichwohl gelang es dem Außenseiter, sich 1981 – in zweiter Ehe – mit Gerda Heimes eine 37 Jahre jüngere Frau zu angeln. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß sie später, als Witwe, aufgrund des literarischen Schaffens Helwigs von einer Rente zehren konnte, die das von Müntefering mitdurchgepeitschte Hartz IV überstieg.

Vielleicht schlittern Frauen wie Gerda aus durchaus unterschiedlichen, im Einzelfall jedoch häufig »vermischten Motiven« in solche Ehen. Ein Bedürfnis nach väterlichem Schutz mag mitunter eine Rolle spielen. Leider verraten sie ihre Gründe selten, falls sich überhaupt jemand danach erkundigt. Was Frau Müntefering angeht, verweise ich auf die Auskünfte der bekannten vertrauenerweckenden Blätter, etwa der Bunten vom 25. Mai 2012: http://www.bunte.de/panorama/michelle-franz-muentefering-ihre-liebe-ist-zeitlos-29443.html.



Yorckbrücken

Der Betrachter steht vor einer schmalen, gepflasterten Straße, die sich gen Süden sanft gewunden in Gehölzen und dann im Dunst der Ferne verliert. Durch Gebüsche im Vordergrund wird der Ausblick torbogenförmig eingerahmt. Man wähnt sich in der märkischen Heide.

Zwar handelt es sich um ein Schwarzweißfoto, aufgenommen von D. um 1980. Ich weiß jedoch, daß die buckligen Granitsteine des gepflasterten »Landweges« bunt waren. Als angehende Bildhauerin erwärmte sich D. natürlich gleich für sie. Unter den Bäumen des romantischen Hintergrundes verbargen sich allerdings die 10 oder 12 Yorckbrücken, unter denen wiederum der Autoverkehr toste. Auf halbem Wege umarmt ins Gebüsch gekugelt, ratterte plötzlich unter uns die rotgelbe S-Bahn durch eine Schlucht, um im Tunnel Richtung Anhalter Bahnhof zu verschwinden. Das war das Tüpfelchen auf dem Kitzel.

Da D. mich liebte, mußte sie auch das verwilderte Bahngelände lieben, das ich damals für meine uferlosen gedanklichen Streifzüge entdeckt hatte. Doch im Osten und Westen war »die Insel« von den schäbigen Brandmauern hoher Hinterhäuser eingekesselt; im Norden »floß« der Verkehr längs des Landwehrkanals. Der Kitzel weicht Ernüchterung. In den Erzählungen Das Gleisdreieck und Der Dachs wird verhaftet versuchte ich unserer Insel ein Denkmal zu setzen. Sie ist inzwischen von Bauamts wegen so gut wie untergegangen.

Neben dem beschriebenem Foto hängt eine kleinformatige Collage an der Hüttenwand. Aus Papierschnipseln verschiedener, wenn auch durchweg verhaltener Farben komponiert, läßt sie an den Bühnentanz zweier Figuren denken. Die weiße Figur ist winzig, die schwarze doppelt so groß. Man ahnt, der beschwingte Tanz gerät zum Kampf. Wer wen ersticht oder verschlingt, bleibt offen. Die Schöpferin der Collage wählte später den Part der Größe. 1997–99 schuf D. in Holland, gemeinsam mit ihrem Gefährten, eine 11 Meter lange und 30 Tonnen schwere Skulptur aus Granit. Um sie schließlich zum Ausstellungs-ort zu befördern, wurden ein 22 Meter langer Transporter und Polizisten zum Absperren der Straßen benötigt. Ich erhielt eine bebilderte Broschüre. Danach dürfte das schwere Werk vor allem durch den Eindruck wirken, es sei leicht. Rohe Granitblöcke sind nach Art jenes »Landweges« auf dem Gleisdreieck schlangenförmig gereiht und an den Nahtstellen auf Granitwalzen gelagert. Man denkt an eine Raupe, die vielleicht zum Flug ansetzt. Um das Werk wirklich übersehen zu können, müßte man allerdings auf einen der in Holland eher dünngesäten Berge steigen.

Laudator M. schlägt vor, es kurzerhand »imaginierend« zu »entrücken«. Die genial innige wie lose Verbindung der wuchtigen Teilstücke lasse ihn »für die menschliche Sphäre« an solche »übertriebenen Worte« wie »Solidarität« und »glückliche Rettung« denken. Ich hörte von Plänen des Gespanns, auf städtischen Plätzen durch mächtige Klötze Korrespondenzen oder Antipoden zu öffentlichen Gebäuden dieser Plätze zu schaffen. Brauchen diese das?

Am Schluß hockte ich mit D. auf dem Kreuzberger Friedhof unseres ersten Stelldicheins auf einem umgestürztem Grabstein, während wir »solidarisch« weinten. Es war um 1980. Wir waren ratlos. Wir hatten uns die Köpfe an einer (nach Haushofer) Wand zwischen uns eingerannt. Jedes hochlodernde Liebespaar erreicht den Punkt, wo weder Verschmelzung noch Trennung möglich erscheint. Auf europäischen Bühnen »tragisch« genannt, gelten solche Situationen bei vielen Indianer-völkern als Wahnsinn. Das Dumme ist, so gut wie niemand kann sich jener den Wahnsinn fördernden Wand entziehen. Auch der Mönch kann es nicht. Im Grunde handelt es sich um die Gefechtslinie der Widersprüchlich-keit – etwa: Ich/Welt, Selbstbehauptung/Hingabe, Gewohnheit/Abenteuer und dergleichen. Aber der Mönch richtet keinen Schaden mehr an.



Der Klavierhimmel funktioniert

Während meine Kollegen Zigarettenpause machen, schlendere ich durch eine benachbarte Halle. Sie ist von Fertigungsstraßen durchzogen. Offenbar Motorenbau. Hier ist die Belegschaft eher dünn gesät. Wir befinden uns bei DaimlerChrysler in Mannheim; das Werk gleicht einer Stadt in der Stadt. Es beschäftigt rund 10.000 Leute und vermutlich hundertmal so viele Maschinen. Unsere Kunden sind die zahlreichen Bürokraten der Fabrik. Hört man hinten auf, ihnen einen neuen Teppichboden unter die Füße zu legen, kann man vorne wieder anfangen. Für unseren Chef ohne Zweifel eine sichere Bank, solange er nur darüber im Bilde ist, welchem der vielen Bürokraten er gerade die Füße zu küssen hat.

Plötzlich bleibe ich gebannt stehen. Vor mir ein Automat, der Adolf Hennecke oder Arnold Schwarzenegger zu spielen scheint. Einem graviertem Schild zufolge wurde er gerade erst gebaut und installiert, 1999. Er hat Ölspritzdüsen in die Zylinderkurbelgehäuse von wahlweise 4- oder 6-Zylindermotoren einzupressen. Sein Rythmus ist bald durchschaut. Von rechts, auf genoppten Tabletts in Reih und Glied angeordnet, kommen die Ölspritzdüsen angefahren. Ein armähnlicher Roboter greift sich nacheinander vier Düsen und setzt sie in eine jeweils im Zylinderabstand vorrückende Schubleiste. Die ruckartigen, gleichsam eckigen Bewegungen des künstlichen Arms kommen mir allerdings eher makaber als rythmisch vor. Nach Umsetzen der vierten Düse hält er abrupt inne, weil inzwischen von links her das nächste Zylinderkurbel-gehäuse eingetroffen ist. Es wird von dem übergeord-netem, verdammt wuchtigem Roboter erfaßt, der entfernt an ein Gebiß erinnert. Er packt sich das Gehäuse, um es um 90 Grad nach oben zu kippen. Jetzt liegt es an der Linie der Schubleiste, die bereits vorgefahren ist. Dem Gaumen des Überroboters entwachsen so etwas Ähnliches wie vier (wahlweise sechs) Hände. Damit greift er den Satz Ölspritzdüsen, hebt ihn empor und bringt ihn genau über den Zylinderöffnungen des gekippten Gehäuses in Stellung. Jetzt senken sich sozusagen separate »Daumen« aus des Überroboters Gaumen. Sie pressen die Ölspritzdüsen in die Zylinder. Dann fahren sie wieder hoch. Das »Gebiß« kippt das mit Ölspritzdüsen versehene Gehäuse auf das Fließband zurück. Während Fließband und Gehäuse vor dem armähnlichem Roboter abkurven, schnappt sich dieser die nächsten vier Ölspritzdüsen vom Tablett, weil inzwischen das nächste Zylinderkurbel-gehäuse naht.

Ich reiße mich los. Die Zigarettenpause meiner Kollegen habe ich ohnehin schon überzogen. Das wäre etwas für »Feudel«, unseren Stift, sage ich mir. Er hat neuerdings Liebeskummer. Ich sollte ihm diesen Automaten empfehlen. Feudel könnte sein Herz aufs Fließband legen; der Automat würde es ungerührt um 90 Grad nach oben kippen, um es mit Ölspritzdüsen zu versehen.

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Der Chef sieht mich an und nickt zur Kaminecke. Dort haben wir in Kopfhöhe den Wickler des Schnurzugs gesetzt. Ich löse die Schnur. Unterdessen blicken mein Chef und die Dame des Hauses gebannt zur Salondecke, wo der bis dahin gebündelte Klavierhimmel schaukelt. Nun entfaltet er sich, während ich vorsichtig Schnur nachgebe, bis er in eleganter, leicht gewellter Ausladung über dem spiegelnd schwarzen Bösendorfer-Flügel zur Ruhe kommt. Der Klavierhimmel funktioniert.

Mein Chef ebenfalls, denn er läßt sich sein Aufatmen nicht anmerken. Aus »gecrashter« Seide genäht, scheint sich mit unserem Klavierhimmel die Haut eines Pfirsichs unter der beigen Salondecke zu kräuseln. Meinem Chef winkt ein Scheck über rund 700 Euro aus ihm. Die Dame des Hauses drückt ihr Entzücken durch einen geschmackvollen Aufschrei aus und ruft dann nach »Debbi«, um sie erneut auf den Klavierschemel zu komplementieren. Für ihre 19jährige Magerkeit trägt Tochter Deborah die Nase erstaunlich hoch. Während sie hämmernde Kadenzen aus Liszts Faust-Sonate wiederholt, schlendern wir zu dritt durch die Zimmer und Geschosse der alten Jugendstilvilla, die sich zum Lobpreis der 450 Euro, die hier ein Quadratmeter Erde kostet, südlich von Darmstadt über der Bergstraße erhebt. Dabei halten der Chef und seine Stammkundin immer wieder inne, um ihre Ohren zu spitzen. Jedesmal nicken sie sich einverständig zu: es klingt jetzt viel gedämpfter! Das nämlich war der Zweck der Erfindung.

Ich trotte hinter den beiden her, sage mir, Einbildung sei auch eine Bildung, und lasse meine Blicke über allerlei alte Bekannte schweifen: Sofas oder Sessel, die ich eigenhändig bezog. Allerdings sind sie mit sogenannten Hussen (Häusern) bekleidet. Es handelt sich um abnehmbare und der Reinigung fähige Schonbezüge, die recht schwierig zuzuschneiden und zu nähen und entsprechend teuer sind. Hier stehen sie den eigentlichen Bezügen der vielen erlesenen Polstermöbel an Kostbarkeit kaum nach. Und da doppelt mehr hermacht, ließ die Dame des Hauses auch die Hussen noch verdoppeln. Solange die mächtigen Bäume in ihrem Bergpark draußen noch kahl sind, weisen all die Sofas und Sessel die Hussen mit der winterlichen Ausstrahlung auf. Die anderen, die fürs Empfinden der Dame des Hauses den Sommer atmen, liegen frisch gereinigt in der Wäschekammer, um ihrer Wiederaufer-stehung an Ostern entgegen zu sehen.

»Laßt sie doch!« hatte sich der Chef die Hände gerieben, als er seinen Leuten den Hussen-Auftrag erläuterte. »Davon leben wir schließlich. Am besten, ich schlage ihr demnächst auch noch Hussen für gute und für schlechte Laune vor …«

Das war ohne Zweifel hübsch gescherzt. Jetzt finden wir uns wieder unter dem neuen Klavierhimmel ein, um unser Werkzeug zusammen zu räumen. Debbi hat sich bereits zurückgezogen. Der Deckel des Flügels steht schräg. Auf dem Couchtisch liegt das Darmstädter Echo. Zum Weihnachtsfest hatte das Blatt wie immer einen Spendenaufruf erlassen, um ein paar arme alte Leute mit warmen Socken und einer Dauerwurst erfreuen zu können. Ich wüßte sie unter einem schönem Klavierhimmel zu bewirten. Wenn sie mal müßten, könnten sie dies, mit den Beinen baumelnd, auf dem Rand eines echten Bösendorfers tun.

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Bekanntlich zählt die Stille zu den gefürchtesten Zu-ständen der Welt. In Büros, Läden, Gast- und Werkstätten pflegt man sich ihrer bevorzugt mit Radios zu erwehren. Da wird dem empfindsamen Polsterer sogar sein Preßlufttacker zum Schutz und Schirm. Mit der wahllosen verblödenden Dauerbeschallung haßt der Polsterer den Zwangsanschluß an jenen »lärmenden Betrieb, den sie hinterher Geschichte nennen«, wie Ernst Kreuder (1954) in seiner Odenwaldmühle schrieb.

In vielen zähen Kämpfen gelang es mir immerhin, den Lärmpegel unseres Werkstattradios deutlich zu senken. Habe ich eine längere Handnaht zu machen, hole ich mir aus der Schreinerei – wo er über der Kreissäge hängt – den Bügel mit den knallroten Plastikmuscheln an den Enden und stülpe ihn über meine Ohren. Meine Mitgesellen werfen sich vielsagende Blicke zu. Sind sie sämtlich weggerufen worden, quittiere ich dies mit einem erleich-tertem Hieb auf die Aus-Taste unseres Werkstattradios. Jetzt können mir Werkzeug und Werkstoff ihre Melodien vorsingen. Mein leicht gekrümmter, zierlicher Tapezier-hammer spielt Specht. Eine zu teilende Bahn Nessel wird zur Ratsche. Während sich in der Hofkastanie die übliche Rasselbande aus Spatzen tummelt, eignet sich unser Schuster-Dreifuß als Triangel. Von einem verstorbenem Sattlermeister hieß es, er habe seinen Stiften eingeschärft, wenn draußen einer am Fenster vorbeigehe, dürfe er nicht merken, daß sich hier eine Werkstatt befinde. Taucht jedoch ein Mitgeselle wieder auf, faßt er garantiert nach 20 oder 30 Sekunden gequält schnuppernd zunächst das Werkstattradio, dann mich ins Auge: »Was liegt denn hier wieder für eine bleierne Stille in der Luft!« – »Was hast du denn gegen Stille?« frage ich einmal zurück. Mein Kollege erwidert maulend, das sei doch, als ob man tot sei.

Immerhin erhärtet er damit einen Befund des kanadischen Klangforschers Murray Schafer. Nach dessen Buch Klang und Krach (1977) genießt die Stille in der modernen Literatur einen ziemlich schlechten Ruf. Die meisten Figuren/Menschen empfinden sie als unangenehm oder gar bedrohlich. Die Stille haucht sie bereits mit der Leichenstarre an. Das Seitenstück der Stille ist ersichtlich die Weile oder das Verweilen. Jeder Stillstand aber kommt unter die Räder unseres hochgerüsteten Fortschritts. Werde ich selber auf Montage befohlen, werde ich vom Igel zum Hasen gemacht. Ob im Firmenwagen, beim Kunden im Wohnzimmer oder auf einer Rohbaustelle: Radio SWF 3, Regenbogen, FFH sind immer schon eher da.

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Verfügt ein Handwerksbetrieb zwischen Werkstatt und Büro über eine Treppe, lassen sich vorteilhafterweise von deren Kopf aus Namen oder Befehle zur ebenerdig gelegenen Werkstatt hinunterbrüllen. Wie knifflig deine Arbeit auch gerade sein mag, dein Chef darf dich jederzeit darin unterbrechen. Hieve die Schaumstoffplatten auf den Speicher, zerre den Teppich für Soundso aus dem Keller, fahre den Sprößling zum Reitplatz, überprüfe den Werkzeugkoffer, der noch im Wagen des Chefs liegt. Im Koffer sieht es aus, als habe er ihn am Abschleppseil hinterhergeschleift. Dein Chef ist viel zu teuer, um eine Zange in zwei Laschen zu stecken oder den Deckel des Schraubenfaches zu verriegeln. Für eine Meisterminute hat der Kunde ungefähr 60 Cent zu zahlen. Nimmt dich dein Chef dann als Kofferträger zum Kunden mit, bei dem es Stahlseile für Fenstervorhänge anzubringen gilt, darfst du sogar in die Rolle einer Zahnarzthelferin schlüpfen, die freilich nur geknurrtes und gebelltes Deutsch versteht. »Bohrschrauber.« »Trägerfuß.« »Her den Meter.« Diese Dinge haben im Bruchteil von Sekunden in seinen blind ausgestreckten Händen zu landen, mögen sie auch längst 20 Zentimeter von ihm entfernt auf der Fensterbank liegen.

Dein Chef bellt – und du machst den Hund. In der Tat liebt es unser Chef, vom Kopf der Treppe aus zu rufen: »Mike – bei Fuß!« Dabei setzt er stets ein Grinsen auf, das Selbstironie bezeugen soll. Natürlich liegt ihm nichts ferner. Seine Sache sind Selbstüberschätzung und Selbstgefälligkeit, denn Befehlsgewalt wirkt unweigerlich wie eine Potenzdroge. Zu den Lieblingsphrasen meines Chefs zählt die wegwerfende Feststellung: »Das ist überhaupt kein Problem.« Wieso auch? Schließlich scheint sich die Welt im Maße seines Bellens oder Fingerschnip-sens zu drehen. Er braucht nur sein großes Maul zu öffnen, schon springen seine Leute. Notfalls renken sie ein, was er selber in seiner mit Hektik gepaarten Grobheit verhunzt hat. Denn eine andere Sache ist es ja, an Dingen zu scheitern. Dinge sind für Beschwörungen oder Schmeicheleien so unempfänglich wie für Befehle. Es handelt sich hier um den Unterschied zwischen Politik und Natur, auf den Alain gern hingewiesen hat. In der Natur nimmt sich Rhetorik geradezu absurd aus, obwohl wir alle uns mit Nachsicht an Kindern ergötzen, die ihren Tretroller oder ein Gartentor beschimpfen. Mein Chef pflegt in solchen Fällen furchtbar zu fluchen und das Werkstück in die Mangel zu nehmen, als wäre es ein Pferd, das zuzureiten sei. Er ist Aktivist im Reit- und Fahrverein.

Jetzt kehrt er mit eher zufriedener Miene von einem Ausmeßtermin zurück. Bevor er mit seinem Diplomaten-köfferchen die Treppe nimmt, wirft er einen Blick in die Polsterwerkstatt und heftet ihn an das ungefähr drei Meter entfernte Sofa, das ich gerade beziehe. Die Dielen zwischen den Böcken sind von abgeschnittenen Bezugstoffetzen übersät. Ich möge ihm doch bitte – spricht er mich durchaus freundlich an – bevor ich Mittag machte, noch einen Stoffetzen ins Büro hinaufbringen, damit er ein Muster für die Gimpe habe. Und damit verschwindet er auf der Treppe. Er hätte sich bloß bücken müssen.

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Unser Stammkunde Fröbel hat sich mit seiner Gattin wegen der üblichen Blondinen überworfen. Diese hält sich gerade in der Küche auf, aus welcher Mozart perlt. Fröbel steht unter mir, Handy am Ohr. Ich selber kröne unsere Stehleiter aus Leichtmetall, beladen mit erlesen abgefütterten und besetzten Vorhängen aus Seide. Mein Kollege Achim hat hier soeben eine Messingstange angebracht, für die ich ein erstklassiges neues Billardqueue bekäme. Aber Fröbel spielt natürlich Golf. Beim Telefonieren verfolgt er aufmerksam und wohlgefällig unser Werk der Verschönerung in der Mannheimer Stadtvilla der erwähnten Blondinen, die vermutlich den silberfarbenen BMW Z 3 fährt, der draußen neben Fröbels schwarzem Audi 8 steht.

Solche Wagen beherrschen auch den Parkplatz eines Heidelberger 5-Sterne-Hotels, das zwar noch immer Fröbel gehört, aber nicht mehr von seiner Gattin geführt wird. Dafür warf ihn diese aus der gemeinsamen Wohnung. Also schlupfte Fröbel in der etwas schäbigen Stadtvilla unter, um deren standesgemäße Aufwertung Achim und ich seit Stunden bemüht sind. Unser Chef ist langjähriger Hausausstatter von Fröbels Luxushotel; so edel wie dort muß es nun auch hier werden. Allerdings kommt ein Unglück selten allein. Kaum sah sich Fröbel den Trümmern seiner Ehe gegenüber, nahm ihn die Wirtschaftskrise in den Würgegriff. So warten seine Lieferanten oder HandwerkerInnen vergeblich auf die Begleichung ihrer Rechnungen. Nur meinen Chef wagte Fröbel nicht zu verprellen, zehrt doch sein Hotel ein wenig auch von dessen Ruf als Dekorations-Genie. Vermutlich trifft er in seinem bulligem Offroader gleich ein, um die entscheidenden Falten zu drapieren. Dafür sah sich Fröbel plötzlich außerstande, ausgerechnet seinen niedrigsten Angestellten die Gehälter pünktlich auszuzahlen. Wie mir erst letzte Woche ein Hausbursche steckte, halten er und andere Lakaien inzwischen schon seit drei Monaten ohne Bezahlung durch. Fröbel vertröstet sie eben auf morgen; anketten tut er sie nicht.

Übrigens ist der betuchte Pinkel rein zufällig nicht nur Hotelier, sondern auch Rechtsanwalt. Somit dürfte er schon wissen, wie einer seine Schäfchen ins Trockene bringt. Er bewundert mich nach wie vor und telefoniert auch immer noch – hoffentlich nicht mit der Berufsgenossenschaft. Denn vor lauter Seidenvorhängen, die mich raschelnd umwehen, bin ich ja kaum noch zu sehen. Das gilt bestimmt als fahrlässig. Wie leicht könnte ich ausgleiten, von der Leiter stürzen, Fröbel ins Parkett seiner Geliebten rammen! Meinen Chef gleich mit.

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Als Raumausstattermeister, Restaurator, Schmeichler ein As, hat mein Chef den entsprechenden zahlungskräftigen Kundenkreis. Die Bergstraße ist dafür das geeignete Pflaster. In jeder zweiten Villa sitzt ein hohes Tier. Als die 17jährige Tochter eines Merck-Managers (Pharmazie), die bei klarem Wetter die Türme des Wormser Doms hätte zählen können (sechs), vom Grufti-Ruf ereilt wurde, schwärzte sie eigenhändig ihre Zimmerwände, fand aber erst Ruhe, als wir auch die Heizkörper umlackierten und schwarze Innenjalousien anbrachten. Die Fensterscheiben zu streichen, wäre lohnkostengünstiger gewesen. Ein Dr. Soundso, der nach Feierabend bevorzugt in einem von mir restaurierten Napoleon-III-Armlehnstuhl aus Nußbaum sitzt, ist Vizepräsident der Frankfurter Bundeszentralbank, wohnt allerdings im Grünen. Da heißt es sich vorher stets kämmen, denn auch dort hängen Überwachungskameras.

Der Erfindungsreichtum meines Chefs erweist sich gleichermaßen verblüffend am Werkstück wie auf Kundenfang. Jetzt hat er mit Maler P. eine gemeinsame »Vernissage« auf dessen verwunschenem Mühlengrund-stück ausgeheckt. So karren wir am gewähltem Juniwochenende mit unseren Lieferwagen Antiquitäten und Dekorationen im Wert von rund 100.000 Euro in den Odenwald, um damit des Malers Bachufer, Kräutergarten, Hofpflaster, Scheune zu verzieren. Während sich ein zebraartig bezogenes »Hirschsofa« vom Bootssteg aus auf die gelben Teichrosen zu stürzen droht, schaukeln in den Eschen bunte Kissen und Tapetenbahnen wie Papageien. Unter der Hoflinde demonstriert Geselle R. die »Pikierung« eines Stuhlpolsters mit Roßhaar. Die an der Landstraße aufgefädelten Limousinen der steinreichen Kunden lassen gerade noch die Lokalpresse vorbei.

Der eher stümpernde Maler entpuppt sich als begnadeter Tenor, in dessen Atelier das Klavier nicht zufällig auf dem Podest steht. Von einem geschultem Gast begleitet, zieht er nun mit betörendem Silberklang die Müllerinnen oder Monde aus dem Schubert. Alle Rotkehlchen werden vor Neid ganz gelb. Unsere Chefin schlägt ihre Augen dankbar zum Abendhimmel, weil Gott an diesem Tag nicht eine Träne der Rührung vergoß. Er segnete ausgefallene Geschäftsideen schon immer.



Querfeldein

In der Flur bei Korbach unterwegs, habe ich einen Zusammenstoß mit einem Menschen, den ich zunächst für einen Dorfrüpel halte. Er steckt in derber Bauernkluft. Auf die Tür eines kotbespritzten kleinen Jeeps gestützt, erwartet mich der vierschrötige Kerl an der Landstraße. Er hat beobachtet, wie ich mit meinem Fahrrad auf dem Buckel über einen schlammigen Acker stapfte, anschlie-ßend nicht nur den Stacheldrahtzaun zu einer Viehweide überwand, sondern auch einen verschlossenen Hochsitz streifte.

Mit dieser umwerfenden Beobachtung konfrontiert, fahre ich ihn an, ob er nicht mehr alle Tassen im Schrank habe. Er präsentiert einen Ausweis: Jagdaufsicht! Nun erklärt der Mann, möglicherweise sei ja an dem Hochsitz etwas nicht in Ordnung. Ich möge mich bitte meinerseits ausweisen. Und was ich in der Umhängetasche dort hätte?

Ich reagiere sofort so empfindlich und gereizt, daß mich der Ordnungshüter kaum noch für einen harmlosen Wanderer halten kann. Es entspinnt sich ein grotesker Streit. Ich bin sicherlich schon dutzendmal im Leben heilfroh gewesen, von solchem Aufruhr nicht in einen Totschlag zu stürmen, der mein Gewissen zertrümmert und mich ins Zuchthaus katapultiert. In diesem Fall ramme ich meinem Widersacher schließlich wutschnau-bend meinen Personalausweis unter die Nase, worauf er sich meinen Namen notiert und mich ziehen läßt.

Doch auf der Rückfahrt nach Korbach hacken Wanderfalken auf meinen schweißglänzenden Nacken ein. SchriftstellerInnen verfügen naturgemäß über eine blühende Phantasie. Vielleicht fehlt am Hochsitz die Leiter, weil sie einer zum Kirschenpflücken benötigte – und jetzt bist du es gewesen! Aber schlimmer noch. In deinen Erzählungen kommt ein betuchter Jäger zu Tode, weil der Hochsitz angesägt worden war. Wie willst du dich herauswinden, wenn sich zufällig ein frischer Einschnitt im Hochsitzpfosten mit deinem zum Beweismittel erhobenem Manuskript deckt? Und wurde nicht kürzlich in Gießen ein kleines Mädchen entführt und womöglich ermordet? Hast du Pech, findet sich der Leichnam des Mädchens in dem Hochsitz, den der Jagdaufseher gerade überprüft.

In dieser Verfassung hilft es wenig, sich das alte Sprichwort vorzubeten, der Ängstlich sterbe tausend Tode. Vielleicht läßt sich die Scharte zumindest in der nächsten Erzählung auswetzen. Lächelnd sich hinterm Ohr gekratzt und unschuldsvoll entgegnet: »Was ich in meiner Um-hängetasche habe? Sie dürfen gern einmal hineingreifen. Es ist nur ein tollwütiger Fuchs, der in seinen letzten Zuckungen liegt.«

Doch nach dem Mittagessen ging ich in die Offensive. Um mich unverkennbar zu machen, setzte ich mir trotz des warmen Wetters meinen grauen Filzhut auf und marschierte Richtung Amtsgericht, denn gleich gegenüber liegt die Polizeistation. Die wachhabenden Polizeibeamten werfen sich vielsagende Blicke zu, als ein offensichtlich schräger Vogel mit seltsamem Begehren an ihren Schalter tritt. Ich umreiße mein Streitgespräch mit dem Jagdaufseher. Nun klären sie mich bereitwillig darüber auf, die Jagdaufsicht habe tatsächlich gewisse polizeiliche Befugnisse. Das Recht, in ihrem Aufsichtsgebiet von einem Bürger zu verlangen sich auszuweisen, zähle dazu. Na prima – welcher Bürger weiß das schon? Ich dankte den Beamten und trollte mich.

Wichtiger war mir natürlich gewesen, sie hatten mich gesehen. Ich hatte also nichts zu verbergen. Weder eine gewilderte Feldmaus noch eine Mädchenleiche. Trotzdem ging mir der lächerliche Vorfall noch lange nach. Mir dämmerte, daß ich offenbar tiefsitzende Ängste und Schuldgefühle mit mir herumschleppte, die sich jeden zufälligen Furz aussuchen konnten, um ihn zu einem lebensbedrohendem Wirbelsturm aufzublasen. Die Ursachen dafür sind sicherlich in der Kinderstube zu suchen. Aber hier interessiert mich nur das Phänomen des Außenseitertums, das beharrlich für eine Fortschreibung der Ängste und Schuldgefühle sorgt. Warum?

Weil der Außenseiter aus der Norm fällt. Und es gibt nichts Schlimmeres, als aus der Norm zu fallen, vor allem, seit der Kapitalismus die Stanzmaschine, den Waschauto-maten und das stets das linke Ohr präsentierende Paßfoto erfunden hat. Dann bist du, bei deiner Lebensführung, unnormal – um nicht abnorm zu sagen. Stapft man etwa querfeldein, obwohl die rotgrüne Bundesregierung den Straßenbau fördert wie seit Hitler keiner mehr? Ist man etwa erwerbslos, während die Schulden des Staates im Tempo seiner Eurofighter steigen? Kommt man unrasiert und zerlumpt daher, wenn sich die ZerstörerInnen dieses Planeten vor den Fernsehkameras in makellosem Outfit präsentieren? Darf man nach dem Ausverkauf der DDR noch Marxist sein? Ist Verzweiflung zulässig in einer Welt des Schönen Wohnens und des Schönen Betrügens?

Allerdings macht die Norm zuweilen auch den Normierenden zu schaffen. In diesem Umstand könnte ein gewisser Trost liegen. Im selbem Sommer (2001) staunte ich nicht schlecht, als mich aus dem Schaukasten der Lokalzeitung der Vorgesetzte einer Bott-Figur grüßte, die ich erst kürzlich erfunden hatte. Bei dieser Figur handelt es sich um den Kasseler Landrichter Horst Kallenbreuer – wie fast jedes hohe Tier auch Jäger. Bott ist ihm wegen eines waidwund geschossenen Wildschweins auf der Spur. Nun aber wurde Kallenbreuers Vorgesetzter – der Präsident des Kasseler Landgerichts also – ganz real verfolgt. Der Präsident hatte sich in betrunkenem Zustand auf einem Feldweg bei Schwalmstadt festgefahren. Plötzlich stand das hinter ihm gelegene Kornfeld in Flammen: der heiße Auspuff seines Wagens hatte es entzündet. Die Feuerwehr kommt angerast; bald darauf die Polizei. Der Täter kann nicht flüchten, denn er hat 2,37 Promille. Doch reicht seine Geistesgegenwart für den Versuch aus, einen Polizeibeamten zu bestechen. Damit endet die Posse zunächst: die Polizei nimmt ihn mit.

Wie sich dann in der Verhandlung herausstellt, ist der Angeklagte schon häufiger dabei beobachtet worden, mit kaum zu verhehlender Alkoholfahne durchs Kasseler Landgericht zu tappen – dessen Präsident er war. Laut Gerichtsreporter wirkt der Angeklagte angeschlagen und kränklich, verfolgt die Verhandlung fast reglos, den Kopf auf die Hand gestützt oder einfach gesenkt. Die Norm ist erdrückend. Ich kann mir gut vorstellen, wie dem Angeklagten zumute war. Oder wie er später – einstweilen vom Dienst suspendiert und einer Berufungsverhandlung entgegensehend – in seinem Häuschen oder in seiner Villa hockt. Er hat seine Haushaltshilfe ausbezahlt, die Vorhänge zugezogen und die Klingel abgestellt. Er könnte vor Scham in dem schönem eichernem Parkett versinken. Er nimmt einen tiefen Zug aus der Wodkaflasche. Er trinkt auf all die Taugenichtse, die er schon verdonnert hat.



Camping

Es war ein Wettlauf gegen den Kalender. Im April des Jahres 2003 begonnen, mußte der Ausbau der ehemaligen Waltershäuser biggi-Puppenfabrik bis zum Herbst zumindest weit genug erfolgt sein, um 15 bis 20 Leuten kalte Ärsche zu ersparen. Denn die meisten von uns hatten ihre Wohnungen in Freiburg, Berlin, Korbach oder anderswo bereits gekündigt.

Angesichts der Tatsache, daß die Gründung der neuen Puppenfabrikkommune zum einen auf notariell beglaubigtem Papier, zum anderen in einer »entkernten« Ruine stattgefunden hatte, war das sicherlich mutig, vielleicht auch leichtsinnig. Von den Wänden und Decken der Fabriksäle hingen Putz oder Lackanstriche in Fladen herab. Jeder Gang durch die Säle wurde durch Schutt, Sperrmüll, leere Bierflaschen und herausstehende Dielennägel zum Hindernislauf. Die Geländer in den drei Treppenhäusern waren überwiegend zertrümmert. Ähnliches galt für die rund 300 Fenster der 2.800 Quadratmeter großen Fabrik. Waren die Scheiben noch heil, schlossen die Flügel nicht. Der April war zunächst kalt; in unserer Herberge und künftigen Heimstatt zog es, als läge sie auf dem Inselsberg. Im Hauptgebäude hatten wir uns behelfsmäßig den am wenigsten unwirtlichen Saal im Ersten Stock für unser »Baucamp« auserkoren. Die Baustelle selber befand sich im Seitenflügel, auf den die Kommune bis heute beschränkt ist.

Der Vorschlag mit den Zelten war von unserem Ex-Niederkaufunger Peter gekommen. Immerhin konnten wir die Zelte auf Holzdielen aufschlagen, womit es sich erübrigte, die Heringe einzudübeln. Wir klopften kurzerhand Hakennägel in die Dielen. Ich kann es bis heute noch nicht glauben, daß ich auf der dünnen Iso-Matte in meinem kleinem Zelt im Nu einschlafen konnte, obwohl mich nicht nur die Schauer des Fröstelns sondern auch der dröhnenden Musik von Cochise oder der Bluesröhre Anne Haigis überliefen. Der Saal war ja zugleich Gemeinschaftsraum mit einer langen Eßtafel und einer Sitzecke aus Sperrmüllsofas. Da wir binnen dreier Tage Wasser- und Stromleitungen gelegt hatten, verfügten wir nebenan über eine Behelfsküche und im Erdgeschoß sogar über eine Dusche. Als es sommerlich heiß wurde, lockten die Lampen und geöffneten Fenster wahre Mückenschwärme in unser Camp, aber auch gegen sie zeigte ich mich verblüffend dickfellig. So erwies sich wieder einmal, der Pioniergeist verschworener (Glaubens-)Gemeinschaften ist imstande, Schuttberge zu versetzen und NeurotikerInnen in Helden oder Batweiber zu verwandeln.

Allerdings hält die Aufbruchstimmung nie ewig an, weshalb im Zuge ihres Abflauens zum Zwecke der Kompensation der sich häufenden Konflikte an den Legenden von jener Pionierzeit gestrickt wird. Danach waren wir zwei Dutzend Leute ein Herz und eine Seele und die beste Kommunegründungsgruppe des Jahrzehnts gewesen. Die Konflikte schlichen sich irgendwie (aus Feindesland) von außen ein. In Wahrheit saß der Wurm der Unverträglichkeit von Anfang an in der Gruppe. Bei jedem zweitem Frühstück an der erwähnten langen Eßtafel hing dicke, oft sogar vergiftete Luft im Saal. Auf der Baustelle flogen die Funken noch am wenigsten von der Flex. Alle paar Nase lang »schmiß jemand die Klamotten hin«, weil er wütend oder gekränkt war. Mehrmals drohte es sogar zu Handgreiflichkeiten zwischen Kommunarden zu kommen. Doch sowohl die heute noch in der Puppen-fabrik Ausharrenden wie die meisten der AussteigerInnen verklären das Damals zur heilen Welt. Die können sie sich wenigstens an den Hut stecken – man hat nicht völlig versagt.

Mir dagegen reicht die zentrale Holzheizung fürs Emp-finden einer gewissen Genugtuung aus. Unter Feder-führung von Jürgen und Michi wurde sie nahezu pünktlich fertig, sodaß wir ab Ende Oktober nicht mehr frieren mußten. Bald darauf übernahm ich die Verantwortung für die Holzbeschaffung und half zudem im Heizkeller mit. Ich bereue auch diese Knochenarbeit nicht; es sind wertvolle Erfahrungen.



Maximilian Zander

Wüßten Sie, wo Castrop-Rauxel liegt? Die Stadt mit immerhin rund 80.000 Einwohnern liegt im Ruhrgebiet. Sie wird nicht vom stählernen Förderturm der ehemaligen Zeche Erin, vielmehr von ihrem Einwohner Maximilian Zander beherrscht. Das steht in keinem Lexikon. Er selber kommt mir ausgesprochen uneitel vor. Er würde seine Verdienste als Chemiker, Lyriker und Familienvater noch nicht einmal an ein Maiglöckchen hängen.

Als Pädagoge und Leser hat er ebenfalls Qualitäten, die mir seit Ende 2001 zugute kommen. Damals spitzte ich über der Jahresschrift Muschelhaufen, die auch mir schon die Spalten geöffnet hatte, bei einer Handvoll Aphorismen Zanders die Ohren. Der alte Mann (Jahrgang 1929) murmelt da etwa: »Es kann lange dauern, bis man merkt, daß man gestorben ist.« – »Ein erfahrener Hellseher sieht erst einmal schwarz.« – »Früher galt als Künstler, wer ein Kunstwerk hervorbrachte. Heute gilt als Kunstwerk, was ein Künstler hervorbrachte.« Das fügte sich trocken und nahtlos in ein Bollwerk gegen den sogenannten Erweiterten Kunstbegriff ein: Robert Gernhardt. 2006 fiel das Bollwerk. Zander greift jetzt die 80 an, erwidert treu meine Briefe und schreibt nach wie vor Gedichte. Das ist allerdings ein heikler Punkt in unserem Verhältnis – und nicht der einzige.

Wie man vielleicht schon erahnt oder gelesen hat, halte ich von Moderner Lyrik, soweit sie ungebunden, dafür jedoch umso verrätselter daherkommt, gar nichts. Sie stellt für mich die Documenta der Literatur dar, nämlich einen Tummelplatz für Windbeutel und SchaumschlägerInnen. Auf ihn hat sich auch Zander verirrt, der wahrlich weder das eine noch das andere ist. Und angesichts seiner großen Klugheit und seines filigranen Sprachgefühls ist es ein Jammer. So zehre ich vor allem von unsrer bald 10jährigen Korrespondenz, die mir jede Menge Anregung und Anerkennung schenkt. Ohne Zander hätte ich den vielen Körben, die mir der Literaturbetrieb an den Kopf wirft, kaum widerstanden.

Er selber ist hart im Nehmen. Greife ich im Meinungsstreit zu Titulierungen wie »Bürger« oder »Sozialdemokrat«, schluckt es Professor Z. Er glaubt, ob einer zum Radikalismus oder zur Versöhnung neige, entschieden dessen Gene. Wahrscheinlich hat der Chemiker recht. Da es auch unter Oberschichtlern Linksradikale gibt, kann man auf soziale Lagen offenbar unterschiedlich reagieren. Mein Bruder, obwohl gelernter Schlosser, ist kein Linksradikaler geworden. Das ist umso erstaunlicher, als wir nicht nur gleich arm und einflußlos waren, sondern auch dieselben Eltern hatten. Mein Gen für Gerechtigkeits-empfinden stammt vielleicht aus dem Neandertal.

Hier liegt der nächste heikle Punkt. Was Biografisches und Gefühlsleben angeht, hält sich Zander in unserem Briefwechsel von Anfang an bedeckt. Erwähnt er, schon früh einen Sohn verloren zu haben, kommt es bereits einer Herzausschüttung gleich. Ob und wie ihn dieser Verlust schmerzte und prägte, verrät er nicht. Da ich selber in Briefen eher viele Auskünfte gebe, erhält das Schiff der Kommunikation natürlich Schlagseite. Diese Ungerechtig-keit macht mich zuweilen wütend. In anarchistischen Kommunen ist Schlagseitenkommunikation verpönt. Alle haben sich ähnlich weit zu öffnen. Diese Öffnung hält die Verletzbarkeit gleich, dient aber auch als Riegel gegen Mutmaßungen, Unterstellungen, Groll. Zu allem Unglück gesellt sich zu Zanders Zugeknöpftheit der Zündstoff des klassischen Vater-Sohn-Konfliktes. Keine Zuneigung ist ohne Machtkampf zu haben.

Immerhin tobt oder kratzt er in unserem Fall bloß auf Briefpapier. Distanz mildert. Im Sommer 2006 schrieb Zander, er ziehe vor Gernhardt auch deshalb den Hut, weil er sich bis zuletzt (Später Spagat) mit dem Tod auseinandergesetzt habe. Ich erwiderte, dann sei es ja nicht mehr taktlos, sich auch einmal bei ihm zu erkundigen, wie er es mit dem Tod und vielleicht mit Gegenmaßnahmen halte. Vielleicht hätten wir uns Zaubermittel oder wenigstens Trost zu bieten. Diese Anfrage überging er jedoch wie schon manche Anfragen zuvor. Er wird seine Gründe haben – die er nicht preisgibt. Wollte auch ich mich einmal als Aphorist versuchen, wäre hier der Hinweis fällig: Um uns aufzupäppeln und uns einzutrichtern, wie das Leben zu meistern sei, vergeuden unsere Eltern 20 Jahre ihrer kostbarsten Zeit. Für die heikle Frage unseres Abgangs opfern sie keine 10 Minuten.

Wer Zander in einem Gedicht zu sich nehmen möchte, hat ihn auf den Seiten 61 bis 63 seines Bändchens Antrobus' Tagebuch von 2004 gleichsam wie im Weinglas. Da sitzen »Ein paar ältere Herren« zusammen. Auch Zanders Verschlossenheit hat man in diesem funkelndem, tulpenförmigem Glas. Die Lage ist ernst, sagen Sie? / Ach, junger Freund, / es geht immer um Leben & Tod, / und hier sprechen Sie mit Experten. Aber sie erklären sich eben nie; sie unterhalten sich lieber mit Anekdoten, Bonmots, Zitaten. Jetzt glänzt der Gastgeber (das meine ich durchaus bewundernd) mit folgenden Worten. In der vierten Strophe / sollte der Mond erscheinen, / und, bitte: da ist er. / Na, dann reden wir mal / über die Wahrheit / der Dichter, der Physiker. / Am Ende stehen die Quoten / 3:2, aber für wen / wird nicht verraten.

Für den Leser jedenfalls nicht – will doch der Lyriker Zander verhüllen statt aufdecken. Hier hätten Sie zum Schluß auch ein wichtiges Glaubensbekenntnis hinsichtlich meines eigenen Schaffens.

Nachtrag. Zanders letzter Brief erreichte mich im Sommer 2012. Ich war zunächst schockiert. Alt, gebrechlich und müde, wie er inzwischen sei, könne er meine einfallsreichen und brillant geschriebenen Briefe kaum noch halbwegs ebenbürtig beantworten. Deshalb sehe er sich zu dem Vorschlag gezwungen, unseren Briefwechsel jetzt zu beenden.

Der große Verlust schmerzt mich bis heute. Dennoch wußte ich bereits am nächsten Tage, Zander hat recht. Er kam seinem Kräfteverfall zuvor und machte sich nichts vor. Es war klug und tapfer von ihm, den Briefwechsel für beendet zu erklären. Seine mutmaßliche Alters-Einsamkeit möchte man natürlich niemandem wünschen – aber sie trifft viele. Leider trifft sie gerade die besonders gern, die keine Schafsköpfe sind.

Was meine Texte angeht, schätzte Zander meine kurzen Essays am meisten. Ich glaube, das LdF hätte er begrüßt – ja sogar gerühmt. Aus dieser Anerkennung wurde leider nichts. Zander starb Ende 2016 mit 87 Jahren.
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